Die Häuser am Rande von Unterbrück
ragten auf wie eine Stadtmauer. Verlassene Fassaden, einzig und
allein bewohnt von Möwen und Ratten, starrten auf uns herab.
Inmitten der Häuser ragte ein einzelner, zwei Stockwerke hoher
Torflügel auf, der andere schon lange verloren. Diverse
Schmierereien verzierten das Tor, alle im Sinne von „Niemand will
nach Unterbrück – niemand geht freiwillig her“, „Lasst alle
Hoffnung fahren“ und ähnlichem.
„Fehlt nur noch ein Schild „Esst
nicht die Würstchen“, kommentierte Aurelia.
Advokat Sion schaute sie mitleidig an.
„Bis hierher führe ich sie, wie der
Richter es mir aufgetragen hat. Ich hoffe, sie haben Erfolg in Ihrer
Mission, was immer sie sein mag. Ich würde dann jetzt die Waffen an
mich nehmen.“
Joachim nahm mich noch einmal zur
Seite. „Diese Waffen gehören zerstört, oder auf den Grund es
Meeres. Ich bin NICHT einverstanden, das wir sie diesem Mörder
zurück geben.“
Ich blickte zu Boden. „Du hast
wahrscheinlich recht – aber wir haben uns auf dieses Geschäft
leider eingelassen. Diese Waffen sind unser Vertrauensbeweis, dafür
haben wir das Geständnis.“ Ich klopfte auf die Schriftrollenhülle
in meinem Gürtel. „Er hat schon den Suchbefehl gegen uns
aufgehoben und die Stadt verlassen. Wenn wir jetzt noch den Beweis
für Xaneshas Tod liefern, sind wir quitt.“
Joachims Hand krampfte sich schmerzhaft
in meinen Oberarm. „Wir sind nicht quitt mit einem Mörder! Seine
Strafe ist nur aufgeschoben!“ Dann wandte er sich wütend ab und
schritt in Richtung Unterbrück.
Akbash hatte inzwischen die Waffen an
den Advokat übergeben und den Mann verabschiedet. Er kam zu mir und
wir blickten besorgt Joachim hinterher. „Er ist – verändert.
Beinahe fanatisch. Dieser Tempel, all die Opfer, die Trophäen. Das
hat etwas in ihm zerbrochen.“ Akbash nahm seinen Hut ab und kratzte
sich am Hinterkopf. Die schwarze Perle in seiner linken Augenhöhle
gloste düster im Sonnenlicht. „Das wird alles nicht gut ausgehen.“
Ich klopfte ihm herzhaft auf den
Rücken. „Komm schon, alter Schwarzseher! Wie schlimm kann's schon
werden! Lass uns mal auf das Haus da steigen und die Aussicht
genießen. Aurelia, Heidrun? Wollt Ihr etwas Kundschaften?“
Verschränkte Arme und ein lässiges Abwinken waren meine Antwort.
Seufzend machte ich mich mit Akbash auf den Weg.
„Großartig, Treppen. Mein alter
Feind...“
Oben angekommen spuckte ich noch ein
paar Federn aus und versuchte erfolglos, wenigstens eine Schicht aus
Möwenkot aus meinem Hut und Wams zu schütteln.
„Unfassbar, wie diese Viecher
fliegen, hacken und kacken gleichzeitig können!“
Unerklärlicherweise schien Akbash mein Anblick aufzumuntern, obwohl
seine Kleidung ähnlich dekoriert war.
„Weißt Du, das viele Bauern Geld für
solchen Mist zahlen? Angeblich lässt das den Spargel sprießen.“
Er machte eine unflätige Geste in Hüfthöhe.
Angewidert schaute ich weg, dann
grübelte ich kurz. „Du hast da vielleicht tatsächlich eine Idee.
Immerhin sind wir hier direkt an einer ungenutzten Düngerquelle. Und
Mel hat mal erzählt, das man das Zeug auch für Schießpulver
braucht.“ Akbash schnappte sich mein Fernrohr und ging an den Rand
des Daches.
„Du willst nicht wirklich in den
Handel mit Möwenscheiße einsteigen, oder? Ich dachte, wir sind eine
Abenteuergesellschaft“ Er ließ seinen Blick über die Dächer von
Unterbrück streifen.
„Mal schauen, als Händler muss man
immer...“ dann verschlug es mir die Sprache. Ich war zu ihm an den
Rand getreten und blickte in das endlose Zwielicht von Unterbrück...
Direkt unter dem Zornspann, der
titanischen Brücke ins Nirgendwo, liegt eine Stadt unter der Stadt.
Die Häuser von Unterbrück sind nicht klein, aber sie haben
höchstens ein oder zwei Stockwerke im Gegensatz zum Rest von Larifa.
Somit wurde die Sonne nicht nur von dem titanischen Brückendach über
dem Viertel, sondern auch von den angrenzenden Gebäuden abgehalten.
Diese Kombination führte dazu, das man
die Dächer Unterbrücks im Zwielicht noch so gerade erkennen konnte,
aber die engen Straßenschluchten zwischen Ihnen wie schwarze Adern
durch das Gewimmel zogen. Einige größere Strukturen waren in der
Ferne zu erahnen. Ein zerbrochener Tempel, eine Art Arena – und der
aufragende Finger der Schattenuhr.
Der Turm ragte windschief nahezu mittig
aus den düsteren Straßen hervor und ragte bis kurz vor die
Abdeckung von Unterbrück. Damit musste sie nahezu 80 Meter aufragen
– eine herausragende architektonische Leistung. Inzwischen war
dieses Monument allerdings angefressen, vermodert, und an vielen
Stellen mit Metallplatten oder Holzgerüsten geflickt. Alles in allem
sah es aus, als würde es beim nächsten Windstoß zusammen brechen.
Auf dem Dach ragte noch mutig eine
geflügelte Statue empor, eine Engelsgestalt irgendeiner vergessenen
Religion. Das Blatt einer Turmuhr, waren noch vage auszumachen.
Akbash senkte das Fernrohr und deutete
auf ein erleuchtetes Gebäude kurz hinter dem Tor. „Das dort müsste
die Söldnergilde sein, von der der Advokat gesprochen hat. Ich
denke, eine Investition in einen Stadtführer wäre angebracht.“
Während er sprach, glaube ich kurz
eine vage insektoide Gestalt über eines der Dächer huschen zu
sehen. Was heißen würde, das sie mindestens menschengroß war.
„Ich denke, du hast recht. Und sei's
nur, damit wir schneller ankommen...“
Das Haus der Söldnergilde war leicht
erkennbar. Die beiden Wappen der Roten Sonne und der Weißen Hand prangten deutlich sichtbar an der metallverstärkten Tür, die von verdächtigen Krallen spuren überzogen war. Forsch klopfte ich an die Tür. Eine kleine Klappe im oberen Bereich öffnete sich und ein misstrauisches Augenpaar musterte mich. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“
„Wir sind die Gesellschaft für
Abenteuer und Entdeckung Maracasars“ deklamierte ich gewohnt
stolzerfüllt. „Und wir suchen einen kundigen Führer, der uns in
die Tiefen von Unterbrück begleitet.“ Mit einem unbestimmbaren
Grunzen schlug die Klappe zu, dann hörte man schwere Riegel, die
bewegt wurden. Mit einem Ächzen öffnete sich die Tür, und dahinter
erwartete uns die massive Gestalt der Wirtin.
„Ihr seid zum richtigen Ort gekommen
– herein mit Euch!“ Das Innere der Schänke war verräuchert,
aber gemütlich. Ein Haufen gefährlich aussehender Gestalten, ein
paar Zwerge und ein entspannt wirkender Halbling waren im Inneren
auszumachen.
„Ich bin Arlen Zweisäbel Inhaberin
dieser letzten Bastion der Sicherheit hier am Rande von Unterbrück.
Welche Gründe Euch auch immer in diesen götterverlassenen Teil
Larifas führen, hier findet Ihr die richtigen Experten, die Euch
dabei helfen.“ Sie wies uns einen Tisch zu und servierte trinkbares
Bier, bevor wir unser Anliegen vortrugen.
„Zur
Schattenuhr, eh? Üble Ecke dort.Viele Tiefenkultisten hängen dort
rum, Ihre Kathedrale ist nicht weit von dort. Die Entfremdeten sind
meist nicht so das Problem, aber von den Kultisten würde ich mich
immer fern halten. Ihr braucht also jemand, der Euch um die meisten
der Gefahren herum führt – Muskeln scheint Ihr ja genug dabei zu
haben.“ Sie betrachtete Heidrun und Akbash mit anerkennendem Blick.
„Ja,
und Joachim hier wird gleich noch ein paar Worte mit Eurem hiesigen
Heiler sprechen, ob es noch spezifische Gefahren für unsere
Gesundheit gibt, aber auf dem Felde sind wir auch versorgt. Es geht
tatsächlich zufürderst um einen Ortskundigen.“ Ich schob einen
Beutel mit einer mir angemessen erscheinenden Summe zu Ihr herüber.
„Und Euer Rat diesbezüglich wäre uns sehr wichtig.“
Der
Beutel verschwand nach kurzer Inspektion in Ihrem Wams, dann ließ
sie den Blick über die Anwesenden streifen. „Tja, für diese
spezielle Aufgabe hätte ich zwei Leute im Auge. Zum einen Ashoka
Windläufer“ Sie
deutete auf eine Elfe, die alleine an einem Tisch saß. „Niemand
ist schneller als sie mit dem Bogen, und sie ist auf den Dächern
ebenso zuhause wie in den Gassen.“ Dann deutete sie auf den
rundlichen Halbling. „Wenn Ihr aber eher bodenständig seid, geht
nicht über Benno Butterkuchen. Der Kleine kennt jedes Rattenloch und
jede Abkürzung zwischen der Mauer und der Klippe. Außerdem ist er
zäher, als er aussieht – nicht viele von uns machen so einen Job
länger als ein Jahr, und Benno ist seit Fünfen hier. Und zu guter
Letzt macht er die verdammt beste Ratte am Stiel, die man in
Unterstadt bekommen kann.“
Ich
ließ meine Hand auf den Tisch klatschen und reichte sie ihr. „Das
ist unser Mann. Kulinarische Fähigkeiten gepaart mit einem
natürlichen Drang zur Konfliktvermeidung – Halblinge waren schon
immer meine Lieblingsberater!“ Ich ignorierte die zweifelnden
Blicke von Aurelia und Mel und überließ Akbash seinen zum scheitern
verurteilten versuch, der Elfe schöne Augen zu machen, und stapfte
zum Kamin herüber, wo Benno gerade ein gutes Pfeifchen stopfte.
„Herr
Butterkuchen, wenn ich kurz stören darf?“ Er schaute mich durch die
aufsteigenden Dämpfe aus seiner hölzernen Pfeife an und winkte dann
lässig mit seiner kleinen Hand in Richtung des anderen Stuhls.
Ich
ließ mich nieder, woraufhin das Möbel Stück kurz aufstöhnte, dann
aber beschloss, doch noch nicht den Geist aufzugeben.
„Wir
sind die Gesellschaft für Abenteuer und Entdeckung Maracasars“
begann ich auszuholen, aber der Halbling winkte ab. Er nahm die
Pfeife aus dem Mund und zählte mit dem Stiel an den Fingern ab.
„10
Goldstücke pro Tag, den ich Euch führe. Wenn wir in Gefechte
geraten, beschützen wir uns gegenseitig nach bestem Wissen und
Gewissen – am liebsten wäre ich neben Ihr.“ Er zeigte auf
Heidrun. „Einer Goblinschlächterin wird auch hier unten einiger
Respekt gezollt.“Euer Heiler versorgt mich ebenso wie jeden von
Euch, und wenn was schief geht, spendet ihr mein volles Honorar an
die Bäckerei Butterblume in Larifa. Ich vollbringe keine
Heldentaten, aber ich verspreche Euch, das ich noch jeden, der mich
beauftragt hat, in die Unterstadt rein und wieder raus gebracht
habe.“ Er zögerte kurz und nahm einen Zug an der Pfeife.
„Zugegebenermaßen nicht immer in ganzen Stücken, aber alle haben
noch geatmet. Sind wir im Geschäft?“ Er schaute mich prüfend aus
kleinen, braunen Augen an, deren Gewitztheit sich durch den Rauch
nicht im mindesten verschleiern ließ.“
Ich
lehnte mich im Sessel zurück und strich mir nachdenklich über das
Kinn. Ich wechselte einen kurzen Blick mit Aurelia und Heidrun, die
beide anerkennend nickten. Lächelnd beugte ich mich zu Herrn
Butterblume vor und reichte ihm meine Hand. „Ihr seid unser Mann –
ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit. Er schlug ein, und mit
einem beeindruckend starken Griff für so eine kleine Hand
besiegelten wir unser Geschäft.
Nachdem
das vom Tisch war, wurde Benno deutlich jovialer. Wir teilten noch
Bier, Brezeln und Geschichten, denn es bot sich an, erst am nächsten
Morgen in die Stadt aufzubrechen. Ich war begeistert von seiner
Weltgewandtheit und überrascht, das langsam aber sicher der Ruf
unserer Gesellschaft die Runde machte.
„Port
Grim mag nur ein Nest sein gegen Larifa, aber wenn eine handvoll
Abenteurer fast alleine erst eine Goblininvasion zurückschlagen und
dann mit dem Schatz des Schreckenskapitäns zurück kommen, bleibt
das nicht lange ungehört. Wir Profis wissen, wann ein paar neue
Spieler auftauchen.“ Er leerte sein drittes Bier und sprang dann
auf die behaarten Füße. „Genug geplaudert. Morgen sollten wir
früh los, solange die Sonne noch niedrig steht und so unter der
Brücke hindurch scheint.“ Er machte sich auf zu seiner Bettstatt,
und auch wir legten uns zur Ruhe.
In
der Nacht plagten mich Träume von Blut, Folter und merkwürdigen
Runen. Das Triskelion schien mich zu verfolgen, und der Richter, der
Häuter und Horden von mehrarmigen Dämonen machten sich einen Spaß
daraus, mir den Spas zu rauben.
Entsprechend
gerädert sah ich am nächsten Morgen dann einem Zug in die finsteren
Gassen von Unterstadt entgegen. Benno diskutierte schon angeregt mit
Akbash und Heidrun Marschfolge und übliche Gefahrenanzeichen.
„Krallenspuren und beißender Uringeruch deutet auf Skaven hin. Man
bekommt sie selten zu Gesicht, solange man an der Oberfläche ist,
aber passt auf bei Kanalausgängen und Kellern. Dieses Zeichen hier“
– er malte mit einem Stück Kohle ein paar wellenartige Zeichen auf
den Boden - „Steht für den Kult der Tiefe. Meist hört man sie von
weitem, weil sie oft, singen, beten oder sonst irgendwas
schwadronieren. Ausreichen Zeit, in Deckung zu gehen. Nahe der Säulen
habt ein scharfes Auge nach oben – seit die Marmorfresser ein Nest
der Viecher angestochen haben, sind wir die Felsenspinnen nie
wirklich los geworden. Die hört Ihr nicht, wenn sie sich von der
Brücke abseilen. Also haltet den Blick nach oben gerichtet. Das
hier“ er klopfte auf ein dünnes Seil, das er sich über die
Schulter gewickelt hatte - „ist aus Ihrer Seide gemacht. Er reichte
Heidrun ein Ende. Sie ließ prüfend den Blick darüber wandern und
zog zusammen mit Akbash daran, dann nickte sie anerkennend. „Damit
ziehen sie euch ganz locker in die Höhe, wenn sie Euch damit
erwischen. Wenn's frisch aus dem Arsch schießt, klebt es auch noch
wie ein Honigkuchen aus Hügelstadt, also lasst Euch nicht
erwischen.“ Er blickte zu mir herüber Unterwegs kreischt Ihr aber
weniger herum, sonst gibt’s'ne Socke als Schnarchdämpfer, mein
lieber Eberhart.“ Ich zuckte mit den Schultern und schlug mir auf
den Bauch. „Der fiese Leberauflauf von Frau Ohnesorg muss mir auf
die Verdauung geschlagen sein. Sonst schlafe ich wie ein Säugling.“
Benno zwinkerte und nahm das Seil von Heidrun zurück.
„Dann
sind wir vollständig, richtig? Auf nach Unterstadt!“
Der
Weg durch die düsteren Gassen von Unterstadt hatte beunruhigende
Ähnlichkeit mit unserem Abenteuer auf der Malstrominsel. Auch hier
war am helllichten Tage nur ein bedrückendes Zwielicht zu sehen, und
die Schatten schienen sich auf unnatürlich Art und Weise zu bewegen.
Die eigentlich vertraute Kulisse einer imperialen Stadt, nicht
unähnlich den ärmlicheren Vierteln von Marienburg oder Kemperbad,
bekamen durch das Licht und das völlige Fehlen von Menschen etwas
unwirkliches, andersweltliches.
Benno
führte uns geschickt durch das Gewirr von Gassen, Winkeln und
Häusern. Schon bald ließ uns unser Orientierungssinn im Stich, denn
durch die eingestürzten Gebäude, überflutete Gassen oder
verbarrikadierte Straßen gab es kaum gerade Wege, denen wir folgen
konnten. Heidrun schien noch am ehesten etwas mit den Hinweisen des
Halblings anfangen zu können. Bald schon trafen wir auf unsere
ersten Entfremdeten. Benno deutete uns, in Deckung zu bleiben, dann
näherten wir uns vorsichtig einer Kreuzung, von der wir leises
Schlurfen hörten.
Eine
Gruppe von Menschen, gehüllt in Lumpen und Dreck, taumelte dort
unsicher umher, Einige von Ihnen liefen ziellos im Kreis, andere
liefen gar gegen Wände oder standen einfach nur teilnahmslos herum.
Ihre Augen waren leer, Ihre Züge ausgezehrt, als stünden sie kurz
vor dem Verhungern. Aurelia schlich vor zu Benno und flüsterte ihm
etwas ins Ohr. Er schaute sie verwirrt an, dann nickte er. Sie zuckte
mit den Schultern, dann kam sie zurück zu uns. „Ich wollte nur
wissen, ober er sicher ist, das sie noch leben. Nach Wittgenstein und
Schwarzsäbel wollte ich sicher gehen.“ Wir nickten grimmig.
Benno
führte uns in weitem Bogen um die Entfremdeten herum. Als wir eine
Straße weiter waren, scharte er uns noch kurz um sich und teilte,
was er über die Entfremdeten wusste. Es war nicht viel. Es handelte
sich anscheinend um die Überlebenden verschiedener Katastrophen,
deren Geist all das Leid nicht überstanden hatte. Warum sie sich
hier zusammen fangen und meist völlig teilnahmslos waren, konnte er
auch nicht erklären. ER wusste nur, das sie manchmal ohne Vorwarnung
grausame Schreie ausstießen und einmal einen bewaffneten Trupp
angefallen hatten, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie waren
unberechenbar.
Der
Verlauf der Zeit in Unterbrück war gut messbar, aber trotzdem
bizarr. Die Mittagsstunde war eine Zeit glosender Hitze aber tiefer
Dunkelheit. Die Sonne stand jetzt direkt über der Brücke, so das
Ihre Strahlen fast völlig blockiert waren, aber Ihre Hitze ließ die
Feuchtigkeit aus dem Boden aufsteigen, so das wir manchmal durch
Bodennebel schritten, wie in tiefem Dschungel. Einmal glaubten wir,
in der Ferne die Glocken des Kultes der Tiefe zu hören, aber Benno
führte uns sofort in die entgegengesetzte Richtung.
„Der
Kult ist leider sehr berechenbar – jeder, der nicht einer von Ihnen
ist, ist gegen sie. Und a keiner von Euch aussieht, als hätte er
Kiemen oder Tentakel...“ Er winkte ab. „Jetzt mal was
optimistischeres. Da vorne müsste eigentlich noch ein Lager von
Basaltfressern sein. Da sollten wir ein paar Neuigkeiten einholen
können.“ Er führte uns auf einen großen Platz nahe einer der
titanischen Säulen des Zornspanns. Dort, geschützt von einer
Handvoll Söldner mit dem Zeichen der Roten Sonne auf der Schulter,
waren ein gutes Dutzend Männer damit beschäftigt, Steine aus dem
Pfeiler heraus zu hacken. Es war eine harte Arbeit, aber laut Benno
eine sehr lohnende. Die Golemschmieden von Hochstadt zahlten einen
fürstlichen Preis für Himmelsbasalt – erst rechts, seid der Abbau
verboten war und die Stadtwache am Rande von Unterstadt
patrouillierte, um Steinschmuggler aufzugreifen und mitsamt Ihrer
Beute in die Brücke einzumauern. Steinspinnen, Einstürze und
Mutanten waren schon gefährlich genug, aber wie immer war Gier ein
ausreichende Motivation für gewisse Teile der Bevölkerung.
Aaron
Steinhauer war so ein Mann nach meinem Geschmack. Er führte jetzt
schon seit 10 Jahren Basaltfresser nach Unterbrück, noch bevor das
Abbauen auf der Brücke verboten wurde.
„Hier
unten gibt es kaum Konkurrenz. Und meist hauen wir eh nicht mehr aus
der Brücke selbst, sondern sammeln nur Trümmer auf. Aber früher,
da sind wir auf die Schattenuhr selbst gestiegen. Ich war mit dabei,
als das erste Gerüst aufgestellt wurde. Der Stein da oben hat eine
ganz andere Qualität als die Trümmer hier unten. Du kannst richtig
spüren, wie das Leben noch durch Ihn durch fließt. Einmal hat einer
von meinen Jungs eine Metallader getroffen – die Entladung konnte
man bis zur Mauer sehen! Geröstet hat's ihn wie eine Spießratte.“
Er schüttelte rührselig den Kopf. „Aber seid die Vogelscheuche da
ist, ist das gelaufen.“ Benno schaute ihn schief an. „Die
Vogelscheuche? Das olle Kindermärchen?“ Aaron nickte düster
- Brummel -Brummel -Vogel-schreck
stehst allein tief im Mais
wirkst fast wie ein Geist,
Zusammengeflickt aus Stroh und Hemd
bewachst du leise dieses Feld.
Brummel, du alte Vogelscheuche, machst uns keine Angs,
Am Tage schläfst du, bist ganz brav,
doch unterm Monde dann, du ganz langsam wankst,
denn nachts, da wirst dur wirklich wach.
Bewegst zuerst die Hände,
man bekommt es gar nicht mit,
dann wackeln deine Füße
und du machst den ersten Schritt
Wenn wir dann ruhig schlafen
und kein Hund mehr bellt in unseren Straßen,
Brummel - Brummel- Vogel-schreck
dann kommst du zu uns, vom hunger getrieben
und labst dich genüsslich an unseren Lieben
„Genau
die. Sie ist so groß wie zwei Männer, und Ihre Sense kann eine
Steinspinne mit einem Hieb entzwei hauen. Und am schlimmsten ist sein
Lied. Wenn Ihr das hört, ist es um Euch geschehen.“
Ich
kratzte mir versonnen den Bauch und überschlug kurz ein paar Zahlen
im Kopf. „Sagt mal, mein guter Herr Steinhauer. Mal angenommen, das
Problem mit der Vogelscheuche würde sich erledigen. Und Ihr wäret
der einzige, der davon wüsste. Das müsste doch Euren Profit um
einiges erhöhen, oder?“ Ein berechnender Blick überzog das
grobschlächtige Gesicht des Basaltfressers. „Das will ich meinen.
Seid das Monster da ist, halten sich sogar die Kultisten und die
Entfremdeten von da fern. Das wäre mir einen Batzen Geld wert, wenn
ich diese Information bekäme. Sagen wir, 50 imperiale Kronen?“
Ich
lächelte. „Das wäre ein guter Anfang – aber wir sind nicht die
Gesellschaft für Abenteuer und Entdeckung geworden, um über
Kleingeld zu reden. Ich rede über Vertriebswege. Handelsrouten.
Absatzmärkte. Ich habe die Kontakte, ihr habt die Ware. Wenn wir das
Problem mit dieser Vogelscheuche gelöst haben – und vertraut mit,
das werden wir -“ sagte ich mit einem Seitenblick auf meine wohl
bewaffnete Kameraden „dann will ich Euer exklusiver Partner werden.
Hand drauf?“ Er spuckte herzhaft in seine basaltgraue Hand und
streckte sie mir entgegen. Wir schüttelten kräftig darauf, und
teilten dann das zufriedene Lächeln zweier Geschäftsleute die beide
davon überzeugt waren, das bessere Geschäft gemacht zu haben. „Viel
Glück, Herr Brettschneider. Ich freue mich auf zukünftige Geschäfte
mit Ihnen!“
Als
das Basaltfresserlager hinter uns im Dunkeln verschwand, kam Aurelia
zu mir. „Du verkaufst in letzter Zeit verdammt oft die Wolle, bevor
das Schaf geschoren ist. Woher die neue Risikofreude?“ Ich lächelte
versonnen. „Weißt Du, Aurelia – wir müssen größer denken. Wir
sind in die Hölle gefahren und zurück, wir verhandeln jetzt mit der
Marquis und intrigieren gegen den eisernen Richter. Unsere Einsätze
steigen nun mal mit dem potentiellen Gewinn.“
„Ebenso
wie die Risiken“, ließ Akbash sich vernehmen. „Der letzte
wahnsinnige wollte mich in seinem Menschenfresserkult haben – und
diese Xanesha hat den Eisernen Richter ganz schön um den Finger
gewickelt. Wer weiß, was die mit uns anstellt, wenn wir sie nicht
überraschen?“ Ich klopfte vertrauensvoll auf den Sack an meiner
Seite. „Deshalb ist es gut, das ich eine Geheimwaffe dabei habe,
mit der sie niemals rechnet. Und außerdem – wenn sie uns wirklich
erwischt – was machen dann all die Versprechen, die ich verteile?“
Ich klopfte Aurelia auf die Schulter und boxte Akbash gegen die
Schulter. „Wir sind die Gesellschaft für Abenteuer und Entdeckung!
Wir sind jetzt schon unsterblich!“ Akbash wandte stöhnend das
Gesicht ab, während Aurelia sich kichernd auf den Weg zu Benno
machte. Zufrieden grinsend stapfte ich weiter in die Dunkelheit.
Aurelia:
Unser
Dickerchen hat hier mal wieder eine kleine Lücke in seinen
Aufzeichnungen, die er mich zu füllen genötigt hat. Sein neu
gefundener schwarzer Humor hätte mir hier schon zu denken geben
sollen – immer, wenn Eberhart solche Anflüge hat, geht alles den
Bach herunter.
Wir
erreichten die Schattenuhr gegen Abend, und aus der Nähe sah sie
noch weit weniger einladend aus als aus der Ferne. Der Turm ragte vor
uns auf wie eine schwarze Nadel, angefressen und notdürftig geflickt
auf der ganzen Höhe. Von hier konnte man gerade noch die Uhr
erkennen, der Engel war nicht zu sehen. Wir lauerten hinter einer
Häuserecke und spähten die verschiedenen Zugänge zu dem Gemäuer
aus. Benno hockte in einer Fensteröffnung und kaute auf einer Wurst
herum. ER hatte mehr als klar gemacht, das er uns nicht ins Innere
des Turms folgen würde. Ob es nun die Vogelscheuche aus dem
Kinderreim war oder irgend etwas anderes – da drin lauerte eine
Gefahr, die selbst die übelsten Bewohner von Unterbrück fernhielt.
Und wir mussten da rein, prima.
„Der
Eingang sieht ziemlich stabil aus“, verkündete Mel nach einem
Blick durch Eberharts Fernrohr. „Und groß genug für diverse
Kinderschrecken, auch gerne zu Pferd.“
„Fenster
sind leider kein Teil dieser merkwürdigen Architektur.“ erklärte
Akbash. „Heidrun und ich sind einmal um den Turm herum, und die
nächste Öffnung, mit der wir was anfangen können, ist drei bis
vier Stockwerke über uns.“ Mel nickte, dann kramte er etwas aus
seinem Rucksack. Mit leisem metallischen Klappern entfaltete er einen
metallenen Wurfanker. „Dieses Teil hier sollte uns eigentlich nach
oben bringen können – auch ohne Meister Butterblumes Spinnenseil.“
ER warf Benno einen unzufriedenen Blick zu, der nur mit den Schultern
zuckte und zu einer weiteren Wurst griff.
Ich
betrachtete den Anker skeptisch. „Das mag einige von uns halten,
aber das Hauptproblem ist – macht das nicht ordentlich Krach, wenn
Du es da hochwirfst?“ Heidrun nickte zustimmend.
Eberhart
meldete sich zu Wort. „Nicht, das ich den Seitenhieb auf meine
Leibesfülle nicht verstanden hätte, meine liebste Aurelia – aber
was haltet Ihr davon, wenn wir unsere mangelnde Fähigkeit zu
heimlichem Vorgehen ausnahmsweise zu unserem Vorteile nutzen?“ ER
grinste und klopfte auf die Pistole in seinem Gürtel. „Wir könnten
aufscheuchen, was immer da drin lauert, und ihm einen würdigen
Empfang bereiten.“ Akbash klopfte Eberhart auf die Schulter.
„Ich
bin wenig überrascht, das dein erster Beitrag zu einem Kampf im
Vorschlag zu einem Hinterhalt besteht – aber ausnahmsweise stimme
ich zu.“ Er ließ einen Wurfdolch durch die Finger tanzen. „Mel,
Aurelia, Ihr versucht Euch an der Öffnung da oben. Sollte irgend
etwas seien hässlichen Kopf aus der Tür stecken, bekommt es eine
Breitseite“ er knuffte Eberhart zwinkernd in die Seite „und dann
nehmen wir es in die Zange. Alles klar?“
Ich
schaute mir Mels Wurfanker noch einmal näher an, dann schnappte ich
mir eine Rolle Seil. „5Gold für denjenigen, der das Ding zum
halten bekommt!“ und machte mich auf den Weg zur Schattenuhr.
Wie
eigentlich immer, wenn wir mal einen Plan hatten, brauchten wir ihn
nicht. Nach einem halben Dutzend lautstarken Fehlschlägen bekam Mel
das Seil zum Halten, und kein Monster hatte sein hässliches Gesicht
aus der Tür gesteckt.
„Verdammt
– dann haben wir wohl keine Wahl!“ Ich spuckte in die Hände und
hangelte mich die Mauer hinauf zur düsteren Öffnung in der Seite
der Schattenuhr.
Oben
angekommen gab ich Mel das Signal, nachzukommen – und eine Laterne
mitzubringen, denn die Öffnung führte in undurchdringliche
Finsternis im Innern. Spinnweben, Ungeziefer und Schimmeln machten
das Erforschen zu einer wahren Freude. Als Mel ächzend mit seiner
kleinen Abblendlaterne ankam, krabbelte ich auf allen Vieren tiefer
in das Gebäude. In meiner Zeit mit der Gesellschaft und meinen
wilden Jahren davor war ich schon in einigen engen herumgeklettert,
aber das Gefühl, wenn einem irgendein Ungeziefer von der Decke in
den Nacken krabbelt, bleibt einer der Momente, wo ich meine
Arbeitswahl verfluche. Zum Glück war es nur ein kurzer Weg durch die
Wand, bis wir im Gebälk der Schattenuhr selbst ankamen.
Der
Innenraum war viel zu groß, um ihn mit der kleinen Laterne
ausleuchte zu kennen. Größtenteils erkannten wir Formen und
Schemen, mehrere kleine abgetrennte Räume, einen großen Heuhaufen
in einer Ecke, und ein wackeliges hölzernes Treppenhaus in der Mitte
der Struktur.
„Was
willst Du wetten, das Eberhart uns vor Nervosität eins auf den Pelz
brennt, wenn wir die Tür öffnen?“ flüsterte ich zu Mel.
„Ich
setze bestimmt nicht gegen den nervösen Finger unseres
„Schatzmeisters“.“ murmelte er in seinen Bart. „Aber ich
werde jetzt nicht von der Mauer herunter schreien, das alles klar
ist. Was immer da drin lauert, entweder ist es nicht da oder schläft
ziemlich fest.“
Dann
wollen wir es schlafen lassen. Mel half mir, mich aus den Dachbalken
herunter zu hangeln, und gemeinsam konnten wir den gewaltigen Balken
von der Tür heben, der sie verschlossen hielt.
„Soviel
zu dem Thema“ murmelte Mel. „So einen Balken legst Du nicht von
außen vor.“
Zu
unser beider Überraschung antwortete kein Geschosshagel, als wir
vorsichtig die Lampe durch die Tür hielten, um dem Rest der
Gesellschaft freie Fahrt zu signalisieren.
Wenige
Momente später standen wir gemeinsam im düsteren Zwielicht der
Schattenuhr.
„Was
nun?“ fragte ich in die Runde.
Heidrun
deutete stumm nach oben. Eberhart nickte. „Die gute Xanesha wird
wohl kaum hier unten im Stall Ihr Lager haben. Lasst uns schnellst
möglich nach oben gelangen.“
Akbash
war skeptisch. „Und dann schneidet uns dieser Kinderschreck den
Fluchtweg ab? Wir sollten zumindest einen Blick in diese
verschlossenen Abteile werfen, damit wir wissen, was uns erwartet.
Mel stimmte zu, und Joachim blickten zu mir.
„Es
spricht nichts dagegen, wenn Heidrun, Joachim und Eberhart schon mal
zur Treppe rübe rgehen und die ersten Stufen sichern. Wir drei
schauen uns den Rest des Erdgeschosses an. Wenn was schief geht,
könnt Ihr uns von da oben gut decken.“ Das das unserem Dickerchen
einen gewissen Vorsprung die Stufen herauf gab, behielt ich für
mich.
Die
abgeschlossenen Abteile erwiesen sich als leer und uninteressant. Was
auch immer mal Ihre Funktion war, jetzt war es nicht mehr als eine
Müllhalde. Nichts deutete auf Bewohner irgendeiner Art hin. Das
ganze machte wenig Sinn. Wir trafen uns am Fuß der Treppe wieder,
Eberhart und Heidrun schauten vom ersten Stock zu uns herab.
„Sollten
wir mal ernsthaft Glück haben? Dieser Kinderschreck ist also nur
eine Gerücht, um alle fern von hier zu halten?“ Akbash blickte
sich misstrauisch um.
„Wir
haben das Erdgeschoss durchsucht – vielleicht ist das Monster
einfach oben?“ Mel zeigte in die Höhe. Heidrun schüttelte den
Kopf. Sie zeigte energisch zu dem großen Heuhaufen in der
nordöstlichen Ecke.
Eberhart schlug sich auf die Stirn.
„Eine Vogelscheuche im Heuhaufen? Ist das nicht ein bisschen zu
offensichtlich?“ Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ Heidrun
Ihren Bogen von der Schulter gleiten und legte einen Pfeil auf.
Akbash, Mel und ich zogen unsere
Waffen, während Eberhart unglücklich seine Pistole zog.
Heidrun ließ den Pfeil fliegen, und
die Hölle brach los.
Als hätte Ihr Pfeil eine gefüllte
Schweins blase getroffen explodierte der Heuhaufen in alle
Gehrichtung und füllte den Raum mit Staub und Heu.
„Hohoho, die Vogelscheuch' ist do!“
rumpelte es durch den Raum, und eine groteske Gestalt wankte in den
Lichtschein von Mels Laterne. Anderthalb mal so groß wie der
hochgewachsene Akbash und dreimal so fett wie der gute Eberhart
watschelte die Vogelscheuche mit großen, ungelenken Schritten auf
uns zu. In seiner Hand lag eine übergroße Sense, an seiner Seite
baumelte eine Sack, aus dem Körperteile von Menschen und anderen
Dingen herausragten.
„Schnipp Schnapp, Schnipp Schnapp,
gleich ist der Kopf ab!“ Die stimme des Wesens schwankte von
dröhnend tief zu einer fast kindlichen Fistelstimme, und ließ die
Sense in weiten Kreisen um Ihren Kopf schwirren. Heidruns Pfeil ragte
aus seinem fetten Wanst, und statt Blut quoll eine eitrig weiße
Flüssigkeit hervor.
Plötzlich funkelte das Monster in
weißlichem Licht auf, das seine gesamte Gestalt umspielte wie
Feenfeuer an Bord eines Schiffes. Einen Moment lang schaute das Biest
irritiert auf seine funkelnden Arme.
„Feuer frei“ brüllte ich, und in
kurzer Folge schlugen ein Pfeil, ein Bolzen, eine Kugel und ein
Wurfdolch in die Brust des Monsters ein. Was einzig zur Folge hatte,
das das Biest wieder auf uns aufmerksam wurde.
„Bei Laros stinkendem Atem, das wird
übel“ fluchte ich und hechtete zur Seite, als die Sense des
Monster in meine Richtung zischte. Mel warf seine Armbrust über die
Schulter und zückte sein Kurzschwert, während Akbash sich auf die
andere Seite des Monsters bewegte. Es war eine deprimierender Kampf.
Die langsame, torkelnde Vogelscheuche war einfach auszumanövrieren,
aber unsere Hiebe zeigten keine sichtbare Wirkung. Mel und ich
stachen und hackten in das bleiche Fleisch des Monsters, und obwohl
seine dünne Haut sich leicht durchtrennen ließ, lagen darunter
dicke Fettschichten, unter denen wir keine Organe ausmachen konnten.
Akbash perforierte den Wanst des
Monsters mit blitzartigen Stichen und Hiebfolgen, so das er aussah
wie ein aufgerissenes Kissen, aber nur weiteres Fett und diese
widerliche weiße Flüssigkeit quollen hervor. Das Monster wurde
nicht mal im Ansatz langsamer und sang weiter seine grausigen
Kinderreime, während es die Sense schwang.
„Das bringt uns nicht weiter! Wir
brauchen einen Plan!“ rief Joachim. Eberhart seufzte schwer auf.
„Also gut, meine Geheimwaffe war
eigentlich für Xanesha gedacht, aber-“ Er eilte die Treppe
herunter und stellte sich direkt vor das fette Monster. Mit einem
Handgriff öffnete er den Sack an seiner Seite und schwang ihn mit
einer eleganten Geste nach vorne, fast wie ein Zauberer, der einen
großen Trick vollführte. Ein kleines, rosa Bündel landete zwischen
den Beinen des Monsters, schüttelte sich kurz und rannte dann mit
einem panischen Quietschen davon.
Wir alle starrten verblüfft dem armen
kleinen Ferkel hinterher, das versuchte, sich in dem Strohhaufen zu
verstecken.
„Lauft!“ Bellte Eberhart und rannte
an dem Golem vorbei wieder in Richtung Treppe. Aufgeschreckt durch
den Ruf, aber deutlich langsamer, schwang das Monster seine gewaltige
Sense in Richtung des Händlers. Eberhart schaffte es den ersten
Absatz hinauf, das Mordwerkzeug zischte in seine Richtung – und
kollidierte krachend mit dem Balken des Treppenhauses. Das Monster
war so verstört, das es tatsächlich den Griff an seinem
Mordinstrument verlor und taumelte noch ein paar Schritte weiter,
bevor es dümmlich auf seine leeren Hände starrte. Akbash zögerte
nicht und packte das übergroße Werkzeug mit beiden Händen, drehte
sich einmal um die eigene Achse und wuchtete die Sense mit einem
Schrei in Richtung Ausgang. Die Waffe flog in hohem Bogen durch die
Tür und kam scheppernd wenige Schritte vor der Tür zum liegen.
Die Vogelscheuche blickte noch zweimal
zwischen ihren leeren Händen und der Sense hin und her, dann stapfte
sie nach draußen.
Joachim schritt zu Mel und Eberhart und
legte ihnen die Hände auf die Schulter. Er schloss kurz die Augen,
murmelte einige Worte, und die beiden wurden von einem gewaltigen
Energieschub durchfahren. „Los jetzt!“ rief er und deutete auf
den Balken, der neben der Tür am Boden lag. Die beiden hetzten los –
Mel hob den Balken wie einen leichten Ast auf, während Eberhart die
Tür hinter dem Monster in den Rahmen hämmerte. Zusammen mit Akbash
schob Mel den Balken vor die Tür, gerade, bevor die Vogelscheuche
umkehrte und wütend gegen die Tür hämmerte.
„Puh, das sollte selbst den großen
eine Zeitlang aufhalten.“ Eberhart strich sich mit seiner Kappe den
Schweiß aus dem Gesicht. Wir alle starrten Eberhart an. Akbash
sprach schließlich aus, was wir alle dachten.
„Ein Schwein? Das war dein Plan? Ein
armes kleines Schwein?“ Er erhob fragend die Arme. „Was sollte
das denn?“
„Hat funktioniert, oder? Niemand
rechnet mit einem Ferkel mitten in Unterbrück. Ihr wart doch alle
überrascht, oder?“ Er schien völlig begeistert von seinem Plan.
„Und jetzt ist das Monster da draußen und wir sind drin. Noch
Fragen?“
Akbash sah ihn fassungslos an. „Aber
was hat denn das eine mit dem anderen-“ Ich trat an seine Seite und
legte ihm eine beruhigende Hand auf die Schulter. „Lass uns einfach
weiter gehen. Er wird einfach so lange weiter reden, bis es
irgendeinen Sinn macht. Und Xanesha wartet da oben.“ Ich deutete
mit dem Daumen auf die Treppe.
Eberhart plusterte sich kurz auf. „Wie
jetzt, der Plan war toll. Wir würden die Ablenkung-“ Ich ließ das
Geplapper im Hintergrund versinken, wie ich das über die Jahre
perfektioniert hatte und machte mich auf, mit Heidrun den Weg nach
oben zu erkunden.
Es war eine verdammt wackelige
Angelegenheit, diese Treppe zu ersteigen. Die Stufen waren locker,
auf das Geländer konnte man sich nicht verlassen, und die
Beleuchtung durch unsere Laternen war mehr als mittelmäßig. Ich
zählte nicht die Stufen, aber inzwischen waren wir so hoch, das wir
in den schlankeren Turmteil der Schattenuhr aufgestiegen waren und
die Treppe jetzt direkt an der Außenwand verlief. Auf gefühlt
dreißig Meter Höhe entdecken wir etwas, das in der Mitte zwischen
den Treppen baumelte. Mel erfasste es mit dem Lichtstrahl – es war
ein Käfig. Und darin war eine massige Gestalt auszumachen.
„Da hat sich wohl jemand einen netten
Happen für später aufgehängt“ flüsterte ich nach unten. Die
Gestalt im Käfig regte sich.
„Aurelia? Heidrun? Seid Ihr das?“
Die wimmernde Stimme kam mir nur zu bekannt vor. „ich bin's,
Eberhart! Holt mich hier raus, ich flehe Euch an!“ Ich schlug mir
deprimiert mit der Hand au die Stirn. „Nicht noch mehr
Gestaltwandlerrätsel, das muss doch nicht sein.“
Joachim ergriff mit bestimmtem Ton das
Wort. „Akbash, Mel, schnappt unseren Eberhart. Kein Wort von ihm.“
Der Händler hob zu Protest an, aber Akbash wirkte recht erfreut über
eine Ausrede, ihn mal zum schweigen zu bringen.
„Du!“ Er zeigte auf den Käfig. „Wo
haben wir uns kennen gelernt?“
„Was, wie, was soll die Fragerei. Ich
wurde gefangen genommen und baumle hier über einem Abgrund! Holt
mich hier raus, dann können wir reden!“ ER wimmerte, seine Stimme
war voller Angst, und tatsächlich schwankte der Käfig bedenklich
aufgrund seiner hektischen Bewegungen.
„Heidrun, leg auf ihn an. Wenn er bei
drei nicht antwortet, verpasst Du ihm einen Pfeil.“ Seine Stimme
war kalt wie Stein. „Also – wo haben wir uns kennen gelernt?
Eins!“
„Ich kann mich nicht erinnern! Das
ist Jahre her! Woher soll ich das wissen?“ Eberharts Stimme wurde
höher und panischer.
„Zwei!“ Joachims Tonlage änderte
sich kein bisschen.
„Das kannst Du nicht machen! Was wir
schon alles erlebt haben! Und jetzt soll mein Leben an einer Fragen
hängen? Bitte!“ Die Stimme wurde weinerlich und kippte beinahe um.
„Dre-“
„Eine Kneipe! Wir haben uns in einer
Kneipe kennen gelernt, als wir unseren ersten Auftrag bekamen!“
Heidrun blickte kurz zu Joachim, der
ihr mit der Hand zu verstehen gab, den Bogen zu senken. Er wandte
sich zum Eberhart, der von Mel und Akbash im Schwitzkasten gehalten
wurde. Akbash hatte Eberharts unförmige Kappe in seinen Mund
gestopft.
„Du – wo haben wir uns kennen
gelernt?“
„MMMMMMM!“ Joachim schaute streng
zu Akbash herüber. Der zuckte nur grinsend mit den Schultern. „Tut
mir leid, ich habe die Stille genossen“, sagte er, bevor er die
Kappe aus dem Mund des Händlers zog. Der keuchte ein paarmal, dann
japste er:
„Burg Middenheim, bei einer Audienz
des zwergischen Botschafters der Argonath. Wir sollten diese
vermaledeite Kiste nach Nuln schaffen.“
Joachim lächelte erleichtert. „Ihr
könnt ihn los lassen. Man kann sich bei unserem Eberhart nicht auf
alles verlassen, aber sein Gedächtnis ist gut. Das führt uns zu
Dir.“ ER drehte sich zu dem „Eberhart“ im Käfig um. „Wir
haben hier in Larifa schon ein halbes Dutzend von Deiner Sorte zur
Strecke gebracht, die uns umbringen wollten. Du solltest Dir also
ganz schnell etwas einfallen lassen, warum wir Dich am Leben lassen
sollten.“ Heidrun und Mel hoben Ihre Waffen, und sogar Eberhart
zückte unsicher seine Pistole.
Das Wesen im Käfig verschränkte die
Arme. „Ich kann Euch nicht helfen, solange ich hier oben drin bin.“
Auf einen Wink von Joachim bohrten sich
ein Pfeil in sein rechtes Bein und ein Bolzen in seinen Oberarm. Der
Gestaltwandler heulte vor Schmerzen auf. „Ist ja gut, ist ja gut.
Was wollt Ihr denn?“
„Schon besser.“ Joachim wirkte
zufrieden. „Also zunächst einmal, ist Xanesha dort oben? Und ist
sie allein.“ Das Wesen hob zu einer Antwort an, als ein lauter
Glockenschlag durch den Turm hallte. Wir hielten uns die Ohren zu.
Ein weites Läuten ertönte, merkwürdig schrill, abgehackt. Dann
noch einer, noch einer und dann riss die fallende Glocke den Käfig
mit sich in die Tiefe. Der Lärm war körperlich zu spüren. Wir all
schauten entgeistert in die Tiefe, als der Lärm von neuem begann.
„An die Wand!“ brüllte Akbash, und
wir alle warfen uns zurück und machten uns so flach wie möglich.
Die zweite Glocke riss ein breites Stück der Treppe gegenüber von
uns von der Wand. Die dritte hätte beinahe Heidrun erwischt, aber
ich konnte sie gerade rechtzeitig nach oben stoßen, so das statt uns
nur die Treppe hinter uns von der Wand gerissen wurde.
Wir standen noch eine ganze Weile
zitternd da, den Blick nach oben in die Finsternis gerichtet. Wir
lauschten auf das Knarren der Treppe und erwarteten jeden Moment, das
die letzten klapperigen Reste von der Wand rissen und uns alle in den
Tod stürzten. Irgendwann beruhigte sich mein Herzschlag wieder, und
es schien, als wären der wahnsinnigen die Glocken ausgegangen.
„Noch alle da?“ Rief ich nach
unten. Im zuckenden Licht von Mels Laterne zählten wir durch und
erkannten erleichtert, das wir tatsächlich noch vollzählig waren.
„Was für eine Irre. Wie will sie
denn jemals wieder hier herunter kommen?“ Eberhart klammerte sich
bei diesen Worten panisch an die Wand.
„Wie wir wieder herunter kommen
interessiert mich mehr.“ gab Akbash sardonisch zurück.
„Ich gehe mal davon aus, das Xanesha
noch einen anderen Weg nach unten hat.“ Erklärte Joachim. „Ob
dieser Weg für uns nutzbar ist, ist eine andere Frage.“ Er
rappelte sich auf und kümmerte sich um die leichte Wunden, die Mel
durch herumfliegende Trümmer erlitten hatte. „Aber zunächst
müssen wir sie erwischen. Immerhin deutet alles darauf hin, das sie
noch da oben ist und nicht will, das wir mehr über Ihre Verteidigung
erfahren.“
Ich schaute zu Heidrun herüber. „Wir
sollten auch noch auf weitere Fallen achten. Wer mit Glocken um sich
wirft, hat eventuell auch andere verrückte Fallen eingebaut.“ Die
Waldläuferin nickte stumm.
Es war eine elende Kraxelei, die Lücken
in der Treppe zu überwinden, aber zum Glück hatten wir ja mit einer
Kletterpartie gerechnet, und sogar Eberhart kam unbeschadet über die
Lücken. Auf dem weiteren Aufstieg fanden Heidrun und ich tatsächlich
noch eine Stolperdraht und eine mit einem Hebel verbundene Stufe. Vor
einer dritten Falle rettet uns nur Akbash Paranoia. Nachdem ich
erklärt hatte, was für fiese Mechanismen man in Treppen einbauen
konnte, ließ der Degenkämpfer uns einen erheblichen Vorsprung bei
unseren Untersuchungen. Nur deshalb erwischte ihn die perfide
verzögerte Falle nicht, die erst einen fallenden Steinblock
auslöste, nachdem Heidrun und ich die Stufe schon passiert hatten.
Das Glück ist halt mit den misstrauischen, wie meine Mutter immer
sagte!
Schließlich erreichten wir das
ehemalige Glockengerüst. Von den Trümmern führte ein wackeliger
Pfad nach draußen, auf das Dach der Schattenuhr selbst. Der Wind
heulte schon hier oben wie tausend verdammte Seelen, und wir trafen
eine letzte Absprache. Eberhart ergriff das Wort als erster .
„Was immer da oben ist, es hat einen
Priester des Khaine-Kultes unter seine Kontrolle gebracht. So wenig
es mir liegt, wir sollten uns auf keinerlei Verhandlungen oder
ähnliches einlassen.“ Der Dicke wirkte geradezu geknickt. „Und
ich denke, wir dürfen uns auf weitere Illusionen und
Gastaltwandlungen gefasst machen.“
Mel zeigte uns eine tönerne Flasche
mit einer ein geätzten Flamme darauf.
„Darum haben wir das besorgt.“
Akbash hob abwehrend die Hände.
„He, sind wir schon wieder bei Plan B
angelangt? Können wir nicht einmal einen Kampf gerade heraus führen,
so Mann zu Mann?“ Eberhart grinste schief.
„Der Kampf Mann zu Mann liegt den
wenigsten Hexen. Und wenn sie erst mal brennt, fällt es Ihr
vielleicht schwerer, sich auf Zauberei und ähnliches zu
konzentrieren.“ Ich war nicht sehr begeistert.
„Ist Dir aufgefallen, das der
Dachstuhl, die Treppe und alles hier aus Holz sind? Und Du willst das
alles anzünden?“
Eberhart winkte ab. „Ein kleiner,
kontrollierter Brand, den wird das Gemäuer schon noch aushalten.
Aber ich lasse ja mit mir reden – wir zünden sie nur an, wenn
nichts anderes funktioniert. Aber es darf kein zögern geben.“ Er
hob die Pistole. „Joachim, hast Du noch Vorschläge?“
Der Heiler strich sich nachdenklich
über das Kinn. „Wir sollten noch eine Parole ausmachen. Für den
Fall, das sie einen von uns verhext oder ein Trugbild erschafft.
Etwas, das schneller ist als das Gespräch mit dem im Käfig.“
„Ich schlage Sahnetörtchen vor.“
warf ich ein. Akbash und Heidrun mussten grinsen. „Und als Antwort
'mit extra Honig!“ Eberhart wollte empört protestieren, aber wir
waren uns einig, das er sich das auf jeden Fall würde merken können.
„Und Du scheinst nun mal Ihre Lieblingskopie zu sein, mein
Dickerchen.“ Ich stupste ihn in den Bauch. „Obwohl das ein Haufen
Arbeit ist für die armen schlanken Gestaltwandler.“
„Genug gescherzt.“ verkündete
Joachim. „Lasst uns dieser elenden Hexe jetzt ein Ende setzen.“
Grimmig machten alle Ihre Waffen bereit. Wir seilten uns noch
aneinander, um in dem elenden Sturm dort draußen nicht noch völlig
unwürdig vom Dach geweht zu werden. Dann brachen wir auf in die
Finsternis.
Draußen war kein Wortwechsel mehr
möglich. Ich konnte kaum Akbash Rücken vor mir erkennen, der sich
den Weg über den wackeligen Holzsteg erkämpfte. Einmal kam es zu
einer kurzen Rangelei, ich hörte noch so etwas wie „Sahnehäubchen,
Erdbeertorte, ach egal, STIRB!“, dann segelte ein massiger Körper
neben mir in die Finsternis.
Schließlich erreichten wir eine
Öffnung in den Dachschindeln, aus der flackerndes Licht hervor
schien. Akbash dreht sich ein letztes Mal zu mir um, hebt drei Finger
und zählt damit herunter. Wir lösen noch alle unsere Seile, um uns
nicht unnötig zu verheddern. Dann stürmte Akbash vor mir durch die
Öffnung, und ich hastete hinterher.
Akbash
Ich hatte von
Anfang an ein miese Gefühl bei der Sache. Und als ich in dieses
Dachgeschoss sprang, bestätigten sich meine Befürchtungen mal
wieder. Es gab nicht eine, sondern neun Hexen, Und sie sahen alle
verdammt nochmal gleich aus. Und natürlich standen sie in so einem
elenden Ritualkreis, der weiß Gott was anstellen würde. Rundherum
standen irgendwelche Fässer und Runensteine, aber wie abgesprochen
sprang ich in Ihre Mitte – oder wollte es zumindest. Irgendwie
brachte ich es nicht übers Herz, diese armen Frauen in ihrem Heim
anzugreifen. Was hatten Sie uns schließlich getan? Sie sangen nur
irgendein Liedchen und reichten irgendwelche Fackeln umher.
Ich kann von
Glück sagen, das Aurelia solche Sachen wie Heim und Herd anscheinend
nicht furchtbar viel bedeuten. Zusammen mit Heidrun warf sie einen
der umstehenden Schränke um, der gleich drei der Hexen erwischte und
sie verpuffen ließ wie Seifenblasen. Da der Kreis jetzt verletzt
war, viel der elende Bann auch von mir, und ich schlug mit dem Degen
um mich, um herauszufinden, wo sich die echte Hexe verbarg. Joachim
sprang auf eines der Fässer, um einen besseren Überblick zu
bekommen – das dann prompt auf eine Geste der Hexe explodierte wie
ein Feuerball und unseren Heiler brennend zu Boden warf. Mel und
Eberhart halfen mir mit Deckungsfeuer, und wenige Hiebe später stand
nur noch eine Hexe da – eine kleine, unscheinbare Frau mit blondem
Haar und einer violetten Robe. Ich wollte Ihr gerade kalten Stahl zu
schmecken geben, als mich ein panischer Warnschrei Joachims erreichte
- „Die Rune! Raus da!“
Ohne zu zögern
warf ich mich zurück, als der Ritualkreis in einem grellen Licht
alles in seiner Mitte verschlang. Hustend und stöhnend kamen wir auf
die Beine.
„Das war jetzt
ein bisschen einfach, oder?“ fragte Eberhart. Prompt traf ihn ein
Blitz aus dem Nichts und warf ihn auf den Rücken. „Sie ist
unsichtbar“ rief Joachim. „Schließt den Kreis, sie darf nicht an
uns vorbei kommen!“ Wir rückten auf. Ein weiterer Blitz verfehlte
Aurelia um Haaresbreite.
Mit einem Knall
detonierte eine Karaffe Flammenöl in der Mitte der Plattform. „Zeit
für Plan B“ sagte Mel grinsend und ließ eine Fackel folgen.
Eberhart und ich warfen unsere Karaffen dazu, und in Sekunden war der
Ritualkreis erfüllt mit lodernden Flammen. Aurelia zuckte kurz
zurück, hielt dann aber stand.
Es dauerte nur
wenige Momente, dann erschien die Hexe kreischend inmitten der
Flammen – allerdings hatte sie Ihre menschliche Gestalt in den
Flammen gelassen. An Ihrer Stelle war eine schlangenhafte
Monstrosität getreten, das Gesicht verhüllt von einer goldenen
Maske, einen grausigen Speer in den Klauen.
| Xanesha |
„Na, schön
warm, Hexe?“ Eberhart konnte sich ein Feixen nicht verkneifen. Das
Biest starrte ihn mit den kalten, grünen Augen aus der goldenen
Maske an – und Eberhart erstarrte. Mit einem grausigen Knirschen
und Krachen wurden seine Arme grau wie Stein. ER versuchte,
zurückzuweichen, aber seine Beine konnten ich schon nicht mehr
bewegen. Verzweifelt öffnete er seinen Mund zu einem Schreib, aber
bevor er ihn hervorstoßen konnte, blieb nichts von ihm al eine
Statue. Das ganze hatte kaum einen Augenaufschlag gedauert, aber mir
es schien wie eine Ewigkeit.
„Ihr
widerlichen Kreaturen – spürt den Zorn der Runenherrscher!“ Mit
einem Kreischen war sie unter uns und ließ den Spieß kreisen. Sie
bewegte sich mit unfassbarer Geschwindigkeit und trieb uns, trotz
unserer Überzahl, wie Kinder vor sich her. Als nächstes viel
Aurelia, von der Hexe in unsere eigenen Flammen getrieben – als sie
panisch zurückwich, stieß die Schlangenfrau Ihr den Speer durch den
Leib.
Joachim warf
einen Zauber, der sie lähmen sollte – aber ein Schutzamulett warf
den Spruch zurück, und unser Heiler wand sich in grässlichen
Schmerzen am Boden. Wir wichen zurück, und Xanesha stieß Ihren
Speer in der Mitte der Plattform in den Boden.
„Sehet nun die
wahre Macht der Runenherrscher – ich rufe Shai-Hulud, den
Verzehrer!“ Mit einem Donnern zerbarst die Plattform, und darunter
wurde statt des Inneren des Turmes der gefräßige Schlund eines
unfassbar riesigen Wurms sichtbar. Seit den Seemonstern der
Malstrominseln hatte ich kein solches Monster mehr erblickt.
Eberharts versteinerter Körper verschwand in den Tiefen der Bestie.
„Seht meine
Macht und verzweifelt!“ Xanesha erhob den Speer über die Arme und
schwebte in die Höhe, verschwand durch eine Öffnung, die auf die
Spitze des Turms führen musste.
Heidrun eilte zu
Aurelia und versuchte verzweifelt, Ihre Blutungen zu stoppen. Mel und
ich sahen uns an. Wir beide bluteten schon aus mehreren Wunden, der
Boden stand in Flammen, der Turm unter uns war nur noch ein mächtiger
Wurm. Wir zögerten.
Plötzlich
ertönte Joachims schmerzerfüllte Stimme: „Lasst – Sie – nicht
– entkommen!“ ER hob zitternd die Hand, und goldenes Licht umfing
uns beide. Wir spürten Joachims Kraft in uns, bevor der Heiler
ohnmächtig zusammenbrach. Mel nickte grimmig, und wir hasteten die
steile Stiege empor, die zu der Klappe führte, durch die Xanesha
geflohen war.
Auf dem Dach
offenbarte sich das pure Chaos. Umringt von Sturmwinden und Blitzen
stand Xanesha mit erhobenem Speer vor der Engelsstatue und sprach
Wörter in einer Sprache, die wir nicht verstanden, aber in den Ohren
schmerzte. Ein Blitz nach dem anderen schlug ins Dach ein, immer
näher an die Statue heran. Ohne zu zögern stürzten wir uns auf die
Hexe. Mel trieb Sein Kurzschwert zwischen die Schuppen des
Schlangenschwanzes, ich hier Ihr meinen Degen tief in den Rücken.
Sie kreischte
auf und wirbelte herum, den Speer wie eines Sense schwingend. Wir
sprangen zurück aus Ihrer Reichweite, und Ihr grünlicher Blick fiel
auf Mel. Er versuchte noch, den Blick abzuwenden, aber ich sah schon
das Grau von Stein seine Hände heraufklettern.
„Diesmal
nicht!“ Ich sprang auf sie zu, unterlief den Stich Ihres Speers und
hakte meinen Parierdolch unter die goldene Maske. Mit einem Ruck flog
sie in hohem Bogen davon. Das grüne Licht erlosch, und das
überraschend normale Gesicht darunter zeigte allzu menschliche
Überraschung. Sie schien zusammen zu sacken, als wäre sie sich auf
einmal Ihres Gewichtes bewusst.
„Aber wie-“
Mit einem
Krachen schlug hinter Ihr ein Blitz in die Engelsstatue ein und
zerschmetterte sie in tausend Stücke. Aus der Mitte ergoss sich ein
schwarzer Strudel, und in den Tiefen wanden sich Tentakel,
Flügel,Augen - ein Blick in das Reich des Mahlstroms.
Ich spürte Mels
Hand auf der Schulter. ER hatte sich wider aufgerappelt und sein
Schwert fest gepackt. „Lass uns die Hexe heimschicken.“ Presste
er zwischen blutigen Lippen hervor.
Gemeinsam
stürmten wir auf die Schlangenfrau zu, die immer noch wie betäubt
schien vom Verlust Ihrer Maske. Zögerlich wich sie vor unseren
Hieben und Stichen zurück, immer näher zu dem Portal, das sie in
diese Welt gerissen hatte.
„Nein, das
kann nicht sein! Ihr könnt mich nicht besiegen! Ich könnt mich
nicht-“ Mit einem letzten Stoß schickten wir sie über den Rand
des Daches, und mit einem gellenden Schrei fiel sie in die Tiefe.
Überraschend
schnell erfolgte der krachende Aufprall Ihres toten Körpers. Die
Welt schien zu kippen. Übelkeit überkam mich, als sich meine
gesamte Wahrnehmung verschob, meine Augen konnten das, was sie sahen,
nicht mehr mit dem, was ich hörte und fühlte zusammen bringen.
Einen Moment
schien ich selbst zu fallen, aber dann packte mich Mels Hand am
Unterarm und ich kam zu mir.
Wir standen
weiter auf dem Dach, aber da war kein Portal in die Höllen des
Mahlstroms, nur die verfallene Engelsstatue. Direkt vor Ihr war ein
Loch im Dach, durch das Xanesha gefallen war – und Ihr geschundener
und zerschmetterter Körper lag kaum 5 Meter unter uns, in der Mitte
Ihres Ritualkreises. Keine offener Schlund, kein Riesenwurm – nur
unsere Gefährten, geschunden, aber lebendig.
Wie benommen
taumelten wir nach unten. Joachim war schon wieder auf den Beinen und
kümmerte sich um Eberharts bewusstlose, aber keineswegs versteinerte
Gestalt.
„Was war das?“
Fragte ich verwirrt. ER blickte auf. „Illusionen, Täuschungen,
Trugbilder – ganz, wie wir es erwartet hatten, aber das Ausmaß war
größer als alles, was ich befürchtet hatte. Sie hat diesen ganzen
Ort hier bezaubert, nicht nur uns. Aber jetzt, wo sie tot ist,
verfällt all Ihr Zauber.“ ER lächelte müde. „Wir haben
gesiegt, Akbash. Xanesha ist tot, und Ihr grausamer Kult endet mit
Ihr.
Ich setzte mich
erschöpft auf die Trümmer eines Schreibtisches und schloss für
einen Moment die Augen. „Es wird Zeit für eine kleine Auszeit.“
Ich hörte Aurelia kichern, dann Stöhnen wegen der Schmerzen, die es
Ihr bereitete. Heidrun lächelte nur leise in sich hinein.
Mel stapfte zu
der Schlangenfrau herüber um sicher zu gehen, das sie tot war.
„Hoffen wir, das es das war.“
Mit einem Husten
und Keuchen erwachte Eberhart, nachdem Joachim ihm ein Riechsalz
unter die Nase gehalten hatte.
„Was habe ich
verpasst?“ fragte er verwirrt? „Haben wir gewonnen?“
Ich grinste.
„Ich glaube schon, mein Dicker. Die Gesellschaft für anständige
Brandstiftung hat's geschafft.“ Als ich mich aufsetzte, fiel
knirschend eine Schublade aus den Schreibtischtrümmern, auf denen
ich saß. Ein Brief flatterte mir entgegen.
Ich ließ den
Kopf hängen und überflog die Zeilen. „Verdammt, ich wollte doch
nur eine kurze Pause.“, murmelte ich,bevor ich mich aufraffte und
den anderen den Brief zeigte.

