Auch, wenn es unfassbar scheint,
irgendwann fand ich mich mit meiner neuen Situation zurecht. Ich war
nie schlank, aber jetzt war ich eine wandelndes Fettgebirge.
Deprimierend, erschütternd und widerwärtig. Nun, das passte leider
zum bisherigen und auch folgenden Ablauf der Ereignisse.
Wie sagte schon der Hobbinger
Motivationsexperte Friedhelme Nitsche - „Wenn Du zu lange in den
Topf hinein starrst, wirst Du zum Eintopf“ Oder war es „Isst du
den Eintopf“ ? Irgendwie sowas halt.
Aber kommen wir zum wichtigen Verlauf
der Ereignisse. Die drei Schwarzen Pfeile, die wir aus den Händen
der Halboger befreien konnten, waren Jakaros Einauge, der Stiefvater
unserer Verbündeteten Waldläuferin Kildarion und ein Sergeant der
Schwarzen Pfeile. Vale Doppelaxt, ein schweigsamer Hüne mit
fragwürdigem Hintergrund und Kaven Windstreich, ein schmieriger
kleiner Schönling, der wahrscheinlich wegen irgendeiner Betrügerei
bei den Pfeilen gelandet war.
Wir besprachen unsere Optionen mit den
dreien und kamen zu dem Schluss, das wir die Rannikfeste erforschen
mussten. Und mehr als das – sollte sie gefallen sein, müssten wir
sie sogar zurückerobern. Denn ansonsten stünde nichts zwischen den
zivilisierten Landen Larifas und den gierigen Menschenfressern des
Hakenbergs. Zwar würde es noch eine weile dauern, bis die Oger die
grenzen von Larifa selbst erreichen würden, aber zumindest
Schildkrötenfähre wäre dem Untergang geweiht. Und hätten sich die
Oger erstmal in den Dschungel diesseits des Passes festgesetzt, würde
es nahezu unmöglich sein, sie wieder zurück zu treiben. Ein
gräßliche Vorstellung. Zumal uns Jakaros versicherte, das die
Halboger, die wir hier trafen, nur ein lächerlicher Vorgeschmack auf
das Grauen eines wahren Ogerstammes waren. Wäre mir nicht schon übel
gewesen, das hätte mir den Appetit verschlagen.
Auch wenn eile geboten war, beschlossen
wir, den Rest von Gut Grauel zu untersuchen. Möglicherweise gab es
noch andere Überlebende, die in Speisekammer dahin darben, oder
Hinweise auf die Verstrickung zwischen Xaneshas Schwester und den
Monstern.
Zu unserem Unglück fanden wir aber nur
mehr und mehr Beweise für die grenzenlose Grausamkeit und Abnormität
der Grauels. Möbelstücke aus Körperteilen, gräßliche Überreste
von Menschen, Elfen und Zwergen, und die Perversionen machten nicht
einmal vor Ihrer eigenen Familie halt. Eines der Bilder, die mich in
die Ewigkeit verfolgen wird, sind die Stapel verwesender
Halbogerkinder. Mama Grauel wollte nur Söhne... Hier wurde es auch
Joachim zuviel, und statt den Keller zu betreten, konnte er nur eine
magisch kontrollierte Ratte entsenden. Meine Masse wollte niemand auf
einer engen Treppe sehen, so deckten wir den Rückzug
Aurelia, Akbash und Heidrun mußten
noch einem letzten, tentakelbewehrten Halbogermutanten
entgegentreten, der in der Sickergrube des Hauses sein
halbaquatisches Dasein fristete. Sie konnten den selbstgetauften
Kroger (Halb Krake, halb Oger) aber zum Glück von seiner traurigen
Existenz erlösen.
Auf dem Dachboden fiel Akbash dann
einer perfiden Falle zum Opfer. In einer Kiste, die mit einer
widerlichen Substanz verklebt war, befand sich ein Beutesack. Als er
ihn anhob, durchtrennte eine hervorschnellende Klinge beinahe seinen
Arm. Was aber bedeutend schlimmer war, war das nekrotische Gift, mit
dem die Klinge bestrichen war. Wenn wir mit Joachim nicht einen
unvergleichlichen Heiler bei uns hätten, Akbash hätte mindestens
seine Hand eingebüßt, wenn nicht sein Leben. Auch so wurde das
Auffinden der Heilkräuter und das Erstellen des Gegenmittels ein
Wettlauf gegen die Zeit, aber Churun war mit uns und Akbash Hand
konnte gerettet werden.
Er selbst sah das ganze nur als
konsequente Fortsetzung der allgemeinen Schicksalsverschwörung gegen
ihn persönlich. Bei den Dingen, die ihm so zustießen, fing ich
langsam an, ebenfalls daran zu glauben. Wollen wir hoffne, das das
nicht ansteckend ist.
Abgesehen von der Ausrüstung unserer
neuen Verbündeten fanden wir keinerlei Überlebende oder nützliche
Hinweise. So übergaben wir endlich den Rest des Anwesen den
reinigenden Flammen, auch wenn das in dem andauernden Regen kein
leichtes Unterfangen war. Aber hier waren wir uns einig – diese
grausigen Beweise über den Verbleib eventueller Angehöriger würde
niemand mehr sehen wollen. Wir selbst waren viel zu traumatisiert,
als das wir uns darüber nohc weitere Gedanken hätten machen können.
Bevor wir in Richtung Rannikfeste
zogen, klärten wir unsere neuen Verbündeten über unseren Verdacht
bezüglich des Paradieses und seiner Herrin auf. Denn auch Jakaros
war irritiert über das präzise Vorgehen der Oger, das es in seiner
jahrzehntelangen Erfahrung nie gegeben hatte. Das es jetzt
tatsächlich eine geplante Entführung Ihres Oberhauptes und dann
einen koordinierten Angriff auf die Feste gab, war eine nie
dagewesene taktische Leistung.
Der genaue Plan der Schwester Xaneshas war uns auch nicht klar, aber als Jakaros uns das Vorgehen der Oger als normalerweise „komplett vom Bauch gesteuert“ beschrieb, ergab sich schon eine interessante Verbindung. Bs jetzt waren alle kultischen Handlungen, denen wir begegnet waren, durch ein Motiv vereint – Gier. Sei es materielle Gier, Fleischeslust oder pure Profitgier, all diese Emotionen schienen nützlich für die merkwürdige Religion, der die Nagas anhingen. Und ein Volk, das komplett von Fressgier geleitet wurde, passte da sehr gut ins Bild.
Zu diesem Zeitpunkt kam uns endlich der
Gedanke, unsere neuen Verbündeten zu Ihrer eigenen Geschichte mit
dem „Paradies“ zu befragen. Zumindest Windstreich gestand, das
Freudenschiff zumindest besucht zu haben, war aber an der Initiation
zum Inneren Zirkel gescheitert.
Schande über mich, das ich diesen
glattzüngigen Erklärungen Glauben schenkte. Tatsächlihc kam uns
kurz der Gedanke, die drei auf Tätowierungen zu untersuchen, aber
wir ließen uns von einem reuigen Gesicht und einer Hlbwahrheit
hinters Licht führen. Ich muss mich immer wieder an Kjulls Lehren
erinnern - „Je wahrscheinlicher eine Geschichte sich anhört, desto
besser ist der Lügner“
Aber rückblickend sind solche Dinge
immer offensichtlich. Wir sollten uns mehr mit unseren Begleiter
nauseinander setzen. Sogar der Konflikt zwischen dem Stiefvater
Kildarions und seiner Tocher, ja das genau Verhältnis der beiden
zueinander, sind uns unklar. So etwas darf man nicht übersehen! Nur
wer die Motive seiner Verbündetetn kennt, kann sie ausn... -
beraten.
Der Weg zur Feste selbst war aufgrund
der Ortskundigkeit der schwarzen Pfeile recht problemslos zu
bewältigen, so das wir schon bald vor der beeindruckenden, wenn auch
in Mitleidenschaft gezogenen Kulisse standen.
Schon aus der Ferne konnte man sehen,
wo gewaltige Ogerwaffen Narben in die stolzen Mauern der Burg
gerissen hatten, und fettiger, schwarzer Rauch stieg in fetten Wolken
vom Burghof auf, ein undwiderrufliches Zeichen der Besetzung der Burg
durch den Ogerstamm. Vor seinen Toren zog eines der Monster seine
Bahnen, begleitet von zwei ponygroßen Jagdhunden und bewaffnet mit
Wurfspeeren, die jedem menschlichen Ritter als Lanze dienen konnten.
Wie es sich für eine Feste gehörte, war der Weg zu Mauern und Toren
gerodet, so das eine unbemerkte Annäherung schwierig werden würde.
Glücklicherweise gab es einen geheimen Gang, der hinter dem
Wasserfall in das Innere der Feste führen würde – aber selbst
dorthin zu kommen würde nicht einfach sein. Aurelia und Akbash
erkundeten weitestgehend die Wachrytmen der Oger, aber es waren wohl
keine erkennbar. Allgemein schienen die Bestien eher widerwillig so
etwas wie Wache stehen zu tun. Es war eher so, das sie gelegentlich
Unrat über die Wände kippten oder sich dort für irgendwelche
debilen Spielchen aufhielten. Das hieß, das sie zwar nicht besonders
aufmerksam waren, machte sie aber noch unberechenbarer als
befürchtet.
Wir hielten Kriegsrat. Unsere Optionen
waren begrenzt. Larifa und eventuelle Verstärkung war Wochen
entfernt. Soviel Zeit blieb weder eventuellen Gefangenen noch
Schildkrötenfähre. Kildarion war verschwunden – wir hofften, das
sie bereits auf dem Weg war, um die Bevölkerung zu warnen.
Jakaros konnte uns einen ungefähren
Plan der Gebäue im Inneren der Feste aufzeichnen, aber natürlich
hatte er keine Ahnung, wo sich Gefangene oder Anführer der Oger
aufhalten würden. Wir hatten zwar keine Ahnung von der Kampfkraft
eines Ogers, aber nach unseren Geplänkeln mit den Grauels war uns
klar, das wir eine offene Auseinandersetzung mit diesem Monstern
weitestgehend vermeiden mussten. Uns blieb nur eins – auf die
Trägheit der Monster nach einem Sieg hoffen, uns einschleichen und
dort den Kopf hinter dieser Aktion abtrennen. Xaneshas Schwester.
Ohne sie als führende Intelligenz hätten wir zumindest eine Chance,
das weitere Vordringen der Oger zu verzögern, wenn nicht sogar zu
verhindern. Zum andern mussten wir jeden Hinweis auf den Verbleib des
Hauptmanns der Feste finden, um unseren Handel mit der Fee zu
begleichen. Von dieser zusätzlichen Gefahr hatten wir unseren neuen
Verbündeten noch nichts berichtet. Aber sie waren sich auch so mit
uns einig, das wir auf jeden Fall versuchen mussten, soviele
Gefangene wie möglich aus den Händen der Oger zu befreien. Wollten
wir irgendeine Chance auf Widerstand haben, so mussten wir jede
verfügbare Hand mit einem Bogen ausstatten.
Alles Zögern und planen brachte uns
nicht weiter, solange wir nicht wußten, wie die Lage im Innern der
Burg aussah. Ein Ablenkungsmanöver gegen einen Ogerjäger war auch
riskanter, als uns lieb war, also machten wir uns auf, den Berghang
entlang in Richtung des Wasserfalls zu klettern, immer in der
Hoffnung, das das ständig schlechter werdende Wetter hier auf
unserer Seite sein würde. Tatsächlich hatten sich die Wolken
inzwischen zu schwarzen Sturmwolken vereint, und erste Blitze
zuckten über dne Himmel. Wollten wir noch vor dem Unwetter in den
Gang, mussten wir uns sputen. Nun, sputen war schon vor dem unseligen
Fluch der Mutter ein Begriff, der mir eher fremd war. Aber ich will
das hier nicht in aller Breite berichten, vor allem, da besonders zu
Akbash Überraschung hier nichts katastrophal in die Hose ging. Wobei
wir einen ungewollten Blick auf den Einfluss eines Ogerfestmahls auf
die Verdauung der Monster werfen wurden, als sich eine der Wachen die
Burgmauer herunter erleichterte. Die Verführung war groß, den
Menschenfresser im wahrsten Sinne des Wortes mit heruntergelassener
Hose zu erwischen, aber das hätte nur unnötige Aufmerksamkeit auf
uns gezogen. Stattdessen tauchten wir, unsere empfindliche Ausrüstung
in das Wachszeug unserer Seereise gehüllt, und dem donnernden Strom
des Wasserfalls in die Fluchgänge der Rannikfeste.
Schnell erreichten wir ein Waffenlager,
das die Schwarzen Pfeile hier für ienen eventuellen Rückzug
angelegt hatten. Unangenehmerweise hatten sich hier auch Blitzechsen
eingenistet, unangenehmes Ungeziefer, das in den Höhlen hier
heimisch war. Zwar waren sie laut Jakaros nicht agressiv, aber sehr
nervös. Leider mußte ich auch bald erfahren, woher sie ihren Namen
hatten. In der Annahme, das kein noch so dummes Tier der Verführung
einer guten Kartoffel widerstehen kann, versuchte ich, die Biester
von der Ausrüstung weg in eine andere Richtung zu locken. Als Lohn
traf mich eine Entladung, die mir beinahe das Haar vom Schädel
sengte. Das Joachim das ganze nur mit einem mitleidigen Seufzen statt
der nötogen medizinischen Hilfe bedachte, war nur noch Schmach zum
Schmerz hinzu! Zumindest verzog das Kroppzeug sich dann (MIT meiner
Kartoffel, möchte ich betonen), so das unser Weg in die Festung frei
war.
Laut den schwarzen Pfeilen gab es zwei
Eingänge in den Festungsbereich – einen in der Nähe der Kaserne,
einen nördlich des Burgfrieds. Beide wege hatten Ihre eigenen
Risiken – die Kaserne war nahe dem Tor, das wahrscheinlich bewacht
war, aber der nördliche Eingang würde uns zwingen, über die Mauer
zu klettern. Und mit Kletterpartien hatten einige von uns eher
schlechte Erfahrungen. So fiel unsere Wahl auf die Kaserne.
Als wir den Burghof erreichten, wurde
uns wieder bewußt, das wir uns zumindest um Geräusche wenig Sorgen
machen mussten. Alles diesseits eines Kavallerieangriffs oder einer
Schiffsbreitseite würde in dem Lärm der feiernden Oger untergehen.
Zum Glück blieben uns die näheren Details, wie die Oger feierten,
erspart. Die Kaserne, eine hölzerner, windschiefer Bau auf Stelzen,
bot uns einen guten Sichtschutz gegen die Hauptlager der Oger in der
Mitte des Burgplatzes, ermöglichte aber die Annäherung an das Tor
des Burgfrieds. Die Architektur der Kaserne lud nahezu dazu ein, sie
mit einigen gezielten Sägesbissen oder ein wenig Brandstiftung
nieder zu reissen, aber noch war die Heimlichkeit unser bester
Verbündeter.
Bei der Erkundung des Tores blieb das
Glück weiter auf unserer Seite. Zwar hatten die Oger die
zerschmetterten Tore repariert – aber was Oger unter Reparatur
verstanden war, gelinde gesagt, eine besseres wieder hin stellen.
Mehr hatten sie tatsächlich nicht gtean, sie hatten die Tore einfach
wieder in die Öffnung gekeilt und verliessen sich darauf, das
niemand außer ihnen stark genung war, dieses Tor zu öffnen.
Nun, so simpel gedacht das auch war,
sie hätten beinahe recht behalten – es brauchte die gesammelte
Kraft unserer gesamten Truppe, um dieses Provisorium aufzustemmen,
und es war quälend laut. Aber Sturm und feiernde Oger waren so laut,
das wir selbst kaum etwas hören konnten und uns größtenteils durch
zeichen verständigen mussten.
Die Rannikfeste
Und so standen wir inmitten der Feste –
Oger hinter uns, vor uns, und vermutlich auch über und unter uns. Es
war nicht gerade ein ermutigendes Gefühl, das kann ich Euch sagen.
Und wir hatten keine vorstellung davon, wo wir nach Gefangenen oder
den Anführern dieses angriffs suchen sollten. Die dicken Wände der
Feste hielten das ärgste des Lärms draussen, aber die Gänge
entlang schallten uns schon die Stimmen und Geräusche weiterer
Bestien entgegen. Je tiefer wir in die Feste eindrangen, desto
bizarrer wurden die Dinge, die wir fanden. In einer der Waffenkammern
versuchten zwei Oger, sich menschliche rüstungen anzulegen und
spielten „Winzlinge“. Die meisten der Räume sind schlichtweg
verwüstet, so als wäre ein Sturm durch die Feste gefegt, aber ein
leerer Raum ist unerklärlich verschlossen und und unberührt
geblieben – als hätten die Oger ihn absichtlich ignoriert.
Joachim unterdrückt magisch alle
Geräusche um uns herum, und wir eilen vom Eingang fort zum
Treppenhaus, um nicht von herumstromernden Ogern von draußen
überascht zu werden. Schließlich finden Akbash und Aurelia das
bizarste, das uns bislang unter gekommen ist. Ein Oger betätigt sich
in der Küche als „Künstler“, und baut ein Stilleben aus der
Leiche des Kochs, der seine eigenen Gedärme verschlingt. Was im Kopf
dieser Bestien vorgeht, wird uns fremd bleiben, für immer. Während
wir noch entscheiden, ob wir zunächst die Verliese oder erst die
Offiziersunterkünfte erforschen, gibt Aurelia den Alarm. Der
Künstler sucht nach Publikum und wird zwangsläufig auf uns stoßen!
Hastig eilen wir in den Gang, um ihn zu überwältigen, und
tatsächlich können wir das Monster überraschen. Ich bin einmal
mehr erschlagen von der puren Masse, die diese Monster ausmachen.
Dies ist der erste, den ich aus der Nähe sehe. Sein Kopf kratzt an
der drei Meter hohen Decke entlang, obwohl er schon gebückt geht. In
seinen Händen sind Werkzeuge, wie ich sie aus einer Metzgerei kenne,
aber in einer Größe, so das unsere Schwerter wie Nadeln wirken.
Seine Haut ist beinahe fingerdick bedeckt mit Fett und Schweiß, und
sein Wanst ist so prall und hart wie ein marmorierter Schinken. Sein
wuchiger Schädel ist so groß wie ein Bierfass, und eine vorstehende
Knochenwulst überdeckt die Augen.
Bevor das Biest versteht, was überhaupt
passiert, stecken schon vier Pfeile in seinem Körper, während
Aurelia und Akbash auf ihn einstechen. Obwohl Blut in Strömen
fließt, wirkt er eher irritiert als verwundet. In dem Handgemenge
wage ich nicht zu schießen, sondern entrolle meine Peitsche, um
nicht in die Reichweite des Monsters zugelangen. Ich lasse die Schnur
über die Köpfe unserer Kämpfer sausen, und endlich wird unser
Angriff mit einer Reaktion belohnt, als die metallische Spitze meiner
Peitsche eines seiner Augen verlöschen lässt. Zum Glück hat
Joachim bereits die Geräische gedämpft, so das das Wutgebrüll des
Monsters nur wie ein sanftes murmeln klingt. Aber das verringert
nicht die Menge an blutbeflecktem Speichel, die Aurelia und Akbash
überziehen, als der Künstler seinen Schmerz herausbrüllt.
Zum Glück können sie seinen wilden
Hieben aber entgehen, denn jeder dieser Schläge hätte einen von uns
zerteilen können.
Im Pfeil- und Schlaghagel geht er
endlich in die Knie, aber leider verzieht einer der Schützen noch in
der Eile das Ziel, und Joachim geht beinahe zu Boden, als der Pfeil
seine Schulter trifft. Akbash gibt dem Monster den Rest, indem er
sein Rapier durch die leere Augenhöhle des Monsters treibt, und wir
können für den Moment aufatmen. Diese Konfrontation hat uns wieder
gezeigt, das wir selbst in den besten Kampfbedingugen mit diesen
Monstern jedesmal riskieren, schwer verwundet oder getötet zu
werden. Mit Küchenutensilien hat dieses Ungetüm Teile aus der Wand
geschlagen, und zuletzt zählten wir nicht weniger als 6 Pfeile und
ein Dutzend Stichwunden in seinem Körper. Keine davon wäre tödlich
gewesen. Mein Respekt vor dem Dienst, den die schwarzen Pfeile hier
tun mussten, wächst immer mehr. Sich tagtäglich der Konfrontation
mit diesen Ungetümen zu stellen – was für ein Mensch musste man
dafür sein?
Das Vieh dann auch noch vom Gang zu
bugsieren war eine elende Quälerei, aber solange wir unsere Spuren
wenigstens behelfsmässig vertuschen konnten, wollten wir das tun.
Rauf oder runter?
Nun stellte sich die Frage, wohin wir
zunächst gehen würden. Jakaros erklärte uns , das im Keller der
Zellentrakt lag. Tatsächlich gab es wohl auch Gefangene, von denen
einige nicht nur Hühnerdiebstahl auf dem Kerbholz hatten. Was mich
nicht verwunderte – immerhin waren die schwarzen Pfeile zum großen
Teil ein Strafregiment. Aber solche Leute würden im Angesicht eines
Schicksal im Magen eines Menschenfressers gewiss schnell wieder auf
unserer Seite stehen. Zumindest eine zeitlang. Wenn wir aber Xaneshas
Schwester finden wollten, so sollten wir besser nach oben steigen.
So, wie sich Ihr Brief las, war sie ja eher noch eitler als die Hexe
von Unterstadt und würde sich gewiß in den Unterkünften des
Anführers aufhalten – wenn sie denn hier war.
Den Ausschlag gab schließlich, das
eventuelle Anführer der Oger wahrscheinlich auch dort oben sein
würden. Und je mehr Leute wir zur Verfügung hatten, wenn wir einem
solchen „Schläger“ oder „Tyrannen“ , wie Ihre Führer wohl
genannt wurden, gegenüber standen, desto besser.
Heidrun und Aurelia gingen die schmale
Treppe voran, da Joachim lieber war, das Schwert der
Goblinschlächterin vor sich zu haben als Ihren Bogen hinter sich.
Nach unseren Erfahrungen im Haus der Grauels leißen wir das geübte
Auge der Schlosserin jede Tür überb´prüfen, bevor wir sie auch
nur anfassten. Zum Glück, denn Aurelia entdeckte eine merkwürdige
Rune an der Klinke des Kerkereingangs. Unglücklicherweise war es
eine rune, mit der auch Joachims geübtes Auge nichts anfangen
konnte. Es blieb uns nur Improvisation.
Es war ein interessantes Problem. Die
Tür war am Fusse einer knapp drei schritt langen, engen Treppe, und
niemand von uns war scharf darauf, die Tür zu berühren. Schnell kam
ich darauf, das ich es schaffen müsste, die Klinke mit meiner
Peitsche zu erwischen, aber die Frage blieb – was dann? Wie sollte
ich mit einer Peitsche von oben eine Klingen nach unten drücken?
Akbash hatte schließlich eine Idee.
Sobald ich die Peitsche an der Klinke fest gezurrt hatte, würden wir
eine Laterne von oben auf die Peitsche auffädeln. Das Gewicht würde
die Laterne nach unten rutschen lassen, und sobald sie die Klinke
erreichte, würde sie die Klinke nach unten ziehen. Genial!
Wir bereiteten die Elemente vor, alle
zogen sich von der Treppe zurück. Ich atmete noch einmal tief durch,
nahm Maß – und traf die Klinke beim ersten Mal. Ich wollte gerade
zu Jubelschreien ansetzen, als sich der Treppenaufsatz mit einer
gewaltigen Feuerwelle füllte, die sich uns entgegen wälzte! Mit
ienem panische Schrei ließ ich die Schnur fahren und taumelte
zurück, wobei ich Akbash und Joachim zu Boden riss. Das Feuer schlug
über uns, aber Angrosch sei dank hatten die Flammen Ihre Kraft
eingebüsst, als sie uns erreichten.
„Puh, das war Glück!“ ich atmete
auf. Dann spürte ich ein Drücken in der Seite und hörte ein
ärgerliches Murmeln. Ich wälzte mich mühsam zur Seite, und
fluchend und keifend kämpfte sich Akbash unter mir hervor. „Red
für Dich selbst – nächstes Mal steh ich lieber vor der Feuerkugel
als nochmal unter dir begraben zu werden!“ Trotzdem half er mir
zusammen mit zweien der schwarzen Pfeile wieder auf die Beine. Es
dauerte noch eine knappe Minute, bis die Fäden aus Alchimistenmetall
in meiner Peitsche aufhörten zu glühen, aber dann konnten wir
akbash Plan in die Tat umsetzen. Vorsichtig fädelten wir die schwere
Laterne über den Griff meiner Peitsche, dann zog ich sie straff.
Erst langsam, dann immer schneller rutschte die schwere Lampe nach
unten und blieb baumelnd in Höhe der Klinke hängen. Nichts geschah.
Kritisch sahen wir uns unsere Konstruktion an.
„Hm. Hätte klappen müssen.“
murmelte Akbash. Ich grübelte, dann wandte ich die alte Weisheit
meines Vaters aus der Schreinerei an. Ich ruckelte Heftig an der
Leine, und mit einem Knirschen löste sich die leicht verzogene
Klinke. Es klickte. Unsicher blieben wir oben an der Treppe stehen.
„Tja, es ist unwahrscheinlich, das da
noch eine Falle dran ist, oder?“ sagte ich hoffnungsvoll. Akbash
hob anklagend die schwarz vernarbte Stelle an seiner Hand.
„ICH geh da nicht runter!“ erklärte
Heidrun entschieden.
„Tja, irgendwer müsste...“
„Ach, Ihr Memmen!“ Aurelia rempelte
sich an mir vorbei und schritt entschlossen mit gezogenenm Säbel die
Stufen herab. Schulterzuckend folgten wir der resoluten Kämpferin.
Und traten durch die Tür in ein – Büro?
Tatsächlich wirkte das ganze
keinesfalls wie der erwartete Kerkereingangs, statt dessen war es
gemütlich eingerichtet mit Teppichen, Bücherregalen, einem großen
Besprechungstisch – und einem wahrhaften Thron! In diesem saß dann
auch gönnerhaft eine leidlich attraktive Rothaarige, umringt von einer
schillernden Kristallkugel und einer gräßlichen Statue der Mutter
der Monster.
Wenn sie überrascht war, überspielte
sie es professionell, das muss ich Ihr lassen. Sie sah uns mit einer
hochgezogenen Augenbraue an und lächelte herablassend. Ihre Gestalt
spiegelte sich in einem goldverzierten Ganzkörperspiegel,der neben
Ihr in einem sündhaft teuren Rahmen prangte.
„Ihr müsst diese Gesellschaft sein,
die mein armes Schwesterlein zur Strecke gebracht hat.“ Sie deutete
mit Ihrer Linken auf die Stühle, die um den großen Tisch verteilt
standen. „Nehmt Platz, wir haben viel zu bereden. Mein Name ist
Lucrezia, und ich bin deutlich zivilisierter als meine verstorbene
Schwester.“ Wir zögerten nur kurz, machten aber unsere Waffen
schon bereit. Selbst die befreiten Schwarzen Pfeile drangen zu uns in
den Raum, was das ganze etwas beengt macht – aber ich verstehe, das
niemand daran Interesse hatte, draußen auf dem ogerverseuchten Gang
zu warten.
Ich hob meine Donnerbüchse und legte
an.
„Tut mir leid, aber die Gesellschaft
für Abenteuer und Entdeckung verhandelt nicht mit Dämonenbrut.“
Sie winkte ungeduldig ab. „Also
wirklich, Dämonenbrut. Solch krude Worte von einem angeblich so
intelligenten Mann.“ Sie schaute in die Runde. „Ist das die
vorherrschende Meinung? Angeblich habt Ihr doch so einen Wahlspruch,
wie war er noch?“
„Alles, nur nicht was Eberhart sagt“
half Akbash aus. Sie schnippte freudig in die Finger. „Das war es!“
Sie beugte sich nach vorne und breitete unschuldig die Hände aus.
„Und jetzt wollt Ihr ihn eine unbewaffnete Frau erschießen
lassen?“
Akbash und Aurelia schauten sich
fragend an, dann legte mir Joachim die Hand auf die Schulter. „Genau
das, Dämonenmetze – Laros Sturm wird Dich hinweg fegen!“
Das reichte mir als Legitimation. Ich
peilte Ihr Dekolleté an, in dem ein funkelndes Amulett baumelte –
als ein stechender Schmerz meinen Rücken durchfuhr.
„Niemand wird meine Geliebte
angreifen!“ hallte es über den Schmerz in meine Ohren, und aus dem
augenwinkel erkannte ich, wie die beiden anderen Schwarzen Pfeile
versuchten, den offensichtlich wahnsinnig gewordenen Coven fest zu
halten. Ob er von Ihr verhext worden war oder tatsächlich in Liebe
zu der Hexe entbrannt war, werden wir wohl nicht mehr erfahren – in
jedem Falle verriss ich meine ersten Schuß und ließ statt dessen
einen Großteil der Kerzen im Kronleuchter verlöschen.
Heidrun nahm dies trotz allem als
Startschuss für spontane Gewaltanwendung und hieb ihr Schwert
beidhändig in die Mitte Lucrezias – und taumelte blutüberströmt
zurück, obwohl die Hexe nichtmal Ihre Hände bewegt hatte.
„Muss das alles wirklich sein? Ich
bin weiterhin bereit zu verhandeln.“ Aber wenn die Gesellschaft
einmal in Bewegung ist, ist sie nur schwer zu stoppen. Akbash
schaltete schnell – wenn die Hexe irgendwie Wunden zurückwerfen
konnte, hatte das gewiss mit dem Spiegel zu tun. Unterhand ließ er
einen Dolch über den Tisch fliegen – der allerdings recht
unspektakulär an der polierten Metallscheibe abprallte.
Aurelia sprang, eine Hand auf der
Stuhllehne vor sich abgestützt, auf den Tisch „DU musst da schon
etwas krä-“ sie wurde mitten im Satz abgeschnitten, als sie auf
dem Tisch wie zu einer Salzsäule erstarrte.
Ich hatte mich inzwischen wieder auf
die Beine gekämpft und knüppelte gemeinsam mit den schwarzen
Pfeilen auf Ihren verräterischen Gefährten ein. Joachim warf eine
handvoll glitzernden Staubs, um Lucrezia zu blenden, aber sie wischte
ihn nur gelangweilt aus der Luft.
„Bitte, muss dieses Durcheinander
denn sein?“ Lucrezia wirkte von all unseren Aktivitäten
tatsächlich eher gelangweilt. Nicht mal einen Kratzer hatte Ihre
makellose Haut zu verzeichnen. Mit einem unartikulierten Schrei hieb
Heidrun wütend auf die Kristallkugel neben Ihr ein. Offensichtlich
vermutete sie die Magie darin anstatt im Spiegel. Trotz Ihrer
bärenhaften Stärke zeigte sich nur ein leichter Haarriss in der
Kugel – da mußte Magie im Spiel sein! Akbash klemmte seine
Parierdolch zwischen die Zähne und hob einen der schweren Stühle
an. „Mal sehen, ob wir diesen elende Spiegel nicht doch-“ als er
sich, einem Hammerwerfer gleich,mit dem Stuhl über den Tisch rollte,
erstarrte auch er wie eine Salzsäule. Ich muss zugeben, das Tableau
entbehrte nicht einer gewissen Absurdität. Die Oberschurkin saß
weiter gelangweilt in Ihrem Thron, den Kpf in die Hand gestützt,
während wir uns mit Verrätern in den eigenen Reihen und der
Einrichtung des Raumes herum schlugen. Kein strahlender Auftritt der
Gesellschaft, das wird unser Chronist noch revidieren müssen.
Immerhin entdeckte Joachim zwar etwas zu spät, aber immerhin noch
rechtzeitig, die magische Rune unter dem Tisch, die unsere Gefährten
lähmte. Er machte sich daran, den Zauberbann zu lösen. Coven war
inzwischen bewußtlos, so das die Schwarzen Pfeile und ich jetzt nach
einer Möglichkeit suchten, Lucrezia fest zu setzen. Hektisch lud ich
meine Donnerbüchse nach.
Tatsächlich wurde es der Hexe jetzt
zuviel. „Wenn Ihr tatsächlich nur die Sprache der Gewalt sprecht,
haben wir uns nichts zu sagen.“ Damit erhob sie sich majestätisch
und schritt durch den Spiegel, als sei er ein dünner Vorhang aus
Wasser.
Heidrun änderte Ihren Schlagwinkel und
versuchte jetzt, die Kristallkugel mit einem mächtigen Seitwärtshieb
in den Spiegel zu schmettern – leider gelang es Ihr nur, das
Artefakt zu zerstören. In einer heftigen Explosion, die sie von den
Füßen riss und die gerade erlösten Akbash und Aurelia mit einem
Hagel scharfer Kristallsplitter übersähte.
„Sie ist durch den Spiegel!
Hinterher!“ rief ich erklärend, während ich einen Beutel Schrot
in den Lauf meiner Waffe schüttete. Ohne zu zögern warfen sich die
beiden durch das Spiegeltor, dich gefolgt von den beiden schwarzen
Pfeilen, die den Verrrat Ihres >Mitkämpfers wieder gut machen
wollten. Joachim rannte zur blutenden Heidrun. Ich stopfte das letzte
Pulver in meine Donnerbüchse, hob sie zufrieden in Hüfthöhe und
stapfte auf die Tür zu.
„Willst DU nicht durch den Spiegel?“
fragte Joachim, während er die ärgsten Splitter entfernte, so das
seine heilende Magie sie nicht in Heidruns Körper verankern würde.
„Denkst Du wirklich, ich passe SO
durch diesen Spiegel?“ Ich wackelte kurz mit dem speckigen
Vermächtnis von Mutter Grauel, das es mir schon schwer genug machte,
durch normale Türen zu schreiten. Ein Wandspiegel für eine dürre
Hexe hätte wohl kaum genug Platz für meine neuen Polster.
„Und was ist, wenn an der Tür auch
fallen sind?“
Ich hob meine Donnerbüchse. „Ich
wollte sie nicht anfassen.“ Mit Ihrem namensgebenden Donner fegte
meine Büchse das Schloss aus der Tür und ließ sie weit
aufschwingen.
Als der Pulverdampf sich legte, fiel
mein Blick auf die amüsierte Lucrezia. „Ihr seid wirklich
hartnäckig, Herr Brettschneider. Nun ja, irgendwelche Qualitäten
müssen Euch ja befähigt haben, erst in Port Grim und dann in Haven
die Pläne des Meisters zu stören. Damit habt Ihr Euch verdient, ihn
kennen zu lernen.“ Ich warf die leere Donnerbüchse zur Seite und
zog meine Pistole. Lucrezia schaute mich kopfschüttelnd an.
„Wirklich? Eure Freunde liegen entweder im Sterben oder sind meine
Gefangenen“ – sie wies auf eine Zellentür hinter sich, in der
ich Akbash wild an den Gittern rütteln sah. „Weder Laros Magie
noch Eure Waffen können mich berühren. Und dennoch wollt Ihr immer
noch mit Gewalt antworten? Ihr, der Ihr doch für Eure Intelligenz
und Euren Verhandlungssinn berühmt seid?“ Sie lächelte
versöhnlich, „Kommt, Ihr müsst doch zumindest neugierig sein, wer
denn nun hinter all dem hier steckt? Mein Meister könnte Euch so
vieles erklären.“
Ich blickte hinter mich, wo Joachim von
Heidruns Blut überströmt neben Ihr kniete. Er schüttelte nur
entschieden den Kopf. Meine Gedanken rasten. Was könnte das nur für
ein Zauberbann sein, der sie unverwundbar machte? Sollte ich wirklich
mit der Hexe verhandeln? Sie hatte recht, es interessierte mich
brennend, wer hinter all dem steckte. Es würde alles so viel
einfacher machen, wenn wir nicht erst dem Brotkrumen folgen mussten,
die uns zum Drahtzieher bringen würden, sondern das Problem gleich
am Kopf packen könnten. Was brachte es schon, sie jetzt anzugreifen
– Xanesha war auch nicht mit einer Kugel zu töten gewesen, und wir
würden immer noch in einer Feste voller Oger feststecken, ohne Plan
oder Hoffnung auf Verstärkung. Meine Augen durchsuchten den Raum
nach einem Hinweis, einer Idee. Ich fasste einen Entschluss.
Ich blickte Lucrezia fest in die Augen.
„Du hast recht, ich war ein Händler. Aber jetzt bin ich Mitgleid
der Gesellschaft für Abenteuer und Entdeckung von Maracasar.“ Ich
hob die Pistole. „Und wir verhandeln nicht mir Dämonen.“ Ich
riss die Pistole zur Seite und richtete den Lauf auf den Kopf der
Dämonenstatue. Lucrezias Gesicht verzog sich haßerfüllt und sie
streckte eine Hand aus. Ich drückte ab, und ein brennender Schmerz
durchfuhr meine Eingeweide, bevor alles schwarz wurde.
Akbash Weißhaupt
Tja, da ich der einzige bin, der bis
zum Ende dieser vermaledeiten Geschichte meine fünf Sinne
beieinander hatte, muss ich wohl zur Feder greifen. Mannometer,
Eberhart läßt das mal wieder s klingen, als hätte er echt eine
Idee gehabt, was da abging, was? Klingt richtig heldenhaft. Tja, tut
mir leid, Euch auf den Boden der Tatsachen zu holen, aber er hatte
mal wieder null Plan.
Das Kopfschütteln von Joachim? Sollte
heißen, „Mach bloss keinen Quatsch!“ Der brennende Schmerz in
den Eingeweiden? Keine böse Hexerei, sondern ein Querschläger von
seiner glorreichen Idee, aus nächster Nähe auf eine Metallene
Statue zu schießen!
Aber gut, ich will mich nicht
freisprechen von Dummheit. Das ich verflucht bin, habe ich ja des
öfteren schon erwähnt, aber langsam kristallisiert sich da eine
immer klareres Muster heraus.
Regel 1: Tische hassen mich. Keine
Ahnung, wer der Gott der Möbel ist, aber irgendwie muss ich ihn
furchtbar angepisst haben. Jedesmal, wenn ich auf einen Tisch steige,
passiert irgendwas mieses. Er bricht zusammen, ich stolpere über
einen blöden Teller, ich werde mit Essen beworfen, weil mein Gesang
so schlecht ist – aber das hier war der Höhepunkt – wer
verzaubert den bitte einen vermaledeiten Tisch!
Regel 2: Wenn ich auf Eberhart höre,
geht alles schief. Siehe die tolle Idee „Folgt Ihr durch den
Spiegel – was soll schon passieren?
Tja, außer, das man nach der Hexe in
einer kjullverdammten Zelle landet. Ich bin nur heilfroh, das
Eberhart uns nicht nachgekommen ist. Zu viert war es eng da drin –
mit Eberhart hätte es mich glatt durch die Gitter gepresst wie eine
Zitrone.
Aber ich komme ins Schwafeln. Ich höre
also den Schuß und Eberharts Quieken und weiß, das war's. Da
draußen ist nur noch unser Garcia mit einer ausblutenden Heidrun.
Und ich steckte in einer Zelle fest. Was soll ich sagen, man kann
einen Akbash Weißhaupt nicht unbegrenzt reizen. Und diese elende
Hexe da hatte den Bogen überspannt. Ich bin kein Muskelprotz oder
so, aber die ganze Frustration, die sich da aufgestaut hatte! Ich
meine, diese Hexe da hatte ein schwimmendes Freudenhaus, und sie hat
es versenkt, bevor ich auch nur davon wußte! Und diese ganzen
Ogerschweinereien überall, diese arme, zerrissene Fee im Sumpf.
Genug ist genug. Mit einem Stoßgebet an Kjull setzte ich meine
gesamte Wut und Frustration in diesen einen Tritt – und ich
schwöre, in diesem einen Moment des Schmerzes sah ich ihn in seiner
Gestalt des kleinen Mädchens – und mit einem trockenen Krachen
brach die Tür aus dem Rahmen und flog in den Gang des Kerkers.
Ihr glaubt nicht, wie weh mein Fuß
jetzt noch tut, aber in dem Moment fühlte ich nichts davon. Ich
schritt breitbeinig in den Gang, ließ locker meinen Degen schwingen
und zeigte mit meine Parierdolch auf Lucrezia.
„Genug weg gerannt. Stell Dich Akbash
Weißhaupt und der Gesellschaft für Arschtritte und Kopfnüsse.“
Hinter mit traten Aurelia, Jakaros und Karl aus der Zelle. „Mal
sehen, wie lange deine kleine Tricks dir noch helfen.
Das Lächeln verschwand aus Ihrem
Gesicht. Sie zog einen unterarmlangen, von einem Sihedron gekrönten
Stab aus einem Ärmel. „Du hättest Dich dem Rudel anschließen
sollen, Weißhaupt. Jetzt werde ich Deine Gier UND Deinen Hochmut
ernten.“ Ein unheilvolles rotes Leuchten umspielte den Stab.
„Es ist ein Gegenstand – ein Ring
oder ein Amulett!“ rief Joachim aus dem anderen Raum. „Kein
Möbelstück!“ Gemurmelt kam noch so etwas wie „vorher fragen,
bevor man losballert“, aber da kann ich mich auch täuschen.
Lucrezia blickte auf jeden Fall wütend zu ihm zurück, und Ihre
Linke ging unbewußt zum Amulett an Ihrem Hals.
„Danke für die Bestätigung.“
Aurelia klatsche mir auf die Schulter. „Du gehst rechts.“ Dann
sprintete sie los. Ich machte einen Ausfall, wohlbedacht, das mein
Angriff sie nicht treffen würde, aber die Hexe würde das wohl kaum
durchschauen. Tatsächlich schritt sie auf mich zu und versuchte,
mich mit Ihrem Stab zu treffen, den ich aber locker an meinem
Parierdolch abgleiten ließ. „Das üben wir nochmal,
Allerwerteste.“ Wütend setzte sie mit nach, und ließ Ihre Flanke
damit offen für Aurelias Angriff. Katapultiert von den beiden
Schwarzen Pfeilen flog sie unmittelbar über den Kopf der Hexe, ein
Dolch blitze auf, und katzengleich rollte sie sich hinter Ihr wieder
auf die Beine. Sie grinste unverschämt. Von Ihrer linken Hand
baumelte das Amulett. Lucrezia tastete verwirrt an Ihrem Hals, dann
wandte sie sich Aurelia zu.
„Du kleines gieriges Miststück! Ich
werde Dich- Ah!“ ich beendete ihren Monolog mit einem Dolch in den
unteren Rücken.
Jetzt hatten wir endgültig Ihre
Aufmerksamkeit. Vor meinen Augen verschwamm Ihre Gestalt, wuchs, und
überzog sich mit brillanten Schuppen. Ihre roten Haare wurden zu
einem wilden Kamm,
Ihr grünes Kleid zog sich in die Länge
und verschmolz zu einem schlangenartigen Schwanz. Sie überragte mich
jetzt locker um zwei Köpfe, aber dennoch wirkte sie nicht annähernd
so muskulös wie Ihre Schwester.
Ungeschickt hieb sie mit Ihrem Stab
nach mir, aber ich duckte mich darunter hinweg. Jakaros und Karl
umkreisten sie gemeinsam mit mir und Aurelia. An Ihr vorbei sah ich
eine Bewegung in der Tür.
„Ah, jetzt hast Du ein richtiges
Problem“ . In der Tür stand die blutüberströmte und über alles
wütende Heidrun, Ihr glitzerndes Schwert in der rechten Hand.
Lucrecia fauchte – dann hieb sie mit Ihrem Schwanz Aurelias Beine
unter Ihr weg und drückte Ihr den rotglühenden Stab auf die Brust.
„Spüre den Zorn!“ Zischte sie
zwischen verlängerten Fängen hervor, und das rote Glühen Ihres
Stabes spiegelte sich in Aurelias Augen wieder.
Mit einem wilden Schrei riß sie Ihren
Krummsäbel hervor und hieb auf Jakaros ein, der irritiert zurück
wich.
„Was soll ich tun?“ rief er
verzweifelt, aber wir hatten genug mit der Dämonin in unserer Mitte
zu tun.
„Wenn der Dämon fällt, bricht auch
sein Fluch!“ erklärte Joachim mit dem Brustton der Überzeugung.
„Und wenn Laros Wunder dich nicht, bannen, dann wird es sein
rächender Arm tun!“ Er kletterte über den reglosen Körper
Eberharts – anscheinend konnte er auf die Schnelle nichts für das
Dickerchen tun. Sein eigener Zauberstab wurde von bläulichen Blitzen
umspielt.
Lucrecias peitschender Schwanz trieb
uns zurück, so das sie sich dem Garcia stellen konnte.
„Soviel Wut in Dir.“Sie fing den
Hieb seines Zauberstabes in einer Langen Klaue. „Lass sie frei!“
Ihr eigener Stab berührte ihn am Herz, und auch Joachim verfiel in
wilde Raserei. Wenn das so weiterging, würden wir uns mehr
untereinander schlagen als diese Hexe!
Zum Glück hatte sie mit Joachim nicht
gerade unseren größen Kämpfer erwischt. Als der kleine Heiler
versuchte, Heidrun in die Flanke zu fallen, schubste sie ihn
irritiert mit der linken zu Boden, während sie mit der rechten nach
Lucrecia schlug.
„Wir müssen das schnell beenden,
Heidrun!“ rief ich, während ich den zuckenden Schwanz der Dämonin
probeweise ein paarmal mit dem Degen durchbohrte. Hinter mir ertönte
ein schrilles Klirren. Aus dem Augenwinkel sah ich, das Karl soweit
vor Aurelia zurück gewichen war, das er in eine Ecke gedrängt
wurde. In Ihrer Ungezügelten Wut hatte sie Ihren Säbel über ihm an
der Wand zerschmettert, was dem Schwarzen Pfeil die Gelehenheit gab,
sie in einen Bärengriff zu nehmen und von sich zu werfen.
Zufällig landete sie in der Nähe
Joachims. Ohne zu zögern packte sie ihn und begann, ihn zu würgen,
während der Heiler wild auf sie einschlug.
„Na, jedem, was ihm Spass macht.“
Ich konzentrierte mich wieder auf Lucrecia. Zwar blutete sie
inzwischen aus einigen Wunden, aber ich wußte von Xanesha, das diese
Biester zäh waren. Immer wieder versuchte die Hexe, mit mit Ihrem
Stab zu berühren, aber zum Glück war sie zwar schnell und stark,
aber recht ungeschickt mit Ihrem Zachel. Jetzt, wo ich um die Gefahr
wußte, fiel es mir auch nicht schwer, Ihrem peitschenden Schwanz
auszuweichen.
Leider war Heidrun noch geschwächt und
außerdem nicht annähernd so sehr auf Ihre Verteidigung konzentriert
wie ich. Sie hackte wild Ihr Schwert in die Rippen Lucrecias und
blieb eine Sekunde zu lange an den Knochen hängen. Lucrecias linke
Pranke schnappte Ihren Schwertarm.
„Goblinschlächterin.“ Zische sie
Ihr entgegen. „Entfessele Deinen Zorn.“ Und jetzt wußte ich, das
ich ein Problem hatte. Wenn Heidrun in Ihrem Wahn mich anfallen
würde, würden mir ein dünnes Rapier und ein kleiner Dolch wenig
helfen. Heidrun hatte mal in einem Übungskampf einen Mast halb durch
gehauen!
Lachend wich die Schlangenfrau zurück,
und ich sah mich einer rotäugigen, zitternden Heidrun gegenüber.
Ich blickte kurz um mich und sah den schwer atmenden Karl neben mir.
„Hey, Karl?“ Er warf mir einen verwirrten Blick zu,
„Ja?“
„Tut mir leid“. Ich schubste den
Axtkämpfer in Richtung Heidrun und wandte mich der Hexe zu.
„So, Lucrecia. Wird Zeit, das Du Dich
Deiner Schwester anschließt.“ Sie blutete aus eine halben Dutzend
Wunden, der Arm, der Ihren Stab hielt, zitterte bereits. Sie begann,
einen Zauberspruch zu murmeln.
„Ja, das hat sie auch versucht.“
Ich machte einen Ausfall, der sie hektisch Ihren Spruch unterbrechen
ließ. Als sie diesmal mit dem Stab nach mir hieb, verkeilte ich ihn
mit meinem Doch und trat dann heftig gegen Ihre Hand. Kreischend ließ
sie los, und die Waffe flog in hohem Bogen davon. Locker ging ich in
die tileanische Grundstellung. „Und nun“ mit gespreizten Krallen
warf sie sich auf mich. „das Finale!“ Mein Degen vollführte
einen perfekten Coup de Grace und durchbohrte Ihr linkes Auge. Sie
zuckte noch ein, zweimal, dann sackte Ihr Körper zusammen und glitt
von meiner Klinge. Mit einem eleganten Schwung entfernte ich Blut und
Hirnmasse von meinen Waffen und ließ sie in den Scheiden
verschwinden. Ich stellte einen Fuß auf den Körper der
Schlangenfrau, nur um sicher zu gehen, das sie wirklich tot wahr, und
blickte mich nach den anderen um.
„Entschuldigung? Könntet Ihr mit dem
Unsinn aufhören und mich mal kurz bewundern?“ Ich deutete empört
auf meine Brust. „Ich habe hier grade die zweite Dämonin in Folge
erlegt.“
Peinlich berührt schauten die anderen
zu mir. Heidrun hatte gerade Karl niedergestreckt und wollte Ihn
anscheinend filetieren. Jakaros zerrte verzweifelt an Aurelia, deren
Hände um den Hals des schon leicht blau angelaufenen Joachim lagen.
Eberhart lag in der Tür und röchelte etwas unverständliches.
Enttäuscht ließ ich die Arme sinken.
„Sagt jetzt nicht, KEINER von Euch hat es gesehen!“

