Nun hatten wir uns mit Jeka geeinigt, wie wir zumindest schon mal die Trollwächter an der Treppe in eine Falle locken wollten. Die T’skrang würde sie zu uns locken, wo wir den Monstern einen heißen Empfang bereiten würden. Da wir nicht zum ersten Mal Trollen gegenüber standen, hatten wir alle Fackeln oder anderes Brandmaterial zur Hand, da die Biester ohne kaum kleinzukriegen sind. Wir machten uns auf einen harten Kampf gefasst.
Der erste über drei Schritt große Troll stapfte durch die Tür, in der Hand eine mannshohe Keule. Akbash gab das Signal zum Feuern. Ich hob meine Pistole und - ließ sie wieder sinken, als das Monster geräuschlos zu Boden ging, Heidruns Pfeil in der linken Augenhöhle. Blitzschnell rammte Aurelia ihre Fackel hinterher, damit das Monster sich nicht wieder erholte.
Der zweite Troll fand sich in einem Blitzgewitter wieder, das Joachim beschwor, und bevor er sich zurechtfinden konnte, hatten Akbash und Aurelia ihn niedergestochen wie seinen Kumpanen zuvor.
Ich gebe offen zu, wenn unsere Pläne manchmal einfach so funktionieren, verblüfft mich das immer wieder.

Somit war der Weg in die Tiefe frei. Conna hatte uns gewarnt, das es ein weiter Weg sein würde, und wenn ein Weg schon für einen Steinriesen weit ist... Ich könnte euch jetzt mit Details langweilen, aber tatsächlich waren wir so lange unterwegs, das wir mehrere Rasten einzulegen hatten. Irgendwann wurden wir sogar so paranoid, das wir irgendwelche magischen Tricks vermuteten, unendliche Korridore oder ähnliches, das wir in Theaterstücken und Räuberpistolen gehört hatten.
Und wir wurden nicht enttäuscht. Nach gefühlten Tagen der Reise erreichten wir eine Art Portal - eigentlich nur einene leeren Torbogen. Dahinter lag ein Raum, eigentlich nur ein Flur - zumindest auf den ersten Blick.
Wie gewöhnlich untersuchte Aurelia den Raum als erstes - sie blieb überraschend lange im Türrahmen stehen, dann kam sie leicht taumelnd zu uns zurück.
„Es ist -“ sie hob die Hände, deutete erst nach links, dann nach rechts „Der Gang, er..:“ Sie ließ die Hände wieder sinken. „Schaut es euch selbst an, ich kann das nicht erklären.“ Einer nach dem anderen traten wir neugierig an den Türrahmen. Und tatsächlich weiß auch ich nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Auf den ersten Blick wirkte der Korridor wie jeder andere auch. Er war verziert mit merkwürdigen Runen, die jeweils eine Zierleiste an der Decke und im Boden bedeckten, und die schwarzen Fliesen bildeten regelmäßige geometrische Muster. Zur rechten erhob sich nach zwei Schritten eine Wand, aber zur linken... Auch dort gab es eine Wand. Aber wie weit sie weg war, schien irgendwie - unklar. Aus dem Augenwinkel schien sie ebenso nah zu liegen wie die rechte Wand. Sobald man aber den Blick auf sie richtete, schien sie sich zurück zu ziehen. Es war, als würde man plötzlich einen endlos langen Korridor hinunter blicken, an dessen Ende man eine Wand erahnen konnte - aber die restlichen Dimensionen des Raumes änderten sich nicht! Es war ein durch und durch verstörender Effekt - die Decke und der Fußboden waren noch genauso angeordnet wie vorher, und der Übergang auf die weit entfernte Rückwand war rechtwinklig - zumindest, wenn man hinsah, aber das konnte nicht sein. Je länger ich in den Raum schaute, desto schwindliger wurde mir, und ich war froh, das mich Mel und Akbash nach wenigen Sekunden zurück zogen.
Joachim räusperte sich, nachdem wir ihn alle schweigend anstarrten. „Nun, was soll ich sagen - ihr erinnert euch, das ich schon einmal von anderen Ebenen der Existenz gesprochen habe, oder?“
„Du meinst Dinge wie das Reich der Toten oder der Mahlstrom?“ Fragte Aurelia.
„Genau, oder auch die Reiche der Träume, der Feen, oder auch andere Orte, von denen Dinge in unsere Welt gelangen. Schlimme Dinge, meisten.“ Er strich über seinen Stab und blickte in die Ferne. „Das hier scheint ein Ort zu sein, wo sich diese Welten nahe kommen. Und sie gehorchen nicht immer denselben Gesetzen, wie unsere Welt das tut. Oben kann unten sein, rechts wird zu links, es ist, gelinde gesagt, verwirrend.“ Er klopfte einmal mit dem Stab auf den Boden. „Aber solange wir unser Ziel klar vor Augen haben, sollte uns dieser Ort nichts anhaben können.“ Er deutete durch die Tür. „Wir gehen einfach schnurstracks geradeaus, sehen nicht nach links oder rechts, dann können wir unbeschadet hindurch.“
Mel nahm ein Seil von der Schulter. „Wir sollten uns sichern. Falls doch jemand“ und dabei sah er unverschämterweise mich an „Doch aus der Reihe tanzt.“
Joachim nickte. „Keine schlechte Idee, solange wir niemanden fesseln, sollte das helfen. Wer geht zuerst?“ Wir schauten in die Runde, und Aurelia nahm mit einem Schulterzucken die Schlinge, die Mel geknüpft hatte. „Ich habe das beste Auge für Unfug und bin leicht genug, das ihr mich schnell zurück ziehen könnt.“ Niemand konnte dagegen etwas einwenden. Heidrun und Mel fassten das Tau, um sie zu sichern, wärhend der Rest der Gesellschaft sich bereit machte.
Vorsichtig, eine Hand ausgestreckt und die andere an ihrem Krummsäbel, trat Aurelia über die Schwelle. Sie hatte den Blick auf den Boden gerichtet. Lautlos trat sie den ersten Schritt. Völlig ereignislos traf ihr Fuß auf die erste Fliese hinter der Schwelle.
Als sie den anderen Fuß hinterherzog, warf sie einen kurzen Blick über die Schulter zu uns.
„Bis jetzt kein Probleee--“ Ihr Stimme verschwand in der Ferne, ihre Augen weiteten sich, und mit einem trockenen Knall zerriss das Seil das Aurelia mit Mel und Heidrun verband. Das Ende schoss verkohlt zurück über die Schwelle. Aurelia stand mindestens 50 Schritt von uns entfernt, obwohl sie keinen weiteren Schritt getan hatte. Sie schaute ebenso verdutzt wie wir auf ihr verkohltes Ende des Seiles.
„Was ist passiert?“ Klang ihre Stimme aus der Ferne zu uns herüber. „Habt ihr irgendwas gesehen?“
Joachim spähte über die Schultern der beiden. „Du musst teleportiert worden sein, und das Seil hat es nicht überstanden.“
„Wie meinst du das, teleportiert. Wohin denn? Ich habe mich doch kein Stück bewegt!“ Aurelia drehte sich auf der Stelle, vermied es aber, zur linken Wand zu schauen.
„Nun, du bist ja ein ganzes Stück von uns entfernt...“ Setzte ich an, dann wurde mir aber klar, das die Tür auf der anderen Seite keineswegs kleiner geworden war - der ganze Raum hatte sich nicht verändert, aber trotzdem war Aurelia soweit weg. „Komm zurück, ich...“
Aurelia trat einen Schritt auf uns zu, und einen Moment lang schien erst ihr Bein, dann ihr Arm, unendlich lang und dünn zu werden, dann schoß ihr restlicher Körper nach, und sie stand wieder vor uns. Ich taumelte zu Seite und übergab mich. Neben mir hörte ich auch Akbash und Mel keuchen, nur Heidrun und Joachim schienen einigermaßen bei sich zu bleiben.
Als wir wieder alle einigermaßen beeinander waren, erklärte uns Aurelia ihre Erfahrung. Für sie hatten wir uns keineswegs bewegt. Sie hatte nur Probleme damit, ihre Sicht auf die rechte Wand aus den Augenwinkeln zu ignorieren.
„Da ist etwas, als würde etwas um die Ecke schauen, aber man kann es nicht sehen. Als blickt man in eine Kiste, und sie ist leer, aber trotzdem bewegt sich etwas.“ Sie hielt den Knauf ihres Säbels krampfhaft fest.
Nach kurzer Beratung kamen wir allerdings nicht mit einem besseren Plan zu Tage. Anseilen würde uns nicht helfen - es musste erst einmal jemand den Gang durchqueren um zu sehen, was geschah. Also ließen wir Aurelia wieder vorschleichen, diesmal ohne Seil, aber jederzeit bereit, einzugreifen.
Es war absolut verstörend. Aurelia tat insgesamt 10 Schritte, um auf die andere Seite zu gelangen. Während dieser zehn Schritte war sie mehrere Male so weit von uns entfernt, das wir sie kaum noch sahen. Einmal lief sie an der Decke, ein anderes Mal von links nach rechts, und einmal war sie hinter uns, obwohl ich mich nicht bewegt habe. Noch heute bekomme ich Kopfschmerzen, wenn ich daran denke, was ich dort sah. Als Aurelia auf der anderen Seite durch den Türrahmen schritt, atmete sie schwer, als hätte sie einen Berg bestiegen. Sie signalisierte uns, das die andere Seite keine unmittelbaren Gefahren barg, und wir machten uns einer nach dem anderen auf den Weg.
Als mir klar wurde, das Akbash Weg hinüber mindestens ebenso verstörend wurde, schloss ich lieber die Augen.
Erst, als ich an der Reihe war, als letzter vor Mel, öffnete ich sie wieder. Der Reliktjäger lächelte mir aufmunternd zu. „Vielleicht gar keine schlechte Idee, das mit den geschlossenen Augen. Geht vielleicht besser!“
Ich hätte auf ihn hören sollen. Ich wagte allerdings nur zwei Schritte mit geschlossenen Augen, dann wir ich überzeugt, ich würde nicht mehr geradeaus gehen. Ich geriet ins Taumeln, streckte verzweifelt die Arme aus und riss die Augen auf. Es war - ich stand in einem endlosen Gang. Die Wand links von mir war so weit entfernt, das ich sie nicht sehen konnte. Vor mir war nicht nur die TÜr, zu der ich wollte, mit Joachim, Akbash und all den anderen - sondern AUCH die Tür, aus der ich gerade gekommen war. Trotzdem waren sie an Entgegengesetzen Enden des Ganges. Ich weiß, das meine Beschreibungen hier keinen Sinn machen, aber ich kann nur versuchen, sie zu Papier zu bringen. Obwohl es vielleicht besser wäre, all das zu vergessen.
Ich weiß nicht, wie lange ich lief, und die Aussagen meiner Freunde waren keine Hilfe. Sie variierten zwischen wenigen Augenblicken und einer halben Stunde. Nur eins weiß ich - wir waren zu langsam. Denn irgendetwas ist während dieser Zeit auf uns aufmerksam geworden. Ich konnte sie hören, und manchmal erahnen. Aber erst, als Mel zu uns auf die andere Seite kam, waren wir sicher.
Das Heulen der Meute ging uns allen durch Mark und Bein. Der Raum auf der anderen Seite wurde von mehrkantigen Säulen dominiert, und zwei große Türen waren auf der Wand gegenüber und der links von uns. Und das Heulen schien von überall und nirgends zu kommen. Wir zogen unsere Waffen und verteilten uns im Raum. Es gab eigentlich keine Verstecke, außer den gleichmäßig verteilten Säulen - und als sie uns angriffen, bin ich weiter sicher, das sie sich unmöglich hiner den Säulen versteckt haben konnten - denn sie schossen dahinter hervor, als wir sie bereits umrundet hatten!
Obwohl sie etwas hundeartiges an sich hatten, waren diese Wesen das befremdlichste, das uns seit dem Schwarm begegnet war. Vier lange, dürre Beine trugen langgezogene, feucht glänzende Körper. Ihre Köpfe waren dominiert von zahnänlichen Auswüchsen entlang eines unmöglich weit klaffenden Kiefers, aus dem Schleim eine ebenso lange Zunge entlang lief. Wenn sie Augen hatten, konnte ich sie nicht als solche erkennen.
Es war ein kurzer Kampf - glaube ich. Ich schoß, und ich denke ich traf etwas. Blitze und Funken stoben aus Joachims Stab, und Mel, Heidrun und Akbash stachen wild um sich. Einmal drückte ich mich mit dem Rücken an die Wand, aber ein Kiefer umschloß mein Bein von hinten - oder unten? Aurelia riss mich zu Boden, und etwas war über mir und verschwand um eine Ecke, die keine war, sondern ein Winkel, in dem sich Wand und Decke trafen. Ich griff stattdessen zu meiner alchemistischen Peitsche und versuchte, eines der Wesen damit festzuhalten aber dann war es unerklärlicherweise vorbei.
Ebenso schnell, wie sie erschienen waren, verschwanden die Bestien wieder. Einer von ihnen lag neben einer Säule, aber niemand von uns wollte das Ding untersucht, denn es schien irgendwie immer einen Schritt weiter weg zu sein, als es sein durfte.
Joachim bandagierte unsere Wunden, und nach kurzer Beratung wandten wir uns der Tür zu, die eher nach einem Thronsaal aussah.
Man wirft der Gesellschaft und auch mir ja gerne einen Hang zum Prunk vor, aber das Portal zu Mokmurians innerem Sanktum zeugte von einem ganz klaren Minderwertigkeitskomplex. Sechs Meter hohe und ebenso breiter Türflügel, beschlagen mit goldenem Zierwerk, theranischen Runen und beinahe kirchlich anmutenden Bildnissen waren dann doch selbst jenseits meiner Darstellungsberfnisses.
„Nun, ich glaube, wir haben sein Sanktum gefunden.“ Ich klopfte den Staub aus meinem Wams und überprüfte nochmal die Ladung meiner Pistole. Akbash strich sich müde die verklebten Haare aus der Stirn.
„Glaubt irgendwer, das wir das friedlich regeln können?“
Joachim schüttelte den Kopf. „Du hast den Gottschlächter gesehen, und du hast die Ogerstämme gesehen, die er um sich gesammelt hat. Wer solche Verbündete um sich schart, der ist ist nicht auf friedliche Lösungen bedacht.“ Er fasste seinen Stab fester und statische Entladungen liefen seine Länge auf und ab. Schweigend nahmen Mel und Heidrun ihre Waffen aus den Holstern und legten die Sehnen auf. Aurelia streckte sich einmal und schlug mir dann auf die Schulter.
„Du kannst es ja trotzdem versuchen. Jede Ablenkung kann uns nur helfen.“
„Nicht so pessimistisch, Freunde. Wir sind nicht mehr irgendwer - wir sind die Gesellschaft für-“
„Jaja“, unterbrach mich Joachim ungehalten. „Und arbeite nochmal an dem Namen, das muss man doch besser abkürzen können.“ Mit diesen Worten packten Akbash und Heidrun die Türflügel und stießen sie auf, und Joach schob mich unzeremoniell über die Schwelle.
Mokmurians Empfangshalle hielt das, was sein Portal versprachen. Eine mindestens zehn Meter hohe und beinahe fünfzig Meter hohe Säulenhalle, beleuchtet von blauen Runen in Säulen, Boden und Decke, führten zu den Füssen eines gewaltigen Dais, der von einem steinernen Thron dominiert wurde. Und auf diesem Thron, gehüllt in eine Robe theranischer Machart, wartete der Instigator all unserer Probleme seit dem ersten Tag in Port Grim auf uns.
Mokmurian, der Herr der Steinriesen.
Mokmurian, der den schwarzen Turm betreten hatte.
Mokmurian, der Willensbrecher.

Nach all den Geschichten über ihn waren wir trotzdem überrascht, wie klein er war. Vielleicht war es der Thron, offensichtlich gemacht für einen ausgewachsenen Steinrisen, der dien Eindruck noch verstärkte. Damit will ich nicht sagen, das Mokmurian klein war - er mass gewiß vier Schritte bis zur Schulter. Eigens, verglichen mit Teraktinus oder auch Conna war er ein missratener Zwerg.
Einen Moment fühlte ich einen Stich der Sympathie im Herzen - Mokmurian war ebenso ausgestoßen und gehänselt worden wie ich in meiner Jugend. Dann richtete er das Wort an uns, und alle Sympathie war dahin.
„Wer seid ihr Geschmeiß, das ihr meine Gedanken stört?“
Entschlossen trat ich vor, sicher in der Anwesenheit meiner Freunde.
„Wir sind die Helden von Port Grim, die Bezwinger von Bruchbein, Befreier der Rannikfeste und Fluch des Hakenberges. An meiner Seite steht der Drachentöter...“
„Halt den Mund, Geschmeiß. Ihr seid die Insekten, die meine Kundschafter gestört haben. Das weiß ich. Und ich habe all eure angeberischen Reden schon von meinen Leuten erfahren.“ Er erhob sich mit dem Knirschen von Gestein aus seinem Thron. Goldenes Geschmeide bedeckte seinen Hals, eine runenverzierte Keule lag in seiner Linken. Blaue Energie schoss an seinen runenverzierten Kleidern entlang und spielte entlang der Narben und Adern, die seinen verwachsenen Körper bedeckten. Er humpelte, ein Bein offensichtlich kürzer als das andere.
„Aber was interessiert mich das? Ich werde Thera wieder aus dem Meer erheben. Ich werde Maracasar wieder mit dem Kontinent verbinden, und dann wird mein Lied alle Riesen erreichen. Wir werden die jungen Völker niederstrecken und in den Staub treten. Jetzt endlich, nach zehntausend Jahren, werden wir Gerechtigkeit erfahren!“
„Nun, das klingt alles recht gut, aber wir können doch über alles reden. Ein Landweg in die Sechs Königreiche könnte doch sogar für uns alle“ Joachim flüsterte mir in dem Moment einen kurzen Abriss über die Auswirkungen einer solchen Erhebung ins Ohr.
„Ah, Vulkane, ja? Flutwellen? Das klingt nicht - ach so.“ Ich räusperte mich. „Nein, davon ist doch eher abzuraten. Aber ich denke, wir können für euch gewiss Gespräche aufnehmen, mit der Marquise, den Herrscherhäusern von Larifa...“
Mokmurian war inzwischen auf zehn seiner Schritte auf uns zugetreten. „Ich weiß nicht, wer euch geholfen hat oder welch billiger Trick euch bis zu mir geführt hat. Ihr wirkt ganz und gar ebenso unnütz und erbärmlich wie alle eurer Art. Es reicht - die jungen Rassen sind nichts anderes als Dreck unter unseren Füssen. Und vielleicht ist es gut, das ich nach all der Zeit Gelegenheit bekomme, mir das noch einmal zu verdeutlichen. Er hob die freie Hand und sprach ein paar Worte in einer Sprache, die ich nicht erkannte. Ein blaues Glosen umhüllte die Hand, und Joachim brüllte nur „Weg!“
Mit einem Knall und dem Gestank nach Ozon schossen Wände aus Energie zwischen den Säulen hervor und schnitten uns von Mokmurian ab. Augenblicke später quoll ein dichter, ebenso bläulicher Dunst aus dem Boden, während Mokmurian weiter arkane Formeln rezitierte. Panik erfasste mich. Schläge, Entladungen und Schreie erschollen um mich herum im Dunst. Ich hatte meine Kappe vom Kopf gerissen und hielt sie mir vor dem Mund, versuchte mit aller Beherschung, nicht einzuatemen. Ich erreichte ein der Säulen und sah Mel, der gerade enttäuscht einen seiner Bolzen von der Wand abprallen sah. Neben ihm stand Heidrun und ließ mit stoischer Methodik ihr gleißendes Schwert immer und immer wieder auf die Barriere einhämmern. Ein Donnern erschütterte den Boden. Ich konnte den Anführer der Riesen nicht sehen, vermutete aber etwas von seiner Seite. Joachim erschien neben mir und deutete heftige nickend auf Heidrun. Aurelia und Akbash eilten an ihre Seite und begannen ebenfalls auf das Geflecht aus Energie einzuschlagen, das sich tatsächlich nach und nach aufzulösen schien! Ich packte meine Waffe am Knauf und hieb ebenfalls auf die Wand. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als würde man auf eine Wasseroberfläche schlagen, sie aber nie durchdringen. Wie die Erbsensuppe im rostigen Drachen.
Nach wenigen Hieben löste sich die Wand tatsächlich auf, und das Gitter aus Energie brach zusammen. Japsend eilten wir aus dem Nebel, ich packte meine Waffe am richtigen Ende und suchte Mokmurian - und entdeckte ihn in vier Metern Höhe schwebend, umwirbelt von blauen Energieschlieren, und das Dröhnen seines Lachens schmerzte in meinen Ohren.
Ich gab einen Schuß ab, der ihn vermutlich auch traf, aber er schien ihn nicht weiter zu stören. Mel und Heidrun zogen Bogen und Armbrust und deckten ihn mit Feuer ein, während Akbash tänzelnd einigen seiner Hiebe auswich.
„Na komm wieder runter, mein Großer! Was soll dir ein bisschen Geschmeiß schon anhaben?“ Mokmurian ignoriert ihn und intoniert weiter seine Magie. Violettes Licht umhüllt nun beinahe seine komplette Gestalt. Etwas zerrt an meinem Kragen. „Hilf mir mal da rauf, vielleicht ist da was brauchbares!“ Aurelia zieht mich zu Mokmurians Thron, und dahinter stehen tatsächlich Regale um regale alchimistischer Gebräue, eingelegter innerein und merkwürdiger Gerätschaften. Mit einem lockeren Seithieb verankere ich meine Peitsche an einem Stuhlbein und ziehe mich ächzend nach Aurelia nach oben.
„Kannst du irgendwas hiervon lesen?“ Sie drückt mir eine Flasche mit grünlichem Gebräu in die Hand. Die Zeihen darauf könnten entweder Schriftzeichen oder ein abstraktes Bild sein.
„Ihr unwürdigen Winzlinge! Verschwindet aus dem Labor des Meisters!“ Eine Stimme ertönt hoch oben in einem Regal. MErkwürig blubbernd, als würde sie durch ein Glas Wasser reden. Hinter uns erschüttert eine Detonation den Saal. Wir drehen uns um, und dort, wo Mokmurian schwebte, ist nun ein - lebender Felsen, anders ist es nicht zu beschreiben. Die blaue Energie hält eine Lose Ansammlung kantiger Monolithen in grob humanoider Form, die doppelt so massig ist wie Mokmurian es war. Blitze schießen von Joachim zu dem Ding, aber es ist schwer zu sagen, ob sie Wirkung zeigen.
„Ich werde euch auffressen, und dann lasse ich meinen wunderschönen Körper neu wachsen!“ Aurelia hat die Quelle des Krakelens entdeckt. In einem großen Glasbehälter treibt inmitten von Alkohol der häßliche Schädel eines Sumpftrolls. Mit einem Grinsen gibt mir Aurelia ein Zeichen. „Warum nicht“ denke ich bei mir und lasse die Peitsche schnalzen. Die leichten Kettenglieder aus Alchmistenmetall legen sich dreimal um den Behälter, und mit einem Ruck fällt er vom Regal.
„Hey, was soll das!“ Aurelia fängt den schweren Behälter mit einem Ächzen auf. Dann sprintet sie an den Rand des Dais und brüllt zu Mokmurian. „Hey, den hier hast du vergessen!“
Ich weiß nicht, ob es an dem Ruf lag, oder ob das Steinwesen sich sowieso gerade in unsere Richtung gedreht hat - auf jeden Fall richtete es seine blauglühenden Augen in dem Moment in unsere Richtung, als Aurelia den Glasbehälter mit Schwung in seine Richtung schleuderte.
Mit einem klatschen zerplatzte er an der Stirn des Wesens, und der darin enthaltene Schädel klatsche mit einem satten matschen mitten in sein Gesicht. Grünlicher Schleim legte sich kurz über die glühenden Augenhöhlen des steinernen Titanen.
Das Brüllen des Elementarwesen war die das Aneinanderreiben tektonischer Platten. Einen Moment lang zog er seine Gliedmaßen ein, erhob sich noch höher in die Luft, und raste dann einem fallenden Stern gleich zu Boden.
Der Aufprall riß mich von den Beinen. Ich rappelte mich auf und sah, wie sich aus dem Krater die Gestalt Mokmurians erhob - allerdings hatte der Steinriese sich doch arg verrechnet. Anstatt vor ihm zu fliehen, stürzte Heidrun mit hoch erhobenem Schwert auf ihn zu, und ihre veruaberte Klinge biss tief in seine steinerne Schulter. Gleich mehrere Bolzen aus Mels Armbrust drangen tief in seine Brust, und als die Einschläge ihn in die Knie drängten, erschien wie aus dem Nichts Akbash Weißhaupt, der goldene Dorn.
„Wärst du mal da oben geblieben, du übergroßer Kiesel“. Schneller, als man es verfolgen konnte, stachen Rapier und Dolche immer und immer wieder tief in den ungeschützten Leib des Riesen. Jede einzelne Wunde mochte geringfügig sein, aber gleich einem Bienenschwarf überzog Akbash den Riesen mit unzähligen Stichen, während Heidrun mit der Grazie eines Holzfällers wieder und wieder auf dieselbe Stelle einhackte.
Mokmurian schaffte es nie wieder auf die Beine.
„Ihr seid nicht -“ Was immer er als letzte Worte geplant hatte, verschwand in einem feuchten Gurgeln, als Akbash Todesstoß seinen Hals durchbohrte.