Der Vettelnzirkel

Author: Nils /

Der Geruch des brennenden Riesen lag schwer in der Luft Eberhart und seine Freunde standen um den schmorenden Leichnam herum. Bis zum Ende hatte der wahnsinnige Frostriese keine Anstalten gemacht, die Flammen zu löschen. „Was sind das nur für Wesen?“, murmelte Eberhart. Akbash stocherte in den Habseligkeiten des Riesen herum, in der Hoffnung, irgendetwas nützliches zu finden. Joachim sah von den Wunden Heidruns auf und sagte das. Was keiner zu Sprache  bringen wollte.
„Tatsache ist, das wir damit leider weder den Hauptmann haben noch die Hexen. Und diese Aufzeichnungen hier sind auch wenig hilfreich.“ Er wedelte mit den Schriftstücken herum, die Aurelia zwischen den Schätzen gefunden hatte. „Ein gewissen 'M' zieht sich nach Jorgenfaust zurück, und ein Teraktinus will mit Drachen Port Grim angreifen!“ Er seufzte. „Aber das ist, so schrecklich es auch wirkt, zweitrangig. Denn falls wir den Hauptmann nicht zu seiner Fee zurückbringen…“
Bei der Erinnerung an die Schreckensfee lief es Eberhart kalt den Rücken herunter. „Mal wieder zwischen Hammer und Amboss. Es hilft also nichts.“ Müde begann er, seine Donnerbüchse neu zu laden. Mel wühlte in seinem Rucksack. „Die Vorräte an Zauberöl gehen zur Neige. Wir kriegen vielleicht noch eine Hexe verbrannt, zwei, wenn sie nahe beieinander stehen.“ Aurelia warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ich will gar nicht wissen, wieviele Leute du noch anzünden kannst, aber sei bloß vorsichtig mit dem Zeug! Du hättest mich eben wieder beinahe angezündet!“
„Wende dich an den Herrn der Flammenpeitsche da. Ich habe nur Befehle befolgt.“ Aurelia stemmte die Hände in die Hüften und ließ keinen Zweifel daran, das sie diese Ausrede nicht würde gelten lassen. Mel kam mit einem tellergroßen Sihedronamulett zurück, das er dem Riesen abgenommen hatte. „Zumindest wissen wir jetzt, dass dieser Bursche hier ebenfalls bei der Verschwörung dabei ist.“
Joachim nickte zustimmend. „Ich hatte mich schon gefragt, was diese ganzen Riesen hier machen. Sie sind nicht dafür bekannt, sich mit Ogern abzugeben. Es war also geplant, die Oger gegen die Feste zu hetzen, ganz, wie wir befürchtet hatten.“
Eberhart hatte fertig geladen und legte die Büchse über seine schwammigen Schultern. „Dann lasst uns ein paar Hexen jagen!“

Ranalds Glück war weiter bei Ihnen – nachdem die beiden Oger in der Vorhalle genug von dem neuen Spiel hatten und ihnen endlich klar wurde, das der Riese unter ihnen blind war, hatten sie ihn zu neuen grausamen Scherzen in den Kessel getrieben. So war der Weg frei in den düsteren Gang, der hinab in das Versteck der Vetteln führte. Einstechender, schwefliger Geruch drang ihnen entgegen. Für Eberhart war es eine Erleichterung von all dem Fleisch, Blut und Gedärmen, vor allem, da ihm bei dem Geruch keine verstörenden Bilder durch den Kopf gingen. Trotz allem war es keineswegs beruhigend. Der Gang führte in einem weiten Bogen nach unten, und nach etwa zwanzig Metern konnte man leise die kratzigen Stimmen der Vetteln hören.
„Sie kommen, sie kommen, die Helden, sie kommen“.
„Was sie wohl wollen, die tapferen Recken?“
„Wollen sie uns gar nieder strecken?“
„Oder wollen sie uns die Hand zum Frieden reichen?“
„Unsere steinernen Herzen erweichen?“
„Sie sind doch so wichtig, so reich, und so gut!“
„Doch Ihre Hände sind nass vom BLUUUUUUT“.
„HAHAHAHAHAHAHAHAHAHA“
Beim Gackern de Vetteln betraten Eberhart und seine Freunde das Hexennest. Es war eine düstere, glosende Höhle, behangen mit Kräutern und mumifizierten Körperteilen. Lavaströme blubberten entlang schwarzem Gestein, das sich spiralförmig in den Raum hinein wand. Die Hitze war nahezu unerträglich, und der Rauch biss in die Augen. Ein blubbernder Kessel stand auf einem Felsvorsprung, und darum hatten sich die widerlichen Vetteln versammelt. Ihre knotigen, krallenbewehrten Hände vollführten unheimlich Gesten über dem Kessel, und ihre pechschwarzen Augen stierten unter buschigen, grauen Brauen hervor. Sie waren kaum voneinander zu unterscheiden, nur ihre zerlumpten Kleider liessen verschiedene Farben erkennen.
„Ahem. Im Namen der Gesellschaft für Abenteuer und Erforschung Maracasars und dem Hohen Rat von Haven fordere ich euch auf, zu kapitulieren!“ Wieder einmal war sich Eberhart bewusst, dass ihn seine Gefährten deutlich verwirrter anschauten als seine Gegner. Er ließ sich nicht beirren, warf sich in die Brust und gestikulierte mit der Büchse.
„Das hier muss nicht in Gewalt enden. Wir wollen den Hauptmann und ein Ende der Regenfälle.“
Die Vettel im roten Kleid sprach als erste.„Und warum sollten wir Euch vertrauen? Ihr habt Lucrecia niedergemacht und Xanesha von ihrem Turm gestürzt. Keiner von ihnen habt ihr auch nur die Gelegenheit gelassen, zu sprechen.“
„Vielleicht sind wir eher sein Typ?“, krächzte die Grüne.
„Ja, oder er braucht jemanden, der für ihn kocht. Jetzt, wo er nochmal so viel Appetit hat!“, gackerte die Gelbe.
„Redet keinen Unsinn!“, unterbrach Joachim sie. „Xanesha und Lucretia waren Dämonen im Dienste einer grausamen Verschwörung. Ihr seid nur – Opfer.“
Das schien den Schwestern noch weniger zu gefallen.
„Was fällt dir ein, Sturmgeborener. Was verspottest du uns!“
„Hast du keine Priester mehr zu beschimpfen oder Götter zu verhöhnen?“
„Immerhin hast du mit unserer Hilfe schon Schildkrötenfähre überschwemmt und die schwarze Magda befreit. Was willst du mehr?“
Blitze begannen Joachims Stab zu umzucken, und ein leichter Wind kam auf. Eberhart legte ihm die Hand auf die Brust. „Lass es uns noch einmal versuchen.“
„Wir schlagen Euch einen Handel vor!“
„Oh, einen Handel!“
„Er bleibt doch eine Krämerseele.“
„Was will denn der mächtige Kämmerer von uns armen Weibern?“
„Übergebt uns den Hauptmann! Dann lassen wir euch ziehen!“
„Den Hauptmann, den Hauptmann.“
„Seid ihr sicher, dass ihr ihn wollt?“
„Er ist ein wenig beschädigt. Er ist etwas… anderes.“
Die Stimmen der Hexen wurden leiser, beinahe, als wollten sie den Namen nicht laut aussprechen.
„Der Meister hat etwas mit ihm getan.“
„Wollte ihn brechen.“
„Wollte ihn wieder zusammen setzen.“
Die Vetteln steckten die Köpfe über dem Kessel zusammen.
„Wir haben entschieden.“
„Wir können ihn rufen!“
„Aber wir wollen etwas dafür.“
„Noch mehr als Eure Leben? Ihr spielt ein riskantes Spiel, Vetteln. Strapaziert nicht unsere Geduld.“
„Nichts Großes soll es sein.“
„Ein winziges Geschenk, ihr braucht es doch gar nicht.“
„Nur die paar Haare, die Eure Waldläuferin am Herzen trägt. Sie hat doch selbst so Schöne, was soll sie damit.“
Eberhart drehte sich zu Heidrun um. „Haare?“ Die Waldläuferin griff sich an die Brust und umfasste einen hölzernen Anhänger. Sie flüsterte. „Die Haare der Fee, wisst ihr nicht mehr? Die der Hauptmann in seinem Lager versteckt hatte.
„Ah“, krächzte Akbash. „Ist das so eine gute Idee? Wer weiß, was sie damit anstellen können. Joachim tippte nachdenklich auf seinen Stab. „Sie werden bestimmt einige furchtbare Hexereien damit begehen können. Andererseits ist die Fee nun ja auch nicht grade nett.“
Heidrun schüttelte den Kopf. „Sie ist rasend vor Trauer. Ihr jetzt noch die Vetteln auf den Hals hetzen? Das könnt ihr nicht ernst meinen.“
Eberhart warf einen suchenden Blick über die Schulter. Die Vetteln starrten sie neugierig an, während sie weiter in ihrem Kessel herum rührten.
„Doch, ich denke, wir sollten das tun.“, sagte er halblaut. „Wir sollten eine faire Übergabe machen.“ Er zwinkerte Heidrun zu. „Und wer wäre dafür besser geeignet, als unser heldenhafter Akbash, der Dämonentöter.“
„Was, wie ich? Aber Heidrun hat doch…“
„Dir gerade die Haare gegeben, nicht wahr?“, fragte Eberhart, während er mit dem Kopf nickte. Akbash legte den Kopf schief, dann griff er in seine Tasche. „Ja richtig. Also dann.“ Er zwinkerte Eberhart zu und wandte sich dann an die Hexen.
„Also, die Damen. Dann komme ich mal auf Eure wunderschöne Insel.“ Er hielt die Hand hoch, in der ein kleines Kästchen lag. „Hier sind die Haare, die ihr wollt. Dann ruft mal den Hauptmann.“
Die Vetteln steckten noch einmal die Köpfe zusammen und sahen Akbash durchdringend an. „Na gut, wir werden ihn rufen.“
„Das werden wir.“
„Und der Schöne kommt zu uns, und bringt uns das Geschenk!“
Mit einem schiefen Grinsen murmelte Akbash. „Ich hoffe, du weißt, was du da tust.“
Eberhart murmelte ebenso verstohlen zurück. „Na klar. Was soll schon passieren?“
Die Vetteln rührten jetzt in ihrem Kessel und begannen, den Namen des Hauptmanns zu skandieren.
„Lamatar , Hauptmann, Herr der Schwarzen Pfeile!“
„Lamatar, Hauptmann, Geliebter der Feenkönigin“
„Lamatar, Hauptmann, seelenloser Schlächter!“

Selbst durch den beißenden Rauch und die drückende Hitze hindurch spürte Eberhart einen kalten Schauer, der ihm über den Rücken lief. Der Ruf der Hexen fuhr durch die Hakenfeste, und irgendwo tief unten, jenseits der Ogerunterkünfte, hörte etwas den Ruf. Und machte sich auf den Weg.
„Wir haben ihn gerufen, nun gebt uns unser Geschenk!“, klang es aus drei Kehlen gleichzeitig!
„Aber sicher, aber sicher. Ihr werdet aber verstehen, dass wir ein wenig misstrauisch sind. Deshalb werden wir zu dritt zu euch herüber kommen. Schließlich seid ihr auch zu dritt, das ist nur fair.“
„Mit Fairness haben wir nichts zu tun, und ihr auch nicht, wenn wir uns an eure letzten großen Heldentaten erinnern.“
„Aber wenn ihr euch besser fühlt, kommt herüber.“
„Herüber, herüber, herüber“, und die Vetteln stimmten ein verstörendes Gackern an.
Eberhart klopfte Akbash auf die Schulter und nickte ihm aufmunternd zu. Heidrun schüttelte heftig den Kopf.
„Ich gebe denen doch nicht die Feenhaare! Bist du bescheuert?“
Eberhart verdrehte die Augen und sah Heidrun eindringlich an.
„Wir gehen jetzt alle drei darüber und geben ihnen das Geschenk, das sie sich verdient haben.“ Er klopfte zur Betonung auf Heidruns Schwert. Er warf einen Blick über die Schulter, aber es war nicht einfach, die Vetteln durch den Rauch auszumachen.
Mit einer entschlossenen Geste zog er seine Hose nach oben und schüttelte die Arme aus. „Lasst es uns tun.“

Mit einem eleganten Satz sprang Akbash über den glühenden Lavastrom. Er winkte Eberhart herüber. Der Händler wischte sich die die verschwitzten Hände ab, nahm Anlauf und trabte los. Mit einem lauten Ächzen wuchtete er sich in die Luft und überwand den großen Schritt über die Lava. „Gütiger Sigmar, als müsste ich nicht genug leiden.“ Er schaute nach Heidrun, die misstrauisch von der anderen Seite herüber stierte. Hinter ihr, Joachim und Mel erblickte er eine weitere Gestalt, die gerade in die Vettelnhöhle kam. Der Rauch schien sich vor ihr zurückzuziehen, als hätte er Angst. Die Gestalt war menschlich, aber überragte selbst Joachim. Sie war in eine schwarze Rüstung gehüllt, und das Gesicht darüber war totenbleich. Seine Augen waren tiefschwarz.
Joachim bemerkte seinen Blick und drehte sich um. „Seid Ihr Lamatar? Der Hauptmann der Rannickfeste?“
Die Gestalt blieb stehen. Der schwarze Blick glitt einmal über die versammelten Personen, dann riss er sein Schwert heraus und hieb auf den Heiler ein. Joachim ging zu Boden. Eberhart schrie auf. „Was? Nein!“
„Wir haben ihn gewarnt.“
„Wir können ihn nicht halten.“
„Aber wir können dich halten!“
Die mittlere Hexe warf etwas in den Kessel, und violette Energieschalen schossen hervor und wanden sich um Akbash. Der Glücksritter riss sein Rapier hervor, aber er konnte die Energiebänder nicht durchdringen. Mel und Aurelia zogen ihre Waffen und beschützten Joachim, aber Lamatar trieb sie mit weiten Hieben seines Schwertes zurück. Eberharts Kopf ruckte hin und her, aber er wusste nicht, welcher Bedrohung er sich zuwenden sollte.
Die Vetteln gackerten und lachten, während sie weitere Zutaten in den Kessel warfen. Lamatar drängte Mel mit wilden Hieben an den Rand der Lava. Aurelia hackte ihr Schwert in die Seite des ehemaligen Hauptmanns, aber erzielte nicht die geringste Wirkung. Ein Pfeil flog an Eberhart vorbei und traf eine der Vetteln. Die Hexe taumelte kurz, dann griff sie in den Kessel, und der Pfeil fiel aus Ihrer Brust, während sich die Wunde wieder schloss. Eberhart griff nach den Energiesträngen, die Akbash gefangen hielten, aber sie waren so hart wie Stahl. Akbash fluchte und hackte mit seinem Dolch auf die Energiestränge ein. Eberhart seufzte und hob die Donnerbüchse. „Das hört jetzt auf!“ Er schritt auf die drei Hexen zu. Ein schwarzer Blitz schoss aus dem Kessel und traf ihn in die Brust. Grausame Schmerzen durchzuckten ihn, und er ging zu Boden. Seine Waffe rutschte aus seinen Händen. Er zuckte auf den Steinen hin und her wie ein Lachs auf dem Trockenen. Seine Hände krümmten sich unkontrollierbar, seine Kiefer pressten sich so fest zusammen, dass seine Zähne knirschten.
„Oh, was für ein Festmahl wir haben werden.“
„Erst den Fetten, dann den Netten, und dann die dreisten Weiber.“
„Und dann werden wir die Macht haben, Lamatar zu binden.“
Und das Gackern der Hexen erscholl wieder, aber nicht laut genug, um die Schmerzensschreie seiner Freunde zu übertönen. Voller Verzweiflung presste er die Augen zusammen, und Tränen liefen ihm die Wangen herunter.
„Eberhart! Eberhart! Hör auf, dich auszuruhen, verdammt.“ Akbash Stimme drang durch einen Nebel der Schmerzen zu ihm durch. „Komm schon, Moppelchen. Schnapp dir den Kessel!“
Eberhart blinzelte ein paarmal. Die Schmerzen schossen unvermindert durch seinen Körper, aber in letzter Zeit hatte er so viel durchgemacht, das er sich schon fast daran gewöhnt hatte. Außerdem konnte er den Kessel jetzt riechen – und tief in seinem Inneren erklang ein Grollen. Ein beißender, zehrender Hunger erfüllt ihn und wusch die Schmerzen hinweg. Er grunzte und schob seine gewaltigen Arme unter sich und richtete sich auf.
Die Vetteln beachteten ihn nicht, stattdessen zeigten sie auf de Kampf zwischen Mel, Aurelia und Heidrun. Heidrun hatte aufgegeben, auf die Hexen zu schießen und sich dem Kampf angeschlossen. Aber selbst die mächtigen Hiebe der Goblinschlächterin konnten die Rüstung des bleichen Kämpfers nicht durchdringen.
Schwerfällig kam Eberhart auf die Beine. Er taumelte einen Moment, dann machte er den ersten Schritt. Dann noch einen. Nach drei Schritten begann er zu laufen. Oder zumindest so schnell zu gehen, wie seine massige Gestalt es ihm erlaubte. Er war noch drei Schritte von den Vetteln entfernt, als die linke sich ihm zuwandte. Aus der Nähe konnte er ihre grotesken Züge erkennen. Ihre Haut war grün, überseht mit schwarzen Warzen. Ihre lange, krumme Nase reichte bis an ihre Unterlippe, und zwischen ihren dünnen Lippen ragten krumme, aber scharfe Zähne hervor.
Zwei Schritte. Die Hexe kreischte auf und zeigte auf ihn.
Ein Schritt. Die Hände der Vettel hatten lange, scharfe Krallen, und sie hob sie, um sie Eberhart durchs Gesicht zu ziehen.
Der Händler versuchte nicht einmal, zu bremsen, sondern rannte ungebremst in die Mitte der Hexen und warf sich mit seiner gesamten Masse gegen den Kessel. Er spürte einen scharfen Schmerz, als sein Wanst sich gegen den kochenden Kessel presste, dann mehr Schmerz, als die Krallen der Vettel sich über seine Seite und das Gesicht zogen. Aber dann kippte der Kessel, und sein gesamter, widerlicher Inhalt ergoss sich in die Lava. Das wütende Kreischen der Hexen wurde übertönt von dem Zischen des Zaubertrankes, der sich in grünen Dampf verwandelte. Dann wurde es schwarz um Eberhart.

Heidrun hörte das laute Zischen hinter sich und nahm die plötzliche, neue Qualität des Gestanks war. Entnervt schlug sie das Schwert Lamatars zur Seite und wagte einen kurzen Blick über die Schulter. Eberhart lag auf dem Boden wie ein gestrandeter Wal, und die Vetteln standen über ihm wie ein Schwarm Geier mit gespreizten Krallen. Die Energiebänder um Akbash begannen sich aufzulösen, und der Glücksritter warf sich mit einem Lachen auf die Vetteln.
Warum muss immer alles schief gehen, wenn der Dicke einen Plan macht?, fragte sie sich. Und warum hörten sie immer wieder auf ihn? Sie duckte sich unter einem Hieb des bleichen Hauptmanns, während Aurelia wirkungslos auf seinen Rücken einhackte. Das brachte sie alles nicht weiter. Sie dachte an ihre Gürteltasche, in der die Haare der Feenkönigin ruhten. Lamatar hatte keinerlei Reaktion darauf gezeigt. Es wurde Zeit für eine Planänderung.
„Mel? Aurelia? Ihr haltet ihn auf.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, rollte sie sich rückwärts aus der Reichweite des Hauptmanns und kam mit einer fließenden Bewegung wieder auf die Beine. Ohne zu zögern, setzte sie über auf die Felseninsel. Als sie die Lava überwand, hatte sie kurz das Gefühl, das sie einen Vorhang durchschritt. Irgendetwas strich an ihr entlang, dann war sie hindurch. Als sie auf der anderen Seite war, fühlte sie sich merkwürdig … leicht. Sie wollte zu den Vetteln stürmen, die Akbash inzwischen gepackt hatten, aber sie kam aus dem Gleichgewicht. Ihre Arme bewegten sich nicht so, wie sie sollten. Und eine schreckliche Kälte breitete sich an ihrer Seite aus. Taumelnd kam sie zum Stehen und griff in die Gürteltasche. Ihre Hand wurde kalt wie Eis, als sie das Kästchen mit den Haaren ergriff. Sie zog sie hervor, und ein kaltes, weißes Licht drang unter dem Deckel hervor. Wo es ihre Hand berührte, wurde sie weiß, dann beinahe durchscheinend. Sie wollte das Kästchen fallen lassen, aber ihre Hand gehorchte ihr nicht. Stattdessen sah sie zu, wie ihre Rechte das Schwert fallen ließ und langsam, ganz langsam, den Deckel hob.
Die drei Haare darin strahlten wie eine kalte Sonne. Kälte durchfuhr sie wie beim Durchschreiten eines Wasserfalls, und etwas drang in ihren Kopf ein.

Als das Kästchen zu fiel, gab es keine Heidrun mehr. An ihrer Stelle schwebte die bleiche, gequälte Gestalt von Myriana der Feenkönigin. Ihre Arme, ausgerissen von den Ogern, schwebten neben ihr, und ihr weißen, durchscheinenden Füße schienen den Boden kaum zu berühren. Der Rauch wurde zu Boden gedrückt, und sogar die Lava schien sich mit einem Knirschen zu verhärten, als eine plötzliche, eisige Kälte den gesamten Raum erfüllte.
Die Vetteln ließen Akbash fallen und wichen zurück.
„Das kann nicht sein.“
„Er hat es versprochen.“
„Wir sollten sicher sein vor Ihr“.
Myriana brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. „Das wart ihr auch, bis mich diese Sterbliche in Euer Sanktum getragen hat. Sie hob ihre Linke, auf deren Handfläche drei goldenen Haare ruhten, die sie Lamatar Biden als Liebesbeweis überlassen hatte. „Jetzt bin ich hier, und ihr werdet für euren Verrat zahlen.“
„Hab Mitleid, Myriana, wir wurden gezwungen!“
„Zeig Güte, Feenkönigin, lass uns am Leben!“
„Sei gnädig, Schwester, und wir wollen dir dienen!“
Die Vetteln hatten sich, soweit sie konnten, von der schwebenden Gestalt zurück gezogen. In Myrianas Augen loderte kalter Hass.
„Ihr habt mich an die Oger verraten.“ Ein weißes Leuchten erfasste die Vetteln.
„Ihr habt mein Reich entweiht.“ Das Leuchten wurde greller, und die Hexen begannen zu kreischen.
„Und ihr habt mir meinen Geliebten genommen!“ Das Licht blitzte auf, und die Vetteln erstarrten in ihrer flehenden Pose. Eis überzog ihre Haut, und mit einem Knacken und Knirschen versteiften sich ihre Glieder. Als das Licht sich zurückzog, war von den drei Schwestern nur noch ein gewaltiger Klumpen Eis mit vage hexenhaften Zügen übrig geblieben.
Ohne Ihre Beine zu bewegen, schwebte die durchscheinende Gestalt herüber zu Lamatar und dem Rest der Gruppe. Als Myriana erschienen war, hatte der bleiche Kämpfer aufgehört, um sich zu schlagen, und starrte sie nur an. Aurelia half Mel, Joachim aus dem Weg zu ziehen.
Myriana schwebte jetzt direkt vor dem Schwarzgerüsteten. Obwohl Ihre Füße den Boden nicht berührten, war sie doch gerade so hoch, dass sie ihm in die schwarzen Augen sehen konnte.
Sie hob die linke, in der noch zwei ihrer Haare lagen, und strich mit dem Handrücken über seine Wange. „Oh mein Geliebter, was haben sie nur mit dir getan?“ Der Bleiche starrte nur. „Sie haben die Finsternis in deiner Seele gefunden, und nun hat sie dich gefangen.“ Die Stimme der Feenkönigin zitterte. „Jetzt bist du genauso gebrochen, wie ich es bin.“ Geisterhafte Tränen liefen aus den leeren Augenhöhlen Myrianas. „So lass mich dir einen letzten Dienst erweisen, mein Geliebter. Lass mich dich von deinen Qualen erlösen. So wie du mich für kurze Zeit von meiner Einsamkeit befreit hast.“ Sie legte die Haare in die Hand des stillen Kämpfers, und für einen Moment erschien wieder Farbe in seinem Gesicht. Das schwarz seiner Augen wich zurück und machte Platz für ein helles Braun.
„Myriana“, hauchte er.
„Lamatar“, antwortete sie, bevor sie seine Lippen mit einem Kuss bedeckte. Lamatar versank in dem Kuss, und ein Ausdruck wahren Friedens überzog sein Gesicht. Dann zuckte er zusammen. Aus seinem Rücken ragte eine Handbreit der Klinge von Goblinbeisser. Langsam, zärtlich, ließ Myriana den Körper ihres Geliebten zu Boden sinken. Sie faltete seine Hände über der Brust, nachdem sie das Schwert daraus hervorgezogen hatte. Mit ihrer linken nahm sie das letzte verbliebene Haar und richtete sich auf. Das grellweiße Licht war weicher geworden, beinahe golden. Myrianas Gestalt hatte sich ebenso verändert. Ihre Arme waren wieder mit ihrem Körper verbunden, und statt der leeren Augenhöhlen in der weißen Grimasse blickten große, grüne Augen auf die verbliebenen Streiter. Ihre Züge vermischten sich auf verstörende Art und Weise mit denen Heidruns. Es war nicht klar, ob ihre Züge über denen der Waldläuferin lagen, oder aus ihr heraus schienen. Akbash hatte inzwischen Eberhart aufgeholfen und war mit ihm an den Rand der erkalteten Lavaströme gehumpelt. Mel und Aurelia hielten Joachim aufrecht. Seine Wunden hatten bereits aufgehört zu bluten, aber er war in keiner Verfassung, jemand anders zu helfen.
„Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen. Dank Euch konnte ich meine verfluchten Schwestern bändigen, meinen Geliebten erlösen und meinen Todesfluch erfüllen.“ Sie hob Heidruns linke Hand, in der noch ein goldenes Haar lag. „Ich habe noch genug Kraft für einen Dienst, bevor ich in mein Reich zurückkehren muss und dort auf meine Wiedergeburt warte. Was ist Euer Wunsch?“
Die Gefährten wechselten ein paar müde Blicke. Am Ende war es Eberhart, der das Wort ergriff. „Nun, ähm, könnten wir, unsere Heidrun zurückhaben? Sie ist nicht immer einfach, aber... wir hängen an ihr?“
Myriana lächelte. „Ich brauchte nur einen Anker in dieser Welt, und Eure Freundin ist dem Feenreich am nächsten. Sie wird unbeschadet zu euch zurückkehren. Vielleicht ein wenig ... glücklicher. Aber das soll nicht euer Wunsch sein. Man sagt uns Feen nach, das wir die Sterblichen hintergehen wollen – vielleicht kann ich euren Glauben an uns ein wenig erneuern.“
Joachim hustete, dann biss er die Zähne zusammen, bevor er as Wort an die Fee richtete. „Unser neues Heim ist in Gefahr. Port Grim soll von einem Wesen namens Teraktinus angegriffen werden. Wir müssen dorthin und unsere Heimat verteidigen.“
Akbash wedelte aufgeregt mit der Hand. „Sollten wir nicht lieber nach Haven, oder in die Rannikfeste, wegen Verstärkung, oder ...“
Das goldene Licht der Feenkönigin umfing sie alle, und mit einem sanften Windhauch und einem warmen Gefühl im Herzen verschwand die düstere Höhle, der grausame Hakenberg, und der alles durchdringende Geruch nach Fleisch und Tod. Als sie wieder zu sich fanden, standen sie alle an einer Wegkreuzung auf den Klippen von Port Grim. Unter ihnen erhob sich die kleine Hafenstadt, und man konnte sogar schon den Rohbau des Gildenhauses im Westen der Stadt erkennen. Eberhart sog scharf die Luft ein.
„Sagt mir, dass jemand das Gold eingesammelt hat!“

Der Kampf gegen Bruchbein

Author: Nils /

Der weite Gang führte in eine Art überdimensionierten Thronsaal. Eine Rampe in der Mitte des Ganges, flankiert von Pfählen, endete in einem riesigen, steinernen Sitz. Die Höhle war nach oben offen, und kalter Wind peitschte in den Raum.
Die Gefährten näherten sich vorsichtig der Rampe. Auf den Pfählen staken die traurigen Überreste der Oger, die dem Häuptling widersprochen hatten. Sie waren überraschend unversehrt. Inzwischen waren wir es gewohnt, das Leichen, egal ob die der Oger oder anderer Wesen, mindestens einige Bisspuren oder andere Anzeichen von Kannibalismus trugen. Wieso waren ausgerechnet hier, im Zentrum der Macht, beinahe unversehrte Körper ausgestellt? War es die Art des Häuptlings, seinen Reichtum darzustellen?
Eberhart wandte sich leise an Joachim. „Was hat das hier zu bedeuten? Und wo ist der Häuptling?“
„Eine berechtigte Frage.“ Der Heiler ging in die Knie und berührte den Boden. Seine Augen schimmerten kurz grünlich auf. „Dies hier ist nicht der Ort der Macht. Die Linien führen zwar hier hindurch, aber sie kreuzen sich an anderer Stelle.“
Aurelia und Akbash waren inzwischen bis zum Thron selber vorgedrungen. Akbash war auf die Sitzfläche geklettert und spähte um sich, während Aurelia in den Beutehaufen herumstocherte, die sich darum auftürmten.
Ein Erschütterung ging durch den Boden. Eberhart hielt sich an Joachim fest, der ebensosehr wankte wie er. Ein weiterer Stoss.. Und noch einer. „Ein Erdbeben?“, fragte Mel
„Das ist viel zu regelmässig für ein Erdbeben.“, gab Joachim zurück. „Das klingt eher wie…“
Mit schreckgweiteten Augen starrten sie zurück in den Gang, aus dem Sie gekommen waren. Die Gestalt, die daraus hervortrat, musste sich tatsächlich bücken, um den drei Schritt hohen Tunnel zu durchqueren, und richtete sich danach zu unfassbaren vier Schritt Höhe auf. Ein musbelbepackter Torso, behangen mit einer Kette aus rot glosenden Steinen, stand auf baumstammdicken Beinen. Die haut war blass, beinahe bläulich, was die rote Behaarung noch deutlicher hervorstechen ließ. Ein Arm strich über den langen, wirren Bart des Riesen, während der andere einen mannshohen Hammer hielt. Das Gesicht war eine wirre Masse aus Narben, einer mehrfach gebrochenen Nase und wüstem Bart, Brauen und Haarwuchs. In den kristallblauen Augen lag eine gewisse Verschlagenheit, aber vor allem unbändiger Zorn.
Was tut ihr Maden im Thronsaal von Baal Bruchbein!“
Alleine seine Stimme reichte schon aus, um Eberhart, Joachim und Mel mehrere Schritte die Rampe hinaufzutreiben. Eberhart fing sich, und versuchte, das Wort an den Riesen zu richten.
„Nun, wir sind die Gesellschaft …“
Mit einem Krachen schlug der Hammer in den Boden und sandte eine Schockwelle durch den Fels, der Eberhart und seine Freunde zu Boden warf.
Ihr seid Maden und werdet zerquetscht!“ donnerte Baal und setzte sich in Bewegung. Seine ersten Schritte sahen noch langsam aus, aber jeder Schritt hatte eine solche Reichweite, das der zweite den riesigen Hammer schon in Reichweite Eberharts brachte. Er krabbelte verzweifelt zur Seite, um sich zwischen den Pfählen zu verstecken. Wenn er auch bezweifelte, das ihm die irgendeinen Schutz bieten konnten. Die anderen rappelten sich ebenfalls auf oder krochen zur Seite, um nicht zertreten oder zerschmettert zu werden.
Bleibt stehen, Maden, und lasst euch zertreten!“ Der Hammer kreiste um den Kopf des Riesen, aber er schien überfordert mit der Auswahl an Gegnern. Akbash nahm ihm die Wahl ab.
Der Glücksritter war vom Thron herabgesprungen und dem Riesen entgegengelaufen. Sein Rapier blitzte im Schein der Fackeln. Mit einem lauten „Ha!“ und einem perfekten eingesprungenen Ausfall trieb er seine Waffe direkt unter Baals Kniescheibe. Der Schmerzensschrei des Riesen war beinahe gefährlicher als seine Waffe. Der Schall vibrierte tief im Brustbein Eberharts, und er sah einige Stalaktiten an der Decke gefährlich wackeln. Baals Hammer fuhr hernieder, aber Akbash rettete sich mit einem eleganten Rückwartssprung. Der hIeb trieb ein tiefes Loch in die Rampe, und mehrere der Pfähle lösten sich aus Ihrer Verankerung und fielen um. Eberhart konnte sich gerade noch wegrollen, um nicht von einem Ogerleichnam begraben zu werden. Als er so einigermaßen außer Reichweite de fallenden trümmer war, wandte er sich wieder dem Kampfgeschehen zu. Täuschte er sich, oder war Baal noch größer geworden? Auf jeden Fall waren seine Arme angeschwollen, die taudicken Sehene traten hervor, und er hieb unkontrolliert um sich. Sein verletztes Bein machte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung, aber das Monster schien jede Strategie vergessen zu haben und war ein reiner Sturm der Zerstörung. Akbash huschte von Pfahl zu Pfahl, immer weiter die Rampe herauf, aber das würde ihn nur wenige Sekunden retten. Eberhart sah, das Mel, Aurelia und Heidrun auf die Beine des Monsters einhackten, aber obwohl sie blutige Wunden schlugen, ignorierte der Riese sie völlig.
Joachim sprach magische Formeln und warf glitzernden Staub in Richtung Baals, aber auch das schien keine Wirkung zu erzielen. Eberhart hob seine Donnerbüchse aus den Trümmern und entlud sie in den Rücken des Riesen. Die Wirkung war gelinde gesagt enttäuschend. Davon abgesehen, das die meisten Kugeln kaum die Haut des Riesen durchdrangen, nahm Baal trotz des namensgebenden Donners der Waffe keinerlei Notiz von ihm. Seine gebündelte Wut konzentrierte sich auf den wuselnden Akbash, der sich jetzt hinter den Thron zurückgezogen hatte.
Mel und Heidrun hatten sich zu Eberhart und Joachim zurückgezogen. „Das bringt uns alles nicht weiter.“, murmelte er und wühlte in seinem Rucksack. „Zeit für Plan B.“ Mit einem freudigen Grinsen hielt er eine Phiole mit Zauberöl in die Höhe. Eberhart seufzte, dann klaubte er seinen verbliebenen Brandbeschleuniger ebenfalls aus dem Beutel. Er reichte ihn an Heidrun. „Du triffst besser als ich“, murmelte er. Die Waldläuferin nahm die Flasche vorsichtig entgegen und nickte bedächtig.
Ball bearbeitete den steinernen Thorn mit mächtigen Hieben, aber der Steinsitz war solide und widersetzte sich zumindest kurzfristig. Eberhart formte seine Hände zu einem Sprachrohr und brüllte „Plan B!“ In Richtung des Riesen. Sofort stoppte Aurelia ihre fruchtlosen Angriffe auf den Unterschenkel und rannte zurück. In hohem Bogen flogen die Flaschen mit der alchimistischen Flüssigkeit die Rampe herauf und zerplatzten auf Kopf und Rücken des Riesen. Zähflüssig verteilte sich das Öl in den Haaren des Monsters. Baal hatte inzwischen seinen Hammer mit beiden Händen gepackt und schwang ihn in einem weiten Bogen gegen die Lehne des Throns. In einem Splitterhagel löste sich die massive Steinplatte und krachte zu Boden.
Auf diesen Moment hatte Akbash gewartet, und er hechtete über den Sitz des Throns und zwischen den Beinen des Riesen hindurch. Mit wehender Hutfeder sprintete er in Richtung Eberharts und der anderen. Mel arbeitete inzwischen hektisch mit einem Bolzen und wickelte eine Stoffbahn darum, die er dann in Öl tränken wollte.
„Dafür haben wir keine Zeit“, grunzte Eberhart, nahm eine Fackel aus der Halterung und warf sie dem Riesen entgegen. Sie prallte von seiner Brust ab und klapperte zu Boden.
„Na toll“, kommentierte Heidrun trocken. Sie klopfte kurz dem keuchenden Akbash auf den Rücken, zog Ihr Schwert und lief dem rasenden Baal entgegen. Der hatte inzwischen gemerkt, das seine Opfer sich nicht stellen wollten. Mit einer wütenden Geste packte er sich an die Brust und riss die leuchtende Kette ab. Mit einer abfällingen Geste warf er die glühenden Steine über die Gruppe hinweg. Noch im Flug platzten die Perlen auf und verwandelten sich in glühende Feuerkugeln, die jetzt den Rückweg aus der Höhle versperrten.
„Ah, interessant. Ihr solltet Euch den Kugeln nicht nähern – sie tendieren dazu, zu explodieren.“ Joachim schien nicht sonderlich beunruhigt ob der Tatsache, dass sie jetzt zwischen Feuerkugeln und einem Eisriesen eingeklemmt waren.
„Na, immerhin haben wir jetzt die Wahl – Pfannkuchen oder Röstkartoffel!“ Akbash Kommentar hatte etwas leicht panisches.
Während Heidrun und Aurelia versuchten, den Riesen in die Zange zu nehmen, was aufgrund seiner Größe und der Enge der Rampe schwierig war, sondierte Eberhart die Lage. Er klatschte die Hände zusammen. „Akbash, meinst Du, du kannst ihn noch mal so reizen, das er dich verfolgt?“
Der Grlückritter sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an. „Wenn ich wollte, bestimmt – aber warum sollte ich?“
Der Händler zeigte kommentarlos auf die Reihe der Kugeln, die in etwa einem Meter Höhe schwebten. „Du passt da drunter durch.“ Er zeigte mit der anderen Hand auf Baal. „Er nicht.“
„Du bist wahnsinng.“ Akbash schüttelte den Kopf. In diesem Moment ertönte ein Schrei. Mit einer unerwartet schnellen Rückhand hatte der Riese Aurelia von der Rampe gefegt. Ihr Schrei endete mit einem harten Aufprall auf dem drei Meter weiter unten gelegenen Boden. Heidrun schrie schrill auf und trieb Ihr Schwert tief in das schon verwundete Bein des Riesen. Obwohl er weiter keine Schmerzen zu spüren schien, knickte das Bein aufgrund fehlender Muskeln ein, und Baal landete hart auf dem Knie.
Akbash ergriff die Gelegenheit und sprintete los. Noch bevor Baal sich aufrichten konnte, sprang er auf sein Knie, stieß sich ab, und fügte dem Riesen einen tiefen Schnitt quer über das Gesicht zu, so das ihm das Blut in Strömen über die Augen lief. Heidrun nutzte die Ablenkung, hastete an ihm vorbei und griff die noch glosende Fackel.
Geblendet und völlig aus dem Gleichgewicht kam Baal torkelnd wieder auf die Beine. Er schüttelte den Kopf und wischte sich durchs Gesicht, um wieder sehen zu können. Seine Augen fanden Akbash, der sich gerade spöttisch vor ihm verneigte und mit dem Hut wedelte.
„Entschuldigt, Herr Bruchbein, aber ihr hattet da was im Gesicht.“, rief er mit einer sich vor Panik überschlagenden Stimme. Statt einer antwort erönte ein langgezogenes WUUUUUSCH.
Flammen schlugen aus den Schultern des Riesen in die Höhe, erreichten sein Haar und verwandelten seine rote Mähne in ein brennendes Inferno. Zwischen seinen Beinen erkannte man die Gestät Heidruns, die ihn mittels der glimmenden Fackel angezündet hatte.
Die Augen des Riesen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, dann rannte er mit einem langgezogenen Heulen in Richtung des Glücksritters.
Mel, der gerade seinen Brandpfeil entzünden wollte, ließ ihn unverrichteter Dinge fallen. „Jetzt brennt er also auch noch. Und jetzt?“
AUS – DEM – WEG!“ Akbash rannte Hals über Kopf auf sie zu, jeder Gedanke an Kampf und Bravado vergessen, der brennende Riese unmittelbar hinter ihm. Panisch sprang Eberhart zur Seite und krallte sich an einen der Pfähle, auf dem eine besonders fette Ogerleiche stak. Er konnte nicht erkennen, was die anderen taten, aber wie durch ein Wunder schien keiner von ihnen von den schwelenden Beinen des rasenden Riesen erfasst zu werden. Mit der Kraft der Verzweiflung hielt er sich an dem Pfahl fest, verdrehte den Hals, konnte aber nur noch erkennen, wie Baal ungebremst in seine eigenen Feuerbälle hineinrannte. Ein vierfacher Donnerschlag ertönte, und eine Flammenwelle raste durch die Höhle. Eberhart drückte sein Gesicht in die Armbeuge und fühlte die Flammen über seine Kleider lecken. „Mein Pulverhorn!“ schoss es ihm durch den Kopf, aber da war die Flammenwand auch schon vorbei. Er dampfte zwar, aber seine vom Dauerregen und Schnee durchweichten Kleider hatten ihn vor dem schlimmsten gerettet. In seinen Ohren klingelte es nur. Er blinzelte ein paarmal, aber er konnte nur Flammen und Schatten erkennen. Hände ergriffen sein Wams und zogen an ihm. Bevor er wußte, was ihm geschah, taumelte er schon ungelenk auf die Rampe. Er blinzelte sich weiteren Russ aus den Augen und erkannte Mel und Heidrun, die ihn aufrecht hielten. Er sah, das ihre Lippen sich bewegten, konnte aber über das Klingeln in seinen Ohren nichts verstehen. Sie deuteten die Rampe herunter. Er folgte Ihren Bewegungen und brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er dort sah.
Baal Bruchbein stand noch immer. Er brannte von Kopf bis Fuss lichterloh, und das aggressive Öl hatte sich an seinem Rücken und dem Hinterkopf, wo es als erstes Fuß gefasst hatte, schon bis auf die Knochen gefressen. Er schlug immer noch mit dem Hammer um sich, aber jeder Hieb liess ihn nur hin und her wanken. Als er sich nach einem Schwinger zu ihnen wandte, wurde Eberhart klar, dass der Kampf vorbei war. Das Gesicht des Riesen war eine einzige, verbrannte Masse. Seine Augen waren durch die Hitze verflüssigt und aus den Höhlen gelaufen, sein Bart war eine einzige Flammenlohe. Eine Wange war zerfressen und darunter konnte man den geschwärzten Kiefer erkennen. Seine Kiefer malten noch, und er schien nicht zu verstehen, was passierte. Schließlich, quälend langsam, knickte sein rechtes Knie ein. Dann sein linkes. Und wie ein gefällter Baum, fiel er vornüber und schlug krachend auf dem Boden auf. Er machte noch einen letzten Versuch, sich wieder aufzurichten, aber inzwischen hatte sich das Feuer durch das Fett seiner Oberarme in die Muskeln gefressen, und er fiel wieder zu Boden, endgültig still.
Joachim war zu ihnen getreten, Aurelia stützte sich humoelnd auf seine Schulter. Langsam kam Eberharts Gehör zurück.
„Was ist mit Akbash?“ fragte Aurelia. Eberhart suchte in den Gesichtern von Heidrun und Mel nach Antworten, aber die beiden schienen ebenso hilflos wie er. Müde, aber vorsichtig, machte er sich auf den Weg zu dem noch immer brennenden Leichnam des Riesen. Die Hitze war enorm, ebenso der Gestank. Selbst ihm Liegen war das Wesen beinahe mannshoch, so massiv war er gebaut, und die flackernden Flammen verhinderten, dass sie ihm näher als auf einen Schritt kamen.
„Vielleicht liegt er ja… drunter“, gab Mel zu bedenken. Eberhart schluckte. Das war eine reale Möglichkeit, und er sah nicht, wie sie dem Glücksritter dann noch helfen konnten.
„Ha“, ertönte eine krächzende Stimme. „Als ob ich so ein Glück hätte.“ Schweren Schrittes, mit rauchender Kleidung und versengter Feder am Hut, kam Akbash um den Leichnam herumgeschlurft. Er hielt einen Arm fest, der ziemlich lädiert aussah, und wirkte allgemein, als hätte er ein erfrischendes Aschebad genommen. „Ich war grade drunter durch und wieder auf den Beinen, da ist die erste Kugel losgegangen. Hat mich locker fünf Schritt in den Gang befördert. Aber das ist noch nicht das schli…‘“ Er verstummte, als ihm Heidrun um den Hals fiel und ihm stumm an sich drückte. Sie sagte nichts, sondern hielt ihn nur fest. Alle anderen starrten ebenso überrascht wie Akbash. Er konnte der Waldläuferin nur mit seinem heilen Arm auf den Rücken klopfen. „Äh, danke, ich, hab überlebt. Bis jetzt.“ Ruckartig liess sie ihn los und schob ihn wortlos zu Joachim. Der war zwar ebenso perplex wie die anderen, begann aber beinahe instinktiv mit der Versorgung von Akbash Wunden. Heidrun schritt zu Eberhart. Sie blickte ihn hart an.
„Das war ein mieser Plan.“, flüsterte sie grimmig. Sie bohrte ihm den rechten Zeigefinger in die Brust. „Nächstes Mal riskierst du deinen eigenen Hintern.“
Entschuldigend hob Eberhart die Hände. „Ähm, äh, ja sicher.“ Mit einem letzten, vernichtenden Blick ließ Heidrun ihn stehen und ging um den Höhleneingang herum, um Wache zu stehen.
„Habe ich was verpasst?“ murmelte Eberhart. Mel klopfte ihm auf die Schulter.

„Bestimmt. Aber mach dir nichts draus. Ich hab auch meine schönen Brandpfeil verpasst. Manchmal gewinnt, man, manchmal verliert man, eh?“ Und er machte sich auf die Suche nach interessanter Beute.  

Vom Schädeldamm nach Norden

Author: Nils /

Der Haken ragte vor Ihnen auf wie ein Mahnmal aus einer anderen Zeit. Die eisbedeckten Ebenen machten Platz für die schroffen, abweisenden Wände der Bergfeste. Vor dem höhlenartigen Eingang in das Innere klaffte eine Spalte durch das immerwährenden Eis, nur ein einziger Übergang führte direkt in den Eingang, der passenderweise „Der Schlund“ genannt wurde. Schwarzer Rauch quoll hinter den Wänden des Hakens empor, und leises, dumpfes Grollen lag in der Luft.
„Ein Vulkan?“ fragte Eberhart, dem trotz der eisigen Temperaturen der Schweiß in Bächen von der Stirn troff und in den Zeltbahnen verschwand, in die er sich gewickelt hatte, seit der Fluch auch seine letzten Kleidungsstücke bersten ließ.
„Soviel Glück haben wir wohl kaum“, gab Akbash zu bedenken. Eben kehrten Aurelia und Heidrun von Ihrer Erkundung zurück. Heidrun war verschlossen wie immer, und selbst Aurelia schien erschüttert. Sie fasste sich und erstattete Bericht. „Die guten Nachrichten zuerst – es gibt keine Wachen.“
„Keine einzige?“ Akbash blickte sie ungläubig an.
„Keine. Und damit kommen wir zu den schlechten Nachrichten. Es gibt keine Wachen, weil man völlig wahnsinnig sein muß, um dort hinein zu gehen. Hinter dem Schlund lauert die Hölle. Wir dachten, die Rannikfeste wäre furchtbar gewesen, aber das da…“ Sie strich sich mit einer zitternden Hand durch die Haare. „Ich weiß nicht, was wir dort sollen. Es sind alleine im Hof mindestens 50 Oger, und alleine der Fleischer…“
Heidrun ergriff zu aller Überraschung das Wort. „Da drinnen ist nur Tod und Wahnsinn. Was Ihr hört, ist kein Vulkan. Es sind die Lieder der Oger. Seid froh, dass Ihr die Worte nicht versteht. Hier gibt es nichts, was wir tun können.“
Eberhart ließ sich schnaufend am einem Felsen zusammen sacken. Joachim schüttelte den Kopf. „Wir können hier nicht aufgeben. Ihr ahnt nicht, was passieren wird, wenn die Dryade Ihren Liebhaber nicht findet. Das Leid, das eine wahnsinnige Fee über das Land bringen kann, ist mindestens ebenso schlimme wie alles, was die Oger tun können.“
Mel strich sich über den rasierten Schädel. „In der Rannikfeste haben wir auch nicht jeden einzelnen Oger erschlagen. Lasst uns hier genauso vorgehen. Wir gehen rein, erledigen den Häuptling und sehen, was passiert.“ Er zeigte mit einem Finger auf Eberhart „Zur Not setzen wir den Dicken als neuen König ein, den Unterschied sieht eh keiner mehr.“
Zögerliches Lachen ertönte, aber wiederum fragte sich Eberhart, wieviel von Mels Vorschlägen ein Witz war und wie viel Ernst. Er konnte es am Gesicht des Mannes einfach nicht ablesen.
„Verstörende Vorschläge mal zur Seite, Mel du Joachim haben Recht.“ Akbash deutete auf den Schlund. „Wir müssen es einfach versuchen. Wir haben sie aus der Rannikfeste vertrieben und den Schädeldamm zumindest vorerst gesichert. Wenn wir jetzt nicht den Kommandanten da raus holen, verlieren wir Schildkrötenfähre an die Oger, und den Rest des Landes an die wahnsinnige Fee.“
Eberhart räusperte sich. „Und das können wir nicht passieren lassen. Denkt dran. Wir sind die Gesellschaft für Abenteuer und Erforschung Maracasars – wir haben in die Rannikfeste und die Absicherung Havens investiert. Wie soll das aussehen, wenn unsere erste offizielle Mission an ein paar Ogern scheitert?“
Heidrun schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf, Aurelia zuckte nur mit den Schultern. „Ach wisst Ihr, lasst uns doch einfach alle zusammen in den Kessel schauen. Mal sehen, wie motiviert ihr dann och alle seid.“


„Wir werden alle sterben.“ Akbash stellte diese Tatsache mit leicht bebender Stimme fest. Eberhart war wimmernd zusammengebrochen, während Joachim sich die Seele aus dem Leib kotzte. Nur Mel machte nüchtern Notizen.
De Kessel lag in ewigem Zwielicht, denn obwohl das Tal über zweihundert Schritte durchmaß, brannten dermaßen viele Feuer auf seinem Boden, das eine geschlossene Rauchdecke das Sonnenlicht aussperrte. Das rote Glosen der Feuerstellen verwandelte das Plateau in einen flackernden Albtraum. Die Gestalten der Oger wateten durch eine Masse aus Blut und Fleischresten, die überall auf dem Boden verteilt waren. Unzählige Lebewesen mussten hier geschlachtet worden sein, damit man nur noch vereinzelt den steinernen Boden aus den Schlachterüberresten hervorragen sah. In ein halbes Dutzend Käfige waren Menschen, Elfen und Zwerge gesperrt und warteten auf Ihr grausames Schicksal. Und derer lauerten vielfältige. Zwei der Monster standen sich gegenüber und schlugen abwechselnd mit den Körpern Ihrer Opfer aufeinander ein. Meist überlebten die geschwächten Männer höchstens ein oder zwei Hiebe, die Ihre Körper auf den metallbedeckten Wänsten ihrer Peiniger zerschmetterten. Aber einer der Unglücklichen schien tatsächlich so lange zu leben, bis das Bein, an dem der Oger ihn schwang, von seinem Körper abgerissen wurde.
An einer anderen Stelle warfen die Oger sich die Gefangenen gegenseitig über eine Feuerstelle zu. Offensichtlich hatten sie sie vorher noch in Öl getaucht, denn beim Dritten Wurf fing das Opfer Feuer. Er schrie noch drei weitere Würfe, bis ihn einer der Oger mit einem seiner Fleischerhaken auffing, anstatt ihn anzufassen.
Aber das Zentrum des Schreckens befand sich in der Mitte des Tals, in einem Kessel, der gut und gerne ein Mammut hätte aufnehmen können. Denn über diesem Kessel herrschte der Fleischer. Ein massiver Oger, nur bekleidet mit einer blutstarrenden, ledernen Schürze, die linke ersetzt durch einen massiven Haken, tranchierte hier eine nicht enden wollende Reihe von Opfern so geschickt, das sie noch zu großen Teilen lebendig waren, als Ihre Eingeweide schon in den Topf liefen und sich dort zu einem unfassbaren Gemisch an Fleisch, Blut, und Eingeweiden vermengten. Sogar einige der Opfer in dem Topf schienen noch zu leben, und Ihre Schreie würden Eberhart in seinen Träumen verfolgen.
Aber das, was sich für immer in sein Gehirn einbrannte, war der Geruch. Jedes Schlachthaus, jedes Schlachtfeld, jede Kloake seines Lebens hatten sich hier versammelt und rammten sich gemeinsam in sein Bewusstsein. Der Geruch griff in ihn hinein und verdrehte seine Eingeweide. Und tief, tief, in seinem Innern erwachte der Hunger…

„Was auch immer da passiert, wir müssen es ignorieren. Wir können die Oger nicht offen bekämpfen, und jeder Befreiungsversuch würde nur die Aufmerksamkeit der Wachen auf uns lenken.“ Mel zeigte nüchtern auf seine improvisierte Karte des Tals. Akbash und Eberhart hatten sich einigermaßen gefangen, Aurelia und Heidrun starrten grimmig auf den Plan.
„Wenn wir uns links an der Wand halten, sollten wir größtenteils außer Sicht sein. Und dort am Eingang müssen wir uns dann eine Ablenkung einfallen lassen.“
Akbash schnaufte verächtlich. „Das zumindest sollte nicht zu schwer sein. Bis jetzt haben sich die Monster als nicht allzu helle erwiesen.“
„Wir sollten sie nicht unterschätzen“, gab Eberhart zu bedenken. „Bis jetzt hatten wir Glück, aber wir nähern uns jetzt dem Herzen Ihres Reiches. Die Chancen stehen gut, dass wir hier intelligentere Oger finden, wenn sie auch die Ausnahme sind.“ Er strich sich zitternd durch das Gesicht.
„Mir gefällt immer noch nicht, das wir die Gefangenen einfach ignorieren sollen.“ Akbash Hand krampfte sich immer wieder um den Griff seines Rapiers. „Wir können die armen Schweine doch nicht da lassen.“
Eberhart schaute zu Boden, aber Mel sah ihn ruhig an. „Wir können sie auch zur Ablenkung freilassen – dann sterben sie vielleicht schneller.“
„Das habe ich nicht gemeint, das weißt du. Aber ich kann es einfach nicht ertragen, sie dort eingepfercht zu sehen. Schon gar nicht, nachdem wir wissen, was auf sie wartet.“
Aurelia trat an seine Seite. „Ich sehe das genauso, aber ich sehe nicht, wie wir sie befreien können, ohne einen Alarm auszulösen. Wenn wir Ihren Häuptling und die Hexen ausschalten, haben wir vielleicht eine Chance, aber so?“ Sie zeigte in den Kessel, wo mindestens zwanzig Oger im Zwielich zu sehen waren.
Heidruns leise Stimme erklang wieder. „Wir sollten verschwinden. Das ganze ist Wahnsinn. Glaubt Ihr wirklich, das wir diesen Tyrannen UND seine Hexen besiegen können? Das Biest in der Rannikfeste hätte uns beinahe erledigt, und den konnten wir in einen Hinterhalt locken. Wer weiß, was für eine Bestie die hier alle anführt? Und wir sind allein, keine schwarzen Pfeile, nichts. Lasst uns verschwinden. Sollen die tollen Anführer von Haven doch damit klarkommen.“
Joachim schlug seinen Stab auf den Boden, und ein leises Summen erfüllte die Luft. „Nein. Das endet hier. Wir haben Verantwortung übernommen. Für Schildkrötenfähre. Für die Rannikfeste. Für die Sklavenstämme, die wir in die Feste geschickt haben. Und vor allem für Maracasar. Wir haben die Gesellschaft gegründet, weil wir nicht mehr kleine Laufburschen sein wollen. Wir wollen dafür sorgen, das es dieser Insel hier besser geht. Und wer immer der Meister von Lucrezia und Xanesha war, er hat auch die Oger aufgehetzt. Das können wir nicht akzeptieren. Wer immer es wagt, uns herauszufordern, wird unseren Zorn spüren. Und der Sturm wird ihn hinwegfegen!“ In Joachims Augen blitzte es kurz auf, und grauschwarze Wolken schienen durch seine Pupillen zu ziehen. Ein Wind kam auf und verscheuchte für einen Moment den Gestank der Ogerfeste, stattdessen lag ein Geschmack von Salz und See in der Luft.
Alle starrten ihn an – es war zu leicht, zu vergessen, dass ein Sturmgeborener unter ihnen war. Niemand hatte etwas dagegen zu sagen, und so machten sie sich auf in den Kessel der Hakenfeste.

Eberhart war alles andere als leichtfüßig, aber das war hier auch nicht von Nöten. Der Lärm im Kessel war so allumfassend, das es ihm schwer fiel, sich mit seinen Freunden zu verständigen. Sie hielten sich am Rande des Kessels, möglichst weit von den grausamsten Attraktionen des Ogerlebens. Eberhart versuchte, nur auf seine Füsse zu schauen, aber vor den Schreien der Opfer, dem Lachen der Oger und vor allem dem alles durchdringenden Gestank konnte er sich nicht verschließen. Er stolperte vorwärts, den Blick auf den Boden gerichtet. Hier am Rande entdeckte er so nur selten die Überreste von Opfern, aber Blutspritzer und vereinzelte Fleischbrocken waren selbst hier verstreut. Unvermittelt rempelte er in Akbash hinein, der angehalten hatte. Er blickte auf und sah, das Akbash zähneknirschend in den Kessel starrte. Er folgte dem Blick de Glücksritters. Nur wenige Schritte von Ihnen entfernt war einer der Käfige. Die Gefangenen darin hatten jede Hoffnung fahren lassen und saßen zusammengesackt auf dem Boden. Die Schrecken um sie herum nahmen sie nicht mehr war. Akbash verbliebenes Auge bohrte sich in Eberhart.
„Ich kann nicht einfach vorbei gehen.“
„Was willst du tun?“
„Sie sollen zumindest die Wahl haben“. Mit diesen Worten eilte er zum Käfig herüber.
Eberhart fluchte leise und bedeutete den anderen, weiter zu gehen. Dann hastete er dem Glücksritter nach. Akbash hatte den Käfig erreicht und inspizierte das Schloss. Es war eine grobe Kette, die mit purer Gewalt in den Boden gerammt worden war. Er hockte sich vor den Käfig und versuchte, die Aufmerksamkeit der Insassen zu erregen.
Eberhart schaute ihm einen Moment zu, dann fasste er ihn an der Schulter.
„Wir müssen weiter, Akbash. Wenn sie eine Chance haben sollen, müssen wir den Tyrannen stürzen.“ Der Glücksritter liess den Kopf hängen. Eine der Gefangenen schaute ihn mit hohlen Augen an. Es war eine Frau, ihrer Kleidung nach eventuell eine Bäurin. Sie kroch an den Rand des Gitters.
„Flieht“, flüsterte sie aus aufgeplatzten Lippen. „Flieht, solange ihr noch könnt. Wir sind schon tot.“ Akbash ergriff ihre Hand, aber die Frau hatte keine Kraft. Wortlos legte er Ihre Finger um den Griff eines Dolches.
„Damit ihr selbst wählen könnt, wie es endet.“
Die Frau nickte kurz und schob die Waffe unter ihr Wams.
„Ich danke euch. Aber nun geht. Entflieht dieser Hölle. Hier gibt es nichts für euch.“ Ein Träne lief über die Wange des Glücksritters, aber er richtete sich auf. Wortlos schritten sie gemeinsam zurück zu den anderen.

Nur zwei Wachen standen noch zwischen Ihnen und dem Eingang zur Hakenfeste. Sie wirkten nicht furchtbar aufmerksam, aber solange sie dort standen, gab es schlicht keinen Weg hinein. Akbash streckte sich ein wenig, dann ließ er seine inzwischen wohlerprobte Ogerstimme ertönen.
„He, du häßlicher, dürrer Vogel. Du hast beim letzten Mal wieder nicht aufgegessen. Kein Hunger mehr?“
Die beiden Oger starrten dumpf durch die Gegend. Als sie voneinander weg sahen, warf Akbash einem von ihnen einen Dolch in den Wanst.
„Da guckt ja schon der Knochen raus, so dürr bist du!“
Eberhart dankte der Mutter der Monster das Gehirn bei der Erschaffung der Oger keinerlei Rolle gespielt hat. Mit einem lauten Brüllen gingen die beiden aufeinander los, und hastig eilte die Gruppe in den Schatten des Haken, bevor sich ein Gewinner herausschälen konnte.

Das Innere des Hakens wurde von flackernden Fackeln und schwelenden Kohlebecken erhellt. Der breite Gang öffnete sich schon bald in eine massive Höhle, deren Decke in der Dunkelheit verschwand. Direkt vor ihnen ragte eine gewaltige, vage humanoide Gestalt auf. Baumstammdicke Beine von dreifacher Mannshöhe trugen einen brachialen Torso mit affenartig verlängerten Armen. Der Schädel war nur zu erahnen. Die Gestalt glitzerte im Schein der Fackeln, und ein großes, goldenes Sihedron war auf der Brust zu sehen.
„Bei den Göttern, was ist das?“ Aurelia starrte den Giganten an.
„Ein Riese?“ riet Eberhart.
„Es gibt keine Riesen“, antwortete Akbash entschlossen.Nachdem sich die Gestalt noch immer nicht rührte, schritten sie vorsichtig in den Raum. Ihre Augen waren inzwischen an das Zwielicht gewöhnt, so dass sie jenseits der Figur noch weitere Gänge erahnen konnten. Aurelia war inzwischen näher an die Gestalt herangetreten und spähte seine Beine entlang nach oben.
„Eis“, verkündete sie, und stocherte mit ihrem Säbel in der dicken Eisschicht herum, die die Gestalt bedeckte.
„Gold“, erwiderte Eberhart und zeigte auf das Wagenradgroße Sihedron, das auf der Brust der Figur ruhte. Abschätzend blickten sie das Symbol an, und sowohl Akbash als auch Aurelia griffen nach den Amuletten, die sie den Nagahexen abgenommen hatten.
Heidrun trat zwischen sie und die Figur. „Wir werden jetzt nicht auf einem eisbedeckten Riesen herumklettern, nur damit du ein goldenes Medaillon klauen kannst, das wir eh nicht tragen können!“
„Aber vielleicht ist das der Schlüssel …“
„Mumpitz.“
Aber warum sollte jemand eine riesige Statue machen und dann nur…“
„Mir egal, aber hier klettert keiner auf irgendwelche Eisstatuen. Du schon gar nicht, Akbash!“ Sie drohte mit dem Finger dem Glücksritter, der schon probeweise an der Eisschicht gekratzt hatte. „Denk dran, was auf dem Weg hierher passiert ist.“
Akbash hob abwehrend die Hände „Das hätte jedem passieren können, die Schneewehe sah verdammt stabil aus….“
„Ende der Diskussion. Wir müssen weiter, wenn wir die Überraschung nutzen wollen.“ Und damit schritt sie an der Statue vorbei in die Dunkelheit, die Augen zu Boden gerichtet, anscheinend auf irgendeiner Spur.
Aurelia packte Akbash und Eberhart an den Schultern und zog sie mit. „Ihr habt Mama gehört – wenn sie schonmal was sagt, kann man sie davon nicht abbringen. Also weiter mit Euch.“
Mit missmutigen Blicken stapften sie weiter in die Höhlen herab.
Schon nach wenigen Minuten ertönte aus der Tiefe ein Klatschen zu ihnen, gefolgt von Gelächter. Dann ein weiteres. Und noch eins.
Sie verharrten am Eingang zu einer weiteren Höhle und beobachteten ein weiteres Schauspiel der unfassbaren Ogerkultur. „Wie um Churuns Willen überleben diese Biester?“ Aurelia starrte ungläubig in die knapp zwanzig Meter durchmessende Höhle. Auf einem Stein saß eine merkwürdig dünne Gestalt, die dennoch die Oger, die sie bisher gesehen hatten, um mindestens eine Kopf überragte. Ein zotteliger Haarschopf fiel ihm bis auf den Rücken, und auch seine Züge wirkten feiner als die der specktriefenden Oger, wenn auch in dem einem verbleibenden Auge dieselbe stumpfe Dummheit lag, die sie auch bei den Menschenfressern fürchten gelernt hatten. Das Wesen beobachtete zwei weitere Oger, die sich abwechselnd so hart wie möglich ins Gesicht schlugen.
„Du schlägst wie eine Elfe! Der Wind wird mich eher umpusten als deine Klatschen!“
Patsch.
„Du bist schwach. Ich wird dir jetzt die Zähne raushauen und dich damit murmeln lassen!“
Patsch.
Und immer so weiter.
Eberhart strich sich über den grummelnden Wanst. „So erheiternd das hier ist, wir können nicht auf den Ausgang des Spiels warten, fürchte ich.“
„Nein?“ Akbash steckte ein paar Münzen wieder ein. „Dabei war ich mir sicher, der mit den Schweinsaugen würde gewinnen. Der hat so einen hinterhältigen Blick.“
„Wir wetten ein andermal. Kannst Du den Trick mit den Stimmen nochmal machen?“
„Schwierig. Sie sind zu dritt, außerdem hauen und beleidigen sie sich schon. Wüßte nicht, wie ich das noch toppen kann. Und was immer da für einer auf dem Stein sitzt, wer weiß, ob der ebenso blöd ist wie die anderen?“
Mel hob seine Armbrust und peilte kurz über den gespannten Bogen. „Ich könnte den großen blenden.“
Heidrun blickte ungläubig zu ihm herüber, und auch Eberhart war nicht überzeugt. „Auf die Entfernung? Ganz schöner Kunstschuss.“
„Ach, so klein ist das Auge gar nicht, und der sitzt wenigstens mal ruhig. Vertraut mir, dem verpass ich einen Bolzen in die Linse, dann haben wir schon ein Problem weniger.“
Nachdem niemand mit einem besseren Plan aufwarten konnte, verschanzten sie sich weitestgehend an den Gangwänden, die Waffen gezogen, Entschlossenheit in den Augen.
Mel legte an. Er atmete dreimal tief ein und aus. Beim zweiten Ausatmen fand sein Finger den Abzug. Beim dritten Ausatmen, gerade, als alle Luft aus seiner Lunge entwichen war, in dem winzigen Moment der Entspannung zwischen den Atemzügen, zog er durch und schickte den Bolzen auf die Reise.
Das Monster schrie auf, als sich das fingerlange Geschoss tief in sein Auge bohrte. Es konnte nicht begreifen, was geschah, und schlug beide Hände vor das Gesicht, als wollte er packen, was immer ihn da erwischt hatte. Aber seine dicken Finger waren viel zu grobschlächtig, um den für ihn winzigen Splitter zu erreichen. Er heulte, klagte und taumelte durch die Gegend.
Einen Moment starrten die beiden Oger ihn an. Dann breitete sich ein dümmliches Grinsen auf den breiten Mäulern aus, und sie begannen beide, sich die Hände ins Gesicht zu schlagen und noch lauter zu heulen als der Riese.
„Fresse klatschen, Backen patschen, hououou!“ leierte einer.
„Ich sehn ich was ich fresse, ich hau mir in die Fresse!“ skandierte der andere.
Mel ließ seine Armbrust sinken. „Damit habe ich jetzt nicht gerechnet.“, murmelte er.

Aurelia packte ihn an der freien Hand und zerrte ihn in den Raum. Sie winkte den anderen, ihnen zu folgen, solange die Oger noch mit ihrem neuen Spiel beschäftigt waren. Zügig, aber vorsichtig, eilten sie durch den Raum, immer ein Auge auf die taumelnden und brüllenden Oger, die unvorhersehbar durch den Raum torkelten und sich gegenseitig anrempelten. Aurelia steuerte schnurstracks den nächsten Ausgang der Höhle an.  

Ein bitterer Sieg

Author: Nils /

Könnt Ihr Euch vorstellen, aus einem Alptraum aufzuwachen, nur um dann in einem noch viel Schlimmeren wieder aufzuwachen? So war es, als ich unter Joachims heilenden Händen in der Rannickfeste wieder zu mir kam. Nachdem mich der Haken des Tyrannen beinahe in Stücke gerissen hatte, war ich vor Schmerz in eine gnädige Ohnmacht verfallen. Leider war es keine dieser traumlosen Ohnmachten, von denen ich immer wieder höre. In meinem Träumen tummeln sich inzwischen die Mutter der Monster, der Mahlstrom, seelenfressende Nagas und vor allem ein Sammelsurium an fleischfressenden Bestien, eine widerlicher als die andere. Goblins, Seelöwen, Krokodile, Halboger, Oger - die Menagerie des Grauens ist ebenso lang wie abstoßend. Und mit jeder Bestie die wir besiegen, jedem Monster, das wir erschlagen,  gehen wir selber einen Schritt weiter in den Abgrund.
Als ich die Augen wieder öffnete, und Joachims besorgte Augen auf mir lagen, wurde mir erst wieder bewußt, was für eine widerliche Kreatur ich inzwischen geworden war. Ich ähnelte inzwischen mehr den Bestien, die wir jagten, als meinen Gefährten. Ich habe es so satt.
Aber es half nichts - wir waren inmitten all der Grausamkeiten und des Gemetzels gefangen - auch, wenn meine tapferen Mitstreiter diese neueste Monströsität, Sigmar weiß wie, erschlagen hatten.
»Da draußen regnet es weiter in Strömen. Noch feiern die Oger, aber sie scheinen inzwischen die Kanonen gefunden zu haben.« Aurelia hielt kurz einen Finger hoch, und tatsächlich konnten wir selbst durch die dicken Mauern hindurch den Donner von Geschützen hören, trockener und härter als das anhaltende Grollen des Gewitters.
»Also wird das auch nichts mit dem Sprengen der Kaserne. Wenn die Oger schon an den Pulvervorräten sind, ist wohl kaum genug übrig, um sie zu erwischen.« Akbash versuchte immer noch, Ogerteile und Innereien aus seinem Degen und Parierdolch zu entfernen. »Und bei dem Wetter entfällt auch Plan B«.
Ich robbte an die Wand und betrachtete das Ungetüm, das den Gang blockierte. Grübelnd schaute ich in die Runde.
»Sag mal, Akbash, hast Du mir nicht mal erzählt, du könntest Bauchreden?«

Die beiden Oger kamen lachend und scherzend den Gang entlang gewankt. »Neues Pferdespiel ist fett! Mit Keule drauf und Ohr abbeissen. Müssen Häuptling sagen!« Grunzend hob das Ungetüm den Arm, an dem der Pferdeschädel hing, und biss herzhaft hinein. Der vorherige Besitzer hatte ihn wohl nicht loslassen wollen.
Als sie an die Treppe kamen, schwebte vor Ihnen etwas, das unbekannte Gefühle in Ihnen aufkommen ließ. Von schmierigen, schwarzen Schwaden umgeben, hing der körperlose Schädel des Tyrannen im Gang. Er wackelte umher, und der Kiefer hing schlapp hinab. Eine dünne, unheimliche Stimme hallte den Gang herab.
»Verflucht, wir sind alle verflucht! Der Stamm der Haken ist von den Göttern verlassen! Die Rannikfeste frisst die Oger auf! Flieht, flieht, Ihr Happen!«
Die kleinen Gehirne der Oger konnten nicht verarbeiten, was da geschah - aber eins war sicher. Was immer Ihren unbesiegbaren Häuptling getötet hatte, würde vor Ihnen nicht halt machen. Verstört rannten sie den Gang zurück, um möglichst viele andere Oger zwischen sich und dem Monster zu haben.

Ächzend zogen Mel und Heidrun den gewaltigen Haken zurück, so das wir den brennenden Schädel löschen konnten. Aurelia und Jamiro spähten um die Ecke.
»Das hat besser geklappt, als wir dachten. Die haben aber mal so richtig Hackengas gegeben!« Aurelia schritt zu Akbash und klopfte ihm anerkennend auf den Magen.
»Wer hätte gedacht, das ausgerechnet dein Bauch uns mal retten würden?« Akbash verbeugte sich und grinste mich an. »Ja, ich gebe zu, Eberhart hätte bestimmt die bessere Resonanz, aber gelernt ist gelernt! Wer hätte gedacht, das ich von der kreischenden Mimi mal was Sinnvolles lerne. Ihre anderen Fähigkeiten waren nicht weniger beeindruckend, aber schwerer im Alltag anzuwenden ...« Er blickte einen Moment verträumt in die Ferne.
»Gut, die Generalprobe hat funktioniert - jetzt zur großen Premiere.« Ich sah Joachim fragend an, der den Kopf kontrollierte.
»Ja, mindestens einen Auftritt wird er noch überstehen. Diese Ogerschädel sind erstaunlich wiederstandsfähig - selbst, nachdem man sie eingeschlagen hat.« Er schaute vorwurfsvoll zu Heidrun.
»Aber so haben wir wenigstens ein praktisches Loch für den Haken.« Ich wandte mich von der widerlichen Konstruktion ab und machte mich zusammen mit den anderen auf den Weg auf die Zinnen der Burg.

Der andauernde Regen versetzte die Burg in ein nicht enden wollendes Zwielicht, aber die gewaltigen, qualmenden Feuerstellen und die unregelmäßig abgefeuerten Kanonen warfen genug Licht in den Hof, um das Ausmaß unserer Probleme adäquat apokalyptisch zu beleuchten.
»Das ist ein halber Stamm da unten« murmelte Jakaros ungläubig. »Mindestens zwei Dutzend sind noch über, und draußen ist noch der Jäger unterwegs.« Er blickte zweifelnd zu mir herüber. »Und du meinst, das bringt etwas?«
Ich hob schwerfällig die Arme und versuchte, aufmunternd zu lächeln.
»Was soll schon passieren?«

Zu meiner eigenen Überraschung funktionierte der Plan tatsächlich im großen Maßstab. Akbash heulende Stimme, unterstützt von Joachims Magie und einer improvisierten Flüstertüte, hallte gespenstisch über den Hof der Rannikfeste. Zusammen mit dem  brennenden, körperlosen Haupt über den Zinnen versetzte das die Oger in eine animalische Panik, die sie kopfüber und völlig planlos aus der Feste fliehen ließ. Und bei Sigmar, sie flohen in Richtung des Hakens, nicht zum schutzlosen Schildkrötenfähre.
So groß unsere Freude war, so kurz konnten wir nur feiern. Joachims Entdeckung in den Aufzeichnungen Lucrecias schwebte weiter über uns. So fassten wir einen verzweifelten Entschluß.
»Wir wünschen Euch alles Gute!« Rief Jakaros zum Abschied. Zusammen mit Karl und den beiden überlebenden schwarzen Pfeilen brach er auf, um Schildkrötenfähre zu warnen. Wenn unser Plan aufging, konnte er vielleicht die Überlebenden überzeugen, mit auf die Feste zu kommen. Dort war es allemal sicherer, sollte der Damm tatsächlich brechen. Und die Oger würden nicht ewig fern bleiben.
»Denkt an unseren Vertrag!«, rief ich ihm hinterher, und er klopfte bestätigend auf das Dokument, das er in Abschrift bei sich trug. Akbash schüttelte den Kopf.
»Wir gehen aller Wahrscheinlichkeit nach in den Tod, und du hast eine Option auf Teilhaberschaft an der Rannikfeste für unsere Gesellschaft ausgehandelt. Woher nimmst Du diesen Optimismus?«
»Er hält mich am Leben« sagte ich leichtfertig. »Wer für die Zukunft plant, tut alles, um sie auch zu erleben. Und so schlimm wird es schon nicht werden - wir müssen nur schauen, was da am Damm schief läuft.«
»Einem Damm, der von Trollen bewohnt wird. Die einen Pakt mit den schwarzen Pfeilen haben, das keiner den anderen behelligt.« Jamiro schien ähnlich optimistisch wie Akbash. »Aber wer bin ich schon, Euch Angst einzujagen?«
»Wenn man einmal mit Ihnen verhandeln konnte, kann man es Wieder. Und wenn die Trolle in diesem Damm wohnen, haben sie wohl kaum ein Interesse daran, ihn einzureißen. Kommt schon, es können nicht alle so schlimm sein wie die Grauels!«
Ich konnte die zweifelnden Blicke meiner Gefährten in meinem Rücken spüren, aber trotzdem brachen wir auf, durch den nicht enden wollenden Regen in Richtung des Schädeldamms.

»Das nenne ich mal einen passend benannten Damm.« Konstatierte Mel. Ich konnte dem Historiker nicht widersprechen. Die beeindruckende Konstruktion zog sich über eine halbe Meile hin und war über einhundert Schritte hoch. Und jede handbreit der Oberfläche war in das Abbild eines Schädels geformt. Die minutiöse Kleinarbeit wurde nur noch übertroffen von den sechs gewaltigen, haushohen Schädeln, die sich gleichmäßig auf halber Höhe den Damm entlang zogen. »Die sollten eigentlich offen sein« erklärte Jamiro. »Diese häßlichen Dinger sind die Abflüsse, und wenn zuviel Wasser im Becken dahinter ist, öffnen sie sich.«
»Und wer steuert das?« Fragte Mel interessiert. Die Elfe zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Die Trolle wohl kaum, deren größte handwerkliche Leistung sind die da«. Sie zeigte über die Schulter zu den kunstvoll verzierten Totems, die seit einiger zeit unseren Weg säumten. Sie alle waren in irgendeinerweise um einen Schädel aufgebaut, sei er menschlich, tierisch oder irgendetwas dazwischen. Darum gesellten sich Federn, farbige Strähnen und geflochtene Pflanzenfasern, so das keiner der Fetische dem anderen glich. Im Gegensatz zu den Ogerkunstwerken, die uns untergekommen waren, waren sie dezent und geschmackvoll.
»Hier stimmt etwas nicht« Heidrun spähte aufmerksam durch das Unterholz. Aurelia trat an Ihre Seite.
»Was gefällt Dir nicht?«
Wortlos deutete Heidrun den Dschungelpfad entlang. Dort, in etwa 50 Schritt Entfernung, überwucherte ein Mammutbaum den Weg und bildete eine Art natürliche Höhle.
»Der perfekte Ort für einen Hinterhalt« stimmte Aurelia Ihr zu. Die Waldläuferin nickte.
»Aber schau Dir die Ratten an.« Auf dem Boden vor dem Baum wimmelten tatsächlich eine große Anzahl brauner Ratten umher. »Die würden niemals so nah sein, wenn da jemand drin wäre. Besonders ein Raubtier von der Gefährlichkeit eines Trolls.« Sie deutete auf den Pfad selbst. »Und hier sind vor Kurzem ziemlich viele große Zweibeiner entlang gekommen. Ich hätte ja auf Oger gesetzt, aber es ist lange her, das ich Trollspuren gesehen habe. Und diese hier sollen ja zivilisierter sein, also wer weiß - vielleicht tragen diese Trolle ja Schuhwerk?« Fragend schauten wir Jamiro an, die aber ebenso ahnungslos schien wie wir.
»Ich bin erst seit zwei Jahren hier - von den Trollen hier habe ich nur gehört.«
»Dann lasst uns heraus finden, was da passiert ist.« Mit gezückten Waffen näherten wir uns dem Unterschlupf. In den Schatten, umringt von den wimmelnden Ratten, war ein massiver Körper zu sehen. Regungslos. Ich entzündete eine Laterne, um Licht ins Dunkel zu bringen.
»Das ist - was ist das?« Eher verblüfft als geschockt betrachteten wir den knapp vier Meter großen Leichnam, aus dessen grotesk verbreitertem Brustkopf gleich zwei häßliche Schädel wuchsen. Neben der besudelten, von diversen Ratten angefressenen Leiche, lag ein ebenso zerfressener Schweinekadaver. Zumindest etwa die Hälfte. Ein bitterer Gestank lag in der Luft. Joachim stocherte in den beiden Kadavern herum und zerrte einem der Köpfe die Zunge heraus. Er murmelte etwas verstörendes, schnitt dann mit einem Skalpell eine Halsvene auf und roch an dem hervortretenden Blut. Angewidert schritt er zurück.
»Vergiftet. Vermutlich dadurch.« Er deutete mit dem Kinn auf die Schweineüberrste, während er das Skalpell säuberte. »Und diese mutierte Abart hier - interessant. Obwohl es Ähnlichkeiten mit den Ogern gibt, die wir getroffen haben, scheint es sich doch um eine ganz eigene Art zu handeln. Und noch deutlich überraschender ist, das es anscheinend mit den Trollen gearbeitet hat.« Er deutete auf die Fetische, die auch im Innern des Baumes überall verteilt hingen. »Überraschend subtiles Vorgehen.«
»Lucrecia.« Sagte Akbash.
»Oder Ihr Meister« gab Mel zu bedenken.
»Macht, das es aufhört«
Wir erstarrten. Ich suchte mit dem Strahl der Laterne nach der Quelle der Worte.
»Das Klopfen. Macht, das es aufhört.«
»Akbash, du Idiot.« Aurelia schlug dem Glücksritter auf den Hinterkopf. »Schluss mit den Zirkusspielchen, Eberhart hat schon genug Schiss«
»Macht, das es aufhört, oder der Damm wird fallen. Und Ihr alle werdet sterben.«
»Ich glaube nicht, das das ein Scherz ist.«
Der Laternenstrahl traf Akbash Gesicht, und sein unbedecktes Auge war von schwarzen Schlieren durchzogen. Eine dicke, schwarze Flüssigkeit lief unter der Augenklappe hervor, die das Auge des Leviathans bedeckten. Alarmiert zückte Joachim eine silberne Kette aus seiner Tasche.
»Haltet Ihn fest! Wer weiß, was ihm noch passiert.«
Bevor wir handeln konnten, klärte sich Akbash Blick wieder, und er torkelte einen Moment. Aurelia und Joachim stützen ihn.
»Leute, ich glaube, ich habe grade die Schwarze Marga getroffen.« Betroffene Stille erfüllte den Raum. »Und sie scheint deutlich älter zu sein als der Leviathan, der den Mahlstrom bewacht hat.«
»Wer auch immer es war, oder ist. Sie muss warten.« Ich leuchtete mit der Laterne. Lasst uns den Damm besteigen, wer weiß, wie viel Tageslicht wir noch haben.«
Akbash rieb sich den Nacken und trottete mißmutig voran. »Warum ich?«
Zögerlich folgten die anderen, und wir ließen den bedrückenden Ort hinter uns.

Der Aufstieg zum Damm war eine der übelsten Strapazen, die man mir seit langem zutraute.
»Bauen ein Wunderwerk der Ingenieurskunst tausende von Jahren vor Sigmar, und der Zugang ist eine verdammte Treppe! Das sind die wahren Monster, die sowas tun, ich sag’s Euch.« »Spar Dir den Atem, Dickerchen. Da sind noch ein paar hundert Stufen vor uns.« Ich bin überzeugt, das sie gelacht hat, als sie das sagte. Hätte ich etwas anderes sehen können als die nächste Stufe, hätte ich Ihr Grinsen ganz bestimmt gesehen. Aber jede einzelne Stufe war der Feind.
Hier wurden ein paar Seiten über Eberharts epischen Kampf mit der Treppe entfernt. Obwohl es einen verstörenden Einblick in die Psyche des Autors ermöglicht, ersparen wir diesen Abschnitt dem Leser. Komplettisten können diese Seiten in »Eberhart Brettschneider - Visionär oder Psychopath?«, der unautorisierten Autobiographie aus der Feder von Benno Butterkuchen einsehen.
Oben auf dem Damm angekommen musste ich feststellen, das uns das Wasser tatsächlich bis zum Hals stand. Zu großen Teilen reichte das Wasser auf der anderen Seite des Damms bis auf eine Handbreit an den Rand heran. An einigen Stellen, an den Erosion oder Gewalteinwirkung Lücken geschlagen hatten, lief es schon über den Damm hinweg.
In der Mitte des Damms erhob sich ein klobiges, natürlich mit Schädeln verziertes Gebäude, das wahrscheinlich den Zugang in den Damm darstellte. Auf halbem Weg dorthin befand sich eine grob in den Stein des Dammes gehauen Grube, aus der man noch den Lärm von Bauarbeiten und die gutturale Sprache der Oger hallen hörte.
»Jetzt wissen wir zumindest, was das Klopfen ist, von dem Marga sprach.« Aurelia stimmte zu.
»Es gibt nichts gräßlicheres, als von irgendwelchen Steinekloppern aus dem Schlaf gerissen zu werden.«
»Wollen wir den Trick mit dem Stock nochmal probieren?« Jamiro hielt den Zauberstab hoch.
»Warum nicht? Sollen die sich doch erstmal selbst mit den Spitzhacken beschäftigen, bvor sie mit uns spielen.«
Akbash klpfte Aurelia auf die Schulter. »Wir geben dir Rückendeckung. Die anderen Bleiben hier - wir sind etwas - leichtfüßiger als der Rest.«
»He!« Beschwerte sich Heidrun.
»Oder zielsicherer« Mel nickte und spannte seine Armbrust.
»Und Eberhart - keine Donnerbüchsen. Wer weiß, was Marga dann macht.«
»Kein Problem« schnaufte ich. Bin eh noch etwas durch den wind. Macht Ihr mal.« Ich winkte ihnen zu und stützte mich dann wieder auf meine Oberschenkel, nach Atem ringend.
Die drei verschwanden kurz darauf aus meinem Blickfeld. Zur Beruhigung suchte ich den See ab, um vielleicht dort etwas Ruhe zu finden. Und etwaige Seeschlangenangriffe vorhersagen zu können. Deshalb verpasste ich, als Mel sich absetzte. Erst Heidruns wütendes Flüstern machte mich darauf aufmerksam, das unser Antiquitätensammler sich ihne Warnung in Richtung des Kontrollgebäudes abgesetzt hatte.
»Das kann doch nicht wahr sein!« Zischte ich durch zusammengepresste Lippen. Ein schneller Blick zu den anderen bestätigte mir, das sie schon am Rand der Grube standen und sich auf den Weg nach unten machten. Mel passierte die Grube in weitem Bogen, gefährlich nahe am Becken.
»Was ist bloß in ihn gefahren?« Heidrun schüttelte den Kopf, dann machte sie sich auf, ihm zu folgen. Unglücklich versuchte ich noch, die drei an der Grube durch Winken auf das Problem aufmerksam zu machen, aber sie waren natürlich konzentriert auf die Oger vor Ihnen, nicht auf uns. Ich stapfte Heidrun und Mel hinterher.
Als ich sie erreichte, hörte ich Mel gerade noch etwas flüstern.
»Du darfst sie nicht direkt ansehen. Aus dem Augenwinkel kannst Du sehen, wenn sie sich bewegen.« Ich wollte gerade fragen, wen er mit `Sie`meinte, als ich am Rande meines Gesichtsfeldes eine Bewegung erahnte. Irgendejemand, oder eher irgend etwas, stand geduckt auf dem Gebäude, das ins Innere des Staudamms führte. Wenn ich direkt hinsah, konnte ich nichts erkennen, aber ab und an bewegte sich ein merkwürdig verschobener Umriss dort oben. Und er war groß.
»Es ist so, wie bei Jamiros Tarntrick« murmelte Heidrun. »Es nimmt die Farbe des Hintergrunds an, aber wenn es sich bewegt, kannst Du die Veränderungen wahrnehmen.«
»Was ist es?«
»Ich fürchte, das sind die Jagdtrolle, von denen Kildarion gesprochen hat.«
»Das da sind Trolle? Bei Sigmar, was kann noch schlimmeres passieren?« Bei diesen Worten hörte ich hinter uns ein Brüllen, und ein gewaltiger Stein flog aus der Grube in Richtung Akbash, der sich gerade noch zu Boden werfen konnte. Offensichtlich waren sie entdeckt worden. HIn und her gerissen zwischen den zwei Gefahrenherden hob ich unschlüssig meine Donnerbüchse. Auch Heidrun und Mel zogen Ihre Waffen, aber noch war kein Feind zu sehen. Aurelia, Jamiro und Akbash machten sich am Rande der Grube darauf gefasst, den Sturmangriff der Oger abzuwehren, als ich plötzlich nasse Füße bekam. Unsicher blickte ich nach unten. Das Wasser aus dem Stausee war in einer Welle über uns hinweggeschwappt. Jetzt lief es auch vor Akbash und den anderen in die Grube. Der Glücksritter selbst wirkte merkwürdig steif. Seine Arme hingen herab, und sein Mund bewegte sich. Wegen des Lärms der Oger und dem Rauschen des Staudamms drangen seine Worte nicht zu uns, aber ich konnte sehen, wie sich Aurelia und Jamiro vorsichtig von ihm weg bewegten. Immer mehr Wasser quoll über den Staudamm. Auf der Suche nach dem Grund drehte ich mich zum See um - und machte mir in die Hose.
Am Rande der Staumauer erhob sich eine Wand aus mannshohen, schwarzen Schuppen. Das Wasser floß in Strömen davon herab, und als mein Blick dem gewaltigen Leib nach oben folgte, wurde mir immer kälter und flauer. Die Wand verbreiterte sich etwas nach oben, nur um dann in einem wagengroßen Schlangenschädel überzugehen, mit übermannslangen Giftzähnen und einer gespaltenen Zunge, die mehrere Schritte aus dem unfassbaren Maul heraus züngelte. Die gelben Augen des gewaltigen Reptils schienen zu leuchten wie Sonnen, und der Zorn darin brannte lichterloh.
Selbst das Brüllen der Oger erstarb, als dieser urzeitliche Titan sich aus den Tiefen des Sees erhob. In der kurzen Stille konnten wir die fremde Stimme ausmachen, die aus Akbash Lippen strömte.
»Jetzt sehe ich Euch, Geschmeiß. Ihr habt Margas Schlaf gestört. Spürt Ihren Zorn!«
Mit einem Zischen von tausend Geysiren schoß Margas Schädel herunter auf die Oger, die von Ihrem Anblick ebenso paralysiert waren wie wir. Sie verschwanden in einem Zuschnappen, und der Kopf der Schlange vergrub sich tief in der gehämmerten Grube. Der Aufprall warf uns alle von den Beinen, und das Krachen und Bersten des Gesteins unter Ihrem Aufprall ging uns durch Mark und Bein. Ich war überzeugt, das unser Ende gekommen war, den das Poltern und Krachen wollte nicht aufhören. Dieser letzte Angriff musste den Damm, so mächtig er auch gewirkt hatte, endgültig zerschmettern. Mit geschlossenen Augen empfahl ich meine Seele den Göttern. Endlose Minuten vergingen, das Poltern immer wieder übertönt vom wütenden Zischen Margas, das sich langsam aber sicher entfernte, und das Rauschen eines gewaltigen Wasserstroms übertönte schließlich die Geräusche der Bestie. Vorsichtig öffnete ich ein Auge.
Dort, wo Marga die Oger angegriffen hatte, ergoss sich jetzt eine mehrere Schritt breiter Strom in die Tiefe. Von Marga war nichts zu sehen, ebenso wenig von den Ogern. Mel hockte neben mir und starrte in die Ferne.
»Viel Glück, Schildkrötenfähre.« Sagte er trocken.
»Wie meinst Du das?«
»Naja, wenn Sie die Überschwemmung überstehen, haben sie jetzt mit Marga eine nette neue Nachbarin.« Er zeigte den neu angeschwollen Fluss entlang. In der Ferne konnte ich noch den unfassbar riesigen Leib der Schlange erkennen, die von den Fluten des Wasserfalls mitgerissen worden war und jetzt den Flusslauf beinahe völlig ausfüllte, während sie sich auf den Weg in den Schildkrötensee machte.Ich schlug mir die Hände vors Gesicht.
»Manchmal kommt es mir so vor, als ob wir alles nur noch schlimmer machen.«
»Willkommen in meiner Welt, Eberhart!« Akbash Stimme scholl von der anderen Seite des Stroms zu uns herüber. »Immerhin war sie nicht in Deinem Kopf!«
»Du hast recht. Ich sollte die Dinge positiver sehen. Vielleicht ist uns Marga ja dankbar.«
»Eher nicht. Aber ich denke, Schildkrötenfähre interessiert sie nicht. Nach dem, was ich so aufgeschnappt habe, sind wir Menschen Ihr relativ egal. Könnte höchstens passieren, dass sie aus Versehen den Hafen platt macht.«
»Mal was Praktisches - irgendeine Idee, wie wir zuEuch rüberkommen?«
  Es dauerte knapp eine Stunde, aber schließlich schafften es Mel, Aurelia und Heidrun, aus unseren Seilvorräten eine einigermaßen stabile Seilkonstruktion zubasteln, die die anderen sicher auf unsere Seite brachte. Hier angekommen, klärten wir sie über die Trolljäger auf, die wahrscheinlich schon um unsere Präsenz wussten.
»Trotzdem sollten wir schon mal Fackeln anzünden. Trollen kommt man am besten mit Feuer und Säure bei, sagt man.« Jamiro stimmte Heidruns Ausführungen zu.
»Am besten sollten wir gar nicht erst gegen sie kämpfen. Immerhin haben wir die Oger verjagt, die versucht haben, Ihre Heimat zu zerstören. Vielleicht glauben sie uns ja, das wir Marga dazu angestiftet haben?«
»Wie auch immer, ich traue Trollen nicht. Aber das sind auch die Ersten, von denen ich höre, das sie mit Menschen verhandeln - also was weiss ich.«
»Lasst es uns versuchen. Immerhin hatte mindestens einer von Ihnen schon die Chance uns anzugreifen, und hat es nicht getan.«
»Oder er wartet nur auf eine bessere Gelegenheit.« Akbash blieb wie immer optimistisch.
Entschlossen packte Mel eine Fackel und ging zur Tür, »Kommt schon, irgendwie müssen wir es heraus finden!«

Das Innere des Gebäudes war, wenig überraschend, finster. Im Licht unserer Fackeln schälten sich weitere Schädelreliefs aus dem Dunkel, und alles war feucht und klamm. Nach wenigen, zögernden Schritten in die Dunkelheit erhob sich ein gutturales Brüllen von allen Seiten, das uns in de Ohren schallte. Gewaltige, affenartige Silhouetten stapften aus der Dunkelheit auf uns zu. Ihre überlangen, krallenbewehrten Arme kratzen über den Boden, und Ihre übergroßen, mit spitzen Zähnen gespickte Mäuler klafften weit auf. Lange, strähnige Haare fielen über ihre hohlwangigen Fratzen, und bestialischer Hunger funkelte aus Ihren kleinen, roten Augen. Wir hoben unsere Waffen und Fackeln, aber bevor auch nur ein Schuss fallen konnte, landete eine noch größere Gestalt zwischen uns und den Trollen. Ein langer, verzierter Speer schlug knallend auf den Boden, und die Gestalt trieb die Trolle mit harten Hieben und Drohgebärden zurück in den Schatten.
Als sie sich zu uns umdrehte, schien sie sich aus dem Hintergrund hervorzuschälen. Farbe verteilte sich wellenartig über dem Wesen, und seine langen, roten Haare bildeten einen beißenden Kontrast zu seiner grünen, mit blauen Mustern verzierten Haut. Unzählige Knochenfetische baumelten von seinen Haaren, seinem Lendenschurz und seinem Speer. Obwohl seine Augen ebenso rot waren wie die seiner Verwandten, funkelte in diesen das Licht der Intelligenz.
Er schien uns abzuschätzen.
»Ihr habt Kreegs verjagt. Ihr habt Marga gerufen. Was wollt Ihr im Heim von Schädelsammlern?« Er schüttelte rasselnd seinen Speer.
Nach kurzem Zögern erhob ich das Wort.
»Wir wollen den Damm öffnen. Das Wasser muss fließen, sonst zerbricht er.« Ich überlegte einen Moment. »Wir müssen in die Tiefen des Damms.«
Der Troll legte den Kopf schief und musterte uns. »Das Wasser muss fließen. Aber ich kann nicht entscheiden. Ihr müsst Grasul gegenüber treten. Er wird entscheiden, was passiert. Er ist unser Herr.« Er deutete mit seinem Speer auf eine Öffnung. »Dort ist Grasul. Er wird Euch prüfen. Wenn Ihr besteht, werden die Wasser wieder fließen.«
»Und wenn nicht?«
»Gehören Eure Schädel den Schädelsammlern.« Er rasselte ein weiteres Mal mit seinen Knochenspeer, dann verschwamm seine Gestalt schon wieder. »Geht, geht zu Grasul. Meine Brüder hungern. Das Wasser muss fließen oder Euer Blut. Grasul wird entscheiden.« Obwohl er sich nicht bewegt hatte, war er schon fast nicht mehr zu sehen. Aus dem Dunkel funkelten uns nur noch die roten Augen seine Brüder entgegen, die unzufrieden am Rande des Lichtes hin und her stapften.
Vorsichtig, in einem Kreis aus Fackeln, bewegten wir uns in Richtung des Ganges. Zu unser aller Erleichterung erreichten wir ihn ohne Zwischenfälle. Der Gang führte in langen Windungen hinab in die Eingeweide des Schädeldamms.
»Weiß eigentlich irgendwer, wie so ein Damm funktioniert?« Fragte Akbash.
»Nicht wirklich. Vor allem nicht bei Dämmen,die vor unserer Zeitrechung von verlorenen Zivilisationen errichtet wurden.«
»Wir können ja Grasul fragen.« Warf Mel ein. »Der wohnt ja wohl schon länger hier.«
»Ja, und Trolle sind für Ihr technisches Wissen und Ihre Konversationsfreude bekannt.«
»Wenn es ein Troll ist.«
Als wir den Fuß des Ganges erreichten, stand vor uns ein großes, steinernes Portal, dekoriert mit dem unentbehrlichen Schädeldekor. Aurelia und Joachim machten sich daran, das Portal nach magischen oder Mechanischen Fallen zu untersuchen, während wir ihnen leuchteten.
»Das hier scheint der Öffnungsmechanismus zu sein« Aurelia zeigte auf einen Schädel mit der Sihedronrune auf der Stirn.
»Meinst Du?« Joachim bückte sich darüber und insizierte sie genauer. Er suchte nach etwas in seiner Tasche. »Es könnte auch -« Ein neuerliches Zittern ging durch den Damm, als die Wassermassen ein Stück des Mauerwerks mit sich rissen. Joachim verlor das Gleichgewicht und taumelte gegen die Tür. Als seine Hand en Schädel berührte, schwang sie fast widerstandslos auf, und der Heiler stolperte in den dahinter liegenden Raum.
»Nein!« Rief Aurelia noch und hastete hinterher, aber es war zu spät. Aus der Mitte des Raumers erhob sich eine massive, mit grünschleimigen Schuppen überzogene Gestalt. Sie hob eine klauenbewehrte Hand und bohrte die scharfen Nägel tief in das Fleisch über Ihrer Stirn. Mit einem Ruck riss sie das Fleisch herunter, so das darunter ein blutverschmierter Schädel zum Vorschein kam, aus dessen Augenhöhlen zwei gelbliche, animalische Augen Joachim fixierten. Der grauenhafte Anblick ließ uns alle einen Moment zögern. Aurelia hatte Joachim an der Schulter gepackt, ich war einige Schritte hinterher gekommen.
»Komm zu Grasul!« Brüllte das Monster, und mit einem Ruck schleuderte die andere Hand eine hakenbewehrte Harpune mit der Wucht einer Ballista. Das Geschoss durchbohrte Joachim, und die blutige Spitze ragte eine Unterarmlänge Aus seinem Rücken hervor. Ein dickes Tau wand sich von Grasuls Handgelenk zum Schaft der Waffe.
Endlich fiel die Schockstarre von uns ab. Als Grasul mit einer angewiderten Geste die Reste seines Gesichts von sich schleuderte und das Seil packte, sprangen Aurelia und ich vor, um das andere Ende des Seils zu packen.
Die anderen rannten mit gezückten Waffen an uns vorbei, um ihm zu Leibe zu rücken. Grasul zog einmal, und wir gingen zu Boden. Ein gellender Schmerzensschrei entfuhr Joachim. Seine Augen verdrehten sich,und die Hände, die den Schaft der Harpune umklammert hatten, lösten sich. Schläge prasselten auf das Monster hernieder, das immer noch bis zur Hüfte im Wasser stand. Dort, wo die Wunden sich öffneten, lief das Wasser aus dem Teich nach oben und verschloss die Wunden ebenso schnell, wie sie sich öffneten. Aber sie lenkten ihn kurz von seiner Beute ab.
Aurelia begann hektisch, an dem Seilzug sägen, das die Harpune hielt.
»Er brennt nicht! Es ist zu nass!« Mels Fackel war erloschen, und er wechselte auf seine Armbrust, aber die kleinen Bolzen waren kaum mehr als Insektenstiche für den monströsen Grasul. Mehr Wasser lief unnatürlich über den Körper Grasuls, und wo es seine Wunden oder sein Gesicht erreichte, bildete sich neues, schleimiges Fleisch. Jamiros Dolch war zu kurz, um ihn vom Rande des Beckens zu erreichen. Kurz entschlossen hechtete die Elfe in die Brühe um den Troll herum.
»Die ist wahnsinnig!« Aurelia sägte verzweifelt weiter an dem feuchten Seil, während ich verzweifelt einen Heiltrank in Joachim schüttete. Schließlich erinnerte sich Grasul seiner Beute und riss an dem Seil. Kjull sei Dank war das der Ruck, den es brauchte, um den Tampen endgültig zu zerreißen. Einen Moment starrte Grasul Dumpf das abgerissene Ende an. Akbash nutzte den Moment für einen waghalsigen Stich in den Hals des Monsters, wobei er beinahe das Gleichgewicht verlor. Mit einer beinahe achtlosen Rückhand schleuderte Grasul den Glücksritter gegen die Wand, bevor er kurz in seinem Becken umhertastete und eine weitere Harpune aus dem Becken hob. Ein Schwerthieb Heidruns kostete Grasul ein Ohr, aber das Monster schien es kaum wahrzunehmen.
»Das bringt nichts. Solange das Vieh im Wasser ist, kommen wir ihm nicht bei.« Aurelia kaute angestrengt an Ihrem Daumennagel. Ich versuchte weiterhin, Joachim irgendwie zu helfen, aber war mir nicht sicher, ob mehr Heiltränke das Problem nicht noch verschlimmern würden. Die unterarmdicke Harpune rage anklagend aus der Brust unseres Heilers hervor.
»Ich habs! Deine Peitsche!« Aurelia riss an meiner SChulter, um mich von Joachim weg zu zerren. Unwillig kam ich auf die Beine. Akbash hatte sich wieder aufgerappelt und suchte eine bessere Angriffstellung. Heidrun blutete aus einer klaffenden SChulterwunde, wo sie knapp der Harpune Grasuls entkommen war. Mel jagte Bolzen um Bolzen in den Rücken der Bestie, ohne eine nennenswerte Wirkung zu erzielen. Jamiro blieb in den tiefen des Tümpels verschwunden.
Ich zog meine Peitsche aus Krokodilleder hervor. Die feinen Stränge von Alchimistenmetall schimmerten im Licht der Fackeln.
»Also gut« murmelte ich. »Für Joachim.« Ich holte weit aus und ließ die drei Schritt lange Schnur im weiten Bogen nach vorne peitschen. Die Götter müssen mit mir gewesen sein, den in dem Moment, als meine Peitsche nach vorne schnellte, erhob Grasul seinen Kopf, um einen gutturalen Kriegschrei ertönen zu lassen. Mit einem Klatschen traf die Schnur den Hals des Monsters und wickelte sich dreimal herum.
»Ja!« Brüllte Aurelia, und packte mit mir die Schnur der Peitsche. Grasuls Schrei erstarb in einem quietschenden Röcheln, aber die Bestie schien nicht zu verstehen, was geschehen war. Mit unserem ganzen Gewicht warfen Aurelia und ich uns in die Peitsche. Verunsichert und aus dem Gleichgewicht torkelte Grasul nach vorne, an den Rand des Beckens. Heidrun und Akbash nutzten die Gelegenheit und hieben breite Wunden in den Rücken der Bestie.
»Nein!« Rief ich. »Er muss ganz aus dem Wasser!« Verzweifelt zerrten wir weiter an der Peitsche, aber nach diesem ersten Ruck begann Grasul jetzt Widerstand zu leisten. Ich wollte schon verzweifeln, als sich plötzlich Grasuls Unterkörper ein Stück aus dem Wasser hob. Die Gesetze der Mechanik sind unerbittlich. Als Seine Hüftenüber den Rand des Beckens heraus ragten, kippte der Troll nach, vorne, seine Krallenbewehrten Füße zappelten noch nach Halt suchend in der Luft, aber da gab es nichts mehr. Als der schleimige Torso des Monsters aufs Trockene klatschte, brachen einige der halbverheilten Wunden wieder auf. In Sekundenschnelle schien die Haut des Monsters auszutrocknen. Mel eilte herbei und schüttete eine klebrige Flüssigkeit auf den Rücken Grasuls. Er versuchte noch einmal, sich auf die Beine zu kämpfen, aber wir warfen ihn mit einem Ruck wieder zu Boden.
»Feuer! Jetzt!« Rief Mel, und Heidrun hieb Ihre Fakel auf den ölbenetzten Rücken der Bestie. Getrennt von seiner Heilquelle brannte sich das alchemistische Feuer schnell tief in den Rücken Grasuls. Das Monster wand sich vor SChmerzen, aber die eng um seinen Hals geschnürte Peitsche verhinderte laute Schreie. Dennoch war der Anblick des zuckenden und sich windenden Wesens, das in wenigen Sekunden vertrocknete und verbrannte ein weiterer, der mich lange in meinen Träumen begleiten würde.

Mel und Heidrun untersuchten gemeinsam Joachims schreckliche Wunde.
»Es hilft nichts. Wenn wir das Ding nicht rausnehmen, können wir noch literweise Heiltränke in ihn schütten. Und wenn wir ihn nicht wach bekommen, kann er sich nicht selbst heilen.« Ich konnte das ganze nicht mit ansehen. Mel lieh sich meine Säge. In Sekunden durchtrennten sie den Schaft der Waffe so nah an Joachims Bauch wie möglich. Heidrun und Akbash hielten den Heiler fest, Aurelia umwickelte die herausragende Spitze der Harpune mit ein paar Lederriemen, um sie besser packen zu können. Mel nahm einen der Skalpelle aus Joachims Heilertasche.
»Ich muss darum herum schneiden. Wenn wir sie einfach heraus reißen, ist er tot, bevor wir etwas tun können.«
Die Operation war quälend langsam, und es floss mehr Blut, als ich für möglich gehalten hatte. Aber schließlich schafften sie es tatsächlich, die grausame Waffe aus Joachim zu entfernen und ihn mit einem guten Liter Heiltrank wieder zu sich zu bringen.
Als er die Augen wieder aufschlug, waren seine ersten Worte:
»Ich mache nie wieder eine Tür auf, das das klar ist.«

Teuflische Technik
Nachdem Joachim wieder zu sich gekommen war, kam er schnell weider auf die Beine und konnte sich auch um die Verletzungen der anderen kümmern. Mel und ich nutzten die Zeit, um den Rest des Raumes zu untersuchen. Es gab drei weitere Türen, eine auf jeder Seite des Raumes. In der Nähe der seitlichen Türen waren weitere, kleinere Wasserbecken, die möglicherweise mit dem zentralen verbunden waren und auch unter der Mauer hinweg zu führen schienen.
Die zentrale Tür würde relativ mittig im Damm liegen, war also der wahrscheinlichste Ort für einen Kontrollmechanismus.
Getreu seinem Wort hielt Joachim sich von der Tür fern, und auch Aurelia konnte keinerlei Fallen oder Schlösser entdecken. Schließlich öffnete Akbash die Tür mit gezückten Waffen.
Der Raum dahinter war in grünliches Licht getaucht, das von unzähligen Runen und Schriftzeichen in den Wänden ausging. Zu beiden Enden des Raumes gab es Fallgitter, die herabgelassen waren, und dahinter je einen großen, komplexen und offensichtlich aktiven Bannkreis. Im Rechten befand sich nur noch rötlicher Staub, aber im Linken ...
 »Willkommen in meinem bescheidenen Heim« Eine hagere, zusammengesunkene Gestalt, mit brüchigen Fledermausflügeln, schwarzen, gespaltenen Hufen und sieben gedrehten Hörnern auf dem tierhaften Schädel begrüßte uns mit trockener Stimme.  Seine tiefliegenden Augen glommen noch immer gelb, aber es lag ein Flackern darin, wie bei einer beinahe verloschenen Kerze. Dennoch war kein Zweifel an der puren Bosheit, die uns entgegenschlug, als diese harmlosen Worte sich in unsere Köpfe zubohren schienen.
»Es tut mir leid, das wir nicht aufgeräumt haben. Aber nach zehntausend Jahren lässt man manche Regeln der Gastfreundschaft schleifen. Außerdem« Er hob eine Hand mit gesplitterten, schwarzen Krallen und kratzte in der Luft vor sich. Grünliche Funken stoben auf. »Bin ich länger nicht mehr heraus gekommen.«
Ungläubig starrten wir das Wesen an.
»Ist das ein Dämon?« Fragte ich.
»Davon kann man ausgehen.« Erklärte Joachim.
»Teufel, wenn ich bitten darf. Es gibt keinen Grund, mich auch noch zu beleidigen.«
»Gibt’s da einen Unterschied?«
»Keinen Relevanten.«
»Also, ich muss doch sehr bitten. Die Unterschiede sind äußerst relevant. Als Teufel bin ich an jeden meiner Verträge gebunden. Kein dahergelaufener Dämon bietet Euch solche klare Regelungen für«
»Halts Maul, Dämon.«
Verstimmt schaute der Teufel zu Boden. Das verwunderte uns noch mehr als alles andere.
»Was immer wir tun, wir sollten auf keinen Fall mit ihm reden. Das da ist noch deutlich gefährlicher als Xanesha oder Lucretia. Und das letzte, was wir brauchen können, ist ein weiter Teufelspakt.«
»Weiterer?« Horchte Jamiro auf. »Was heißt den hier weiterer?«
»Seht Ihr? Schon gibt’s Probleme. Lasst uns erstmal wieder rausgehe und unsere Strategie planen, wo das da uns nicht hören kann.«
»Nein, nein, geht nicht. Lasst mich bitte nicht allein. Ich erzähl Euch auch alles, was Ihr wissen wollt, ohne Gegenleistung!« Es klang beinahe flehentlich, und der Teufel warf sich bettelnd auf den Boden.
»Bitte! Mein Leben wird hier aus mit heraus gesaugt, um diesen elenden Staudamm zu bedienen. Meinen Bruder dort hat es schon vernichtet.« Er deutete auf die Asche. »Aber das wäre nicht mal so schlimm, aber die Langeweile! Er ist jetzt seit fünfzig Jahren tot, und davor hatten wir uns auch schon tausend Jahre nichts mehr zu sagen. Ich werde hier wahnsinnig! Bitte, ich tue alles, wenn Ihr nur einen Moment hier bleibt! Alles!«
Wir sahen uns irritiert an. Joachim zückte Lucretias Buch und schlug etwas nach.
»Das ist interessant - darauf verweist Lucretia hier. Wer immer diese vorhergehende Zivilisation auch war, sie haben »Externare« genutzt, um Werke großer Magie zu schaffen. Mir war nicht klar, wie Sie das tun.« Er schlug das Buch zu. »Aber hier scheinen wir einen dieser Fälle vorliegen zu haben.«
»Sie treiben einen Staudamm mit der Lebensenergie von Dämonen an?« .«
»Teufel.« kam kleinlaut aus dem Käfig.
»Halts Maul, Dämon.«
»Und jetzt? Brauchen wir einen anderen Dämon, um den Staudamm wieder in Gang zu setzen?«
»Möglich, aber vielleicht haben sie auch nur darum Dämonen benutzt, weil sie, wie soll ich sagen, pflegeleicht sind?«
»Pflegeleicht ist glaube ich das letzte Wort, das ich jemals für Dämonen genutzt hätte.«
»Sie altern nicht, sie essen nicht, sie schlafen nicht. Solange niemand mit ihnen reden muss und die Bannkreise halten, sind sie eine perfekte Energiequelle. Wenn man den weiß, wie man sie anzapft.«
»Und du meinst, man könnte auch andere Wesen fazu benutzen?«
»Die Frage ist, was für eine Kraft da genutzt wird. Und ob diese Kraft in Dämonen und anderen Wesen vorhanden ist. Es käme auf einen Versuch an - aus diesen Runen werde ich jedenfalls nicht schlau.«
Wir schauten uns gegenseitig an.
»Und wer will sich freiwillig in dieses Ding da stellen?« Nach einigem herumdrucksen meldete sich ausgerechnet Jamiro als Erste.
»Wenn wir Schildkrötenfähre damit retten können, ist es das wert. Und ich bin wohl das, was einem Dämon hier am nächsten kommt. Und keine dummen Sprüche!« Sie schaute mich streng an.
Ich haderte etwas mit mir, dann schaute ich betroffen zu Boden. »Du musst das nicht alleine tun. Ich komme mit.«
Sie schien überrascht.
»Warum?«
»Schau mich an. Ich bin von einer Hexe verflucht, und falls es sich nicht gerade um die elfische Seele halten sollte, die da genutzt wird, sondern etwas - körperliches, bin ich zur Zeit ein besserer Nährboden als du. Im Ernst, du siehst halb verhungert aus.«
Jamiro lachte lauf auf und schlug mir auf die Schulter.
»Ok, mein stattlicher Freund, dann riskieren wir mal gemeinsam unsere Seelen!«
Vorsichtig traten wir an den Kreis heran, in dem die staubigen Überreste unseres Vorgängers lagen. Wir versuchten, sie weitesgehend ungestört zu lassen. Allen Mut zusammen nehmend schritten wir über die Schwelle - und nichts geschah.
»Und jetzt?«
»Ich weiß auch nicht.«
Mel meldete sich zu Wort. »Ich denke, es hat etwas mit dem Modell nebenan zu tun.« Wir alle starrten ihn wortlos an. »Ich hab mich halt etwas umgesehen, während Ihr hier dramatisch über Selbstopferungen diskutiert habt. Und nachdem Joachim von den Vorteilen von Dämonen gesprochen hat, dachte ich mir. »Hey, am besten wäre es doch, wenn man das Ding dann noch steuern könnte, ohne mit Ihnen zureden!« Und Siehe da, eine Tür weiter ist ein Maßstabsgetreues Modell des Damms, mit beweglichen Kiefern an den großen Abflüssen.«
»Mel, irgendwann müssen wir uns mal ernsthaft darüber unterhalten, was genau Du im Imperium getan hast.« Er strich sich über die Glatze und winkte ab.
»Bitte.«
»Aber eins nach dem anderen. Also, wer will den Schalter umlegen um uns die Lebenskraft abzusaugen?« Ohne zu zögern stapfte Heidrun los, freudig gefolgt von Mel.
»Manchmal glaube ich, sie mag mich nicht.« sinnierte ich. Aurelia prustete lauthals los, während Akbash hämisch kicherte. »Ich hoffe, Ihr ist klar, das sie erstmal nur ein -« Furchtbare Schmerzen durchzuckten mich. Es war, als würde man mir etwas aus dem Leib reissen, ohne meine Haut zu durchbohren. Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, aber dennoch fand ich mich auf dem Boden wieder. Jamiro war aufrecht geblieben, aber hielt sich keuchend die Brust fest. Uns gegenüber konte ich erkennen, das der Teufel ebenfalls zusammen gezuckt war. Eines seiner Hörner knackte, und Staub rieselte heraus. Leise hörten wir Mels Stimme aus dem Raum nebenan.
»Das war das Erste! Ist was passiert?« Joachim eilte an unsere Seite, während Aurelia Mel antwortete, bloß keine weiteren Schädel zu öffnen. Nachdem eine erste Untersuchung Joachims ohne Befund war, begann er trotzdem, seine heilende Magie auf uns zu wirken. Zu unserem Glück schien das tatsächlich zu helfen, die Nachwirkungen der Schmerzen und die Kälte in meinem Innern zogen sich tatsächlich zurück. Akbash zeigte mit dem Daumen nach oben.
»Es hat funktioniert. Man kann deutlich hören, das das Wasser jetzt durch den rechten Abfluss fließt.«
»Wir sollten auf Nummer Sicher gehen. Wer weiß, wie das Verhältnis von Zufluss und Abfluss ist bei diesen Verhältnissen - und idealerweise sollten wir den Pegel bis unter die Schäden senken, den die Oger und Marga angerichtet haben.«
Wir wechselten uns ab, und so konnten wir schließlich alle Abflüsse des Schädeldamms öffnen, ohne das jemand von uns bleibende Schäden erhielt. Der Teufel jammerte zwar viel herum, aber weitere bleibende Schäden waren bei ihm nicht erkennbar.
»Jetzt stellt sich die Frage, was wir mit ihm machen.« Konstatierte ich.
Mel schaute ihn nachdenklich an.
»Ich denke, er könnte uns beim Angriff auf den Haken nützlich sein. Früher haben wir solche wie ihn als Folterknechte eingesetzt, das sind harte Burschen.«
Angestrengt ignorierte ich Mels Andeutungen über frührere Dämonenpakte und fuhr fort.
»Ich dachte eher daran, ihn zu erschiessen.«
»Warum das denn?« fragte Mel perplex. »Er ist doch gefangen und selbst, wenn wir ihn nicht mitnehmen - er ist doch ein sehr nützliches Teil dieses Staudamms!«
»Er ist ein Dämon. Seine Aufgabe ist es, Sterbliche zu verführen. Und jetzt, wo Grasul tot ist, wer weiß, wie lange es dauert, bis er die Trolle überzeugt, das er ihnen frei nützlicher ist als gefangen?«
Akbash stellte sich vor mich. „Immer mit der Ruhe, Pistolero. Wenn Du anfängst hier durch die Gegend zu ballern, ist die Chance größer, das Vieh zu befreien als ihm etwas anzutun. Wir vertagen das Ganze und öffnen erstmal die Fluttore.“
Die Frauen stimmten beide zu. Aurelia fasste es in Worte. „Keine Eberhart-Aktionen heute. Wir finden raus, wie dieses Ding hier abgeschaltet wird und dann sind wir weg. Soll sich mal jemand anders um die Dämonen kümmern.“
Ich gab mich geschlagen. „Na gut, er hat hier jahrhundertelang rumgehangen, da kann er noch ein paar Wochen weiter warten können.“
Joachim trat neben mich und nickte zustimmend. „Ich habe die Glyphen überprüft. Sie sind geschwächt, aber sie halten noch. Wir müssen nur dafür Sorgen, das die Trolle die Finger davon lassen.“

Wir erreichten die Oberfläche des Damms, ohne einem einzigen Troll zu begegnen. An der Oberfläche angekommen, überraschte uns die Sonne, die durch die Wolken brach.
„Na, wer sagt’s denn. Wer immer den Plan mit dem Damm hatte, hat wohl eingesehen, das er geschlagen ist.“
„Oder er ist zufrieden mit dem, was er erreicht hat“, gab Akbash zu bedenken und kratzte an dem schwarzen Juwel in seiner Augenhöhle. „Ich konnte Marga noch verdammt lange fluchen hören, nachdem sie über den Damm gegangen ist. Wer weiß, ob noch irgendwas übrig ist von Schildkrötenfähre.“
Aurelia starrte den angeschwollenen Fluß entlang, der jetzt von den drei gewaltigen Strömen aus den Schädeltoren gespeist wurde. „Ach, so schlimm wird’s schon nicht sein.“ Sie wandte sich um und suchte den Horizont ab. „Da wird es richtig schlimm.“
Ich folgte ihrem Blick. Dort, am Horizont, ragte der Gipfel des Haken aus dem nebelverhangenen Wald hervor. „Wollen wir wirklich dorthin?“
Joachim trat an meine Seite. „Von wollen kann keine Rede sein. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wenn Hauptmann Biden noch lebt, läuft seine Zeit auf jeden Fall ab. Myriana ist ungeduldig. Ich kann Ihren verderbenden Einfluss von hier schon sehen. Du nicht auch, Akbash?“
Der Glücksritter nickte. „Ich wusste nicht genau, was es ist, aber da ist ein widerlicher, grünlicher Nebel über dem Wald dort.“ Er zeigte in Richtung Schildkrötenfähre. „Und heute Morgen war er deutlich weiter weg.“
„Trotzdem müssen wir etwas wegen der Rannikfeste tun.“ Kildarion trat aus dem Schatten der Aufbauten heraus.
„Ach, schau mal, wer wieder mal nach der schweren Arbeit hier auftaucht.“ Akbash grinste der Halbelfe entgegen. „Aber trotzdem bist du wie immer ein willkommener Anblick.“
Kildarion war anscheinend nicht zum Flirten aufgelegt. „Die Feste ist nahezu unbesetzt, und wir wissen nicht, ob es überhaupt noch Menschen in Schildkrötenfähre gibt, die als Verstärkung kommen könnten. Wir müssen uns jetzt an die freien Stämme wenden!“
„Sie hat recht.“ Jamiro trat an ihre Seite. „Wenn es jemals einen Moment gab, an dem wir uns an die Freien wenden sollten, dann jetzt. Die schwarzen Pfeile sind so schwach, das sie auf ihre Hilfe angewiesen sind. Wir könnten ein Zeichen für ganz Maracasar setzen!“ Die ehemalige Gefangene war vor Begeisterung kaum zu bremsen.
Joachim freundete sich mit dem Gedanken schnell an. „Eberhart, das klingt wirklich gut. Wollten wir das nicht schon immer erreichen mit der Gesellschaft? Das Ende der Sklaverei?“
„Naja“, druckste ich. „So detailliert haben wir das gar nicht in die Satzung aufgenommen. Du weißt schon, wir wollten die Leute nicht direkt vor den Kopf stoßen...“
„Schluß jetzt!“ Joachim hieb seinen Stab auf den Dammboden, und Blitze liefen an ihm entlang. „Wir werden jetzt und hier handeln. Jamiro, du wirst mit Kildarion zu den freien Menschen gehen und ihnen sagen, das sie die Rannikfeste verstärken müssen. Sie sollen Jakaros daran erinnern, wer ihm die Feste zurückgegeben hat. Und wenn die freien Männer und Frauen erstmal zeigen, das sie die Rannikfeste halten und damit nicht zuletzt für die Sicherheit von Haven sorgen, wollen wir Dochmal sehen, wie lange die Herrscher von Maracasar sich noch für die Sklaverei einsetzen können. Wir werden der Sturm sein, der diesen Makel hinwegfegt. Wir werden ihnen zeigen, dass Freiheit das Recht jedes denkenden Wesens ist. Die Freiheit zu wählen zwischen Gut und Böse.“ Er blickte zum Haken.
„Und diese Oger haben das Böse gewählt. Also wird es Zeit, dass sie den gerechten Zorn freier Menschen spüren. Wir brechen auf.“ Und mit diesen Worten schritt er vorwärts, ohne irgendeinen Einspruch abzuwarten.
„Na, damit ist das wohl entschieden“, sagte ich. „Wer hätte gedacht, das uns ein Sturmgeborener noch mal Ärger macht?“