Joachim hier. Ich
übernehme diesen Teil des Berichts, da es meine Idee war, im Tempel
der Stürme Unterchlupf zu suchen. Immerhin hatte uns Laros schon
mehr als einmal vor Unheil geschützt, und seit meiner Rückkehr in
seinem Namen verspüre ich eine gewisse Verbundenheit zum Herrn der
Meere.
Zunächst wirkte
das auch wie eine gute Idee. Die ansässigen Questoren gewährten uns
ein wenig Ruhe, während wir unsere Lage überdachten. Allerdings war
diese Ruhe von kurzer Zeit.
„Garcia!
Garcia!“ Eine junge Akolythin stürmte in die kleine Zelle, die man
uns zur Verfügun gestellt hatte. „Der Questor schickt mich. Ihr
müßt schnellstens den Tempel verlassen!“ Die Arme war völlig
außer sich. Heidruns Hand ruhte auf Ihrem Schwert, und Aurelia
blickte von der Karte Larifas auf, die wir studiert hatten.
„Was gibt es
denn? Haben die Khainiten uns gefunden?“ Ich war besorgt, das uns
doch jemand verfolgt haben könnte.
„Schlimmer. Der
Oberste Gezeitenwächter hat von Euch gehört. Und vertraut mir –
ihm wollt Ihr nicht begegnen.“ Sie schien tatsächlich von tief
empfundener Panik ergriffen. Ich war irritiert.
„Aber – sind
Gezeitenwächter nicht die Inquisitoren des Laros? Sind das nicht
genau die Autoritäten, mit denen wir reden müssten?“ Ich erhob
mich und packte vorsichtshalber meine Heilertasche zusammen.
„Die Gnade Laros
ist immer nur die Ruhe vor dem Sturm, wie Ihr wisst. Die Questoren
sind die ruhige See, die uns alle ernährt. Die Gezeitenwächter SIND
der Sturm. Wenn sie ausziehen, folgen Ihnen Zerstörung und Unheil.
Glaubt mir bitte. Trefft den Questor am Süderkai, dort predigt er
zur siebenten Wacht jeden Abend. Aber nun geht. GEHT!“ Sie drückte
uns noch ein Bündel Kleidung in den Arm, bevor sie uns eine
Hintertreppe entlang führte. Wir eilten durch eine kleine Nebenforte
in die Seitengasse des Oberviertels. „Denkt an die Siebte Wacht!“,
flüsterte die Akolythin noch einmal, bevor sie uns die Tür vor der
Nase zu schlug.
Aurelia schnaubte.
„Na, das war ja umwerfend. Die fürchten sich vor den eigenen
Priestern?“ Ich blickte mich ein wenig hilflos um.
„Es scheint so.
Ich gebe zu, so detailliert habe ich mich mit den verschiedenen
Kulten noch nicht auseinander gesetzt, aber tatsächlich sind diese
Gezeitenwächter wohl ziemliche Dickköpfe. Die Diskussion kann ich
mir tatsächlich sparen. Zunächst müssen wir Akbash finden.“
Aurelia trat an
mich heran und wühlte in den Kleidern herum, die uns die Akolythin
gegeben hatte. „Na, dann schauen wir doch mal, was wir aus den
Fetzen hier machen können.“ Sie grinste mich verschmitzt an, als
sie eine kurze Tunika hervor fischte. „Zeit für eine Modenschau!“
Freunde im Sturm
Einschub - Schatten auf dem Dach
Die Welle bricht
„Ich kann immer noch nicht glauben,
dass ich ein Häubchen trage!“ Ich zupfte an der ungewohnten
Kopfbedeckung herum.
„Hör auf zu meckern, wir sind alle
nicht froh mit dieser Verkleidung. Aber sie klappt. Wenigstens bist
du es gewohnt, in Röcken herum zu laufen.“ Heidrun raffte Ihre
Roben, die sich um Ihre Beine verheddert hatten, um schneller die
Hafentreppe herunter zu kommen..
„Müsstest Du nicht an Röcke gewoht
sein?“ fragte ich unbedacht. Heidruns Ellbogen traf mich zielsicher
in die Nieren.
„Seit wann bin ich ein Burgfäulein?
In diesen Dingern kann man weder reiten noch klettern – man kann ja
kaum laufen!“
Aurelia lachte lauthals auf. „Das
stimmt wohl. Aber sie haben auch ein paar Vorteile. Sie hob den Saum
Ihrer Robe und zeigte eine ansehnliches Arsenal an Klingen und
Werkzeugen darunter. „Man kann einiges darin unterbringen.“
„Still jetzt – dort vorne ist der
Schrein. Hier müssten wir Quästor XXX treffen können. Hoffentlich
kann er uns erklären, warum wir aus dem Tempel der Stürme fliehen
mussten, und wie wir jetzt weiter vorgehen können.“
Der Hafenschrein war eher eine
Ernüchterung nach der Pracht des Sturmtempels. Aber in diesem eher
bodenständigen Gotteshaus waren wir auch eher zu Hause als in den
großen Kathedralen Larifas. Der Quästor, der zu einigen betrunkenen
Seeleuten und alternden Dirnen sprach, ließ sich vom fehlenden
Interesse seines Publikums nicht entmutigen und vollendete Laros
Sturmruf mit vorbildhafter Inbrunst.
Als die Gläubigen, die noch bei
Bewusstsein waren, das Gotteshaus verlassen hatten, trat ich an den
Quästor heran und entledigte mich der Haube, die mein Gesicht
verborgen hielt.
„Vater, ich bin Garcia Sturmwall.
Akolythin Lydia schickte uns zu Euch. Wir brauchen Eure Hilfe.“
Der Quästor sah von seinem Pult auf
mich herab, einen undefinierbaren Ausdruck im gesicht.
„Und da ist das Problem, Garcia. Ihr
bitte tum Hilfe. Wieder und wieder und wieder.“ Er schüttelte den
Kopf. „So könnt Ihr nicht mit Laros Geschenk umgehen. Ihr seid ein
Sturmgeborener. Ein Sendbote des Herrn der Meere. Ihr könnt nicht
herumschleichen, intrigieren und Euch in den Tempeln verstecken. Ihr
bringt Schande über Euch und alle Kinder Laros.“
Ich war wie vor den Kopf geschlagen.
„Das – das meint Ihr nicht im
Ernst, oder? Ihr werft mir vor, mich zu verstecken? Habt Ihr
irgendeine Ahnung, was ich durchgemacht habe, seit Laros mich aus dem
Totenreich gerissen hat? Das erste, was ich danach getan habe, ist in
den Mahlstrom selbst herab zu steigen und dem Schwarm, untoten
Piraten und dem elenden Del’Mar selbst gegenüber zu treten. Und zu
triumphieren!“ Ich stieg zum Quästor in die Kanzel, um ihm in die
Augen zu sehen.
Zurück in Port Grim haben wir uns
unmittelbar einer Mordserie im Zeichen des Sihedron angenommen. Und
im Gegensatz zu Euche haben wir das Übel an der Wurzel gepackt und
nicht nur eine drohende Ghulseuche gestoppt, sondern das komplette
Verhängnis mitsamt den Todlosen und dämonischen Schrecken in seinen
Tiefen niedergebrannt!“
Ich stieß ihm meinen Zeigefinger in
die Brust.
„Und jetzt sind wir hier, in Larifa,
wo anscheinend all diese Probleme Ihren Anfange genommen haben, nur
um zu hören, das hier schon Dutzende diesem Kult zum Opfer gefallen
sind. Und uns, die wir uns diesem Morden als einzige entgegen
stellen, wollt Ihr vorwerfen, das wir uns verstecken! Das wir Schaden
über Laros bringen. Wir könnt Ihr es wagen!“
Ein Windstoß fuhr durch die Kapelle
und ließ die Türen schlagen. In der Ferne ertönte nur das Donnern
der Brandung. Der Quästor war vor mir zurück gewichen, und jetzt
war der Ausdruck in seinem Gesicht klar. Es war die schiere Angst.
Ich ließ den Kopf sinken.
„Kommt, wir verschwinden. Es war
sinnlos, hier her zu kommen. Wir sind mal wieder auf uns allein
gestellt.“
„Nicht ganz, Johannes. Starker
Auftritt – meine neuen Freunde sind auch gebührend beeindruckt!“
Ich wirbelte herum und sah Akbash Weißhaupt im Eingang stehen, ein
schiefes Grinsen im Gesicht, den Federhut in der behandschuhen Hand.
„Akbahs! Laros Wind hat uns also doch
mit einem Ziel hergeführt!“ Ich eilte zu ihm und schlug ihm auf
die Schulter. „Du bist den Häschern also entgangen! Welch gute
Nachricht!“
Er lachte auf und ergriff ebenso meine
Schulter. „Ja, mein Guter. Ich fürchte nur, nicht Laos Lüftchen
hat mich hergeführt, sondern unsere soliden Xaan-Freunde hier.“ Er
ließ den Hut herumwirbeln und deutete auf zwei ungleiche Gestalten
nahe der Tür. „Darf ich vorstellen? Qin Jin, der lautlose Wind, und
Lau Gon, die Stahlschlange.“
Das Werk der Säge
Das Sägewerk erhob sich über die
Insel wie eine Klippe aus Finsternis. Es ist schon komisch, wie sehr
eine Vorahnung aus einem einfachen Bauwerk aus Holz und Stein etwas
unheimliches machen kann.
Unser Verbündeter von den Xaan war in
den Schatten verschwunden. Ich nickte meinen Gefährten zu, dann
atmete ich tief ein und begann das Mantra der Stille. Ein leichter
Druck legte sich auf meine Ohren, und als Aurelia die Stimme erhob,
drang nur ein leises Flüstern an meine Ohren.
„Hallo, Hallo? Ach, Joachim, hätten
wir uns doch nur früher kennengelernt. Jetzt können wir so laut
sein, wie wir wollen, und niemand stört uns“ Sie zwinkerte mir
verschmitzt zu, dann machte sie sich auf zur Tür. Seufzend folgte
ich Ihr, und die anderen bleiben mir dicht auf den Fersen.
Das Schloss zeigte nur kurz Widerstand
vor den geschickten Fingern der Südländerin.
Das Innere des Sägewerks schien ein
einziger Hinterhalt – verwinkelte Räume, merkwürdige
Gerätschaften und scharfe Werkzeuge, alles schien bedrohlich. Wir
schwärmten aus, und kurz darauf hörte ich ein gedämpftes Rufen –
Heidrun war auf etwas gestoßen.
„Sind das nicht die Wagen, in denen
sie Mel und Eberhart abtransportiert haben?“ Sie deutete auf zwei
schwarze, kantige Fuhrwerke ohne Fenster und Abzeichen. Ich nickte
und winkte Aurelia und Akbash nach vorne. Beide zogen Ihre Klingen.
Aurelia zählte mit den Fingern von drei herunter, dann riss sie die
Tür des ersten Wagens auf.
Eine massige Gestalt schoss aus dem
Wagen hervor und stürzte sich auf Akbash. Nur die Reflexe des
Glücksritters retteten ihn davor, den armen Eberhart aufzuspießen
wie einen Rollbraten.
„Ihr habt mich endlich gefunden“,
brach es aus dem Händler heraus. „Mann, ihr wisst gar nicht, was
für eine Angst ich da drin hatte.“ Er legte seine speckigen Arme
um Akbash und drückte ihn an sich.
„Jaja, ist ja gut. Nun lass mich los,
wir haben noch zu tun.“ Akbash wand sich, um dem Griff des Dicken
zu entkommen. „Ernsthaft, jetzt, lass mich – bei Sigmars Eiern,
was ist das denn!“ Er begann panisch zu strampeln und riss den Kopf
hin und her. Eberharts Kopf zuckte ebenso- Es wirkte fast so, als
wollte er Akbash – küssen? Dank meines Zaubers waren Akbash Rufe
kaum lauter als ein Gespräch unter Liebenden, was dem ganzen einen
bizarre Note verlieh.
Plötzlich stieß Eberhart ein ganz und
gar unmenschliches Kreischen aus, ließ Akbahs los und taumelte nach
hinten. Jetzt, wo ich ihn klar sehen konnte, offenbarte sich das
formlose Gesicht eines Gestaltwandlers, mitsamt der widerlich langen
Dolchzunge. Das Wesen versuchte an etwas in seinem Rücken zu
gelangen, und seine Arme und Schultern begannen sich wie Gummi zu
verformen. Er bekam jedoch keine Gelegenheit dazu, Aurelias
Kurzschwert aus seinem Rücken zu ziehen – Akbash Parierdolch
kappte die Zunge des Monsters eine Sekunde, bevor sein Rapier das
Herz durchbohrte.
Wir standen um den Schleimklumpen
herum, der vor kurzem noch wie unser Freund ausgesehen hatte. Akbahs
nickte Aurelia zu. „Danke – die Viecher sind verdammt stark.“
Aurelia legte den Kopf schief.
„Keine Ursache – obwohl ich Dir
schon öfter gesagt habe, du sollst nicht gleich mit jedem
rumknutschen.“
Akbash schüttelte sich – „Als wär
ein Gestaltwandler nicht schon schlimm genug – musste er denn auch
noch Eberharts Gesicht tragen? Mann, jede Warze bis ins kleinste
Detail, bäh.“
Ich tippte ungeduldig mit meinem
Heilerstab auf seine Schulter.
„Genug der Scherzerei – wir sind
hier auf einer Rettungsmission. Kommt schon.“ Ich machte mich auf
den Weg zum Treppenhaus. Hinter mir hörte ich noch ein paar
Wortfetzen – „dickes, schwarzes Haar“, „authentischer
Fettgeruch“ und „realistische Wabbeligkeit“, aber bald waren
wir wieder im Ernst der Lage angekommen. Wir stiegen hinauf zum
Speicher des Sägewerks, den letzten Ort, an dem wir den echten
Eberhart und Mel finden konnten.
Mit einem Flattern gleich einem
düsteren Vogel landete Qin Jin auf dem Dach, eine Hand auf dem
Boden, den Stab waagerecht hinter sich.
Der Wächter wirbelte herum, Schwert
gezückt. Sein Gesicht war verhüllt von einer merkwürdig verzerrten
Maske, mit asymmetrisch angeordneten Augen und anscheinend genäht
aus Hautfetzen. Qin Jin richtete sich auf und stellte seinen Stab
neben sich.
„Du solltest jetzt besser von diesem
Dach springe.“ Er deutete mit der offenen Hand nach links. „Dort
ist der Fluss, aber ich überlasse die Wahl Dir.“
Als Antwort rannte der Wächter mit
erhobenem Schwert auf ihn zu. Der Xaan verharrte bis der Angreifer
nur noch einen Schritt von ihm entfernt war und das Schwert auf
seinen Kopf hernieder sauste.
Tänzerisch schob er ein Bein nach
hinten und drehte seinen Körper aus dem Weg. Mit einem surrenden
Geräusch fuhr sein Stab herunter. Klirrend fiel das Schwert zu
Boden, während die Wache sich die geprellte Hand hielt.
Qin Jin legte fragend den Kopf schief
und deutete Richtung Fluss.
Die Wache schüttelte seine Hand, riss
einen gekrümmten Dolch aus dem Gürtel und stürzte sich wieder auf
Jin. Diesemal kam die Wache nur bis auf zwei Schritte heran. Der Stab
zuckte nach vorne wie eine Schlange und traf ihn kurz unter der
Schulter. Der Arm sackte gefühllos herab, der Dolch landete neben
dem Schwert.
Der Stockkämpfer räusperte sich.
„Deine Deckung ist bemitleidenswert. Fanatsische Angriffe mögen
unzivilisierte Wilde beeindrucken, aber wahre Kämpfer wissen solche
Lücken zu nutzen, bevor Dein Schlag landen kann. Beherzige diese
Lektion, und vielleicht wird irgendwann ein würdiger Gegner aus Dir.
Jetzt muss ich leider darauf bestehen.“ Er deutete entschieden
Richtung Fluss.
Die Wache schüttelte den Kopf, als
wäre sie verwirrt, dann nahm sei eine Kampfhaltung ein, die Fäuste
erhoben, die Beine weit auseinander. Er hieb sich herausfordernd auf
die Brust.
„Kein gesprächiger Bursche, wie ich
sehe.“ Er ließ den Stab, auf der Spitze balanciert, neben sich
stehen und ging fließend in eine ähnliche Stellung über, die Hände
geöffnet, das linke Bein angewinkelt, so das nur der Ballen den
Boden berührte. Er winkte den Wächter lässig heran.
Mit einen unartikulierten Schrei rannte
der Wächter ein drittes Mal los. Drei Schritte von Qin Jin entfernt
sprang er ab, der rechte Fuss schoß voran. Quin Jins tritt fegte ihn
aus der Luft wie eine lästige Fliege. Er schritt zu dem stöhnenden
Wächter , der versuchte, sich vom Aufprall zu erholen, und griff ihn
am Arm. Dan führte er ihn zum Rand des Daches.
„Es scheint, als bräuchtest DU mehr
als eine Lektion.“ Mit einem Ruck renkte er dem Mann die Schulter
aus. Ein dumpfes Stöhnen wich unter der Maske hervor.
„Körperspannung. Hättest Du eine
vernünftige Körperspannung, hätte ich das nicht tun können.“ Er
trat der Wache ins Knie, so das sie nahezu über den Rand des Daches
stolperte, nur noch gehalten von Quin Jins Hand. „Gleichgewicht –
ein wahrer Krieger würde niemals so taumeln.“ Er liess los. Der
kurze Schrei der Wache wurde unterbrochen von einem trockenen
Krachen, als er sich in den Holztrümmern am Boden das Genick brach.
Qin Jin blickte ihm nicht nach. „Und wenn ich sage spring, dann
springst du gefälligst, Gaijin.“
Die Welle bricht
Wir traten auf den
Speicher, und vor uns lag ein Plateau wie aus einem schlechten
Theaterstück. Ein Dutzend Maskierte, ähnlich dem Wächter auf dem
Dach, gekleidet in schwarz und bis an die Zähne bewaffnet. Im
Hintergrund, auf einem rotfleckigen Altar, wo sonst die Jungfrau in
Nöten wartete – der gute alte Eberhard. Diesmal hatte es ihn
wirklich erwischt. Über ihm, den klassischen, gebogenen Opferdolch
in den Händen, ein goldmaskierter Kultführer, inlusive
rotgefüttertem Umhang. Wäre alles nicht so todernst gewesen, hätte
ich lachen müssen.
Ich räsperte
mich. „Das Spiel ist vorbei. Im Namen Laros und der Gesellschaft
für, für...“ Ich tippte Akbash an. „Wie heissen wir nochmal?
Ich kann mir das nicht merken.“
Er murmelte aus
dem Mundwinkel. „Abenteuer und Forschung?“
Aurelia meldete
sich „Nee, Profit und Entdeckung, oder?“
Heidrun warf ein:
„Marakasar kommt immer drin vor, aber ich weiss nicht mehr, ob
vorne oder hinten.“
Ich zuckte mit den
Schultern. „Nun ja, auf jeden Fall-“
Ein gewaltiges
Klirren und Scheppern unterbrach mich. Lau Gon hatte sein Bündel auf
den Boden geworfen und ausgerollt. Anscheinend war es gar kein Sack,
sondern eine Art Decke, gefüttert mit Halterungen und Halftern. Und
darin offenbarte sich ein erschreckendes Arsenal an Mordgerät.
„Ihr habt Glück,
Gaijin! Heute werdet Ihr Lau Gon gegenüberstehen, der Stahlschlange.
Und weil ich gute Laune habe, dürft Ihr wählen, wie Ihr sterbt.“
Er ginste breit und präsentierte sein Arsenal.
Der Kultführer
hatte nun endgültig genug. „Macht sie nieder!“ Kreischte er
„Opfert Ihre unwürdigen Seelen dem Herr des Mordes!“ Wie ein
Mann zogen die Kultisten Ihr Schwerter und stürmten auf uns zu.
Kopfschüttelnd
hob ich die Arme und sprach die Worte der Macht, um die Muskeln
meiner Mitstreiter zu stählen. Obwohl Lau Gon nicht so aussah, als
würde es noch einen Unterschied machen, schloss ich ihn in die Magie
mit ein. Der xaanische Hüne hob einen merkwüdigen, dreiteiligen
Stab mit Gewichten an den Enden und schwang ihn in weitem Bogen über
seinen Schädel. Die Kultisten wichen hastig zurück, um nicht wie
Getreide niedergemäht zu werden. Heidrun, Akbash und Aurelia liessen
Ihre Klingen wirben, und schnell lagen die ersten Mörder blutend am
Boden.
Der Führer
vollführte einige arkane Gesten, und eine Wolke undurchdringlicher
Dunkelheit legte sich über die Kämpfenden.
„Lasst sehen,
wie Ihr in Khaines finsterer Nacht kämpft!“ Heidrun zog sich aus
der Wolke zurück. Ich deutete auf die Treppe. Sie nickte. Bei
Meuchelmördern war es immer gut, alle Richtungen zu sichern. Aus dem
Dunkel erklangen dumpfe Schläge, Schmerzenscchreie und Lau Gons
donnerndes Lachen.
„Nun, mein
Freund, wir haben in der Finsternis des Mahlstroms gekämpft und sind
siegreich wieder herausgetreten. Glaubst, ein bißchen Nebel würde
uns bremsen?“ Einer der Meuchler taumelte aus der Wolke, bevor er
blutend zusammen brach. Ich warf ihm einen kurzen Blick zu – er
hatte vielleicht noch eine Minute, und hatte starke Schmerzen. Eine
Berührung meines Stabs lähmte seine Nerven, damit er nicht noch
leiden musste.
„Khainiten –
Stahlregen!“ Der Kampflärm in der Wolke verstummte. Ich hörte
Akbash Absätze auf dem harten Boden, als er aus der Finsternis
hervorschritt. Das Sirren von Handarmbrüsten erklang, gefolgt vom
hellen Klirren eines Degens und einem höhnischen Lachen.
„Sucht bessere
Kommandos für Eure Tricks, Ihr Feiglinge. Einem Fechtmeister
anzukündigen, das Ihr auf Ihn schießen wollt, macht die Sache
sinnlos.“
„Darf ich
vorstellen? Das ist Akbash Weißhaupt, Schrecken des Reikwassers.
Bezwinger des Kraken und ewiger Pessimist. Wenn Er Euch verhöhnt,
ist Euer Schicksal besiegelt.“ Die Schwarze Wolke läste sich auf
und offenbarte drei oder vier Körper am Boden. Einer der Meuchler
rang mit Lau Gon, der sich prächtig zu amüsieren schien.
Weitere
schwarzgewandete Kämpfer strömten auf Akbash und Aurelia zu. Ein
dumpfer Knall ertönte vom Dach. Ich überprüfte kurz den
Gesundheitszustand der Truppe, bevor ich nach Eberhart sah. Er sah
blass aus, aber nicht ausgeblutet. Der Kultführer rief einen
weiteren der verbotenen Namen Khaines. „Zhei-Hazzog – der
Augendieb!“ Mit einem roten Aufblitzen verlor ich vorübergehend
mein Augenlicht. „Keine Panik, Leute. Das ist vorübergehend, ich
kümmere mich gleich drum. Heidrun? Wir bräuchten Dich hier oben. „
Heidrun kam die
Treppe wieder herauf und signalisierte mir mit einem Schulterklopen,
das die Treppe frei war, bevor sie sich wieder dem Kampfgetümmel
anschloss.
Ein grauenhaftet
Schrei ertönte, dann ein Gurgeln und ein feuchtes Klatschen. Hm, das
klang nach Arteria und Lunge. Und bei dem Pladdern und Klatschen
hatte Heidrun anscheinend mal wieder einen Arm abgetrennt. Weiteres
Klirren ertönte, als einige der Meuchler Ihre Waffen fallen liessen.
Ob vor Angst oder wegen des glitschigen Blutschauers, konnte ich nur
über geräusche schwer feststellen.
„Das ist Heidrun
Horn, die Goblinschlächterin. Einige der südlichen Stämme opfern
inzwischen Bildnissen von Ihr, um den Segen Ihrer Gnadenlosigkeit zu
erhalten.“ Ein weiterer Schrei ertönte. „Beliebte Opfer sind
abgetrennte Gliedmassen.“ Während ich sprach, trug ich eine
linderne Salbe auf meine Augen auf, aber der Zauber schien auf den
Sehnerv zu wirken. Aber langsam sah ich wieder Umrisse. Ein weiteres
Krachen ertönte vom Dach.
Die Stimme des
Kultführers klang etwas schriller also zuvor.
„Khardass -
Vulor, ich rufe den Beistand Deines Dieners an!“ Eberhart
quietschte kurz auf, als die Opferklinge in seinen Leib eindrang.
Nicht tödlich, aber schmerzhaft. Das würde mal wieder anstrengend.
Eine rötliche Nebelwolke bildete sich neben dem Altar, und eine
große, schuppige Gestalt materialisierte. Der Gestank von Schwefel
und Abgrund lag in der Luft.
Mit einem
tierhaften Schrei ließ das Monster eine Hellebarde kreisen, nur um
sie heftig gegen den Altar zu schmetter und dabei beides zu
zerstören. Heidrun und Akbash hackten und stachen auf auf das
Monster ein, wieder und wieder. Es fiel schließlich, als Aurelia ihm
die Kniesehnen durchschnitt, auf seinen Rücken kletterte und den
Krummsäbel in seiner Gurgel versenkte.
„Aurelia
Güldenstern, Ihres Zeichens freiberufliche Schlosserin. Sie ist
keine Freundin von großen Titeln – sie tut einfach nur, was nötig
ist.“
Mit einem letzten
Krachen zersprang die Dachluke, und Quin Jin landete in einer Wolke
aus Splittern und Sägemehl auf dem Dachboden. Er erhob sich, staubte
seine Kleidung ab und überprüfte die Unversehrtheit seines
Kampfstabs. „Entschuldigt die Verspätung. Diese Luke war härter,
als erwartet.“
„Kein Problem,
du kommst grade rechtzeitig.“ Ich schloss kurz die Augen, atmete
tief ein und erhob die Stimme. „Das hier sind Quin Jin und Lau Gon,
neue Freunde aus dem Herzen des schönen Maracasar. Sie sind keine
Mitglieder unserer Gesellschaft, aber teilen unsere komplette
Intoleranz gegenüber kultischen Massenmördern. Nachdem wir uns
jetzt vorgestellt haben, würdest Du wohl von unserem Kämmerer
Eberhart zurücktreten. Solltest Du ihm bleibenden Schaden zufügen,
müssten wir wirklich, wirklich unangenehm werden.“
Der
Kultistenführer trat tatsächlich einen Schritt vom Altar zurück,
allerdings nur, um ein langes, runenbedecktes Schwerz zu ziehen,
nachdem er den Opferdolch in die linke Hand wechselte. „Ich habe
Euch unterschätzt, aber Ihr wisst nicht, mit wem Ihr Euch anlegt.
Eure Gesichter werde ich auf Rahmen spannen, um mich an diesen Abend
zu erinnern.“ Er wirbelte das Schwert um sich, und es zog rötliche
Schlieren durch die Luft.
Akbash wischte
sich über die Augen und schüttelte den Kopf. „Im Ernst? Wir haben
das ganze Kroppzeug UND das Monster erwischt, und du willst immer
noch Ärger? Naja, wenigstens seh' ich wieder was.“ Heidrun schlug
wortlos etwas Blut von Ihrem Schwert und schritt grimmig auf den
Schwertkämpfer zu, Aurelia näherte sich in weitem Bogen. Quin Jin
verbeugte sich tief, dann nahm er Kampfhaltung an.
Im Hintergrund
hörten wir ein schrilles Kreischen. „Du beißt mir in die Zehen?
Das kostet Dich einen Finger, du Wurm. Und für das kreischen gleich
noch einen!“ Weiteres Kreischen. Quin Jin wirkte peinlich berührt.
„Lau Gon, hier ist ein echter Gegner. Hör auf zu spielen.“ Ein
dumpfes Knirschen ertönte, dann ein Klirren und Scheppern. „Ah,
ein Schwertkämpfer! Endlich jemand für meine Stahlsensentechnick!“
Der Hüne stapfte mit einem anderthalb Schritt langen Schwert an mir
vorbei und liess ein beinahe mädchenhaftes Kichern ertönen.
Soviel muss ich
dem Kultführer lassen, Er liess sich nicht einschüchtern. Erst, als
er entwaffnet und blutend am Boden lag, flehte er um Gnade.