Hallochen, Aurelia Güldenstern mein
Name. Der gute Eberhart hat mich gebeten, doch mal unseren Teil der
Geschichte zu erzählen, „Für die Nachwelt“. Ich bin ja kein
großer Freund von schriftlichen Beweisen, aber inzwischen ist
hoffensichtlich Gras über die Sache gewachsen. Oder wir sind so
reich, das es nicht mehr interessiert.
Egal, ich soll den Teil erzählen, als
wir alle aus dem Hotel vor der Wache abgehauen sind. Nun, zunächst
mal. Wir sind nicht alle abgehauen. Mel hatte die großartige Idee,
sich zu ergeben! Irgendwann muss ich ihn mal ausquetschen, was er vor
unseren gemeinsamen Eskapaden getrieben hat, aber der Rest von uns
wusste instinktiv, das man sich nie freiwillig von den Schweinchen
schnappen lässt.
Nun, wir andern also Haste Was kannste
nach oben. Eberhart, die treue Seele, verrammelte die Tür zu seinem
Zimmer, aber da wollten wir eh nicht hin. Joachim fand das wohl
weniger lustig, denn er hämmerte noch ein paarmal an die Tür, als
wir schon die Treppe rauf waren. Ich hatte schon vorher mal geprüft,
wie man am schnellsten auf die Dächer kommt, und die Tür war auch
brav offen. Ich hatte das Schloss ja auch nicht zum Spaß sabotiert,
nur mal am Rande.
Als wir oben waren, hörten wir unter
uns schon die Stiefel der Wachen. Sportliche Wachen, ungewöhnlich.
Die mussten uns ganz schön was angehängt haben. Heidrun zeigte nach
Süden. „Das Dach dort ist am nächsten. Auf geht’s!“ Mit einem
eleganten Satz setzte sie hinüber. Mein Sprung war weniger hübsch,
aber rüber brachte er mich auch, und weiter ging‘s. Die
Schweinchen unten in der Gasse hatten mit Eberhart zu tun. Können
froh sein, das er keinen bei seinem Absturz erwischt hat! Die
Burschen, die nach uns aufs Dach kamen, waren aber so richtig
motiviert. Sie folgten uns tatsächlich über die Dächer! Was hatten
die uns bloß angehängt. In meiner Zeit in Nuln schafften es die
Wachen meist nicht mal drei Stockwerke, und solche Sprünge waren mal
ganz vom Tablett. Naja, beim nächsten Dach überschätzten wir
leider ein bisschen die Ziegel, und Heidrun brach halb durchs Dach.
Kurz darauf holten sie uns ein.
Was soll ich sagen – es hat seinen
Grund, warum ich immer in Heidruns Nähe bleibe. Der Wächter musste
ordentlich was einstecken, bevor er einsah, dass wir uns wohl kaum
friedlich ergeben würden. Blöderweise gab unser kleines Duell dem
Dach den Rest, und wir landeten in irgendeinem Dachboden.
Zurückblicken gar nicht so schlecht, denn so hatten uns die anderen
Schweinchen aus den Augen verloren, und wir konnten uns durch eine
Hintertür verziehen.
Bloß wohin, war die Frage. Auf keine
Fall zur Mühle. Wer auch immer uns verpfiffen hatte, wusste bestimmt
auch von unserem Besuch bei der Mühle und würde da ein paar Augen
platziert haben. Der sicherste Ort schien uns beiden der Tempel der
Stürme. Zwar waren Larospiester so launisch wie die See, aber
immerhin hatten wir einen Heiligen auf unserer Seite. Und sie
schienen keine Freunde der Wache zu sein, soweit ich den Quäsor
verstanden hatte.
Blöd nur, das der Tempel in der
Oberstadt lag. Und der einzige Aufgang dahin bewacht war. Ich
beobachtete von einer Häuserecke aus die Wachrotation und die
Genauigkeit der Kontrollen, als mir Heidrun ins Ohr flüsterte. „Da
vorn! Das ist Joachim.“ Ich kniff die Augen zusammen und erkannte
tatsächlich meinen Lieblingsheiler, behelfsmäßig getarnt mit einem
billigen Umhang. „Oh je, er schleicht wie ein Schauspieler in so
einem Bühnenstück!“ Tatsächlich hielt er sich den Umhang vor’s
Gesicht, als sei er erkältet, und schaute bei ungefähr jedem
dritten Schritt über die Schulter. Er hätte sich auch ein
„Verschwörer“ Schild umhängen können. Heidrun verschand in den
Schatten und griff ihn ab, bevor er so die Rampe herauf konnte.
Er war sichtlich erleichtert, uns zu
sehen. Trotzdem standen wir jetzt wirklich dumm da. Mel gefangen,
Eberhart wahrscheinlich auch (sorry, mein Dickerchen, aber das sah
nicht gut aus für Dich) und Akbash irgendwo auf Kneipentour. Ich
hockte mich auf eines der Fässer und blickte in die Runde. „Was
nun?“
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