Einschub - Aurelia und Heidrun

Author: Nils /

Hallochen, Aurelia Güldenstern mein Name. Der gute Eberhart hat mich gebeten, doch mal unseren Teil der Geschichte zu erzählen, „Für die Nachwelt“. Ich bin ja kein großer Freund von schriftlichen Beweisen, aber inzwischen ist hoffensichtlich Gras über die Sache gewachsen. Oder wir sind so reich, das es nicht mehr interessiert.
Egal, ich soll den Teil erzählen, als wir alle aus dem Hotel vor der Wache abgehauen sind. Nun, zunächst mal. Wir sind nicht alle abgehauen. Mel hatte die großartige Idee, sich zu ergeben! Irgendwann muss ich ihn mal ausquetschen, was er vor unseren gemeinsamen Eskapaden getrieben hat, aber der Rest von uns wusste instinktiv, das man sich nie freiwillig von den Schweinchen schnappen lässt.
Nun, wir andern also Haste Was kannste nach oben. Eberhart, die treue Seele, verrammelte die Tür zu seinem Zimmer, aber da wollten wir eh nicht hin. Joachim fand das wohl weniger lustig, denn er hämmerte noch ein paarmal an die Tür, als wir schon die Treppe rauf waren. Ich hatte schon vorher mal geprüft, wie man am schnellsten auf die Dächer kommt, und die Tür war auch brav offen. Ich hatte das Schloss ja auch nicht zum Spaß sabotiert, nur mal am Rande.

Als wir oben waren, hörten wir unter uns schon die Stiefel der Wachen. Sportliche Wachen, ungewöhnlich. Die mussten uns ganz schön was angehängt haben. Heidrun zeigte nach Süden. „Das Dach dort ist am nächsten. Auf geht’s!“ Mit einem eleganten Satz setzte sie hinüber. Mein Sprung war weniger hübsch, aber rüber brachte er mich auch, und weiter ging‘s. Die Schweinchen unten in der Gasse hatten mit Eberhart zu tun. Können froh sein, das er keinen bei seinem Absturz erwischt hat! Die Burschen, die nach uns aufs Dach kamen, waren aber so richtig motiviert. Sie folgten uns tatsächlich über die Dächer! Was hatten die uns bloß angehängt. In meiner Zeit in Nuln schafften es die Wachen meist nicht mal drei Stockwerke, und solche Sprünge waren mal ganz vom Tablett. Naja, beim nächsten Dach überschätzten wir leider ein bisschen die Ziegel, und Heidrun brach halb durchs Dach. Kurz darauf holten sie uns ein.
Was soll ich sagen – es hat seinen Grund, warum ich immer in Heidruns Nähe bleibe. Der Wächter musste ordentlich was einstecken, bevor er einsah, dass wir uns wohl kaum friedlich ergeben würden. Blöderweise gab unser kleines Duell dem Dach den Rest, und wir landeten in irgendeinem Dachboden. Zurückblicken gar nicht so schlecht, denn so hatten uns die anderen Schweinchen aus den Augen verloren, und wir konnten uns durch eine Hintertür verziehen.

Bloß wohin, war die Frage. Auf keine Fall zur Mühle. Wer auch immer uns verpfiffen hatte, wusste bestimmt auch von unserem Besuch bei der Mühle und würde da ein paar Augen platziert haben. Der sicherste Ort schien uns beiden der Tempel der Stürme. Zwar waren Larospiester so launisch wie die See, aber immerhin hatten wir einen Heiligen auf unserer Seite. Und sie schienen keine Freunde der Wache zu sein, soweit ich den Quäsor verstanden hatte.

Blöd nur, das der Tempel in der Oberstadt lag. Und der einzige Aufgang dahin bewacht war. Ich beobachtete von einer Häuserecke aus die Wachrotation und die Genauigkeit der Kontrollen, als mir Heidrun ins Ohr flüsterte. „Da vorn! Das ist Joachim.“ Ich kniff die Augen zusammen und erkannte tatsächlich meinen Lieblingsheiler, behelfsmäßig getarnt mit einem billigen Umhang. „Oh je, er schleicht wie ein Schauspieler in so einem Bühnenstück!“ Tatsächlich hielt er sich den Umhang vor’s Gesicht, als sei er erkältet, und schaute bei ungefähr jedem dritten Schritt über die Schulter. Er hätte sich auch ein „Verschwörer“ Schild umhängen können. Heidrun verschand in den Schatten und griff ihn ab, bevor er so die Rampe herauf konnte.
Er war sichtlich erleichtert, uns zu sehen. Trotzdem standen wir jetzt wirklich dumm da. Mel gefangen, Eberhart wahrscheinlich auch (sorry, mein Dickerchen, aber das sah nicht gut aus für Dich) und Akbash irgendwo auf Kneipentour. Ich hockte mich auf eines der Fässer und blickte in die Runde. „Was nun?“