Der Kampf gegen Bruchbein

Author: Nils /

Der weite Gang führte in eine Art überdimensionierten Thronsaal. Eine Rampe in der Mitte des Ganges, flankiert von Pfählen, endete in einem riesigen, steinernen Sitz. Die Höhle war nach oben offen, und kalter Wind peitschte in den Raum.
Die Gefährten näherten sich vorsichtig der Rampe. Auf den Pfählen staken die traurigen Überreste der Oger, die dem Häuptling widersprochen hatten. Sie waren überraschend unversehrt. Inzwischen waren wir es gewohnt, das Leichen, egal ob die der Oger oder anderer Wesen, mindestens einige Bisspuren oder andere Anzeichen von Kannibalismus trugen. Wieso waren ausgerechnet hier, im Zentrum der Macht, beinahe unversehrte Körper ausgestellt? War es die Art des Häuptlings, seinen Reichtum darzustellen?
Eberhart wandte sich leise an Joachim. „Was hat das hier zu bedeuten? Und wo ist der Häuptling?“
„Eine berechtigte Frage.“ Der Heiler ging in die Knie und berührte den Boden. Seine Augen schimmerten kurz grünlich auf. „Dies hier ist nicht der Ort der Macht. Die Linien führen zwar hier hindurch, aber sie kreuzen sich an anderer Stelle.“
Aurelia und Akbash waren inzwischen bis zum Thron selber vorgedrungen. Akbash war auf die Sitzfläche geklettert und spähte um sich, während Aurelia in den Beutehaufen herumstocherte, die sich darum auftürmten.
Ein Erschütterung ging durch den Boden. Eberhart hielt sich an Joachim fest, der ebensosehr wankte wie er. Ein weiterer Stoss.. Und noch einer. „Ein Erdbeben?“, fragte Mel
„Das ist viel zu regelmässig für ein Erdbeben.“, gab Joachim zurück. „Das klingt eher wie…“
Mit schreckgweiteten Augen starrten sie zurück in den Gang, aus dem Sie gekommen waren. Die Gestalt, die daraus hervortrat, musste sich tatsächlich bücken, um den drei Schritt hohen Tunnel zu durchqueren, und richtete sich danach zu unfassbaren vier Schritt Höhe auf. Ein musbelbepackter Torso, behangen mit einer Kette aus rot glosenden Steinen, stand auf baumstammdicken Beinen. Die haut war blass, beinahe bläulich, was die rote Behaarung noch deutlicher hervorstechen ließ. Ein Arm strich über den langen, wirren Bart des Riesen, während der andere einen mannshohen Hammer hielt. Das Gesicht war eine wirre Masse aus Narben, einer mehrfach gebrochenen Nase und wüstem Bart, Brauen und Haarwuchs. In den kristallblauen Augen lag eine gewisse Verschlagenheit, aber vor allem unbändiger Zorn.
Was tut ihr Maden im Thronsaal von Baal Bruchbein!“
Alleine seine Stimme reichte schon aus, um Eberhart, Joachim und Mel mehrere Schritte die Rampe hinaufzutreiben. Eberhart fing sich, und versuchte, das Wort an den Riesen zu richten.
„Nun, wir sind die Gesellschaft …“
Mit einem Krachen schlug der Hammer in den Boden und sandte eine Schockwelle durch den Fels, der Eberhart und seine Freunde zu Boden warf.
Ihr seid Maden und werdet zerquetscht!“ donnerte Baal und setzte sich in Bewegung. Seine ersten Schritte sahen noch langsam aus, aber jeder Schritt hatte eine solche Reichweite, das der zweite den riesigen Hammer schon in Reichweite Eberharts brachte. Er krabbelte verzweifelt zur Seite, um sich zwischen den Pfählen zu verstecken. Wenn er auch bezweifelte, das ihm die irgendeinen Schutz bieten konnten. Die anderen rappelten sich ebenfalls auf oder krochen zur Seite, um nicht zertreten oder zerschmettert zu werden.
Bleibt stehen, Maden, und lasst euch zertreten!“ Der Hammer kreiste um den Kopf des Riesen, aber er schien überfordert mit der Auswahl an Gegnern. Akbash nahm ihm die Wahl ab.
Der Glücksritter war vom Thron herabgesprungen und dem Riesen entgegengelaufen. Sein Rapier blitzte im Schein der Fackeln. Mit einem lauten „Ha!“ und einem perfekten eingesprungenen Ausfall trieb er seine Waffe direkt unter Baals Kniescheibe. Der Schmerzensschrei des Riesen war beinahe gefährlicher als seine Waffe. Der Schall vibrierte tief im Brustbein Eberharts, und er sah einige Stalaktiten an der Decke gefährlich wackeln. Baals Hammer fuhr hernieder, aber Akbash rettete sich mit einem eleganten Rückwartssprung. Der hIeb trieb ein tiefes Loch in die Rampe, und mehrere der Pfähle lösten sich aus Ihrer Verankerung und fielen um. Eberhart konnte sich gerade noch wegrollen, um nicht von einem Ogerleichnam begraben zu werden. Als er so einigermaßen außer Reichweite de fallenden trümmer war, wandte er sich wieder dem Kampfgeschehen zu. Täuschte er sich, oder war Baal noch größer geworden? Auf jeden Fall waren seine Arme angeschwollen, die taudicken Sehene traten hervor, und er hieb unkontrolliert um sich. Sein verletztes Bein machte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung, aber das Monster schien jede Strategie vergessen zu haben und war ein reiner Sturm der Zerstörung. Akbash huschte von Pfahl zu Pfahl, immer weiter die Rampe herauf, aber das würde ihn nur wenige Sekunden retten. Eberhart sah, das Mel, Aurelia und Heidrun auf die Beine des Monsters einhackten, aber obwohl sie blutige Wunden schlugen, ignorierte der Riese sie völlig.
Joachim sprach magische Formeln und warf glitzernden Staub in Richtung Baals, aber auch das schien keine Wirkung zu erzielen. Eberhart hob seine Donnerbüchse aus den Trümmern und entlud sie in den Rücken des Riesen. Die Wirkung war gelinde gesagt enttäuschend. Davon abgesehen, das die meisten Kugeln kaum die Haut des Riesen durchdrangen, nahm Baal trotz des namensgebenden Donners der Waffe keinerlei Notiz von ihm. Seine gebündelte Wut konzentrierte sich auf den wuselnden Akbash, der sich jetzt hinter den Thron zurückgezogen hatte.
Mel und Heidrun hatten sich zu Eberhart und Joachim zurückgezogen. „Das bringt uns alles nicht weiter.“, murmelte er und wühlte in seinem Rucksack. „Zeit für Plan B.“ Mit einem freudigen Grinsen hielt er eine Phiole mit Zauberöl in die Höhe. Eberhart seufzte, dann klaubte er seinen verbliebenen Brandbeschleuniger ebenfalls aus dem Beutel. Er reichte ihn an Heidrun. „Du triffst besser als ich“, murmelte er. Die Waldläuferin nahm die Flasche vorsichtig entgegen und nickte bedächtig.
Ball bearbeitete den steinernen Thorn mit mächtigen Hieben, aber der Steinsitz war solide und widersetzte sich zumindest kurzfristig. Eberhart formte seine Hände zu einem Sprachrohr und brüllte „Plan B!“ In Richtung des Riesen. Sofort stoppte Aurelia ihre fruchtlosen Angriffe auf den Unterschenkel und rannte zurück. In hohem Bogen flogen die Flaschen mit der alchimistischen Flüssigkeit die Rampe herauf und zerplatzten auf Kopf und Rücken des Riesen. Zähflüssig verteilte sich das Öl in den Haaren des Monsters. Baal hatte inzwischen seinen Hammer mit beiden Händen gepackt und schwang ihn in einem weiten Bogen gegen die Lehne des Throns. In einem Splitterhagel löste sich die massive Steinplatte und krachte zu Boden.
Auf diesen Moment hatte Akbash gewartet, und er hechtete über den Sitz des Throns und zwischen den Beinen des Riesen hindurch. Mit wehender Hutfeder sprintete er in Richtung Eberharts und der anderen. Mel arbeitete inzwischen hektisch mit einem Bolzen und wickelte eine Stoffbahn darum, die er dann in Öl tränken wollte.
„Dafür haben wir keine Zeit“, grunzte Eberhart, nahm eine Fackel aus der Halterung und warf sie dem Riesen entgegen. Sie prallte von seiner Brust ab und klapperte zu Boden.
„Na toll“, kommentierte Heidrun trocken. Sie klopfte kurz dem keuchenden Akbash auf den Rücken, zog Ihr Schwert und lief dem rasenden Baal entgegen. Der hatte inzwischen gemerkt, das seine Opfer sich nicht stellen wollten. Mit einer wütenden Geste packte er sich an die Brust und riss die leuchtende Kette ab. Mit einer abfällingen Geste warf er die glühenden Steine über die Gruppe hinweg. Noch im Flug platzten die Perlen auf und verwandelten sich in glühende Feuerkugeln, die jetzt den Rückweg aus der Höhle versperrten.
„Ah, interessant. Ihr solltet Euch den Kugeln nicht nähern – sie tendieren dazu, zu explodieren.“ Joachim schien nicht sonderlich beunruhigt ob der Tatsache, dass sie jetzt zwischen Feuerkugeln und einem Eisriesen eingeklemmt waren.
„Na, immerhin haben wir jetzt die Wahl – Pfannkuchen oder Röstkartoffel!“ Akbash Kommentar hatte etwas leicht panisches.
Während Heidrun und Aurelia versuchten, den Riesen in die Zange zu nehmen, was aufgrund seiner Größe und der Enge der Rampe schwierig war, sondierte Eberhart die Lage. Er klatschte die Hände zusammen. „Akbash, meinst Du, du kannst ihn noch mal so reizen, das er dich verfolgt?“
Der Grlückritter sah ihn aus weit aufgerissenen Augen an. „Wenn ich wollte, bestimmt – aber warum sollte ich?“
Der Händler zeigte kommentarlos auf die Reihe der Kugeln, die in etwa einem Meter Höhe schwebten. „Du passt da drunter durch.“ Er zeigte mit der anderen Hand auf Baal. „Er nicht.“
„Du bist wahnsinng.“ Akbash schüttelte den Kopf. In diesem Moment ertönte ein Schrei. Mit einer unerwartet schnellen Rückhand hatte der Riese Aurelia von der Rampe gefegt. Ihr Schrei endete mit einem harten Aufprall auf dem drei Meter weiter unten gelegenen Boden. Heidrun schrie schrill auf und trieb Ihr Schwert tief in das schon verwundete Bein des Riesen. Obwohl er weiter keine Schmerzen zu spüren schien, knickte das Bein aufgrund fehlender Muskeln ein, und Baal landete hart auf dem Knie.
Akbash ergriff die Gelegenheit und sprintete los. Noch bevor Baal sich aufrichten konnte, sprang er auf sein Knie, stieß sich ab, und fügte dem Riesen einen tiefen Schnitt quer über das Gesicht zu, so das ihm das Blut in Strömen über die Augen lief. Heidrun nutzte die Ablenkung, hastete an ihm vorbei und griff die noch glosende Fackel.
Geblendet und völlig aus dem Gleichgewicht kam Baal torkelnd wieder auf die Beine. Er schüttelte den Kopf und wischte sich durchs Gesicht, um wieder sehen zu können. Seine Augen fanden Akbash, der sich gerade spöttisch vor ihm verneigte und mit dem Hut wedelte.
„Entschuldigt, Herr Bruchbein, aber ihr hattet da was im Gesicht.“, rief er mit einer sich vor Panik überschlagenden Stimme. Statt einer antwort erönte ein langgezogenes WUUUUUSCH.
Flammen schlugen aus den Schultern des Riesen in die Höhe, erreichten sein Haar und verwandelten seine rote Mähne in ein brennendes Inferno. Zwischen seinen Beinen erkannte man die Gestät Heidruns, die ihn mittels der glimmenden Fackel angezündet hatte.
Die Augen des Riesen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, dann rannte er mit einem langgezogenen Heulen in Richtung des Glücksritters.
Mel, der gerade seinen Brandpfeil entzünden wollte, ließ ihn unverrichteter Dinge fallen. „Jetzt brennt er also auch noch. Und jetzt?“
AUS – DEM – WEG!“ Akbash rannte Hals über Kopf auf sie zu, jeder Gedanke an Kampf und Bravado vergessen, der brennende Riese unmittelbar hinter ihm. Panisch sprang Eberhart zur Seite und krallte sich an einen der Pfähle, auf dem eine besonders fette Ogerleiche stak. Er konnte nicht erkennen, was die anderen taten, aber wie durch ein Wunder schien keiner von ihnen von den schwelenden Beinen des rasenden Riesen erfasst zu werden. Mit der Kraft der Verzweiflung hielt er sich an dem Pfahl fest, verdrehte den Hals, konnte aber nur noch erkennen, wie Baal ungebremst in seine eigenen Feuerbälle hineinrannte. Ein vierfacher Donnerschlag ertönte, und eine Flammenwelle raste durch die Höhle. Eberhart drückte sein Gesicht in die Armbeuge und fühlte die Flammen über seine Kleider lecken. „Mein Pulverhorn!“ schoss es ihm durch den Kopf, aber da war die Flammenwand auch schon vorbei. Er dampfte zwar, aber seine vom Dauerregen und Schnee durchweichten Kleider hatten ihn vor dem schlimmsten gerettet. In seinen Ohren klingelte es nur. Er blinzelte ein paarmal, aber er konnte nur Flammen und Schatten erkennen. Hände ergriffen sein Wams und zogen an ihm. Bevor er wußte, was ihm geschah, taumelte er schon ungelenk auf die Rampe. Er blinzelte sich weiteren Russ aus den Augen und erkannte Mel und Heidrun, die ihn aufrecht hielten. Er sah, das ihre Lippen sich bewegten, konnte aber über das Klingeln in seinen Ohren nichts verstehen. Sie deuteten die Rampe herunter. Er folgte Ihren Bewegungen und brauchte einen Moment, um zu verstehen, was er dort sah.
Baal Bruchbein stand noch immer. Er brannte von Kopf bis Fuss lichterloh, und das aggressive Öl hatte sich an seinem Rücken und dem Hinterkopf, wo es als erstes Fuß gefasst hatte, schon bis auf die Knochen gefressen. Er schlug immer noch mit dem Hammer um sich, aber jeder Hieb liess ihn nur hin und her wanken. Als er sich nach einem Schwinger zu ihnen wandte, wurde Eberhart klar, dass der Kampf vorbei war. Das Gesicht des Riesen war eine einzige, verbrannte Masse. Seine Augen waren durch die Hitze verflüssigt und aus den Höhlen gelaufen, sein Bart war eine einzige Flammenlohe. Eine Wange war zerfressen und darunter konnte man den geschwärzten Kiefer erkennen. Seine Kiefer malten noch, und er schien nicht zu verstehen, was passierte. Schließlich, quälend langsam, knickte sein rechtes Knie ein. Dann sein linkes. Und wie ein gefällter Baum, fiel er vornüber und schlug krachend auf dem Boden auf. Er machte noch einen letzten Versuch, sich wieder aufzurichten, aber inzwischen hatte sich das Feuer durch das Fett seiner Oberarme in die Muskeln gefressen, und er fiel wieder zu Boden, endgültig still.
Joachim war zu ihnen getreten, Aurelia stützte sich humoelnd auf seine Schulter. Langsam kam Eberharts Gehör zurück.
„Was ist mit Akbash?“ fragte Aurelia. Eberhart suchte in den Gesichtern von Heidrun und Mel nach Antworten, aber die beiden schienen ebenso hilflos wie er. Müde, aber vorsichtig, machte er sich auf den Weg zu dem noch immer brennenden Leichnam des Riesen. Die Hitze war enorm, ebenso der Gestank. Selbst ihm Liegen war das Wesen beinahe mannshoch, so massiv war er gebaut, und die flackernden Flammen verhinderten, dass sie ihm näher als auf einen Schritt kamen.
„Vielleicht liegt er ja… drunter“, gab Mel zu bedenken. Eberhart schluckte. Das war eine reale Möglichkeit, und er sah nicht, wie sie dem Glücksritter dann noch helfen konnten.
„Ha“, ertönte eine krächzende Stimme. „Als ob ich so ein Glück hätte.“ Schweren Schrittes, mit rauchender Kleidung und versengter Feder am Hut, kam Akbash um den Leichnam herumgeschlurft. Er hielt einen Arm fest, der ziemlich lädiert aussah, und wirkte allgemein, als hätte er ein erfrischendes Aschebad genommen. „Ich war grade drunter durch und wieder auf den Beinen, da ist die erste Kugel losgegangen. Hat mich locker fünf Schritt in den Gang befördert. Aber das ist noch nicht das schli…‘“ Er verstummte, als ihm Heidrun um den Hals fiel und ihm stumm an sich drückte. Sie sagte nichts, sondern hielt ihn nur fest. Alle anderen starrten ebenso überrascht wie Akbash. Er konnte der Waldläuferin nur mit seinem heilen Arm auf den Rücken klopfen. „Äh, danke, ich, hab überlebt. Bis jetzt.“ Ruckartig liess sie ihn los und schob ihn wortlos zu Joachim. Der war zwar ebenso perplex wie die anderen, begann aber beinahe instinktiv mit der Versorgung von Akbash Wunden. Heidrun schritt zu Eberhart. Sie blickte ihn hart an.
„Das war ein mieser Plan.“, flüsterte sie grimmig. Sie bohrte ihm den rechten Zeigefinger in die Brust. „Nächstes Mal riskierst du deinen eigenen Hintern.“
Entschuldigend hob Eberhart die Hände. „Ähm, äh, ja sicher.“ Mit einem letzten, vernichtenden Blick ließ Heidrun ihn stehen und ging um den Höhleneingang herum, um Wache zu stehen.
„Habe ich was verpasst?“ murmelte Eberhart. Mel klopfte ihm auf die Schulter.

„Bestimmt. Aber mach dir nichts draus. Ich hab auch meine schönen Brandpfeil verpasst. Manchmal gewinnt, man, manchmal verliert man, eh?“ Und er machte sich auf die Suche nach interessanter Beute.