Ein bitterer Sieg

Author: Nils /

Könnt Ihr Euch vorstellen, aus einem Alptraum aufzuwachen, nur um dann in einem noch viel Schlimmeren wieder aufzuwachen? So war es, als ich unter Joachims heilenden Händen in der Rannickfeste wieder zu mir kam. Nachdem mich der Haken des Tyrannen beinahe in Stücke gerissen hatte, war ich vor Schmerz in eine gnädige Ohnmacht verfallen. Leider war es keine dieser traumlosen Ohnmachten, von denen ich immer wieder höre. In meinem Träumen tummeln sich inzwischen die Mutter der Monster, der Mahlstrom, seelenfressende Nagas und vor allem ein Sammelsurium an fleischfressenden Bestien, eine widerlicher als die andere. Goblins, Seelöwen, Krokodile, Halboger, Oger - die Menagerie des Grauens ist ebenso lang wie abstoßend. Und mit jeder Bestie die wir besiegen, jedem Monster, das wir erschlagen,  gehen wir selber einen Schritt weiter in den Abgrund.
Als ich die Augen wieder öffnete, und Joachims besorgte Augen auf mir lagen, wurde mir erst wieder bewußt, was für eine widerliche Kreatur ich inzwischen geworden war. Ich ähnelte inzwischen mehr den Bestien, die wir jagten, als meinen Gefährten. Ich habe es so satt.
Aber es half nichts - wir waren inmitten all der Grausamkeiten und des Gemetzels gefangen - auch, wenn meine tapferen Mitstreiter diese neueste Monströsität, Sigmar weiß wie, erschlagen hatten.
»Da draußen regnet es weiter in Strömen. Noch feiern die Oger, aber sie scheinen inzwischen die Kanonen gefunden zu haben.« Aurelia hielt kurz einen Finger hoch, und tatsächlich konnten wir selbst durch die dicken Mauern hindurch den Donner von Geschützen hören, trockener und härter als das anhaltende Grollen des Gewitters.
»Also wird das auch nichts mit dem Sprengen der Kaserne. Wenn die Oger schon an den Pulvervorräten sind, ist wohl kaum genug übrig, um sie zu erwischen.« Akbash versuchte immer noch, Ogerteile und Innereien aus seinem Degen und Parierdolch zu entfernen. »Und bei dem Wetter entfällt auch Plan B«.
Ich robbte an die Wand und betrachtete das Ungetüm, das den Gang blockierte. Grübelnd schaute ich in die Runde.
»Sag mal, Akbash, hast Du mir nicht mal erzählt, du könntest Bauchreden?«

Die beiden Oger kamen lachend und scherzend den Gang entlang gewankt. »Neues Pferdespiel ist fett! Mit Keule drauf und Ohr abbeissen. Müssen Häuptling sagen!« Grunzend hob das Ungetüm den Arm, an dem der Pferdeschädel hing, und biss herzhaft hinein. Der vorherige Besitzer hatte ihn wohl nicht loslassen wollen.
Als sie an die Treppe kamen, schwebte vor Ihnen etwas, das unbekannte Gefühle in Ihnen aufkommen ließ. Von schmierigen, schwarzen Schwaden umgeben, hing der körperlose Schädel des Tyrannen im Gang. Er wackelte umher, und der Kiefer hing schlapp hinab. Eine dünne, unheimliche Stimme hallte den Gang herab.
»Verflucht, wir sind alle verflucht! Der Stamm der Haken ist von den Göttern verlassen! Die Rannikfeste frisst die Oger auf! Flieht, flieht, Ihr Happen!«
Die kleinen Gehirne der Oger konnten nicht verarbeiten, was da geschah - aber eins war sicher. Was immer Ihren unbesiegbaren Häuptling getötet hatte, würde vor Ihnen nicht halt machen. Verstört rannten sie den Gang zurück, um möglichst viele andere Oger zwischen sich und dem Monster zu haben.

Ächzend zogen Mel und Heidrun den gewaltigen Haken zurück, so das wir den brennenden Schädel löschen konnten. Aurelia und Jamiro spähten um die Ecke.
»Das hat besser geklappt, als wir dachten. Die haben aber mal so richtig Hackengas gegeben!« Aurelia schritt zu Akbash und klopfte ihm anerkennend auf den Magen.
»Wer hätte gedacht, das ausgerechnet dein Bauch uns mal retten würden?« Akbash verbeugte sich und grinste mich an. »Ja, ich gebe zu, Eberhart hätte bestimmt die bessere Resonanz, aber gelernt ist gelernt! Wer hätte gedacht, das ich von der kreischenden Mimi mal was Sinnvolles lerne. Ihre anderen Fähigkeiten waren nicht weniger beeindruckend, aber schwerer im Alltag anzuwenden ...« Er blickte einen Moment verträumt in die Ferne.
»Gut, die Generalprobe hat funktioniert - jetzt zur großen Premiere.« Ich sah Joachim fragend an, der den Kopf kontrollierte.
»Ja, mindestens einen Auftritt wird er noch überstehen. Diese Ogerschädel sind erstaunlich wiederstandsfähig - selbst, nachdem man sie eingeschlagen hat.« Er schaute vorwurfsvoll zu Heidrun.
»Aber so haben wir wenigstens ein praktisches Loch für den Haken.« Ich wandte mich von der widerlichen Konstruktion ab und machte mich zusammen mit den anderen auf den Weg auf die Zinnen der Burg.

Der andauernde Regen versetzte die Burg in ein nicht enden wollendes Zwielicht, aber die gewaltigen, qualmenden Feuerstellen und die unregelmäßig abgefeuerten Kanonen warfen genug Licht in den Hof, um das Ausmaß unserer Probleme adäquat apokalyptisch zu beleuchten.
»Das ist ein halber Stamm da unten« murmelte Jakaros ungläubig. »Mindestens zwei Dutzend sind noch über, und draußen ist noch der Jäger unterwegs.« Er blickte zweifelnd zu mir herüber. »Und du meinst, das bringt etwas?«
Ich hob schwerfällig die Arme und versuchte, aufmunternd zu lächeln.
»Was soll schon passieren?«

Zu meiner eigenen Überraschung funktionierte der Plan tatsächlich im großen Maßstab. Akbash heulende Stimme, unterstützt von Joachims Magie und einer improvisierten Flüstertüte, hallte gespenstisch über den Hof der Rannikfeste. Zusammen mit dem  brennenden, körperlosen Haupt über den Zinnen versetzte das die Oger in eine animalische Panik, die sie kopfüber und völlig planlos aus der Feste fliehen ließ. Und bei Sigmar, sie flohen in Richtung des Hakens, nicht zum schutzlosen Schildkrötenfähre.
So groß unsere Freude war, so kurz konnten wir nur feiern. Joachims Entdeckung in den Aufzeichnungen Lucrecias schwebte weiter über uns. So fassten wir einen verzweifelten Entschluß.
»Wir wünschen Euch alles Gute!« Rief Jakaros zum Abschied. Zusammen mit Karl und den beiden überlebenden schwarzen Pfeilen brach er auf, um Schildkrötenfähre zu warnen. Wenn unser Plan aufging, konnte er vielleicht die Überlebenden überzeugen, mit auf die Feste zu kommen. Dort war es allemal sicherer, sollte der Damm tatsächlich brechen. Und die Oger würden nicht ewig fern bleiben.
»Denkt an unseren Vertrag!«, rief ich ihm hinterher, und er klopfte bestätigend auf das Dokument, das er in Abschrift bei sich trug. Akbash schüttelte den Kopf.
»Wir gehen aller Wahrscheinlichkeit nach in den Tod, und du hast eine Option auf Teilhaberschaft an der Rannikfeste für unsere Gesellschaft ausgehandelt. Woher nimmst Du diesen Optimismus?«
»Er hält mich am Leben« sagte ich leichtfertig. »Wer für die Zukunft plant, tut alles, um sie auch zu erleben. Und so schlimm wird es schon nicht werden - wir müssen nur schauen, was da am Damm schief läuft.«
»Einem Damm, der von Trollen bewohnt wird. Die einen Pakt mit den schwarzen Pfeilen haben, das keiner den anderen behelligt.« Jamiro schien ähnlich optimistisch wie Akbash. »Aber wer bin ich schon, Euch Angst einzujagen?«
»Wenn man einmal mit Ihnen verhandeln konnte, kann man es Wieder. Und wenn die Trolle in diesem Damm wohnen, haben sie wohl kaum ein Interesse daran, ihn einzureißen. Kommt schon, es können nicht alle so schlimm sein wie die Grauels!«
Ich konnte die zweifelnden Blicke meiner Gefährten in meinem Rücken spüren, aber trotzdem brachen wir auf, durch den nicht enden wollenden Regen in Richtung des Schädeldamms.

»Das nenne ich mal einen passend benannten Damm.« Konstatierte Mel. Ich konnte dem Historiker nicht widersprechen. Die beeindruckende Konstruktion zog sich über eine halbe Meile hin und war über einhundert Schritte hoch. Und jede handbreit der Oberfläche war in das Abbild eines Schädels geformt. Die minutiöse Kleinarbeit wurde nur noch übertroffen von den sechs gewaltigen, haushohen Schädeln, die sich gleichmäßig auf halber Höhe den Damm entlang zogen. »Die sollten eigentlich offen sein« erklärte Jamiro. »Diese häßlichen Dinger sind die Abflüsse, und wenn zuviel Wasser im Becken dahinter ist, öffnen sie sich.«
»Und wer steuert das?« Fragte Mel interessiert. Die Elfe zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Die Trolle wohl kaum, deren größte handwerkliche Leistung sind die da«. Sie zeigte über die Schulter zu den kunstvoll verzierten Totems, die seit einiger zeit unseren Weg säumten. Sie alle waren in irgendeinerweise um einen Schädel aufgebaut, sei er menschlich, tierisch oder irgendetwas dazwischen. Darum gesellten sich Federn, farbige Strähnen und geflochtene Pflanzenfasern, so das keiner der Fetische dem anderen glich. Im Gegensatz zu den Ogerkunstwerken, die uns untergekommen waren, waren sie dezent und geschmackvoll.
»Hier stimmt etwas nicht« Heidrun spähte aufmerksam durch das Unterholz. Aurelia trat an Ihre Seite.
»Was gefällt Dir nicht?«
Wortlos deutete Heidrun den Dschungelpfad entlang. Dort, in etwa 50 Schritt Entfernung, überwucherte ein Mammutbaum den Weg und bildete eine Art natürliche Höhle.
»Der perfekte Ort für einen Hinterhalt« stimmte Aurelia Ihr zu. Die Waldläuferin nickte.
»Aber schau Dir die Ratten an.« Auf dem Boden vor dem Baum wimmelten tatsächlich eine große Anzahl brauner Ratten umher. »Die würden niemals so nah sein, wenn da jemand drin wäre. Besonders ein Raubtier von der Gefährlichkeit eines Trolls.« Sie deutete auf den Pfad selbst. »Und hier sind vor Kurzem ziemlich viele große Zweibeiner entlang gekommen. Ich hätte ja auf Oger gesetzt, aber es ist lange her, das ich Trollspuren gesehen habe. Und diese hier sollen ja zivilisierter sein, also wer weiß - vielleicht tragen diese Trolle ja Schuhwerk?« Fragend schauten wir Jamiro an, die aber ebenso ahnungslos schien wie wir.
»Ich bin erst seit zwei Jahren hier - von den Trollen hier habe ich nur gehört.«
»Dann lasst uns heraus finden, was da passiert ist.« Mit gezückten Waffen näherten wir uns dem Unterschlupf. In den Schatten, umringt von den wimmelnden Ratten, war ein massiver Körper zu sehen. Regungslos. Ich entzündete eine Laterne, um Licht ins Dunkel zu bringen.
»Das ist - was ist das?« Eher verblüfft als geschockt betrachteten wir den knapp vier Meter großen Leichnam, aus dessen grotesk verbreitertem Brustkopf gleich zwei häßliche Schädel wuchsen. Neben der besudelten, von diversen Ratten angefressenen Leiche, lag ein ebenso zerfressener Schweinekadaver. Zumindest etwa die Hälfte. Ein bitterer Gestank lag in der Luft. Joachim stocherte in den beiden Kadavern herum und zerrte einem der Köpfe die Zunge heraus. Er murmelte etwas verstörendes, schnitt dann mit einem Skalpell eine Halsvene auf und roch an dem hervortretenden Blut. Angewidert schritt er zurück.
»Vergiftet. Vermutlich dadurch.« Er deutete mit dem Kinn auf die Schweineüberrste, während er das Skalpell säuberte. »Und diese mutierte Abart hier - interessant. Obwohl es Ähnlichkeiten mit den Ogern gibt, die wir getroffen haben, scheint es sich doch um eine ganz eigene Art zu handeln. Und noch deutlich überraschender ist, das es anscheinend mit den Trollen gearbeitet hat.« Er deutete auf die Fetische, die auch im Innern des Baumes überall verteilt hingen. »Überraschend subtiles Vorgehen.«
»Lucrecia.« Sagte Akbash.
»Oder Ihr Meister« gab Mel zu bedenken.
»Macht, das es aufhört«
Wir erstarrten. Ich suchte mit dem Strahl der Laterne nach der Quelle der Worte.
»Das Klopfen. Macht, das es aufhört.«
»Akbash, du Idiot.« Aurelia schlug dem Glücksritter auf den Hinterkopf. »Schluss mit den Zirkusspielchen, Eberhart hat schon genug Schiss«
»Macht, das es aufhört, oder der Damm wird fallen. Und Ihr alle werdet sterben.«
»Ich glaube nicht, das das ein Scherz ist.«
Der Laternenstrahl traf Akbash Gesicht, und sein unbedecktes Auge war von schwarzen Schlieren durchzogen. Eine dicke, schwarze Flüssigkeit lief unter der Augenklappe hervor, die das Auge des Leviathans bedeckten. Alarmiert zückte Joachim eine silberne Kette aus seiner Tasche.
»Haltet Ihn fest! Wer weiß, was ihm noch passiert.«
Bevor wir handeln konnten, klärte sich Akbash Blick wieder, und er torkelte einen Moment. Aurelia und Joachim stützen ihn.
»Leute, ich glaube, ich habe grade die Schwarze Marga getroffen.« Betroffene Stille erfüllte den Raum. »Und sie scheint deutlich älter zu sein als der Leviathan, der den Mahlstrom bewacht hat.«
»Wer auch immer es war, oder ist. Sie muss warten.« Ich leuchtete mit der Laterne. Lasst uns den Damm besteigen, wer weiß, wie viel Tageslicht wir noch haben.«
Akbash rieb sich den Nacken und trottete mißmutig voran. »Warum ich?«
Zögerlich folgten die anderen, und wir ließen den bedrückenden Ort hinter uns.

Der Aufstieg zum Damm war eine der übelsten Strapazen, die man mir seit langem zutraute.
»Bauen ein Wunderwerk der Ingenieurskunst tausende von Jahren vor Sigmar, und der Zugang ist eine verdammte Treppe! Das sind die wahren Monster, die sowas tun, ich sag’s Euch.« »Spar Dir den Atem, Dickerchen. Da sind noch ein paar hundert Stufen vor uns.« Ich bin überzeugt, das sie gelacht hat, als sie das sagte. Hätte ich etwas anderes sehen können als die nächste Stufe, hätte ich Ihr Grinsen ganz bestimmt gesehen. Aber jede einzelne Stufe war der Feind.
Hier wurden ein paar Seiten über Eberharts epischen Kampf mit der Treppe entfernt. Obwohl es einen verstörenden Einblick in die Psyche des Autors ermöglicht, ersparen wir diesen Abschnitt dem Leser. Komplettisten können diese Seiten in »Eberhart Brettschneider - Visionär oder Psychopath?«, der unautorisierten Autobiographie aus der Feder von Benno Butterkuchen einsehen.
Oben auf dem Damm angekommen musste ich feststellen, das uns das Wasser tatsächlich bis zum Hals stand. Zu großen Teilen reichte das Wasser auf der anderen Seite des Damms bis auf eine Handbreit an den Rand heran. An einigen Stellen, an den Erosion oder Gewalteinwirkung Lücken geschlagen hatten, lief es schon über den Damm hinweg.
In der Mitte des Damms erhob sich ein klobiges, natürlich mit Schädeln verziertes Gebäude, das wahrscheinlich den Zugang in den Damm darstellte. Auf halbem Weg dorthin befand sich eine grob in den Stein des Dammes gehauen Grube, aus der man noch den Lärm von Bauarbeiten und die gutturale Sprache der Oger hallen hörte.
»Jetzt wissen wir zumindest, was das Klopfen ist, von dem Marga sprach.« Aurelia stimmte zu.
»Es gibt nichts gräßlicheres, als von irgendwelchen Steinekloppern aus dem Schlaf gerissen zu werden.«
»Wollen wir den Trick mit dem Stock nochmal probieren?« Jamiro hielt den Zauberstab hoch.
»Warum nicht? Sollen die sich doch erstmal selbst mit den Spitzhacken beschäftigen, bvor sie mit uns spielen.«
Akbash klpfte Aurelia auf die Schulter. »Wir geben dir Rückendeckung. Die anderen Bleiben hier - wir sind etwas - leichtfüßiger als der Rest.«
»He!« Beschwerte sich Heidrun.
»Oder zielsicherer« Mel nickte und spannte seine Armbrust.
»Und Eberhart - keine Donnerbüchsen. Wer weiß, was Marga dann macht.«
»Kein Problem« schnaufte ich. Bin eh noch etwas durch den wind. Macht Ihr mal.« Ich winkte ihnen zu und stützte mich dann wieder auf meine Oberschenkel, nach Atem ringend.
Die drei verschwanden kurz darauf aus meinem Blickfeld. Zur Beruhigung suchte ich den See ab, um vielleicht dort etwas Ruhe zu finden. Und etwaige Seeschlangenangriffe vorhersagen zu können. Deshalb verpasste ich, als Mel sich absetzte. Erst Heidruns wütendes Flüstern machte mich darauf aufmerksam, das unser Antiquitätensammler sich ihne Warnung in Richtung des Kontrollgebäudes abgesetzt hatte.
»Das kann doch nicht wahr sein!« Zischte ich durch zusammengepresste Lippen. Ein schneller Blick zu den anderen bestätigte mir, das sie schon am Rand der Grube standen und sich auf den Weg nach unten machten. Mel passierte die Grube in weitem Bogen, gefährlich nahe am Becken.
»Was ist bloß in ihn gefahren?« Heidrun schüttelte den Kopf, dann machte sie sich auf, ihm zu folgen. Unglücklich versuchte ich noch, die drei an der Grube durch Winken auf das Problem aufmerksam zu machen, aber sie waren natürlich konzentriert auf die Oger vor Ihnen, nicht auf uns. Ich stapfte Heidrun und Mel hinterher.
Als ich sie erreichte, hörte ich Mel gerade noch etwas flüstern.
»Du darfst sie nicht direkt ansehen. Aus dem Augenwinkel kannst Du sehen, wenn sie sich bewegen.« Ich wollte gerade fragen, wen er mit `Sie`meinte, als ich am Rande meines Gesichtsfeldes eine Bewegung erahnte. Irgendejemand, oder eher irgend etwas, stand geduckt auf dem Gebäude, das ins Innere des Staudamms führte. Wenn ich direkt hinsah, konnte ich nichts erkennen, aber ab und an bewegte sich ein merkwürdig verschobener Umriss dort oben. Und er war groß.
»Es ist so, wie bei Jamiros Tarntrick« murmelte Heidrun. »Es nimmt die Farbe des Hintergrunds an, aber wenn es sich bewegt, kannst Du die Veränderungen wahrnehmen.«
»Was ist es?«
»Ich fürchte, das sind die Jagdtrolle, von denen Kildarion gesprochen hat.«
»Das da sind Trolle? Bei Sigmar, was kann noch schlimmeres passieren?« Bei diesen Worten hörte ich hinter uns ein Brüllen, und ein gewaltiger Stein flog aus der Grube in Richtung Akbash, der sich gerade noch zu Boden werfen konnte. Offensichtlich waren sie entdeckt worden. HIn und her gerissen zwischen den zwei Gefahrenherden hob ich unschlüssig meine Donnerbüchse. Auch Heidrun und Mel zogen Ihre Waffen, aber noch war kein Feind zu sehen. Aurelia, Jamiro und Akbash machten sich am Rande der Grube darauf gefasst, den Sturmangriff der Oger abzuwehren, als ich plötzlich nasse Füße bekam. Unsicher blickte ich nach unten. Das Wasser aus dem Stausee war in einer Welle über uns hinweggeschwappt. Jetzt lief es auch vor Akbash und den anderen in die Grube. Der Glücksritter selbst wirkte merkwürdig steif. Seine Arme hingen herab, und sein Mund bewegte sich. Wegen des Lärms der Oger und dem Rauschen des Staudamms drangen seine Worte nicht zu uns, aber ich konnte sehen, wie sich Aurelia und Jamiro vorsichtig von ihm weg bewegten. Immer mehr Wasser quoll über den Staudamm. Auf der Suche nach dem Grund drehte ich mich zum See um - und machte mir in die Hose.
Am Rande der Staumauer erhob sich eine Wand aus mannshohen, schwarzen Schuppen. Das Wasser floß in Strömen davon herab, und als mein Blick dem gewaltigen Leib nach oben folgte, wurde mir immer kälter und flauer. Die Wand verbreiterte sich etwas nach oben, nur um dann in einem wagengroßen Schlangenschädel überzugehen, mit übermannslangen Giftzähnen und einer gespaltenen Zunge, die mehrere Schritte aus dem unfassbaren Maul heraus züngelte. Die gelben Augen des gewaltigen Reptils schienen zu leuchten wie Sonnen, und der Zorn darin brannte lichterloh.
Selbst das Brüllen der Oger erstarb, als dieser urzeitliche Titan sich aus den Tiefen des Sees erhob. In der kurzen Stille konnten wir die fremde Stimme ausmachen, die aus Akbash Lippen strömte.
»Jetzt sehe ich Euch, Geschmeiß. Ihr habt Margas Schlaf gestört. Spürt Ihren Zorn!«
Mit einem Zischen von tausend Geysiren schoß Margas Schädel herunter auf die Oger, die von Ihrem Anblick ebenso paralysiert waren wie wir. Sie verschwanden in einem Zuschnappen, und der Kopf der Schlange vergrub sich tief in der gehämmerten Grube. Der Aufprall warf uns alle von den Beinen, und das Krachen und Bersten des Gesteins unter Ihrem Aufprall ging uns durch Mark und Bein. Ich war überzeugt, das unser Ende gekommen war, den das Poltern und Krachen wollte nicht aufhören. Dieser letzte Angriff musste den Damm, so mächtig er auch gewirkt hatte, endgültig zerschmettern. Mit geschlossenen Augen empfahl ich meine Seele den Göttern. Endlose Minuten vergingen, das Poltern immer wieder übertönt vom wütenden Zischen Margas, das sich langsam aber sicher entfernte, und das Rauschen eines gewaltigen Wasserstroms übertönte schließlich die Geräusche der Bestie. Vorsichtig öffnete ich ein Auge.
Dort, wo Marga die Oger angegriffen hatte, ergoss sich jetzt eine mehrere Schritt breiter Strom in die Tiefe. Von Marga war nichts zu sehen, ebenso wenig von den Ogern. Mel hockte neben mir und starrte in die Ferne.
»Viel Glück, Schildkrötenfähre.« Sagte er trocken.
»Wie meinst Du das?«
»Naja, wenn Sie die Überschwemmung überstehen, haben sie jetzt mit Marga eine nette neue Nachbarin.« Er zeigte den neu angeschwollen Fluss entlang. In der Ferne konnte ich noch den unfassbar riesigen Leib der Schlange erkennen, die von den Fluten des Wasserfalls mitgerissen worden war und jetzt den Flusslauf beinahe völlig ausfüllte, während sie sich auf den Weg in den Schildkrötensee machte.Ich schlug mir die Hände vors Gesicht.
»Manchmal kommt es mir so vor, als ob wir alles nur noch schlimmer machen.«
»Willkommen in meiner Welt, Eberhart!« Akbash Stimme scholl von der anderen Seite des Stroms zu uns herüber. »Immerhin war sie nicht in Deinem Kopf!«
»Du hast recht. Ich sollte die Dinge positiver sehen. Vielleicht ist uns Marga ja dankbar.«
»Eher nicht. Aber ich denke, Schildkrötenfähre interessiert sie nicht. Nach dem, was ich so aufgeschnappt habe, sind wir Menschen Ihr relativ egal. Könnte höchstens passieren, dass sie aus Versehen den Hafen platt macht.«
»Mal was Praktisches - irgendeine Idee, wie wir zuEuch rüberkommen?«
  Es dauerte knapp eine Stunde, aber schließlich schafften es Mel, Aurelia und Heidrun, aus unseren Seilvorräten eine einigermaßen stabile Seilkonstruktion zubasteln, die die anderen sicher auf unsere Seite brachte. Hier angekommen, klärten wir sie über die Trolljäger auf, die wahrscheinlich schon um unsere Präsenz wussten.
»Trotzdem sollten wir schon mal Fackeln anzünden. Trollen kommt man am besten mit Feuer und Säure bei, sagt man.« Jamiro stimmte Heidruns Ausführungen zu.
»Am besten sollten wir gar nicht erst gegen sie kämpfen. Immerhin haben wir die Oger verjagt, die versucht haben, Ihre Heimat zu zerstören. Vielleicht glauben sie uns ja, das wir Marga dazu angestiftet haben?«
»Wie auch immer, ich traue Trollen nicht. Aber das sind auch die Ersten, von denen ich höre, das sie mit Menschen verhandeln - also was weiss ich.«
»Lasst es uns versuchen. Immerhin hatte mindestens einer von Ihnen schon die Chance uns anzugreifen, und hat es nicht getan.«
»Oder er wartet nur auf eine bessere Gelegenheit.« Akbash blieb wie immer optimistisch.
Entschlossen packte Mel eine Fackel und ging zur Tür, »Kommt schon, irgendwie müssen wir es heraus finden!«

Das Innere des Gebäudes war, wenig überraschend, finster. Im Licht unserer Fackeln schälten sich weitere Schädelreliefs aus dem Dunkel, und alles war feucht und klamm. Nach wenigen, zögernden Schritten in die Dunkelheit erhob sich ein gutturales Brüllen von allen Seiten, das uns in de Ohren schallte. Gewaltige, affenartige Silhouetten stapften aus der Dunkelheit auf uns zu. Ihre überlangen, krallenbewehrten Arme kratzen über den Boden, und Ihre übergroßen, mit spitzen Zähnen gespickte Mäuler klafften weit auf. Lange, strähnige Haare fielen über ihre hohlwangigen Fratzen, und bestialischer Hunger funkelte aus Ihren kleinen, roten Augen. Wir hoben unsere Waffen und Fackeln, aber bevor auch nur ein Schuss fallen konnte, landete eine noch größere Gestalt zwischen uns und den Trollen. Ein langer, verzierter Speer schlug knallend auf den Boden, und die Gestalt trieb die Trolle mit harten Hieben und Drohgebärden zurück in den Schatten.
Als sie sich zu uns umdrehte, schien sie sich aus dem Hintergrund hervorzuschälen. Farbe verteilte sich wellenartig über dem Wesen, und seine langen, roten Haare bildeten einen beißenden Kontrast zu seiner grünen, mit blauen Mustern verzierten Haut. Unzählige Knochenfetische baumelten von seinen Haaren, seinem Lendenschurz und seinem Speer. Obwohl seine Augen ebenso rot waren wie die seiner Verwandten, funkelte in diesen das Licht der Intelligenz.
Er schien uns abzuschätzen.
»Ihr habt Kreegs verjagt. Ihr habt Marga gerufen. Was wollt Ihr im Heim von Schädelsammlern?« Er schüttelte rasselnd seinen Speer.
Nach kurzem Zögern erhob ich das Wort.
»Wir wollen den Damm öffnen. Das Wasser muss fließen, sonst zerbricht er.« Ich überlegte einen Moment. »Wir müssen in die Tiefen des Damms.«
Der Troll legte den Kopf schief und musterte uns. »Das Wasser muss fließen. Aber ich kann nicht entscheiden. Ihr müsst Grasul gegenüber treten. Er wird entscheiden, was passiert. Er ist unser Herr.« Er deutete mit seinem Speer auf eine Öffnung. »Dort ist Grasul. Er wird Euch prüfen. Wenn Ihr besteht, werden die Wasser wieder fließen.«
»Und wenn nicht?«
»Gehören Eure Schädel den Schädelsammlern.« Er rasselte ein weiteres Mal mit seinen Knochenspeer, dann verschwamm seine Gestalt schon wieder. »Geht, geht zu Grasul. Meine Brüder hungern. Das Wasser muss fließen oder Euer Blut. Grasul wird entscheiden.« Obwohl er sich nicht bewegt hatte, war er schon fast nicht mehr zu sehen. Aus dem Dunkel funkelten uns nur noch die roten Augen seine Brüder entgegen, die unzufrieden am Rande des Lichtes hin und her stapften.
Vorsichtig, in einem Kreis aus Fackeln, bewegten wir uns in Richtung des Ganges. Zu unser aller Erleichterung erreichten wir ihn ohne Zwischenfälle. Der Gang führte in langen Windungen hinab in die Eingeweide des Schädeldamms.
»Weiß eigentlich irgendwer, wie so ein Damm funktioniert?« Fragte Akbash.
»Nicht wirklich. Vor allem nicht bei Dämmen,die vor unserer Zeitrechung von verlorenen Zivilisationen errichtet wurden.«
»Wir können ja Grasul fragen.« Warf Mel ein. »Der wohnt ja wohl schon länger hier.«
»Ja, und Trolle sind für Ihr technisches Wissen und Ihre Konversationsfreude bekannt.«
»Wenn es ein Troll ist.«
Als wir den Fuß des Ganges erreichten, stand vor uns ein großes, steinernes Portal, dekoriert mit dem unentbehrlichen Schädeldekor. Aurelia und Joachim machten sich daran, das Portal nach magischen oder Mechanischen Fallen zu untersuchen, während wir ihnen leuchteten.
»Das hier scheint der Öffnungsmechanismus zu sein« Aurelia zeigte auf einen Schädel mit der Sihedronrune auf der Stirn.
»Meinst Du?« Joachim bückte sich darüber und insizierte sie genauer. Er suchte nach etwas in seiner Tasche. »Es könnte auch -« Ein neuerliches Zittern ging durch den Damm, als die Wassermassen ein Stück des Mauerwerks mit sich rissen. Joachim verlor das Gleichgewicht und taumelte gegen die Tür. Als seine Hand en Schädel berührte, schwang sie fast widerstandslos auf, und der Heiler stolperte in den dahinter liegenden Raum.
»Nein!« Rief Aurelia noch und hastete hinterher, aber es war zu spät. Aus der Mitte des Raumers erhob sich eine massive, mit grünschleimigen Schuppen überzogene Gestalt. Sie hob eine klauenbewehrte Hand und bohrte die scharfen Nägel tief in das Fleisch über Ihrer Stirn. Mit einem Ruck riss sie das Fleisch herunter, so das darunter ein blutverschmierter Schädel zum Vorschein kam, aus dessen Augenhöhlen zwei gelbliche, animalische Augen Joachim fixierten. Der grauenhafte Anblick ließ uns alle einen Moment zögern. Aurelia hatte Joachim an der Schulter gepackt, ich war einige Schritte hinterher gekommen.
»Komm zu Grasul!« Brüllte das Monster, und mit einem Ruck schleuderte die andere Hand eine hakenbewehrte Harpune mit der Wucht einer Ballista. Das Geschoss durchbohrte Joachim, und die blutige Spitze ragte eine Unterarmlänge Aus seinem Rücken hervor. Ein dickes Tau wand sich von Grasuls Handgelenk zum Schaft der Waffe.
Endlich fiel die Schockstarre von uns ab. Als Grasul mit einer angewiderten Geste die Reste seines Gesichts von sich schleuderte und das Seil packte, sprangen Aurelia und ich vor, um das andere Ende des Seils zu packen.
Die anderen rannten mit gezückten Waffen an uns vorbei, um ihm zu Leibe zu rücken. Grasul zog einmal, und wir gingen zu Boden. Ein gellender Schmerzensschrei entfuhr Joachim. Seine Augen verdrehten sich,und die Hände, die den Schaft der Harpune umklammert hatten, lösten sich. Schläge prasselten auf das Monster hernieder, das immer noch bis zur Hüfte im Wasser stand. Dort, wo die Wunden sich öffneten, lief das Wasser aus dem Teich nach oben und verschloss die Wunden ebenso schnell, wie sie sich öffneten. Aber sie lenkten ihn kurz von seiner Beute ab.
Aurelia begann hektisch, an dem Seilzug sägen, das die Harpune hielt.
»Er brennt nicht! Es ist zu nass!« Mels Fackel war erloschen, und er wechselte auf seine Armbrust, aber die kleinen Bolzen waren kaum mehr als Insektenstiche für den monströsen Grasul. Mehr Wasser lief unnatürlich über den Körper Grasuls, und wo es seine Wunden oder sein Gesicht erreichte, bildete sich neues, schleimiges Fleisch. Jamiros Dolch war zu kurz, um ihn vom Rande des Beckens zu erreichen. Kurz entschlossen hechtete die Elfe in die Brühe um den Troll herum.
»Die ist wahnsinnig!« Aurelia sägte verzweifelt weiter an dem feuchten Seil, während ich verzweifelt einen Heiltrank in Joachim schüttete. Schließlich erinnerte sich Grasul seiner Beute und riss an dem Seil. Kjull sei Dank war das der Ruck, den es brauchte, um den Tampen endgültig zu zerreißen. Einen Moment starrte Grasul Dumpf das abgerissene Ende an. Akbash nutzte den Moment für einen waghalsigen Stich in den Hals des Monsters, wobei er beinahe das Gleichgewicht verlor. Mit einer beinahe achtlosen Rückhand schleuderte Grasul den Glücksritter gegen die Wand, bevor er kurz in seinem Becken umhertastete und eine weitere Harpune aus dem Becken hob. Ein Schwerthieb Heidruns kostete Grasul ein Ohr, aber das Monster schien es kaum wahrzunehmen.
»Das bringt nichts. Solange das Vieh im Wasser ist, kommen wir ihm nicht bei.« Aurelia kaute angestrengt an Ihrem Daumennagel. Ich versuchte weiterhin, Joachim irgendwie zu helfen, aber war mir nicht sicher, ob mehr Heiltränke das Problem nicht noch verschlimmern würden. Die unterarmdicke Harpune rage anklagend aus der Brust unseres Heilers hervor.
»Ich habs! Deine Peitsche!« Aurelia riss an meiner SChulter, um mich von Joachim weg zu zerren. Unwillig kam ich auf die Beine. Akbash hatte sich wieder aufgerappelt und suchte eine bessere Angriffstellung. Heidrun blutete aus einer klaffenden SChulterwunde, wo sie knapp der Harpune Grasuls entkommen war. Mel jagte Bolzen um Bolzen in den Rücken der Bestie, ohne eine nennenswerte Wirkung zu erzielen. Jamiro blieb in den tiefen des Tümpels verschwunden.
Ich zog meine Peitsche aus Krokodilleder hervor. Die feinen Stränge von Alchimistenmetall schimmerten im Licht der Fackeln.
»Also gut« murmelte ich. »Für Joachim.« Ich holte weit aus und ließ die drei Schritt lange Schnur im weiten Bogen nach vorne peitschen. Die Götter müssen mit mir gewesen sein, den in dem Moment, als meine Peitsche nach vorne schnellte, erhob Grasul seinen Kopf, um einen gutturalen Kriegschrei ertönen zu lassen. Mit einem Klatschen traf die Schnur den Hals des Monsters und wickelte sich dreimal herum.
»Ja!« Brüllte Aurelia, und packte mit mir die Schnur der Peitsche. Grasuls Schrei erstarb in einem quietschenden Röcheln, aber die Bestie schien nicht zu verstehen, was geschehen war. Mit unserem ganzen Gewicht warfen Aurelia und ich uns in die Peitsche. Verunsichert und aus dem Gleichgewicht torkelte Grasul nach vorne, an den Rand des Beckens. Heidrun und Akbash nutzten die Gelegenheit und hieben breite Wunden in den Rücken der Bestie.
»Nein!« Rief ich. »Er muss ganz aus dem Wasser!« Verzweifelt zerrten wir weiter an der Peitsche, aber nach diesem ersten Ruck begann Grasul jetzt Widerstand zu leisten. Ich wollte schon verzweifeln, als sich plötzlich Grasuls Unterkörper ein Stück aus dem Wasser hob. Die Gesetze der Mechanik sind unerbittlich. Als Seine Hüftenüber den Rand des Beckens heraus ragten, kippte der Troll nach, vorne, seine Krallenbewehrten Füße zappelten noch nach Halt suchend in der Luft, aber da gab es nichts mehr. Als der schleimige Torso des Monsters aufs Trockene klatschte, brachen einige der halbverheilten Wunden wieder auf. In Sekundenschnelle schien die Haut des Monsters auszutrocknen. Mel eilte herbei und schüttete eine klebrige Flüssigkeit auf den Rücken Grasuls. Er versuchte noch einmal, sich auf die Beine zu kämpfen, aber wir warfen ihn mit einem Ruck wieder zu Boden.
»Feuer! Jetzt!« Rief Mel, und Heidrun hieb Ihre Fakel auf den ölbenetzten Rücken der Bestie. Getrennt von seiner Heilquelle brannte sich das alchemistische Feuer schnell tief in den Rücken Grasuls. Das Monster wand sich vor SChmerzen, aber die eng um seinen Hals geschnürte Peitsche verhinderte laute Schreie. Dennoch war der Anblick des zuckenden und sich windenden Wesens, das in wenigen Sekunden vertrocknete und verbrannte ein weiterer, der mich lange in meinen Träumen begleiten würde.

Mel und Heidrun untersuchten gemeinsam Joachims schreckliche Wunde.
»Es hilft nichts. Wenn wir das Ding nicht rausnehmen, können wir noch literweise Heiltränke in ihn schütten. Und wenn wir ihn nicht wach bekommen, kann er sich nicht selbst heilen.« Ich konnte das ganze nicht mit ansehen. Mel lieh sich meine Säge. In Sekunden durchtrennten sie den Schaft der Waffe so nah an Joachims Bauch wie möglich. Heidrun und Akbash hielten den Heiler fest, Aurelia umwickelte die herausragende Spitze der Harpune mit ein paar Lederriemen, um sie besser packen zu können. Mel nahm einen der Skalpelle aus Joachims Heilertasche.
»Ich muss darum herum schneiden. Wenn wir sie einfach heraus reißen, ist er tot, bevor wir etwas tun können.«
Die Operation war quälend langsam, und es floss mehr Blut, als ich für möglich gehalten hatte. Aber schließlich schafften sie es tatsächlich, die grausame Waffe aus Joachim zu entfernen und ihn mit einem guten Liter Heiltrank wieder zu sich zu bringen.
Als er die Augen wieder aufschlug, waren seine ersten Worte:
»Ich mache nie wieder eine Tür auf, das das klar ist.«

Teuflische Technik
Nachdem Joachim wieder zu sich gekommen war, kam er schnell weider auf die Beine und konnte sich auch um die Verletzungen der anderen kümmern. Mel und ich nutzten die Zeit, um den Rest des Raumes zu untersuchen. Es gab drei weitere Türen, eine auf jeder Seite des Raumes. In der Nähe der seitlichen Türen waren weitere, kleinere Wasserbecken, die möglicherweise mit dem zentralen verbunden waren und auch unter der Mauer hinweg zu führen schienen.
Die zentrale Tür würde relativ mittig im Damm liegen, war also der wahrscheinlichste Ort für einen Kontrollmechanismus.
Getreu seinem Wort hielt Joachim sich von der Tür fern, und auch Aurelia konnte keinerlei Fallen oder Schlösser entdecken. Schließlich öffnete Akbash die Tür mit gezückten Waffen.
Der Raum dahinter war in grünliches Licht getaucht, das von unzähligen Runen und Schriftzeichen in den Wänden ausging. Zu beiden Enden des Raumes gab es Fallgitter, die herabgelassen waren, und dahinter je einen großen, komplexen und offensichtlich aktiven Bannkreis. Im Rechten befand sich nur noch rötlicher Staub, aber im Linken ...
 »Willkommen in meinem bescheidenen Heim« Eine hagere, zusammengesunkene Gestalt, mit brüchigen Fledermausflügeln, schwarzen, gespaltenen Hufen und sieben gedrehten Hörnern auf dem tierhaften Schädel begrüßte uns mit trockener Stimme.  Seine tiefliegenden Augen glommen noch immer gelb, aber es lag ein Flackern darin, wie bei einer beinahe verloschenen Kerze. Dennoch war kein Zweifel an der puren Bosheit, die uns entgegenschlug, als diese harmlosen Worte sich in unsere Köpfe zubohren schienen.
»Es tut mir leid, das wir nicht aufgeräumt haben. Aber nach zehntausend Jahren lässt man manche Regeln der Gastfreundschaft schleifen. Außerdem« Er hob eine Hand mit gesplitterten, schwarzen Krallen und kratzte in der Luft vor sich. Grünliche Funken stoben auf. »Bin ich länger nicht mehr heraus gekommen.«
Ungläubig starrten wir das Wesen an.
»Ist das ein Dämon?« Fragte ich.
»Davon kann man ausgehen.« Erklärte Joachim.
»Teufel, wenn ich bitten darf. Es gibt keinen Grund, mich auch noch zu beleidigen.«
»Gibt’s da einen Unterschied?«
»Keinen Relevanten.«
»Also, ich muss doch sehr bitten. Die Unterschiede sind äußerst relevant. Als Teufel bin ich an jeden meiner Verträge gebunden. Kein dahergelaufener Dämon bietet Euch solche klare Regelungen für«
»Halts Maul, Dämon.«
Verstimmt schaute der Teufel zu Boden. Das verwunderte uns noch mehr als alles andere.
»Was immer wir tun, wir sollten auf keinen Fall mit ihm reden. Das da ist noch deutlich gefährlicher als Xanesha oder Lucretia. Und das letzte, was wir brauchen können, ist ein weiter Teufelspakt.«
»Weiterer?« Horchte Jamiro auf. »Was heißt den hier weiterer?«
»Seht Ihr? Schon gibt’s Probleme. Lasst uns erstmal wieder rausgehe und unsere Strategie planen, wo das da uns nicht hören kann.«
»Nein, nein, geht nicht. Lasst mich bitte nicht allein. Ich erzähl Euch auch alles, was Ihr wissen wollt, ohne Gegenleistung!« Es klang beinahe flehentlich, und der Teufel warf sich bettelnd auf den Boden.
»Bitte! Mein Leben wird hier aus mit heraus gesaugt, um diesen elenden Staudamm zu bedienen. Meinen Bruder dort hat es schon vernichtet.« Er deutete auf die Asche. »Aber das wäre nicht mal so schlimm, aber die Langeweile! Er ist jetzt seit fünfzig Jahren tot, und davor hatten wir uns auch schon tausend Jahre nichts mehr zu sagen. Ich werde hier wahnsinnig! Bitte, ich tue alles, wenn Ihr nur einen Moment hier bleibt! Alles!«
Wir sahen uns irritiert an. Joachim zückte Lucretias Buch und schlug etwas nach.
»Das ist interessant - darauf verweist Lucretia hier. Wer immer diese vorhergehende Zivilisation auch war, sie haben »Externare« genutzt, um Werke großer Magie zu schaffen. Mir war nicht klar, wie Sie das tun.« Er schlug das Buch zu. »Aber hier scheinen wir einen dieser Fälle vorliegen zu haben.«
»Sie treiben einen Staudamm mit der Lebensenergie von Dämonen an?« .«
»Teufel.« kam kleinlaut aus dem Käfig.
»Halts Maul, Dämon.«
»Und jetzt? Brauchen wir einen anderen Dämon, um den Staudamm wieder in Gang zu setzen?«
»Möglich, aber vielleicht haben sie auch nur darum Dämonen benutzt, weil sie, wie soll ich sagen, pflegeleicht sind?«
»Pflegeleicht ist glaube ich das letzte Wort, das ich jemals für Dämonen genutzt hätte.«
»Sie altern nicht, sie essen nicht, sie schlafen nicht. Solange niemand mit ihnen reden muss und die Bannkreise halten, sind sie eine perfekte Energiequelle. Wenn man den weiß, wie man sie anzapft.«
»Und du meinst, man könnte auch andere Wesen fazu benutzen?«
»Die Frage ist, was für eine Kraft da genutzt wird. Und ob diese Kraft in Dämonen und anderen Wesen vorhanden ist. Es käme auf einen Versuch an - aus diesen Runen werde ich jedenfalls nicht schlau.«
Wir schauten uns gegenseitig an.
»Und wer will sich freiwillig in dieses Ding da stellen?« Nach einigem herumdrucksen meldete sich ausgerechnet Jamiro als Erste.
»Wenn wir Schildkrötenfähre damit retten können, ist es das wert. Und ich bin wohl das, was einem Dämon hier am nächsten kommt. Und keine dummen Sprüche!« Sie schaute mich streng an.
Ich haderte etwas mit mir, dann schaute ich betroffen zu Boden. »Du musst das nicht alleine tun. Ich komme mit.«
Sie schien überrascht.
»Warum?«
»Schau mich an. Ich bin von einer Hexe verflucht, und falls es sich nicht gerade um die elfische Seele halten sollte, die da genutzt wird, sondern etwas - körperliches, bin ich zur Zeit ein besserer Nährboden als du. Im Ernst, du siehst halb verhungert aus.«
Jamiro lachte lauf auf und schlug mir auf die Schulter.
»Ok, mein stattlicher Freund, dann riskieren wir mal gemeinsam unsere Seelen!«
Vorsichtig traten wir an den Kreis heran, in dem die staubigen Überreste unseres Vorgängers lagen. Wir versuchten, sie weitesgehend ungestört zu lassen. Allen Mut zusammen nehmend schritten wir über die Schwelle - und nichts geschah.
»Und jetzt?«
»Ich weiß auch nicht.«
Mel meldete sich zu Wort. »Ich denke, es hat etwas mit dem Modell nebenan zu tun.« Wir alle starrten ihn wortlos an. »Ich hab mich halt etwas umgesehen, während Ihr hier dramatisch über Selbstopferungen diskutiert habt. Und nachdem Joachim von den Vorteilen von Dämonen gesprochen hat, dachte ich mir. »Hey, am besten wäre es doch, wenn man das Ding dann noch steuern könnte, ohne mit Ihnen zureden!« Und Siehe da, eine Tür weiter ist ein Maßstabsgetreues Modell des Damms, mit beweglichen Kiefern an den großen Abflüssen.«
»Mel, irgendwann müssen wir uns mal ernsthaft darüber unterhalten, was genau Du im Imperium getan hast.« Er strich sich über die Glatze und winkte ab.
»Bitte.«
»Aber eins nach dem anderen. Also, wer will den Schalter umlegen um uns die Lebenskraft abzusaugen?« Ohne zu zögern stapfte Heidrun los, freudig gefolgt von Mel.
»Manchmal glaube ich, sie mag mich nicht.« sinnierte ich. Aurelia prustete lauthals los, während Akbash hämisch kicherte. »Ich hoffe, Ihr ist klar, das sie erstmal nur ein -« Furchtbare Schmerzen durchzuckten mich. Es war, als würde man mir etwas aus dem Leib reissen, ohne meine Haut zu durchbohren. Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, aber dennoch fand ich mich auf dem Boden wieder. Jamiro war aufrecht geblieben, aber hielt sich keuchend die Brust fest. Uns gegenüber konte ich erkennen, das der Teufel ebenfalls zusammen gezuckt war. Eines seiner Hörner knackte, und Staub rieselte heraus. Leise hörten wir Mels Stimme aus dem Raum nebenan.
»Das war das Erste! Ist was passiert?« Joachim eilte an unsere Seite, während Aurelia Mel antwortete, bloß keine weiteren Schädel zu öffnen. Nachdem eine erste Untersuchung Joachims ohne Befund war, begann er trotzdem, seine heilende Magie auf uns zu wirken. Zu unserem Glück schien das tatsächlich zu helfen, die Nachwirkungen der Schmerzen und die Kälte in meinem Innern zogen sich tatsächlich zurück. Akbash zeigte mit dem Daumen nach oben.
»Es hat funktioniert. Man kann deutlich hören, das das Wasser jetzt durch den rechten Abfluss fließt.«
»Wir sollten auf Nummer Sicher gehen. Wer weiß, wie das Verhältnis von Zufluss und Abfluss ist bei diesen Verhältnissen - und idealerweise sollten wir den Pegel bis unter die Schäden senken, den die Oger und Marga angerichtet haben.«
Wir wechselten uns ab, und so konnten wir schließlich alle Abflüsse des Schädeldamms öffnen, ohne das jemand von uns bleibende Schäden erhielt. Der Teufel jammerte zwar viel herum, aber weitere bleibende Schäden waren bei ihm nicht erkennbar.
»Jetzt stellt sich die Frage, was wir mit ihm machen.« Konstatierte ich.
Mel schaute ihn nachdenklich an.
»Ich denke, er könnte uns beim Angriff auf den Haken nützlich sein. Früher haben wir solche wie ihn als Folterknechte eingesetzt, das sind harte Burschen.«
Angestrengt ignorierte ich Mels Andeutungen über frührere Dämonenpakte und fuhr fort.
»Ich dachte eher daran, ihn zu erschiessen.«
»Warum das denn?« fragte Mel perplex. »Er ist doch gefangen und selbst, wenn wir ihn nicht mitnehmen - er ist doch ein sehr nützliches Teil dieses Staudamms!«
»Er ist ein Dämon. Seine Aufgabe ist es, Sterbliche zu verführen. Und jetzt, wo Grasul tot ist, wer weiß, wie lange es dauert, bis er die Trolle überzeugt, das er ihnen frei nützlicher ist als gefangen?«
Akbash stellte sich vor mich. „Immer mit der Ruhe, Pistolero. Wenn Du anfängst hier durch die Gegend zu ballern, ist die Chance größer, das Vieh zu befreien als ihm etwas anzutun. Wir vertagen das Ganze und öffnen erstmal die Fluttore.“
Die Frauen stimmten beide zu. Aurelia fasste es in Worte. „Keine Eberhart-Aktionen heute. Wir finden raus, wie dieses Ding hier abgeschaltet wird und dann sind wir weg. Soll sich mal jemand anders um die Dämonen kümmern.“
Ich gab mich geschlagen. „Na gut, er hat hier jahrhundertelang rumgehangen, da kann er noch ein paar Wochen weiter warten können.“
Joachim trat neben mich und nickte zustimmend. „Ich habe die Glyphen überprüft. Sie sind geschwächt, aber sie halten noch. Wir müssen nur dafür Sorgen, das die Trolle die Finger davon lassen.“

Wir erreichten die Oberfläche des Damms, ohne einem einzigen Troll zu begegnen. An der Oberfläche angekommen, überraschte uns die Sonne, die durch die Wolken brach.
„Na, wer sagt’s denn. Wer immer den Plan mit dem Damm hatte, hat wohl eingesehen, das er geschlagen ist.“
„Oder er ist zufrieden mit dem, was er erreicht hat“, gab Akbash zu bedenken und kratzte an dem schwarzen Juwel in seiner Augenhöhle. „Ich konnte Marga noch verdammt lange fluchen hören, nachdem sie über den Damm gegangen ist. Wer weiß, ob noch irgendwas übrig ist von Schildkrötenfähre.“
Aurelia starrte den angeschwollenen Fluß entlang, der jetzt von den drei gewaltigen Strömen aus den Schädeltoren gespeist wurde. „Ach, so schlimm wird’s schon nicht sein.“ Sie wandte sich um und suchte den Horizont ab. „Da wird es richtig schlimm.“
Ich folgte ihrem Blick. Dort, am Horizont, ragte der Gipfel des Haken aus dem nebelverhangenen Wald hervor. „Wollen wir wirklich dorthin?“
Joachim trat an meine Seite. „Von wollen kann keine Rede sein. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wenn Hauptmann Biden noch lebt, läuft seine Zeit auf jeden Fall ab. Myriana ist ungeduldig. Ich kann Ihren verderbenden Einfluss von hier schon sehen. Du nicht auch, Akbash?“
Der Glücksritter nickte. „Ich wusste nicht genau, was es ist, aber da ist ein widerlicher, grünlicher Nebel über dem Wald dort.“ Er zeigte in Richtung Schildkrötenfähre. „Und heute Morgen war er deutlich weiter weg.“
„Trotzdem müssen wir etwas wegen der Rannikfeste tun.“ Kildarion trat aus dem Schatten der Aufbauten heraus.
„Ach, schau mal, wer wieder mal nach der schweren Arbeit hier auftaucht.“ Akbash grinste der Halbelfe entgegen. „Aber trotzdem bist du wie immer ein willkommener Anblick.“
Kildarion war anscheinend nicht zum Flirten aufgelegt. „Die Feste ist nahezu unbesetzt, und wir wissen nicht, ob es überhaupt noch Menschen in Schildkrötenfähre gibt, die als Verstärkung kommen könnten. Wir müssen uns jetzt an die freien Stämme wenden!“
„Sie hat recht.“ Jamiro trat an ihre Seite. „Wenn es jemals einen Moment gab, an dem wir uns an die Freien wenden sollten, dann jetzt. Die schwarzen Pfeile sind so schwach, das sie auf ihre Hilfe angewiesen sind. Wir könnten ein Zeichen für ganz Maracasar setzen!“ Die ehemalige Gefangene war vor Begeisterung kaum zu bremsen.
Joachim freundete sich mit dem Gedanken schnell an. „Eberhart, das klingt wirklich gut. Wollten wir das nicht schon immer erreichen mit der Gesellschaft? Das Ende der Sklaverei?“
„Naja“, druckste ich. „So detailliert haben wir das gar nicht in die Satzung aufgenommen. Du weißt schon, wir wollten die Leute nicht direkt vor den Kopf stoßen...“
„Schluß jetzt!“ Joachim hieb seinen Stab auf den Dammboden, und Blitze liefen an ihm entlang. „Wir werden jetzt und hier handeln. Jamiro, du wirst mit Kildarion zu den freien Menschen gehen und ihnen sagen, das sie die Rannikfeste verstärken müssen. Sie sollen Jakaros daran erinnern, wer ihm die Feste zurückgegeben hat. Und wenn die freien Männer und Frauen erstmal zeigen, das sie die Rannikfeste halten und damit nicht zuletzt für die Sicherheit von Haven sorgen, wollen wir Dochmal sehen, wie lange die Herrscher von Maracasar sich noch für die Sklaverei einsetzen können. Wir werden der Sturm sein, der diesen Makel hinwegfegt. Wir werden ihnen zeigen, dass Freiheit das Recht jedes denkenden Wesens ist. Die Freiheit zu wählen zwischen Gut und Böse.“ Er blickte zum Haken.
„Und diese Oger haben das Böse gewählt. Also wird es Zeit, dass sie den gerechten Zorn freier Menschen spüren. Wir brechen auf.“ Und mit diesen Worten schritt er vorwärts, ohne irgendeinen Einspruch abzuwarten.
„Na, damit ist das wohl entschieden“, sagte ich. „Wer hätte gedacht, das uns ein Sturmgeborener noch mal Ärger macht?“