Nachdem Joachim mich glücklicherweise wieder mehr oder weniger zum Leben erweckte, musste ich leider feststellen, das der widerliche Fluch noch andere Nebenwirkungen hatte. Noch während ich die heilende Magie spürte, regte sich etwas anderes, widerliches, in meinem Körper. Es schien so, als würden in mir - Dinge - wachsen und meine schon jetzt widerliche Masse an Fleisch und Fett noch weiter sprießen lassen. Aus Angst und Ekel behielt ich diese Veränderungen zunächst für mich - es gab genug andere dringliche Dinge, die es zu klären gab.
Denn auch wenn Lucrecia erschlagen war, hatten wir noch immer einen Stamm Oger in der Rannikfeste. Als Erstes überprüften wir die Zellen, der Grund, aus dem wir zunächst hergekommen waren.
Nun, hinter der ersten Tür erwartete uns ein unerwarteter Anblick. Zumindest hätte ich nie damit gerechnet, eine Elfe im Kerker unter der Rannikfeste zu finden.
»Ah, unser liebstes Spitzohr. Gut, dass Du es geschafft hast.« Der Sarkasmus troff aus Jakaros Stimme wie die Buttercreme aus den Kuchen von Moppel-Ina. Ach, wie ich Ihre Kuchen vermisse.
»Einauge, mein liebster Knochenschinder. Wolltet Ihr uns hier unten verrotten lassen? Eine Woche kein Essen? Mal im Ernst, man kann es übertreiben für einen ironisch gemeinten Fluchtversuch.« Die Elfe war etwa einen Kopf kleiner als Einauge, aber schien keineswegs eingeschüchtert. Ihr ausgezehrtes Gesicht war von einer verstörenden Schärfe. Große, violette Augen stachen aus dem knochigen Gesicht hervor und musterten uns abschätzig. Schmutzige Nägel kratzten über den rauen, schwarzen Stoff Ihrer Uniform, während sie die Situation einschätzte.
»Wer sind die Gestalten hier? Sie sehen zwar ausreichend abgerissen aus, sind aber überraschend farbig für schwarze Pfeile, oder?« Ihr Blick fiel auf mich. »Und der da sieht aus wie einer von den Grauels.«
Während ich mich von diesem geschmacklosen Vergleich erholte, ergriff Joachim die Gelegenheit.
»Entschuldigt, meine Gute. Ich bin Joachim von Schwertwall, der Medikus der Gesellschaft für Abenteuer und Erforschung. Wir sind von Larifa aufgebrochen, im Auftrag des Senats, um die Lage hier zu klären. Würden sie sich jetzt freimachen? Ich muss sie untersuchen.«
Die Elfe hatte eine überraschend dreckige Lache. »Das ist die schrägste Anmache, dich ich je gehört habe.« Sie stupste ihn mit einem Finger in die Brust. »Aber ist jetzt die richtige Zeit für sowas?«
Joachim schaute sie streng an. »Junge Dame, leider müssen wir sie eine Untersuchung unterziehen. Einige Ihrer Mitstreiter« er schritt herüber zur Leiche von Coven »sind leider einer Verschwörung unter Führung einer Art Dämonin erlegen. Jetzt müssen wir prüfen, ob sie nicht auch Ihrem Einfluss unterstehen.« Er tippte mit dem Stab auf Covens Schlüsselbein, wo man gerade noch die Zacken des Sihedrons unter dem Aufschlag des schwarzen Hemdes hervorstechen sah.
»Na gut, aber nur, weil du so charmant warst, mich junge Dame zu nennen. Ich bin wahrscheinlich eher in der Liga Deiner Großmutter.« Sie schaute in die Runde. Als Ihr Blick zu wanderte, zuckte sie kurz mit den Mundwinkeln. »Na ja, mit seiner Mutter würde ich mich nicht vergleichen wollen.«
Ich zuckte zusammen, und bei diesen Worten regte sich - etwas - in meinem Bauch. Ein Ziehen ging durch meinen Körper, aber ich kämpfte das Gefühl nieder. Dann räusperte ich mich, was leider mit einem unangenehmen Glucksen und blubbern einherging.
»Nun gut, nachdem das geklärt ist, haben wir immer noch das Problem mit dem Ogerstamm in der Feste!«
Zum Glück liessen wir uns diesmal nicht beirren, und nachdem die Elfe und zwei andere, deutlich stillere und dem Tode nahe schwarzen Pfeile auf Tätowierungen untersucht hatten, fühlten wir uns alle ein wenig sicherer. Aurelia und Mel hatten inzwischen auch die Habseligkeiten Lucrecias durchsucht, und abgesehen von einiger praktischer Beute fanden wir auch ein elementar wichtiges Schriftstück - eine Liste all derer, die Lucrezia zur »Ernte« markiert hatte. Und eine Erklärung, wie Ihre Variante des Ernterituals sich von der Ihrer Schwester unterscheidet. Ihre Theorie besagt, dass Menschen, die sich nicht bewusst sind, dass sie willentlich geopfert werden, irgendwie reinere und unbeschädigtere Seelen hinterlassen. Daher der Plan mit dem Freudenschiff und dem Untergang des selben. Unglücklicherweise deute auch alles darauf hin, das noch große Teile der Bevölkerung Schildkrötenfähres zur Ernte gezeichnet sind. Und das es noch einen Plan gibt, auch sie unwissentlich zu opfern.
Wir schauten einander an.
»Der Damm« sagte Akbash deprimiert. »Man hat uns gewarnt, das der Dauerregen irgendwann den Schädeldamm zerstören könnte.« Aufgeregtes Geplapper erhob sich und wilde Spekulationen wurden aufgestellt, wer oder was denn nicht nur einen solchen Damm unter Kontrolle bringen konnte, sondern auch noch das Wetter so langfristig verändern konnte. Ich klopfte mit meinem Pistolenknauf auf die Überreste von Lucrecias Tisch.
»Eins nach dem andern, Freunde. Erst Oger, dann Dämme und Überflutungen.« Ich wandte mich an Jakaros. »Was meint Ihr, wo sich der Häuptling der Oger verschanzen würde?«
Der Einäugige strich sich nachdenklich über den Bart. »Oger setzen nur auf Stärke und Größe. Es würde Sinn machen, wenn er sich ganz oben, im Zimmer des Anführers oder im Tempel eingerichtet hat.
»Dann sollte das unser nächstes Ziel sein. Wenn wir den Anführer besiegen, haben wir eventuell eine Chance, den Zusammenhalt des Stammes zu schädigen und so interne Machtkämpfe herauf zu beschwören.«
Aurelia meldete sich zu Wort.
»Nachdem wir gesehen haben, wie dieser Stab funktioniert - wäre das nicht das perfekte Mittel zur Unruhestiftung?« Sie ließ Lucrecias Stab durch die Finger wandern und schaute Joachim fragend an.
»Schon richtig, aber der einzige, der so einen Gegenstand mit arkaner Energie laden kann, wäre wohl ich. Und unsere letzte Auseinandersetzung hat mir wieder einmal mehr als deutlich vor Augen geführt, dass ich in der Nähe von kämpferischen Konflikten nichts zu suchen habe.« Er deutete vorwurfsvoll auf die langsam verblassenden Würgemale auf seinem Hals.« Aurelia grinste unschuldig.
Ich rieb mir die Wangen und stellte angewidert fest, das meine teigigen Finger bis zum ersten Knöchel darin verschwanden. Schnell ließ ich es bleiben. Dennoch kam mir eine Idee. »Sagt mal, Elfe - ist Euer Volk nicht von magischer Natur?«
Die Gefangene, die sich inzwischen einen Dolch besorgt hatte und nach Joachims Untersuchung Ihre Kleidung wieder richtete, funkelte mich feindselig an.
»Was willst Du von mir? Nennst Du mich eine Hexe?« Abwehrend hob ich die Hände. »Keineswegs, es ist nur so, dass ich noch nicht viele von Eurem Volk getroffen habe, aber in den Geschichten-«.
»Ich - bin - keine - MÄRCHENFIGUR!« Brauste die Elfe auf. »Ich bin eine in 5 Reichen gesuchte Piratin, die hier auf Maracasar nichts weiter wollte als ein paar der Sklaven zu befreien, die Ihr Primitivlinge hier immer noch haltet. Weder erfülle ich Wünsche noch glitzere ich im Mondlicht. Und ich habe einen Namen.« Mit verschränkten Armen drehte sie mir den rücken zu.
»Und, äh, wie heißt Ihr?«
»Jamiro Mondschwinge.« Antwortete Jakaros.
»Also gut, Jamiro - könnt Ihr einen solchen Zauberstab benutzen?«
Jamiro murmelte etwas Undeutliches.
»Bitte?«
»Ja, kann ich, verdammt nochmal.« Unwirsch stapfte sie zu Aurelia und schnappte sich den Stab. »Und wen soll ich damit jetzt in den Wahnsinn treiben?« Fragte sie, während sie wild mit dem Stab herum fuchtelte. Alle wichen vor Ihr zurück. Jakaros schlug die Hand vor die Augen. »Jamiro, beruhige Dich. Niemand hier will Dir irgendwas.« Er murmelte zu mir herüber.
»Sie ist etwas aufbrausend. Erwähne am besten Ihre Größe nicht auch noch, dann hättest Du Ihre beiden Lieblingsthemen erwähnt.«
»Ich werde es versuchen.«
Aurelia erzählt
Warum übernehme ich ab hier? Weil wir uns ein wenig durch die Burg schleichen wollten, und welch‹ Überraschung, unser großer Planer und Moppelchen ist nicht wirklich der Mann, den ich auf eine heimliche Mission mitnehmen würde. Nein, auch dann nicht wenn die Oger selbst so laut sind, dass man sich anstrengen muss, damit sie einen hören. Denn inzwischen hat Eberhart Ausmaße, die selbst Ogern ins Auge fallen.
Heidrun und diese komische Fee von den »Schwarzen Pfeilen« gingen mit mir los, und wir spähten erstmal den Gang zurück, durch den wir gekommen waren. Es war zwar schon fast der nächste Tag, aber vielleicht würden wir ja eine weitere überschaubare Gruppe von Ogern finden, an den wir unsere neue Geheimwaffe ausprobieren können.
Auf manche Dinge ist einfach Verlass. Tatsächlich rumpelte es irgendwie gewaltig hinter einer der Türen, die wohl früher in einen der Essenssäle geführt hatte. Hätten wir nicht schon einige Erfahrung mit Ogern gesammelt, wäre mein Tipp gewesen, dass sie sich da drinnen umbringen. Die Realität war - schwieriger zu beschreiben, als ich dachte. Nachdem Heidrun uns mit dem Bogen sicherte und Jamiro in den Startlöchern stand, zog ich die Tür einen Spalt auf. Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was in dem Raum dahinter geschah. Zuerst sah ich nur vier Oger, die völlig kopflos durch den Raum rasten, Ihre Keulen schwangen und die Möbel in Trümmer legten. Dabei brüllten sie immer wieder etwas wie »Pferdchen, Pferdchen, komm hier!«, während der Einzige ohne Keule grunzende und quiekende Laute von sich gab und eine blutige Trophäe hin und her schwang.
»Ist das ein Spiel?« Fragte Jamiro verwirrt.
»Ich glaube schon.« Murmelte Heidrun. Der da vorne hat, einen Pferdekopf, und ich glaube, die anderen -« der halbnackte Oger mit dem Pferdekopf prügelte einen seiner Verfolger nieder, dann gab er etwas von sich, was wohl ein Wiehern sein sollte. Johlend schwangen seine Verfolger Ihre Keulen. »Ich habe keine Ahnung.«
»Na, auf jeden Fall scheinen sie abgelenkt. Ich gehe rein.« Als sie durch die schritt schien Jamiro mit Ihrem Hintergrund zu verschmelzen. Heidrun hatte mir davon erzählt, dass manche Waldläufer so etwas können, aber es selbst zu sehen war dann doch bizarr. Wenn sie still stand, verschwand sie beinahe aus meinem Blickfeld, und wenn sie sich bewegte, war es, als würde sich ein Stück aus der Wand lösen. Verstörend, aber effektiv.
Auch, wenn Sie so kaum zu entdecken war, hätte ich nicht mir Ihr tauschen wollen. Die trampelnde Horde konnte sie auch leicht ungewollt töten, wie ein armer Schrank gerade bewies, der einem weit ausholenden Schwinger des motiviertesten Pferdefängers zum Opfer fiel. Jamiro würde zerbrechen wie ein Zweig, wenn eines der Monster auf sie treten würde.
Zum Glück schien doch etwas an der sprichwörtlichen Geschicklichkeit der Elfen dran zu sein. Beinahe traumwandlerisch wich sie den chaotischen Hieben und taumelnden Schritten der Oger aus, während sie sich nahe einer Wand hielt und auf eine Gelegenheit wartete, Ihren Zauberstab ins Spiel zu bringen.
Als sie die Gelegenheit erhielt, kostete es sie beinahe das Leben. Das Pferd steckte gerade einen heftigen Hieb durch einen der Jäger ein, hielt aber mit aller Macht an der stinkenden Trophäe fest, und taumelte genau auf die Wand zu, an der Jamiro lauerte. Sie hob den Stab, und dann verschwand sie unter der Masse des Monsters, der mit einem markerschütternden Krachen gegen die Wand fiel. Staub rieselte von der Decke, und die Tür traf mich durch die Erschütterung schmerzhaft an der Stirn, so das ich kurz die Augen schließen musste. Als ich sie blinzelnd wieder öffnete und versuchte, meinen leicht verschwommenen Blick zu klären, war die Elfe verschwunden.
»Hab Dich!« Donnerte eine Stimme, und ich sprang entsetzt zurück. Aber es war nur der Jäger, der das Pferd gegen die Wand gehämmert hatte und jetzt zufrieden nach der Trophäe griff. Anstatt den Pferdekopf loszulassen, schnappte das Pferd sich den Arm des Angreifers und biss genüsslich hinein. Blut spritzte, und mit einem grausamen Reißen biss er ein ganzes Stück aus dem Arm seines Angreifers.
»He, Foul. Keine Zähne beim Pferdespiel!« Protestierte ein weiterer Jäger. Als Antwort fiel das Pferd über ihn her und versuchte, sich in seine Kehle zu verbeißen. Der angebissene Oger ließ sich nicht lumpen und schwang seine Keule mit der unverletzten Hand, nur vage darauf achtend, wen der beiden Kämpfer er erwischte. Der letzte der Oger starrte einen Moment irritiert, dann wurden seine Augen von einem tiefen Rot erfüllt und er stürzte sich mit einem unartikulierten Wutschrei auf den Angebissenen. Als sie zu Boden gingen, bewegte sich hinter ihm etwas an der Wand, und im nächsten Moment stand Jamiro wieder vor mir.
»Scheint zu funktionieren« sagte sie grinsend, bevor sie durch die Tür schlüpfte. Ich verschloss die Tür vor diesem Trauerspiel.
»Ich mag es kaum beschreien - es scheint fast, als würde einer unserer Pläne aufgehen.«
Der Tyrann
Als wir zurück zum Keller kamen, waren Eberhart und Akbash tatsächlich dabei, den Spiegel die Treppe herauf zu schleifen.
»Was wird das denn?« Flüsterte ich unnötigerweise, denn hinter uns dröhnte weiter der Kampflärm der durchgedrehten Oger durch den Gang.
»Ein Experiment!« Verkündete Eberhart stolz. Dann schob er die Hand durch die Spiegeloberfläche, und sie kam mit einem Dolch in der Hand wieder zum Vorschein. »Wir testen die Reichweite dieses äußerst nützlichen Artefaktes hier.«
Ächzend stellte er den mannshohen Spiegel auf dem Treppenabsatz ab. »Und wenn es nur eine schnelle Rückzugsoption ist - das kann nur von Vorteil sein, wenn wir das Portal in den Zellenblock kontrollieren.« Ich tätschelte seinen fettigen Schädel - wobei ich mich weiter strecken musste als gewöhnlich. Wurde er nicht nur fetter, sondern auch größer?
Ungeachtet dessen machten wir uns auf in den ersten Stock. Ich erspare Euch lieber die Details der weiteren Grauen, die wir dort fanden - Oger sind tatsächlich derart widerlich, das es mir schwerfällt, auch nur annähernd den Ekel in Worte zu fassen, den die Taten dieser Bestien in uns hervor riefen. Belassen wir es dabei, dass wir den Anführer der Bestien schließlich in den Überresten des Tempels fanden, der einst einem Jagdgott geweiht war.
Ich bin kein furchtbar gläubiger Mensch, aber das, was die Haken mit diesem Raum getan hatten, war die unfassbarste und gotteslästlerlichste Entweihung, die ich je gesehen habe. Zusammengestopfte Kadaver, wie in einer Fleischerei an Ketten gehängt, blutige Haken, entweihte Altäre mit dem Zeichen der Mutter der Monster. Es war beinahe genug, um uns von dem gewaltigen Tyrannen in der Mitte des Tempels abzulenken.
Da uns klar war, dass wir uns dem Biest auf keinen Fall einen fairen Kampf liefern konnten, hatten wir einen Spießrutenlauf für das Vieh geplant. Heidrun, Mel und ich würden das Vieh ködern und es an den Treppenaufgang locken, an dem wir durch den Spiegel entkommen konnten. Unten an der Treppe wartete Eberhart mit den schwarzen Pfeilen, um ihn unter Feuer zu nehmen.
Akbash und Karl Doppelaxt würden ihm in den Rücken fallen, sobald Eberharts Donnerbüchse als Signal ertönte.
Klingt gut, oder? Was soll da schon groß schiefgehen?
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Als ich die Tür aufriss, ließen Heidrun und Mel brav Pfeile und bolze in den Tempel fliegen. Nur, dass so ziemlich gar keine Reaktion kam. Es schien fast so, als würde der Fleischberg da gar nicht bemerken, dass wir ihn spickten. Ohne zu zögern, jagten die beiden dem Monster weitere Geschosse in den Speck, aber das schien ihn nicht weiter zu stören. Mit der Ruhe eines Gletschers, der sich auf den Weg ins Tal machte, wandte das Ungetüm sich zu uns. Er musste sich trotz der doppelt mannshohen Decke ducken, und seine gewaltige Sense an einer Kette, die er in Händen hielt, baumelte unheilvoll hin und her. Er brüllte nicht, aber die tiefe seiner Stimme resonierte in meinem Bauch.
»Was wollt Ihr Mücken in der Halle der Mutter?« Weitere Pfeile trafen ihn in Wanst und Gesicht, und er strich sich einmal über die Augen. Die Schäfte der Pfeile zerbrachen wir Strohhalme. Dann schritt er auf uns zu, und jeden Schritt spürte ich in den Sohlen.
Heidrun rannte los, aber Mel jagte ihm eiskalt Bolzen um Bolzen in den Leib. Ich zerrte an ihm.
»Denk an den Plan!« Flüsterte ich, aber er war wie besessen, dem Monster wenigstens eine Reaktion abzuringen.
In diesem Moment brüllte das Monster auf, und aus dem Gletscher wurde eine Lawine. Mels Augen wurden riesig, als er die Fleischmassen des Ogers wie eine Kanonenkugel auf uns zurasen sah, und erst im letzten Moment konnte ich ihn aus dem Weg reißen.
Der Aufprall ließ unsere Zähne klappern, und die rohe animalische Präsenz des Ogers ließ mich zurückweichen. Ohne auch nur angeschlagen zu wirken, wirbelte das Monster seinen Haken herum, und nur ein panischer Sprung konnte mich noch gerade so davor retten, auf die Waffe aufgespießt zu werden. Mel duckte sich darunter hindurch, und wir begannen zu rennen.
»Lauft, meine kleinen Mücken, lauft! HA HA HA HA!« Ich hastete den Gang herunter und setzte am Treppenabsatz über das dort gespannte Seil, dann stolperte ich eilige die Treppe herunter.
»Nicht feuern!« Hörte ich Eberharts Stimme. »Wartet, bis er auf der Treppe ist!« Heidrun war schon oben durch den Spiegel gehechtet, und Mel war kurz hinter mir. Wir eilten durch die Schützenreihe vorbei.
Der Ogerhäuptling erschien am Treppenabsatz und schaute aus seinen Schweinsäuglein herunter zu uns. Würde er wie geplant über das Seil ins Straucheln geraten? Eberharts Hand fiel herunter, und im selben Moment, als Pfeile und Geschosse die Treppe erfüllten, sprang der Oger.
Es waren über zwanzig Stufen die Treppe herauf, das Stockwerk lag drei Mannshöhen über uns. Der Anblick war so unwirklich, dass einer der schwarzen Pfeile den entscheidenden Moment zögerte. Eberhart hätte nicht mal schnell genug reagieren können, wenn ich ihm vorher Bescheid gesagt hätte. Was ihn rettete, war seine Masse. Während der schwarze Pfeil mit einem feuchten Krachen regelrecht zerquetscht wurde, quoll Eberhart unter dem monströsen Oger hervor, gebeutelt, aber am Leben.
Ungläubig schnappte ich mir meinen Säbel und machte mich ans Werk. Ein Hagel von Schlägen sauste auf den Oger hernieder, die schwarzen Pfeile, Jamiro als erste, versuchten mit uns, den Panzer des Monsters zu durchdringen, aber obwohl er inzwischen aus einem Dutzend Wunden zu bluten schien, stand er ganz entspannt auf und schaute sich um.
»Wie seid Ihr nur in meine Feste gekommen?« Er schüttelte seine gewaltige Waffe aus und streckte sich. »Kaum hat man ein Ungeziefer beseitigt, kommt das nächste aus den Ecken gekrochen.« Er begann, seinen riesigen Haken kreisen zu lassen, während er sich langsam um die eigene Achse drehte. »Wer will als erster an den Haken, na?«
Mit einem Donnern löste sich ein Schuss aus Eberharts Pistole. Zumindest schien das die Aufmerksamkeit des Tyrannen zu erringen. »Ja, du bist ein feiner erster Happen!« Mit unerwarteter Geschwindigkeit ließ der Tyrann seine Sense herumschwingen. Der erste schwarze Pfeil, der im Weg stand, wurde von dem Haken glatt zerteilt, dann bohrte sich die Waffe tief in Eberharts aufgequollenen Wanst. Mit einem Grunzen hievte der Oger ihn hoch, während der Arme kreischte wie am Spieß. Sorry.
»Ah, da nehm ich doch gleich mal einen Happen!« Der Kiefer des Monsters klappte auf, aber bevor er ein Stück aus dem Händler herausbeißen konnte, zögerte er plötzlich und blickte verwirrt um sich. »Was ist das denn nun?«
Hinter mir hörte ich Joachim angestrengt keuchen. »Beeilt Euch, ich weiß nicht, wie lange ich das tun kann.« Seine rechte Hand funkelte, während er irgendwelche merkwürdigen Gesten damit vollführte.
Ein heftiger Aufschlag brachte den Oger ins Taumeln. Karl war mit Anlauf die Treppe herunter gerast und hatte beide Äxte tief in die Rückenplatte des Ogers getrieben. Gemeinsam mit Akbash zerrten sie an der Rüstung des Tyrannen, so das Akbash sein Rapier an den Platten vorbei in den ungeschützten Wanst treiben konnte. Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen bäumte das Monster sich auf und schüttelte die beiden ab wie lästige Fliegen. In der Bewegung klatschte Eberhart hart gegen die Wand und löste sich vom Haken. Er blieb regungslos liegen.
Ich hieb mit Gusto gegen die Unterschenkel der Bestie, aber selbst, wenn ich die Rüstung nicht traf, war es schwer, die zähe Haut zu durchdringen. Eine ungezielte Rückhand des Mistviehs traf mich im Magen und ich rutschte ein paar Schritte zurück. Heidrun half mir auf, aber bedeutete mir, hinten zu bleiben. Grimmig zog sie Ihr Schwert und schritt an meine Stelle in der Kampfreihe.
»Oh nein, bei Laros Zorn.« Der Schweiß rann in Bächen von Joachims Stirn, aber er zog ein paar silberne Nadeln aus einem Beutel und stach sie sich in die Hand. Ein kaum wahrnehmbarer schwarzer Strahl schoss aus der Wunde und traf den Oger im Genick. Er zuckte zusammen und ging auf ein Knie.
»Nein, nein, nein, so werde ich nicht fallen.« Er stützte sich mit einer Hand auf und schwang seine Sense mit der anderen. Heidrun wurde gestreift, Ihr Blut spritzte in weitem Bogen durch den Gang, aber Karl konnte den Haken mit gekreuzten Äxten ablenken, bevor er oder Akbash getroffen wurden. Der Glücksritter packte sein Rapier mit beiden Händen und trieb es tief in die Schulter des Monsters. Mit einem Klirren fiel der Haken des Tyrannen zu Boden. Er fiel auf beide Knie und stützte sich auf die baumstammdicken Arme.
»Jetzt bist du in der richtigen Höhe, Oger!« Heidrun spuckte Blut aus dem Mundwinkel, packte Ihr Schwert mit beiden Händen und ließ es mit einem gewaltigen Krachen auf den Schädel herabsausen.
»Ihr könnt mich nicht töten. Ihr seid zu klein.« Die Stimme des Ogers war jetzt schmerzerfüllt, und er schien erste Zweifel zu zeigen. Akbash kletterte auf den Rücken des Ogers und trieb sein Rapier wieder und wieder in seinen Wanst.
Joachim berührte Heidruns Schulter, und sie schien beinahe ein Stück zu wachsen. »Nochmal« presste er zwischen farblosen Lippen hervor. Heidrun nickte, holt aus und ließ das Schwert in weitem Bogen auf die schon eingekerbte Stirn des Ogers heruntersausen. Mit einem Krachen, als würde man einen Steinblock mit einer Spitzhacke bearbeiten, spaltete sie den Schädel des Monsters und trieb Ihr Schwert zwei handbreit in sein Gehirn. Mit einem letzten Zucken wurden die Augen des Tyrannen glasig und er brach zusammen.
Akbash ließ sich auf dem Rücken des Monsters nieder und ließ die Beine baumeln.
»Können wir das bitte nie, nie wieder machen?«
Der Fall des Tyrannen
Author: Nils /
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