Vom Schädeldamm nach Norden

Author: Nils /

Der Haken ragte vor Ihnen auf wie ein Mahnmal aus einer anderen Zeit. Die eisbedeckten Ebenen machten Platz für die schroffen, abweisenden Wände der Bergfeste. Vor dem höhlenartigen Eingang in das Innere klaffte eine Spalte durch das immerwährenden Eis, nur ein einziger Übergang führte direkt in den Eingang, der passenderweise „Der Schlund“ genannt wurde. Schwarzer Rauch quoll hinter den Wänden des Hakens empor, und leises, dumpfes Grollen lag in der Luft.
„Ein Vulkan?“ fragte Eberhart, dem trotz der eisigen Temperaturen der Schweiß in Bächen von der Stirn troff und in den Zeltbahnen verschwand, in die er sich gewickelt hatte, seit der Fluch auch seine letzten Kleidungsstücke bersten ließ.
„Soviel Glück haben wir wohl kaum“, gab Akbash zu bedenken. Eben kehrten Aurelia und Heidrun von Ihrer Erkundung zurück. Heidrun war verschlossen wie immer, und selbst Aurelia schien erschüttert. Sie fasste sich und erstattete Bericht. „Die guten Nachrichten zuerst – es gibt keine Wachen.“
„Keine einzige?“ Akbash blickte sie ungläubig an.
„Keine. Und damit kommen wir zu den schlechten Nachrichten. Es gibt keine Wachen, weil man völlig wahnsinnig sein muß, um dort hinein zu gehen. Hinter dem Schlund lauert die Hölle. Wir dachten, die Rannikfeste wäre furchtbar gewesen, aber das da…“ Sie strich sich mit einer zitternden Hand durch die Haare. „Ich weiß nicht, was wir dort sollen. Es sind alleine im Hof mindestens 50 Oger, und alleine der Fleischer…“
Heidrun ergriff zu aller Überraschung das Wort. „Da drinnen ist nur Tod und Wahnsinn. Was Ihr hört, ist kein Vulkan. Es sind die Lieder der Oger. Seid froh, dass Ihr die Worte nicht versteht. Hier gibt es nichts, was wir tun können.“
Eberhart ließ sich schnaufend am einem Felsen zusammen sacken. Joachim schüttelte den Kopf. „Wir können hier nicht aufgeben. Ihr ahnt nicht, was passieren wird, wenn die Dryade Ihren Liebhaber nicht findet. Das Leid, das eine wahnsinnige Fee über das Land bringen kann, ist mindestens ebenso schlimme wie alles, was die Oger tun können.“
Mel strich sich über den rasierten Schädel. „In der Rannikfeste haben wir auch nicht jeden einzelnen Oger erschlagen. Lasst uns hier genauso vorgehen. Wir gehen rein, erledigen den Häuptling und sehen, was passiert.“ Er zeigte mit einem Finger auf Eberhart „Zur Not setzen wir den Dicken als neuen König ein, den Unterschied sieht eh keiner mehr.“
Zögerliches Lachen ertönte, aber wiederum fragte sich Eberhart, wieviel von Mels Vorschlägen ein Witz war und wie viel Ernst. Er konnte es am Gesicht des Mannes einfach nicht ablesen.
„Verstörende Vorschläge mal zur Seite, Mel du Joachim haben Recht.“ Akbash deutete auf den Schlund. „Wir müssen es einfach versuchen. Wir haben sie aus der Rannikfeste vertrieben und den Schädeldamm zumindest vorerst gesichert. Wenn wir jetzt nicht den Kommandanten da raus holen, verlieren wir Schildkrötenfähre an die Oger, und den Rest des Landes an die wahnsinnige Fee.“
Eberhart räusperte sich. „Und das können wir nicht passieren lassen. Denkt dran. Wir sind die Gesellschaft für Abenteuer und Erforschung Maracasars – wir haben in die Rannikfeste und die Absicherung Havens investiert. Wie soll das aussehen, wenn unsere erste offizielle Mission an ein paar Ogern scheitert?“
Heidrun schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf, Aurelia zuckte nur mit den Schultern. „Ach wisst Ihr, lasst uns doch einfach alle zusammen in den Kessel schauen. Mal sehen, wie motiviert ihr dann och alle seid.“


„Wir werden alle sterben.“ Akbash stellte diese Tatsache mit leicht bebender Stimme fest. Eberhart war wimmernd zusammengebrochen, während Joachim sich die Seele aus dem Leib kotzte. Nur Mel machte nüchtern Notizen.
De Kessel lag in ewigem Zwielicht, denn obwohl das Tal über zweihundert Schritte durchmaß, brannten dermaßen viele Feuer auf seinem Boden, das eine geschlossene Rauchdecke das Sonnenlicht aussperrte. Das rote Glosen der Feuerstellen verwandelte das Plateau in einen flackernden Albtraum. Die Gestalten der Oger wateten durch eine Masse aus Blut und Fleischresten, die überall auf dem Boden verteilt waren. Unzählige Lebewesen mussten hier geschlachtet worden sein, damit man nur noch vereinzelt den steinernen Boden aus den Schlachterüberresten hervorragen sah. In ein halbes Dutzend Käfige waren Menschen, Elfen und Zwerge gesperrt und warteten auf Ihr grausames Schicksal. Und derer lauerten vielfältige. Zwei der Monster standen sich gegenüber und schlugen abwechselnd mit den Körpern Ihrer Opfer aufeinander ein. Meist überlebten die geschwächten Männer höchstens ein oder zwei Hiebe, die Ihre Körper auf den metallbedeckten Wänsten ihrer Peiniger zerschmetterten. Aber einer der Unglücklichen schien tatsächlich so lange zu leben, bis das Bein, an dem der Oger ihn schwang, von seinem Körper abgerissen wurde.
An einer anderen Stelle warfen die Oger sich die Gefangenen gegenseitig über eine Feuerstelle zu. Offensichtlich hatten sie sie vorher noch in Öl getaucht, denn beim Dritten Wurf fing das Opfer Feuer. Er schrie noch drei weitere Würfe, bis ihn einer der Oger mit einem seiner Fleischerhaken auffing, anstatt ihn anzufassen.
Aber das Zentrum des Schreckens befand sich in der Mitte des Tals, in einem Kessel, der gut und gerne ein Mammut hätte aufnehmen können. Denn über diesem Kessel herrschte der Fleischer. Ein massiver Oger, nur bekleidet mit einer blutstarrenden, ledernen Schürze, die linke ersetzt durch einen massiven Haken, tranchierte hier eine nicht enden wollende Reihe von Opfern so geschickt, das sie noch zu großen Teilen lebendig waren, als Ihre Eingeweide schon in den Topf liefen und sich dort zu einem unfassbaren Gemisch an Fleisch, Blut, und Eingeweiden vermengten. Sogar einige der Opfer in dem Topf schienen noch zu leben, und Ihre Schreie würden Eberhart in seinen Träumen verfolgen.
Aber das, was sich für immer in sein Gehirn einbrannte, war der Geruch. Jedes Schlachthaus, jedes Schlachtfeld, jede Kloake seines Lebens hatten sich hier versammelt und rammten sich gemeinsam in sein Bewusstsein. Der Geruch griff in ihn hinein und verdrehte seine Eingeweide. Und tief, tief, in seinem Innern erwachte der Hunger…

„Was auch immer da passiert, wir müssen es ignorieren. Wir können die Oger nicht offen bekämpfen, und jeder Befreiungsversuch würde nur die Aufmerksamkeit der Wachen auf uns lenken.“ Mel zeigte nüchtern auf seine improvisierte Karte des Tals. Akbash und Eberhart hatten sich einigermaßen gefangen, Aurelia und Heidrun starrten grimmig auf den Plan.
„Wenn wir uns links an der Wand halten, sollten wir größtenteils außer Sicht sein. Und dort am Eingang müssen wir uns dann eine Ablenkung einfallen lassen.“
Akbash schnaufte verächtlich. „Das zumindest sollte nicht zu schwer sein. Bis jetzt haben sich die Monster als nicht allzu helle erwiesen.“
„Wir sollten sie nicht unterschätzen“, gab Eberhart zu bedenken. „Bis jetzt hatten wir Glück, aber wir nähern uns jetzt dem Herzen Ihres Reiches. Die Chancen stehen gut, dass wir hier intelligentere Oger finden, wenn sie auch die Ausnahme sind.“ Er strich sich zitternd durch das Gesicht.
„Mir gefällt immer noch nicht, das wir die Gefangenen einfach ignorieren sollen.“ Akbash Hand krampfte sich immer wieder um den Griff seines Rapiers. „Wir können die armen Schweine doch nicht da lassen.“
Eberhart schaute zu Boden, aber Mel sah ihn ruhig an. „Wir können sie auch zur Ablenkung freilassen – dann sterben sie vielleicht schneller.“
„Das habe ich nicht gemeint, das weißt du. Aber ich kann es einfach nicht ertragen, sie dort eingepfercht zu sehen. Schon gar nicht, nachdem wir wissen, was auf sie wartet.“
Aurelia trat an seine Seite. „Ich sehe das genauso, aber ich sehe nicht, wie wir sie befreien können, ohne einen Alarm auszulösen. Wenn wir Ihren Häuptling und die Hexen ausschalten, haben wir vielleicht eine Chance, aber so?“ Sie zeigte in den Kessel, wo mindestens zwanzig Oger im Zwielich zu sehen waren.
Heidruns leise Stimme erklang wieder. „Wir sollten verschwinden. Das ganze ist Wahnsinn. Glaubt Ihr wirklich, das wir diesen Tyrannen UND seine Hexen besiegen können? Das Biest in der Rannikfeste hätte uns beinahe erledigt, und den konnten wir in einen Hinterhalt locken. Wer weiß, was für eine Bestie die hier alle anführt? Und wir sind allein, keine schwarzen Pfeile, nichts. Lasst uns verschwinden. Sollen die tollen Anführer von Haven doch damit klarkommen.“
Joachim schlug seinen Stab auf den Boden, und ein leises Summen erfüllte die Luft. „Nein. Das endet hier. Wir haben Verantwortung übernommen. Für Schildkrötenfähre. Für die Rannikfeste. Für die Sklavenstämme, die wir in die Feste geschickt haben. Und vor allem für Maracasar. Wir haben die Gesellschaft gegründet, weil wir nicht mehr kleine Laufburschen sein wollen. Wir wollen dafür sorgen, das es dieser Insel hier besser geht. Und wer immer der Meister von Lucrezia und Xanesha war, er hat auch die Oger aufgehetzt. Das können wir nicht akzeptieren. Wer immer es wagt, uns herauszufordern, wird unseren Zorn spüren. Und der Sturm wird ihn hinwegfegen!“ In Joachims Augen blitzte es kurz auf, und grauschwarze Wolken schienen durch seine Pupillen zu ziehen. Ein Wind kam auf und verscheuchte für einen Moment den Gestank der Ogerfeste, stattdessen lag ein Geschmack von Salz und See in der Luft.
Alle starrten ihn an – es war zu leicht, zu vergessen, dass ein Sturmgeborener unter ihnen war. Niemand hatte etwas dagegen zu sagen, und so machten sie sich auf in den Kessel der Hakenfeste.

Eberhart war alles andere als leichtfüßig, aber das war hier auch nicht von Nöten. Der Lärm im Kessel war so allumfassend, das es ihm schwer fiel, sich mit seinen Freunden zu verständigen. Sie hielten sich am Rande des Kessels, möglichst weit von den grausamsten Attraktionen des Ogerlebens. Eberhart versuchte, nur auf seine Füsse zu schauen, aber vor den Schreien der Opfer, dem Lachen der Oger und vor allem dem alles durchdringenden Gestank konnte er sich nicht verschließen. Er stolperte vorwärts, den Blick auf den Boden gerichtet. Hier am Rande entdeckte er so nur selten die Überreste von Opfern, aber Blutspritzer und vereinzelte Fleischbrocken waren selbst hier verstreut. Unvermittelt rempelte er in Akbash hinein, der angehalten hatte. Er blickte auf und sah, das Akbash zähneknirschend in den Kessel starrte. Er folgte dem Blick de Glücksritters. Nur wenige Schritte von Ihnen entfernt war einer der Käfige. Die Gefangenen darin hatten jede Hoffnung fahren lassen und saßen zusammengesackt auf dem Boden. Die Schrecken um sie herum nahmen sie nicht mehr war. Akbash verbliebenes Auge bohrte sich in Eberhart.
„Ich kann nicht einfach vorbei gehen.“
„Was willst du tun?“
„Sie sollen zumindest die Wahl haben“. Mit diesen Worten eilte er zum Käfig herüber.
Eberhart fluchte leise und bedeutete den anderen, weiter zu gehen. Dann hastete er dem Glücksritter nach. Akbash hatte den Käfig erreicht und inspizierte das Schloss. Es war eine grobe Kette, die mit purer Gewalt in den Boden gerammt worden war. Er hockte sich vor den Käfig und versuchte, die Aufmerksamkeit der Insassen zu erregen.
Eberhart schaute ihm einen Moment zu, dann fasste er ihn an der Schulter.
„Wir müssen weiter, Akbash. Wenn sie eine Chance haben sollen, müssen wir den Tyrannen stürzen.“ Der Glücksritter liess den Kopf hängen. Eine der Gefangenen schaute ihn mit hohlen Augen an. Es war eine Frau, ihrer Kleidung nach eventuell eine Bäurin. Sie kroch an den Rand des Gitters.
„Flieht“, flüsterte sie aus aufgeplatzten Lippen. „Flieht, solange ihr noch könnt. Wir sind schon tot.“ Akbash ergriff ihre Hand, aber die Frau hatte keine Kraft. Wortlos legte er Ihre Finger um den Griff eines Dolches.
„Damit ihr selbst wählen könnt, wie es endet.“
Die Frau nickte kurz und schob die Waffe unter ihr Wams.
„Ich danke euch. Aber nun geht. Entflieht dieser Hölle. Hier gibt es nichts für euch.“ Ein Träne lief über die Wange des Glücksritters, aber er richtete sich auf. Wortlos schritten sie gemeinsam zurück zu den anderen.

Nur zwei Wachen standen noch zwischen Ihnen und dem Eingang zur Hakenfeste. Sie wirkten nicht furchtbar aufmerksam, aber solange sie dort standen, gab es schlicht keinen Weg hinein. Akbash streckte sich ein wenig, dann ließ er seine inzwischen wohlerprobte Ogerstimme ertönen.
„He, du häßlicher, dürrer Vogel. Du hast beim letzten Mal wieder nicht aufgegessen. Kein Hunger mehr?“
Die beiden Oger starrten dumpf durch die Gegend. Als sie voneinander weg sahen, warf Akbash einem von ihnen einen Dolch in den Wanst.
„Da guckt ja schon der Knochen raus, so dürr bist du!“
Eberhart dankte der Mutter der Monster das Gehirn bei der Erschaffung der Oger keinerlei Rolle gespielt hat. Mit einem lauten Brüllen gingen die beiden aufeinander los, und hastig eilte die Gruppe in den Schatten des Haken, bevor sich ein Gewinner herausschälen konnte.

Das Innere des Hakens wurde von flackernden Fackeln und schwelenden Kohlebecken erhellt. Der breite Gang öffnete sich schon bald in eine massive Höhle, deren Decke in der Dunkelheit verschwand. Direkt vor ihnen ragte eine gewaltige, vage humanoide Gestalt auf. Baumstammdicke Beine von dreifacher Mannshöhe trugen einen brachialen Torso mit affenartig verlängerten Armen. Der Schädel war nur zu erahnen. Die Gestalt glitzerte im Schein der Fackeln, und ein großes, goldenes Sihedron war auf der Brust zu sehen.
„Bei den Göttern, was ist das?“ Aurelia starrte den Giganten an.
„Ein Riese?“ riet Eberhart.
„Es gibt keine Riesen“, antwortete Akbash entschlossen.Nachdem sich die Gestalt noch immer nicht rührte, schritten sie vorsichtig in den Raum. Ihre Augen waren inzwischen an das Zwielicht gewöhnt, so dass sie jenseits der Figur noch weitere Gänge erahnen konnten. Aurelia war inzwischen näher an die Gestalt herangetreten und spähte seine Beine entlang nach oben.
„Eis“, verkündete sie, und stocherte mit ihrem Säbel in der dicken Eisschicht herum, die die Gestalt bedeckte.
„Gold“, erwiderte Eberhart und zeigte auf das Wagenradgroße Sihedron, das auf der Brust der Figur ruhte. Abschätzend blickten sie das Symbol an, und sowohl Akbash als auch Aurelia griffen nach den Amuletten, die sie den Nagahexen abgenommen hatten.
Heidrun trat zwischen sie und die Figur. „Wir werden jetzt nicht auf einem eisbedeckten Riesen herumklettern, nur damit du ein goldenes Medaillon klauen kannst, das wir eh nicht tragen können!“
„Aber vielleicht ist das der Schlüssel …“
„Mumpitz.“
Aber warum sollte jemand eine riesige Statue machen und dann nur…“
„Mir egal, aber hier klettert keiner auf irgendwelche Eisstatuen. Du schon gar nicht, Akbash!“ Sie drohte mit dem Finger dem Glücksritter, der schon probeweise an der Eisschicht gekratzt hatte. „Denk dran, was auf dem Weg hierher passiert ist.“
Akbash hob abwehrend die Hände „Das hätte jedem passieren können, die Schneewehe sah verdammt stabil aus….“
„Ende der Diskussion. Wir müssen weiter, wenn wir die Überraschung nutzen wollen.“ Und damit schritt sie an der Statue vorbei in die Dunkelheit, die Augen zu Boden gerichtet, anscheinend auf irgendeiner Spur.
Aurelia packte Akbash und Eberhart an den Schultern und zog sie mit. „Ihr habt Mama gehört – wenn sie schonmal was sagt, kann man sie davon nicht abbringen. Also weiter mit Euch.“
Mit missmutigen Blicken stapften sie weiter in die Höhlen herab.
Schon nach wenigen Minuten ertönte aus der Tiefe ein Klatschen zu ihnen, gefolgt von Gelächter. Dann ein weiteres. Und noch eins.
Sie verharrten am Eingang zu einer weiteren Höhle und beobachteten ein weiteres Schauspiel der unfassbaren Ogerkultur. „Wie um Churuns Willen überleben diese Biester?“ Aurelia starrte ungläubig in die knapp zwanzig Meter durchmessende Höhle. Auf einem Stein saß eine merkwürdig dünne Gestalt, die dennoch die Oger, die sie bisher gesehen hatten, um mindestens eine Kopf überragte. Ein zotteliger Haarschopf fiel ihm bis auf den Rücken, und auch seine Züge wirkten feiner als die der specktriefenden Oger, wenn auch in dem einem verbleibenden Auge dieselbe stumpfe Dummheit lag, die sie auch bei den Menschenfressern fürchten gelernt hatten. Das Wesen beobachtete zwei weitere Oger, die sich abwechselnd so hart wie möglich ins Gesicht schlugen.
„Du schlägst wie eine Elfe! Der Wind wird mich eher umpusten als deine Klatschen!“
Patsch.
„Du bist schwach. Ich wird dir jetzt die Zähne raushauen und dich damit murmeln lassen!“
Patsch.
Und immer so weiter.
Eberhart strich sich über den grummelnden Wanst. „So erheiternd das hier ist, wir können nicht auf den Ausgang des Spiels warten, fürchte ich.“
„Nein?“ Akbash steckte ein paar Münzen wieder ein. „Dabei war ich mir sicher, der mit den Schweinsaugen würde gewinnen. Der hat so einen hinterhältigen Blick.“
„Wir wetten ein andermal. Kannst Du den Trick mit den Stimmen nochmal machen?“
„Schwierig. Sie sind zu dritt, außerdem hauen und beleidigen sie sich schon. Wüßte nicht, wie ich das noch toppen kann. Und was immer da für einer auf dem Stein sitzt, wer weiß, ob der ebenso blöd ist wie die anderen?“
Mel hob seine Armbrust und peilte kurz über den gespannten Bogen. „Ich könnte den großen blenden.“
Heidrun blickte ungläubig zu ihm herüber, und auch Eberhart war nicht überzeugt. „Auf die Entfernung? Ganz schöner Kunstschuss.“
„Ach, so klein ist das Auge gar nicht, und der sitzt wenigstens mal ruhig. Vertraut mir, dem verpass ich einen Bolzen in die Linse, dann haben wir schon ein Problem weniger.“
Nachdem niemand mit einem besseren Plan aufwarten konnte, verschanzten sie sich weitestgehend an den Gangwänden, die Waffen gezogen, Entschlossenheit in den Augen.
Mel legte an. Er atmete dreimal tief ein und aus. Beim zweiten Ausatmen fand sein Finger den Abzug. Beim dritten Ausatmen, gerade, als alle Luft aus seiner Lunge entwichen war, in dem winzigen Moment der Entspannung zwischen den Atemzügen, zog er durch und schickte den Bolzen auf die Reise.
Das Monster schrie auf, als sich das fingerlange Geschoss tief in sein Auge bohrte. Es konnte nicht begreifen, was geschah, und schlug beide Hände vor das Gesicht, als wollte er packen, was immer ihn da erwischt hatte. Aber seine dicken Finger waren viel zu grobschlächtig, um den für ihn winzigen Splitter zu erreichen. Er heulte, klagte und taumelte durch die Gegend.
Einen Moment starrten die beiden Oger ihn an. Dann breitete sich ein dümmliches Grinsen auf den breiten Mäulern aus, und sie begannen beide, sich die Hände ins Gesicht zu schlagen und noch lauter zu heulen als der Riese.
„Fresse klatschen, Backen patschen, hououou!“ leierte einer.
„Ich sehn ich was ich fresse, ich hau mir in die Fresse!“ skandierte der andere.
Mel ließ seine Armbrust sinken. „Damit habe ich jetzt nicht gerechnet.“, murmelte er.

Aurelia packte ihn an der freien Hand und zerrte ihn in den Raum. Sie winkte den anderen, ihnen zu folgen, solange die Oger noch mit ihrem neuen Spiel beschäftigt waren. Zügig, aber vorsichtig, eilten sie durch den Raum, immer ein Auge auf die taumelnden und brüllenden Oger, die unvorhersehbar durch den Raum torkelten und sich gegenseitig anrempelten. Aurelia steuerte schnurstracks den nächsten Ausgang der Höhle an.