Der Haken ragte vor Ihnen auf wie ein
Mahnmal aus einer anderen Zeit. Die eisbedeckten Ebenen machten Platz
für die schroffen, abweisenden Wände der Bergfeste. Vor dem
höhlenartigen Eingang in das Innere klaffte eine Spalte durch das
immerwährenden Eis, nur ein einziger Übergang führte direkt in den
Eingang, der passenderweise „Der Schlund“ genannt wurde.
Schwarzer Rauch quoll hinter den Wänden des Hakens empor, und
leises, dumpfes Grollen lag in der Luft.
„Ein Vulkan?“ fragte Eberhart, dem
trotz der eisigen Temperaturen der Schweiß in Bächen von der Stirn
troff und in den Zeltbahnen verschwand, in die er sich gewickelt
hatte, seit der Fluch auch seine letzten Kleidungsstücke bersten
ließ.
„Soviel Glück haben wir wohl kaum“,
gab Akbash zu bedenken. Eben kehrten Aurelia und Heidrun von Ihrer
Erkundung zurück. Heidrun war verschlossen wie immer, und selbst
Aurelia schien erschüttert. Sie fasste sich und erstattete Bericht.
„Die guten Nachrichten zuerst – es gibt keine Wachen.“
„Keine einzige?“ Akbash blickte sie
ungläubig an.
„Keine. Und damit kommen wir zu den
schlechten Nachrichten. Es gibt keine Wachen, weil man völlig
wahnsinnig sein muß, um dort hinein zu gehen. Hinter dem Schlund
lauert die Hölle. Wir dachten, die Rannikfeste wäre furchtbar
gewesen, aber das da…“ Sie strich sich mit einer zitternden Hand
durch die Haare. „Ich weiß nicht, was wir dort sollen. Es sind
alleine im Hof mindestens 50 Oger, und alleine der Fleischer…“
Heidrun ergriff zu aller Überraschung
das Wort. „Da drinnen ist nur Tod und Wahnsinn. Was Ihr hört, ist
kein Vulkan. Es sind die Lieder der Oger. Seid froh, dass Ihr die
Worte nicht versteht. Hier gibt es nichts, was wir tun können.“
Eberhart ließ sich schnaufend am einem
Felsen zusammen sacken. Joachim schüttelte den Kopf. „Wir können
hier nicht aufgeben. Ihr ahnt nicht, was passieren wird, wenn die
Dryade Ihren Liebhaber nicht findet. Das Leid, das eine wahnsinnige
Fee über das Land bringen kann, ist mindestens ebenso schlimme wie
alles, was die Oger tun können.“
Mel strich sich über den rasierten
Schädel. „In der Rannikfeste haben wir auch nicht jeden einzelnen
Oger erschlagen. Lasst uns hier genauso vorgehen. Wir gehen rein,
erledigen den Häuptling und sehen, was passiert.“ Er zeigte mit
einem Finger auf Eberhart „Zur Not setzen wir den Dicken als neuen
König ein, den Unterschied sieht eh keiner mehr.“
Zögerliches Lachen ertönte, aber
wiederum fragte sich Eberhart, wieviel von Mels Vorschlägen ein Witz
war und wie viel Ernst. Er konnte es am Gesicht des Mannes einfach
nicht ablesen.
„Verstörende Vorschläge mal zur
Seite, Mel du Joachim haben Recht.“ Akbash deutete auf den Schlund.
„Wir müssen es einfach versuchen. Wir haben sie aus der
Rannikfeste vertrieben und den Schädeldamm zumindest vorerst
gesichert. Wenn wir jetzt nicht den Kommandanten da raus holen,
verlieren wir Schildkrötenfähre an die Oger, und den Rest des
Landes an die wahnsinnige Fee.“
Eberhart räusperte sich. „Und das
können wir nicht passieren lassen. Denkt dran. Wir sind die
Gesellschaft für Abenteuer und Erforschung Maracasars – wir haben
in die Rannikfeste und die Absicherung Havens investiert. Wie soll
das aussehen, wenn unsere erste offizielle Mission an ein paar Ogern
scheitert?“
Heidrun schüttelte mit
zusammengepressten Lippen den Kopf, Aurelia zuckte nur mit den
Schultern. „Ach wisst Ihr, lasst uns doch einfach alle zusammen in
den Kessel schauen. Mal sehen, wie motiviert ihr dann och alle seid.“
„Wir werden alle sterben.“ Akbash
stellte diese Tatsache mit leicht bebender Stimme fest. Eberhart war
wimmernd zusammengebrochen, während Joachim sich die Seele aus dem
Leib kotzte. Nur Mel machte nüchtern Notizen.
De Kessel lag in ewigem Zwielicht, denn
obwohl das Tal über zweihundert Schritte durchmaß, brannten
dermaßen viele Feuer auf seinem Boden, das eine geschlossene
Rauchdecke das Sonnenlicht aussperrte. Das rote Glosen der
Feuerstellen verwandelte das Plateau in einen flackernden Albtraum.
Die Gestalten der Oger wateten durch eine Masse aus Blut und
Fleischresten, die überall auf dem Boden verteilt waren. Unzählige
Lebewesen mussten hier geschlachtet worden sein, damit man nur noch
vereinzelt den steinernen Boden aus den Schlachterüberresten
hervorragen sah. In ein halbes Dutzend Käfige waren Menschen, Elfen
und Zwerge gesperrt und warteten auf Ihr grausames Schicksal. Und
derer lauerten vielfältige. Zwei der Monster standen sich gegenüber
und schlugen abwechselnd mit den Körpern Ihrer Opfer aufeinander
ein. Meist überlebten die geschwächten Männer höchstens ein oder
zwei Hiebe, die Ihre Körper auf den metallbedeckten Wänsten ihrer
Peiniger zerschmetterten. Aber einer der Unglücklichen schien
tatsächlich so lange zu leben, bis das Bein, an dem der Oger ihn
schwang, von seinem Körper abgerissen wurde.
An einer anderen Stelle warfen die Oger
sich die Gefangenen gegenseitig über eine Feuerstelle zu.
Offensichtlich hatten sie sie vorher noch in Öl getaucht, denn beim
Dritten Wurf fing das Opfer Feuer. Er schrie noch drei weitere Würfe,
bis ihn einer der Oger mit einem seiner Fleischerhaken auffing,
anstatt ihn anzufassen.
Aber das Zentrum des Schreckens befand
sich in der Mitte des Tals, in einem Kessel, der gut und gerne ein
Mammut hätte aufnehmen können. Denn über diesem Kessel herrschte
der Fleischer. Ein massiver Oger, nur bekleidet mit einer
blutstarrenden, ledernen Schürze, die linke ersetzt durch einen
massiven Haken, tranchierte hier eine nicht enden wollende Reihe von
Opfern so geschickt, das sie noch zu großen Teilen lebendig waren,
als Ihre Eingeweide schon in den Topf liefen und sich dort zu einem
unfassbaren Gemisch an Fleisch, Blut, und Eingeweiden vermengten.
Sogar einige der Opfer in dem Topf schienen noch zu leben, und Ihre
Schreie würden Eberhart in seinen Träumen verfolgen.
Aber das, was sich für immer in sein
Gehirn einbrannte, war der Geruch. Jedes Schlachthaus, jedes
Schlachtfeld, jede Kloake seines Lebens hatten sich hier versammelt
und rammten sich gemeinsam in sein Bewusstsein. Der Geruch griff in
ihn hinein und verdrehte seine Eingeweide. Und tief, tief, in seinem
Innern erwachte der Hunger…
„Was auch immer da passiert, wir
müssen es ignorieren. Wir können die Oger nicht offen bekämpfen,
und jeder Befreiungsversuch würde nur die Aufmerksamkeit der Wachen
auf uns lenken.“ Mel zeigte nüchtern auf seine improvisierte Karte
des Tals. Akbash und Eberhart hatten sich einigermaßen gefangen,
Aurelia und Heidrun starrten grimmig auf den Plan.
„Wenn wir uns links an der Wand
halten, sollten wir größtenteils außer Sicht sein. Und dort am
Eingang müssen wir uns dann eine Ablenkung einfallen lassen.“
Akbash schnaufte verächtlich. „Das
zumindest sollte nicht zu schwer sein. Bis jetzt haben sich die
Monster als nicht allzu helle erwiesen.“
„Wir sollten sie nicht
unterschätzen“, gab Eberhart zu bedenken. „Bis jetzt hatten wir
Glück, aber wir nähern uns jetzt dem Herzen Ihres Reiches. Die
Chancen stehen gut, dass wir hier intelligentere Oger finden, wenn
sie auch die Ausnahme sind.“ Er strich sich zitternd durch das
Gesicht.
„Mir gefällt immer noch nicht, das
wir die Gefangenen einfach ignorieren sollen.“ Akbash Hand krampfte
sich immer wieder um den Griff seines Rapiers. „Wir können die
armen Schweine doch nicht da lassen.“
Eberhart schaute zu Boden, aber Mel sah
ihn ruhig an. „Wir können sie auch zur Ablenkung freilassen –
dann sterben sie vielleicht schneller.“
„Das habe ich nicht gemeint, das
weißt du. Aber ich kann es einfach nicht ertragen, sie dort
eingepfercht zu sehen. Schon gar nicht, nachdem wir wissen, was auf
sie wartet.“
Aurelia trat an seine Seite. „Ich
sehe das genauso, aber ich sehe nicht, wie wir sie befreien können,
ohne einen Alarm auszulösen. Wenn wir Ihren Häuptling und die Hexen
ausschalten, haben wir vielleicht eine Chance, aber so?“ Sie zeigte
in den Kessel, wo mindestens zwanzig Oger im Zwielich zu sehen waren.
Heidruns leise Stimme erklang wieder.
„Wir sollten verschwinden. Das ganze ist Wahnsinn. Glaubt Ihr
wirklich, das wir diesen Tyrannen UND seine Hexen besiegen können?
Das Biest in der Rannikfeste hätte uns beinahe erledigt, und den
konnten wir in einen Hinterhalt locken. Wer weiß, was für eine
Bestie die hier alle anführt? Und wir sind allein, keine schwarzen
Pfeile, nichts. Lasst uns verschwinden. Sollen die tollen Anführer
von Haven doch damit klarkommen.“
Joachim schlug seinen Stab auf den
Boden, und ein leises Summen erfüllte die Luft. „Nein. Das endet
hier. Wir haben Verantwortung übernommen. Für Schildkrötenfähre.
Für die Rannikfeste. Für die Sklavenstämme, die wir in die Feste
geschickt haben. Und vor allem für Maracasar. Wir haben die
Gesellschaft gegründet, weil wir nicht mehr kleine Laufburschen sein
wollen. Wir wollen dafür sorgen, das es dieser Insel hier besser
geht. Und wer immer der Meister von Lucrezia und Xanesha war, er hat
auch die Oger aufgehetzt. Das können wir nicht akzeptieren. Wer
immer es wagt, uns herauszufordern, wird unseren Zorn spüren. Und
der Sturm wird ihn hinwegfegen!“ In Joachims Augen blitzte es kurz
auf, und grauschwarze Wolken schienen durch seine Pupillen zu ziehen.
Ein Wind kam auf und verscheuchte für einen Moment den Gestank der
Ogerfeste, stattdessen lag ein Geschmack von Salz und See in der
Luft.
Alle starrten ihn an – es war zu
leicht, zu vergessen, dass ein Sturmgeborener unter ihnen war.
Niemand hatte etwas dagegen zu sagen, und so machten sie sich auf in
den Kessel der Hakenfeste.
Eberhart war alles andere als
leichtfüßig, aber das war hier auch nicht von Nöten. Der Lärm im
Kessel war so allumfassend, das es ihm schwer fiel, sich mit seinen
Freunden zu verständigen. Sie hielten sich am Rande des Kessels,
möglichst weit von den grausamsten Attraktionen des Ogerlebens.
Eberhart versuchte, nur auf seine Füsse zu schauen, aber vor den
Schreien der Opfer, dem Lachen der Oger und vor allem dem alles
durchdringenden Gestank konnte er sich nicht verschließen. Er
stolperte vorwärts, den Blick auf den Boden gerichtet. Hier am Rande
entdeckte er so nur selten die Überreste von Opfern, aber
Blutspritzer und vereinzelte Fleischbrocken waren selbst hier
verstreut. Unvermittelt rempelte er in Akbash hinein, der angehalten
hatte. Er blickte auf und sah, das Akbash zähneknirschend in den
Kessel starrte. Er folgte dem Blick de Glücksritters. Nur wenige
Schritte von Ihnen entfernt war einer der Käfige. Die Gefangenen
darin hatten jede Hoffnung fahren lassen und saßen zusammengesackt
auf dem Boden. Die Schrecken um sie herum nahmen sie nicht mehr war.
Akbash verbliebenes Auge bohrte sich in Eberhart.
„Ich kann nicht einfach vorbei
gehen.“
„Was willst du tun?“
„Sie sollen zumindest die Wahl
haben“. Mit diesen Worten eilte er zum Käfig herüber.
Eberhart fluchte leise und bedeutete
den anderen, weiter zu gehen. Dann hastete er dem Glücksritter nach.
Akbash hatte den Käfig erreicht und inspizierte das Schloss. Es war
eine grobe Kette, die mit purer Gewalt in den Boden gerammt worden
war. Er hockte sich vor den Käfig und versuchte, die Aufmerksamkeit
der Insassen zu erregen.
Eberhart schaute ihm einen Moment zu,
dann fasste er ihn an der Schulter.
„Wir müssen weiter, Akbash. Wenn sie
eine Chance haben sollen, müssen wir den Tyrannen stürzen.“ Der
Glücksritter liess den Kopf hängen. Eine der Gefangenen schaute ihn
mit hohlen Augen an. Es war eine Frau, ihrer Kleidung nach eventuell
eine Bäurin. Sie kroch an den Rand des Gitters.
„Flieht“, flüsterte sie aus
aufgeplatzten Lippen. „Flieht, solange ihr noch könnt. Wir sind
schon tot.“ Akbash ergriff ihre Hand, aber die Frau hatte keine
Kraft. Wortlos legte er Ihre Finger um den Griff eines Dolches.
„Damit ihr selbst wählen könnt, wie
es endet.“
Die Frau nickte kurz und schob die
Waffe unter ihr Wams.
„Ich danke euch. Aber nun geht.
Entflieht dieser Hölle. Hier gibt es nichts für euch.“ Ein Träne
lief über die Wange des Glücksritters, aber er richtete sich auf.
Wortlos schritten sie gemeinsam zurück zu den anderen.
Nur zwei Wachen standen noch zwischen
Ihnen und dem Eingang zur Hakenfeste. Sie wirkten nicht furchtbar
aufmerksam, aber solange sie dort standen, gab es schlicht keinen Weg
hinein. Akbash streckte sich ein wenig, dann ließ er seine
inzwischen wohlerprobte Ogerstimme ertönen.
„He, du häßlicher, dürrer Vogel.
Du hast beim letzten Mal wieder nicht aufgegessen. Kein Hunger mehr?“
Die beiden Oger starrten dumpf durch
die Gegend. Als sie voneinander weg sahen, warf Akbash einem von
ihnen einen Dolch in den Wanst.
„Da guckt ja schon der Knochen raus,
so dürr bist du!“
Eberhart dankte der Mutter der Monster
das Gehirn bei der Erschaffung der Oger keinerlei Rolle gespielt hat.
Mit einem lauten Brüllen gingen die beiden aufeinander los, und
hastig eilte die Gruppe in den Schatten des Haken, bevor sich ein
Gewinner herausschälen konnte.
Das Innere des Hakens wurde von
flackernden Fackeln und schwelenden Kohlebecken erhellt. Der breite
Gang öffnete sich schon bald in eine massive Höhle, deren Decke in
der Dunkelheit verschwand. Direkt vor ihnen ragte eine gewaltige,
vage humanoide Gestalt auf. Baumstammdicke Beine von dreifacher
Mannshöhe trugen einen brachialen Torso mit affenartig verlängerten
Armen. Der Schädel war nur zu erahnen. Die Gestalt glitzerte im
Schein der Fackeln, und ein großes, goldenes Sihedron war auf der
Brust zu sehen.
„Bei den Göttern, was ist das?“
Aurelia starrte den Giganten an.
„Ein Riese?“ riet Eberhart.
„Es gibt keine Riesen“, antwortete
Akbash entschlossen.Nachdem sich die Gestalt noch immer nicht rührte,
schritten sie vorsichtig in den Raum. Ihre Augen waren inzwischen an
das Zwielicht gewöhnt, so dass sie jenseits der Figur noch weitere
Gänge erahnen konnten. Aurelia war inzwischen näher an die Gestalt
herangetreten und spähte seine Beine entlang nach oben.
„Eis“, verkündete sie, und
stocherte mit ihrem Säbel in der dicken Eisschicht herum, die die
Gestalt bedeckte.
„Gold“, erwiderte Eberhart und
zeigte auf das Wagenradgroße Sihedron, das auf der Brust der Figur
ruhte. Abschätzend blickten sie das Symbol an, und sowohl Akbash als
auch Aurelia griffen nach den Amuletten, die sie den Nagahexen
abgenommen hatten.
Heidrun trat zwischen sie und die
Figur. „Wir werden jetzt nicht auf einem eisbedeckten Riesen
herumklettern, nur damit du ein goldenes Medaillon klauen kannst, das
wir eh nicht tragen können!“
„Aber vielleicht ist das der
Schlüssel …“
„Mumpitz.“
Aber warum sollte jemand eine riesige
Statue machen und dann nur…“
„Mir egal, aber hier klettert keiner
auf irgendwelche Eisstatuen. Du schon gar nicht, Akbash!“ Sie
drohte mit dem Finger dem Glücksritter, der schon probeweise an der
Eisschicht gekratzt hatte. „Denk dran, was auf dem Weg hierher
passiert ist.“
Akbash hob abwehrend die Hände „Das
hätte jedem passieren können, die Schneewehe sah verdammt stabil
aus….“
„Ende der Diskussion. Wir müssen
weiter, wenn wir die Überraschung nutzen wollen.“ Und damit
schritt sie an der Statue vorbei in die Dunkelheit, die Augen zu
Boden gerichtet, anscheinend auf irgendeiner Spur.
Aurelia packte Akbash und Eberhart an
den Schultern und zog sie mit. „Ihr habt Mama gehört – wenn sie
schonmal was sagt, kann man sie davon nicht abbringen. Also weiter
mit Euch.“
Mit missmutigen Blicken stapften sie
weiter in die Höhlen herab.
Schon nach wenigen Minuten ertönte aus
der Tiefe ein Klatschen zu ihnen, gefolgt von Gelächter. Dann ein
weiteres. Und noch eins.
Sie verharrten am Eingang zu einer
weiteren Höhle und beobachteten ein weiteres Schauspiel der
unfassbaren Ogerkultur. „Wie um Churuns Willen überleben diese
Biester?“ Aurelia starrte ungläubig in die knapp zwanzig Meter
durchmessende Höhle. Auf einem Stein saß eine merkwürdig dünne
Gestalt, die dennoch die Oger, die sie bisher gesehen hatten, um
mindestens eine Kopf überragte. Ein zotteliger Haarschopf fiel ihm
bis auf den Rücken, und auch seine Züge wirkten feiner als die der
specktriefenden Oger, wenn auch in dem einem verbleibenden Auge
dieselbe stumpfe Dummheit lag, die sie auch bei den Menschenfressern
fürchten gelernt hatten. Das Wesen beobachtete zwei weitere Oger,
die sich abwechselnd so hart wie möglich ins Gesicht schlugen.
„Du schlägst wie eine Elfe! Der Wind
wird mich eher umpusten als deine Klatschen!“
Patsch.
„Du bist schwach. Ich wird dir jetzt
die Zähne raushauen und dich damit murmeln lassen!“
Patsch.
Und immer so weiter.
Eberhart strich sich über den
grummelnden Wanst. „So erheiternd das hier ist, wir können nicht
auf den Ausgang des Spiels warten, fürchte ich.“
„Nein?“ Akbash steckte ein paar
Münzen wieder ein. „Dabei war ich mir sicher, der mit den
Schweinsaugen würde gewinnen. Der hat so einen hinterhältigen
Blick.“
„Wir wetten ein andermal. Kannst Du
den Trick mit den Stimmen nochmal machen?“
„Schwierig. Sie sind zu dritt,
außerdem hauen und beleidigen sie sich schon. Wüßte nicht, wie ich
das noch toppen kann. Und was immer da für einer auf dem Stein
sitzt, wer weiß, ob der ebenso blöd ist wie die anderen?“
Mel hob seine Armbrust und peilte kurz
über den gespannten Bogen. „Ich könnte den großen blenden.“
Heidrun blickte ungläubig zu ihm
herüber, und auch Eberhart war nicht überzeugt. „Auf die
Entfernung? Ganz schöner Kunstschuss.“
„Ach, so klein ist das Auge gar
nicht, und der sitzt wenigstens mal ruhig. Vertraut mir, dem verpass
ich einen Bolzen in die Linse, dann haben wir schon ein Problem
weniger.“
Nachdem niemand mit einem besseren Plan
aufwarten konnte, verschanzten sie sich weitestgehend an den
Gangwänden, die Waffen gezogen, Entschlossenheit in den Augen.
Mel legte an. Er atmete dreimal tief
ein und aus. Beim zweiten Ausatmen fand sein Finger den Abzug. Beim
dritten Ausatmen, gerade, als alle Luft aus seiner Lunge entwichen
war, in dem winzigen Moment der Entspannung zwischen den Atemzügen,
zog er durch und schickte den Bolzen auf die Reise.
Das Monster schrie auf, als sich das
fingerlange Geschoss tief in sein Auge bohrte. Es konnte nicht
begreifen, was geschah, und schlug beide Hände vor das Gesicht, als
wollte er packen, was immer ihn da erwischt hatte. Aber seine dicken
Finger waren viel zu grobschlächtig, um den für ihn winzigen
Splitter zu erreichen. Er heulte, klagte und taumelte durch die
Gegend.
Einen Moment starrten die beiden Oger
ihn an. Dann breitete sich ein dümmliches Grinsen auf den breiten
Mäulern aus, und sie begannen beide, sich die Hände ins Gesicht zu
schlagen und noch lauter zu heulen als der Riese.
„Fresse klatschen, Backen patschen,
hououou!“ leierte einer.
„Ich sehn ich was ich fresse, ich hau
mir in die Fresse!“ skandierte der andere.
Mel ließ seine Armbrust sinken. „Damit
habe ich jetzt nicht gerechnet.“, murmelte er.
Aurelia packte ihn an der freien Hand
und zerrte ihn in den Raum. Sie winkte den anderen, ihnen zu folgen,
solange die Oger noch mit ihrem neuen Spiel beschäftigt waren.
Zügig, aber vorsichtig, eilten sie durch den Raum, immer ein Auge
auf die taumelnden und brüllenden Oger, die unvorhersehbar durch den
Raum torkelten und sich gegenseitig anrempelten. Aurelia steuerte
schnurstracks den nächsten Ausgang der Höhle an.
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen