Der große Kanonenraub

Author: Nils /

Ach, wo fang ich an. Ich glaube, das ganze Geraffel mit dem zwergischen Totenreich, dem Schwert „Seelenfresser“ und der Befreiung einer gefangenen Seele namens Torwa Sörensen lasse icheinfach weg. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das Ganze nicht ein Fiebertaum war.

Wichtig ist nur, dass wir den Kapitän zurück hatten (wenn auch in bemitleidenswertem Zustand), ein paar Goldkronen verdienten und uns endlich wieder auf unsere Reise ins Südmeer konzentrieren konnten.

Was uns zurück brachte zum Problem der Bewaffnung unseres Schiffes. Fürstin Del Mar und Kapitän ap Trion waren sich ausnahmsweise mal einig, dass sie das Südmeer nicht ohne Kanonen befahren wollten. An sich stimme ich solchen Überlegungen zu, nur liegt eine solche Ausrüstung weit außerhalb unserer Geldmittel.

Also ergab sich der wahnwitzige Plan, ein ausgewachsenes Kriegsschiff um einige seiner Kanonen zu erleichtern. Und nicht irgendein Schiff, sondern die gefürchtete „Reikland Protektor“, das Flaggschiff der Reikwasser Handelsgesellschaft – die ohnehin schon ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt hatte.

Ich bin immer wieder überrascht, welchen Enthusiasmus unsere kleine Truppe aufbringt, wenn es um die Planung von Verbrechen geht. Wenn ich mit Ihnen über die Logistik unserer Reise oder die Wechselkurse von Goldkronen sprechen will, bekomme ich immer nur leere Blicke, aber kaum geht es um einen Einbruch, Hinterhalt oder Raub, sind sie alle hellwach.

Schnell ergaben sich mehrere interessante Alternativen, viele davon verbunden mit gar haarsträubenden Aktivitäten. Das Hauptaugenmerk galt jedes Mal dem Transport der schweren Rohre von einem Schiff zum anderen, wog doch jedes der Geschütze um die 2 Tonnen. Unsere Ideen waren:

  • Betrug

  • Transportbarken

  • Eine Dampfkonstruktion der Technikusakademie

  • Wassergeister

  • Betrug

  • ZOMBIES!



+ ? = Profit



Im Rückblick kann ich immer noch nicht fassen, dass wir zu guter Letzt tatsächlich Untote als die sinnvollste und einfachste Alternative betrachteten. Dieser Sandro muss irgendetwas in unser Essen mischen…


Keine Chance ohne Séance


Apropos Sandro. Als wir mit dieser Idee zu ihm kamen, war er nicht nur enthusiastisch, sondern hatte sogar eine recht konkrete Vorstellung vom preis frischer Leichen. Verstörend, aber nicht unerwartet. Unerwartet (oder verdrängt) war seine Aufforderung, an einer Seance zur Beschwörung eines Piratengeistes teilzunehmen. Offensichtlich hatte er alleine nicht herausfinden können, wie die Hand von Käpt‘n Del’mar uns zu seinem Schatz führen würde. Also hatte er den genialen Plan, den Geist des Käpt’ns selbst zu beschwören und zu befragen.

Mel übernahm eifrig die Rolle des Mediums, und wiedermal lud ich Schuld auf meine Seele, indem ich an einem Ritual schwarzer Magie teilnahm. Der Grungni-Tempel wird einen Flügel nach mir benennen, wenn ich all meine Schulden abbezahlt habe...


Ich mag gar nicht auf die Details eingehen – belassen wir es dabei, dass ein Teil von Del’mars furchtbaren Pakt mit Heinrich Kemmler (dem Lichmeister, sollte es IRGENDWER VERGESSEN HABEN) den Steuermann Schwarzsäbel Dan an seine abgehackte Hand gebunden hatte.


Dan erklärte uns, das aber auch sein Wissen nicht ausreicht, um uns ins Mahlstromarchipel zur Schatzinsel zu führen. Stattdessen müssen wir Blutmesser Dan/Stan/Olli (hab seinen Namen vergessen) auch noch eine Karte abnehmen. Zum Glück wohnt der Bursche wohl in Port Grim, was sowieso auf unserem Weg in den Süden liegt.


Schlussendlich war unser Plan also tatsächlich, bei Nacht und Nebel auf die „Reikland Protektor“ zu schleichen, die Kanonen ins Wasser zu befördern und dann von einem Team Leichen in die Nähe eines Kaispeichers zu bringen, wo wir sie dann unauffällig auf unser Schiff laden können.

Zur Ablenkung sollte uns ein stimmgewaltiger Barde dienen, der einer gewissen Esmeralda auf einer naheliegenden Insel eine saftige Serenade bietet.


Ein Essen mit Folgen

Noch offen war, wie wir relativ unauffällig und schnell die Rohre aus dem Schiff ins Wasser befördern. Hier sollte uns eine Inspiration von unerwarteter Seite treffen. Des Abends waren wir zum Essen mit Ruben Stockhuis, dem Holzhändler, verabredet. Tatsächlich war auch Noah Brandström eingeladen, der Erbe der Südmeer-Handelsgesellschaft. Während unserer Gespräche über die reichen Hölzer des Südens und vor allem der speziellen Anforderungen, die Thaumaturgen an Hölzer haben, traf uns die Inspiration. Thaumaturgen konnten ja Waffen aus Alchimistenmetall mit übernatürlicher Schärfe und Widerstandskraft ausstatten. Konnten sei dasselbe nicht auch für Werkzeug? Und tatsächlich kannte Ruben sogar einen Experten, der für uns eine solche Säge anfertigen konnte, mit der man Holz wie Butter durchtrennen kann, wenn auch nur für einige Tage. Und ja, das funktioniert auch bei Schiffsplanken…

Allgemein war das Gespräch mir Ruben sehr fruchtbar. Ich konnte ihn sowohl zu einer Investition in unsere Expedition überzeugen als auch einen Stab aus Geisterholz für Sandro organisieren. Das scheint zwar recht verpönt, aber wenn ich ehrlich bin, sind mir tote Baummenschen lieber als lebendige, also werde ich persönlich den Handel mit diesem Material unterstützen. Auch Herr Brandström schien recht angetan von unserem Unternehmen und setzte ein Empfehlungsschreiben für uns auf, was gewiss so einige Türen im Mahlstromarchipel öffnen sollte.


In Anschluss an dieses angenehme Essen, das Johann leider dank eines Gildenbesuches verpassen musste, machten wir uns auf die unangenehme Suche nach toten Körpern. Unsere unauffälligen Nachforschungen führten uns schon bald nach „Doudkanal“ (wie passend), wo wir in einer schmutzigen Hintergasse schließlich mit einem ganz und gar verabscheuungswürdigen Individuum zusammen trafen, das wohl mit den Körpern der Toten handelte. An seiner Kleidung entdeckten wir offen getragen Insignien der finsteren Götter des Chaos, und wir warfen uns gegenseitig wissende Blicke zu.

Bei den Verhandlungen übernahm dann aber wieder unser Geschäftsgeist. So plauderten wir munter über den Zustand der Körper, die Todesart und den Frischegrad, sowie den Einfluss von Salzwasser bei längerer Lagerung und die verschiedenen Transportmöglichkeiten von Sack bis Kiste. Mein Küferherz trauert noch immer, das wir den kostengünstigen Sack dem edlen Fass vorziehen mussten.



Im Hinterkopf rechnete ich schon mal hoch, welche Bestechungsgelder wohl fließen mussten, damit die Wache diesem Individuum gerechte Strafe zukommen lassen würde. Zwar ist es verpönt, Geschäftspartner den Behörden zu übergeben, aber manchmal ist es besser, das richtige zu tun anstatt das profitable. Grungni zieht die Grenze bei Geschäften mit finsteren Göttern.


Der Bruch


Häretiker oder nicht, pünktlich geliefert wurde die Ware. Sandro garantierte auch, dass unsere „Arbeiter“ pünktlich um Mitternacht der nächsten Nacht zur Verfügung stünden und so konnte Operation „Geschützwanderung“ starten. Mel hatte noch die Geistesgegenwart besessen, Matrosenkleidung passend zu der der Protektor zu organisieren. So schwammen wir im Schutze der Nacht, unterstützt von Kapitän ap Trions Wasserhexerei an die Reikwasser Protektor heran und – realisierten, das wir keine Ahnung hatten, wie wir an Bord kommen wollten. Selbst wenn wir nicht alle Seil und Wurfanker vergessen hätten, wie soll man Wasser tretend einen Haken 3-4 Meter nach oben schleudern?


Mel wollte sich schon an der Ankerkette an Deck hangeln, als Käpt’n ap Trion einem Delfin gleich aus dem Wasser schoss und elegant in einer der offenen Klappen landete. Der Anblick war die Mundvoll Wasser wert, die ich schlucken musste, als ich Ihr hinterher starrte …


Wie die Wasserratten hangelten wir uns dann an einem Seil auf das Geschützdeck, das tatsächlich unbesetzt war, und schnell verteilten wir uns und machten uns an die Arbeit. Joachim und ich machten dem Namen Schneider alle Ehre und sägten, das die Späne flogen. Es gab ein paar kritische Momente, als die Patrouillen bei Ihren Rundgängen erst auf Aurelias, dann auf mein Versteck stießen. Aber sowohl Aureliaals auch ich sind routinierte Schauspieler, und was Sie an weiblichen Reizen hat kann ich durch schiere Schamlosigkeit wettmachen.


Aurelias Argumente






Meine Argumente





Schließlich hatten wir an 10 Geschützen die Spundwände durchtrennt, und im Schutz eines Stillezaubers fielen die Rohre wie stählerne Blätter in die wässrige Umarmung des Hafenbeckens. Leider vergaß ich, das Zeichen der Todbringers an Bord zu hinterlassen, aber auch so wird die „Nacht der fliegenden Kanonen“ in die Geschichte Marienburgs eingehen.


Ich kann es kaum fassen, aber tatsächlich muss ich diesen Tagebucheintrag auf einer durchgehend positiven Note beenden. Mit den Worten des berühmten Magisters Hannibal Schmidt: Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert