Verhandlungen mit dem eisernen Richter – Eberhart vermittelt
Als ich endlich befreit und wieder bei Sinnen war, fühlte ich mich so elend wie selten. Meine Arme und Beine waren wund von den Ketten, mein Schädel dröhnte von den Schlägen, und mir war übel von den Drogen des Rituals. In Magenhöhe brannte ein glücklicherwiese oberflächlicher Schnitt wie Feuer.
Aber trotz all dieser Pein wusste ich, das alles wiee gut würde. Denn das erste, was ich erblickte, war Joachims grinsendes Gesicht.
„Was fällt Dir auch ein, de nSpion zu spielen, mein Dickerchen? Jetzt mussten wir den Kult ohne Deine Hilfe zerschlagen.“ Ich spürte, wie mich die heilenden wellen von Joachims Händen durchrangen, all die Gifte und Erschöpfung verdrängend. Unsicher kam ich auf die Beine.
„Aber jetzt brauchen wir den Gründer unserer kleine Gesellschaft – es gilt, den Oberschurken zu verhören!“ Vorsichtig blickte ich mich um.
Unmittelbar kam mir wieder die Galle hoch. Der Speicher war ein Schlachthaus Mindestens ein Dutzend Leichen lagen herum, das Blut war nicht nur auf dem Boden, sondern auch an die Wände und teilweise bis zur Decke gespritzt.
Abgesehen von meine Mitstreitern in der gesellschaft waren noch zwei düstere Xaan anwesend und auf den Beinen. Ein schlanker Bursche, der mit seinem Stab systematisch die Leichen abging und auf Lebenszeichen kontrollierte, und ein Fleischberg, der die gefesselte gestalt des Oberpriesters bewachte.
Ich suchte mir einen Hocker und setzte mich vor die kniende Gestalt. „Nehmt Ihm die Maske ab.“ Der Fleischberg zögerte kurz, aber als Joachim ihm zunickte, packte er das hässliche Ding und zerrte es unzeremoniell vom Kopf des Gefangenen. Darunter kamen die feinen, aber doch fremdartigen Züge eines Elfen zum Vorschein. Joachim blickte von einem Verband auf.
„Ach nein, ein Elf als Oberhaupt eined Khaine Kultes. Das passt ja.“
Aurelia schien irritiert. „Wieso das?“
„Khaine ist eine elfische Gottheit, der Herr des Krieges. Leider übertreibt er seine Aufgabe, wie so viele der elfischen Götter. Und in den sechs Königreichen ist sein Glaube von „Mord als Kunstform“ Eher bei Meuchelmördern und Wahnsinnigen angenommen worden.“
Der schlanke Xaan trat an Joachim heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Ach was! Das wird ja immer interessanter. Anscheinend ist das nicht irgendein mordbesessener Elf, sondern einer von Larifas Hohen Justitiaren. Darf ich vorstellen? Richter Eisendorn, der Gnadenlose!“ 
Akbash Hand traf klatschend seine Stirn.
„Ach kommt schon. Ein Richter, der sich zum Henker aufschwingt, und auch noch mit der Regierung und den Brüdern der Sicben unter einer Diecke steckt?“ Sind wir wegen solchem Mist nicht aus dem Imperium abgehauen?“ Er zog sein Rapier. „Ich sage, wir legen Ihn um. Auf solche Probleme habe ich keine Lust mehr.“ Heidrun stellte sich an seine Seite, Ihr grimmiger gesichtsausdruck sprach Bände.
Ich wandte mich dem Elfen zu.
„Du solltest Dur schnell was einfallen lassen, warum Du am Leben bleiben solltest.“ Trotz seiner prekären Lage schaffte es Eisendorn, herablassend zu mir aufzuschauen. Er lächelte sogar.
„Ich bin der Hohe Justitiar Etharias Eisendorn. Ich habe diese Männer und Frauen in den Lehren Khaines in seiner Maske des Rächers unterwiesen, um dort Gerechtigkeit zu üben, wo as Gesetz seine Grenzen erreicht hat.“ Seine Miene verdüsterte sich. „Bis Xanesha meinen Weg kreuzte. Diese elende Hexe hat es gewagt, mich mit Ihrer schmutzigen Magie zu beeinflussen. Sie hat unseren heiligen Bund missbraucht, um mittels Ihrer Sihedron-Rituale die Gier aus den Seelen unserer Opfer zu ernten.
In gewisser Hinsicht habt Ihr mir also einen Dienst erwiesen. Hättet Ihr mich nicht an den Rand von Khaines Reich gebracht, an die Schwelle des Todes, hätte ich Ihren Bann wohl noch lange ertragen müssen. „
Nachdenklich strich ich mir über das Kinn
„Das soll jetzt also eine „Feind meines Feindes“ Argumentation werden? Ich will ehrlich sein. Den Fehler haben wir in der Vergangenheit schon begangen. Uns mit Nekromanten, Geistern und Dämonen eingelassen, mit der Ausrede, das unsere Feinde ja noch schlimmer sind.“ Ich blickte zu Joachim und den anderen zurück.
„Das ist vorbei. Die Gesellschaft für Abenteuer und Entdeckung von Maracasar macht keine Baurnhandel, keine Zweckbündnisse. Du wirst der Gerechtigkeit erfahren, auf die eine oder andere Weise.“
Eisendorn lächelte weiterhin. „Nun, die Gesellschaft vielleicht nicht – aber vielleicht sieht die Bruderschaft der Sieben das ja anders.“ Er blickte an mir vorbei, und sein Lächeln verbreiterte sich.
„Eberhart“, erklang Mels stimme hinter mir. „Das solltest Du Dir ansehen. Das solltet Ihr alle Euch ansehen. Ich wandte mich um und sah den Ermittler ein Schriftstück auf dem Altar ausbreiten.
„Das – das macht keinen Sinn. Warum hätten wir das tun sollen?“ Ich sah Joachim hilfesuchend an. „Sind wir – besessen?“
Aurelias Hand traf meinem Hinterkopf. „Eberhart, denk nach. Das ist eine Fälschung.“ Sie beugte sich über die Urkunde und kratzte mit dem Fingernagel darauf herum. „Eine gute Fälschung, und anscheinend mit einem echten Siegel.“
„Täuschung und Irreführung sind Teil der Kunst des Krieges.“ Eisendorns Stimme troff vor selbstzufriedenheit. „Ich habe mit meiner schreibfeder deutlich mehr Lebene genommen als mit dem Dolch.“
Mit dem Handrücken wischte ich mir den schweiss von der Stirn, bevor ich mich unserem Gefangenen wieder zuwandte.
„Und ich vermute mal, so ein Dokument habt Ihr auch noch in Euren Unterlagen, wo es gewiss gefunden wird, sollte Euch etwas zustossen?“
Der Elf neigte leicht den Kopf. „Respekt, meine Feinde. Zumindest kennt Ihr die Regeln , auch wenn ihr noch nicht lange spielt.“
Joachim brauste auf. „Genug der Plauderei. Ich sage, wir übergeben ihn dem Larostempel. Der Herr der Stürme wird über diesen Mörder richten.“
Mel legte ihm eine beruhigende Hand auf die Schulter. „Glaubst Du das wirklich? Das der Tempel einen der prominentesten Richter ersäuft, aufgrund unserer Aussagen?“
„Und selbst wenn“, gab Aurelia zu bedenken. Was meinst Du, was mit dem Tempel passiert, wenn diese Papiere öffentlich werden. Du wärst der nächste Garcia, der dem Bösen verfallen ist. Zu allermindest werden wir und unser Quästor in Port Grim exkommuniziert.“
Schweigen legte sich über den Raum.
Entscheidungen
Stöhnend rieb Akbash sich mit beiden
Händen über das Gesicht. Er schaute uns müde an. „Was ist
eigentlich aus den einfachen Abenteuern aus diesen Büchern geworden?
Der Held befreit die Prinzessin, erschlägt den Drachen und kriegt
das halbe Königreich. Was ist damit? Können wir nicht mal sowas
machen?“
„Das hier ist kein Roman, Akbash. Das
hier ist die Realität. Das hier ist Politik.“ Ich strich meine
Haare zurück. „Wir müssen unsere Optionen beprechen. Lau Gon,
schaff Ihn weg.“
Der Xaan schleppte den Richter in das
Nebenzimmer und hämmerte die Tür zu.
Ich wartete noch einen Moment und hörte
dann ein dumpfes Klatschen. „Gut, wir sollten also unter uns sein.
Ich sehe das so. Wir können ihn umbringen. Er hat es verdient, und
es wäre bestimmt das, was ihm nach eine fairen Verhandlung blühen
würde. Leider sehe ich keine solche Verhandlung kommen.“ Ich
blickte in die grimmigen Gesichter meiner Gefährten. „Viel eher
werden sich seine politischen Verbündeten auf uns stürzen wie die
Geier. Die Gesellschaft als politische Macht aus Marakasar wäre
Geschichte. Wir müssten unsere Zelte abreissen, unser Geld schnappen
und irgendwo anders neu anfangen.“ Ich blickte entschlossen auf.
„Ich bin dazu bereit.“
Aurelia wirkte überrascht.
„Tatsächlich? Unsere Herrenhaus, deine hüsche Gesellschaft, das
Ansehen in Port Grim – das würdest du alles hinter Dir lassen?“
Ich liess die Schultern hängen. „Ja.
Ja, das würde ich, denn die Alternative ist – schmutzig. Wir haben
alle schon genug Last aus uns geladen, als wir uns mit Untoten,
Verrätern und Dämonen eingelassen haben. Es gab immer einen guten
Grund, aber am Ende müssen wir diese Last mit uns tragen. Wie viele
Kompromisse können wir eingehen, bevor unsere Werte nur noch eine
Fassade sind? Aber damit sind wir bei einem Probelm. Ich bin bereit,
alles hinter uns zu lassen – aber ich werde ihn nicht umbringen.“
Mel lachte auf. „Was ist denn das für
ne Doppelmoral? Einerseits die Schlinge knüpfen, aber nicht den
Hebel ziehen wollen? Das ist ja ein feiner Standpunkt.“
„Wenn ich mich zum Richter und Henker
aufschwinge, mache ich dasselbe wie er. Ich stelle mich über das
Gesetz. Es ist was anderes, wenn eine untote Monströsität versucht,
uns die Haut von den Knochen zu beißen oder eine Meute Goblins die
Stadt anfallen. Aber da hinter dieser Tür ist eine denkende Person.
Er gehört vor ein Gericht. Ein menschliches oder ein göttliches,
mir egal.“ Ich blickte zu Joachim.
„Das sehe ich genauso. Wir übergeben
ihn dem Tempel, und dann wird der Bastard ersäuft.“ Wut blitzte in
den Augen des Garcia, und kleine Blitze liefen seinen Heilerstab
entlang.
Mel winkte ab. „Das ist doch Unfug.
Ich sage, wir steigen bei ihm ein und besorgen uns diese Kopie. Dann
ist Ende mit Erpressergeschichten. Und dann lassen wir ihn
unauffällig verschwinden, idealerweise im Kampf gegen diese Hexe,
mit der er Ärger hat. Lassen wir die Bösewichter sich doch
gegenseitig zerfleischen. Hat mit dieser Untoten und dem Schlächter
doch auch super funktioniert.“
Aurelia verschluckte sich an dem Wein,
den sie gerade aus einem Schlauch trank. „Super funktioniert? Was
hat denn daran super funktioniert. Wir sind beinahe draufgegangen bei
der Aktion, und wir wissen immer noch nicht, was da genau abgegangen
ist.“ Sie verstöpselte den Schlauch und reichte ihn an Heidrun
weiter. „Und zum Thema Einsteigen – wann hat denn das jemals bei
uns funktioniert? Sieh dich doch mal um. Wir sind keine Leisetreter.
Irgendwann knallt‘s immer, und dann ist Messerarbeit angesagt. Das
sollten wir vielleicht nicht inmitten des Verwaltungsviertels von
Larifa veranstalten.“ Sie lehnte sich zurück. Akbash ergriff das
Wort.
„Das Ganze ist vertrackt. Mir hätte
echt das Messer ausrutschen sollen, bevor er sich ergeben konnte.
Dann hätten wir das Dilemma hier nicht. Wir können also entweder
dreckige Mörder werden wie er, oder wir verlassen uns auf korrupte
Gerichte. Oder wir lassen uns mal wieder auf ein Geschäft mit dem
Teufel ein, nur das er diesmal spitze Ohren hat. Und wenn er nicht im
Kampf stirbt? Oder uns einfach in den Rücken fällt, sobald wir ihn
freilassen? Was dann?“
„Wir schlagen ihn in seinem Spiel.
Erinnert Ihr Euch, was ich gesagt habe, als wir in Port Grim
eingelaufen sind? Wir sind jetzt keine kleinen Bauern mehr, die man
auf dem Brett hin und her schiebt. Wir müssen jetzt selber unsere
Züge planen. Und das heißt, das schmutzigste Geschäft von allen.
Politik.“ Ich stand langsam von meiner Kiste auf. „Es heißt
Verbündete suchen, seine Verbündeten abwerben, sich beim Adel
einschleimen, und so weiter und so fort. Es bedeutet eine Kröte nach
der anderen schlucken, immer im Namen des großen Ganzen. Deshalb
halte ich Mord für eine echte Alternative – aber ich bin zu
feige.“ Ich wandte mich von den anderen ab.
Joachim atmete tief durch, bevor er
sprach. „Das ist keine einfach Entscheidung, die wir hier treffen.
Auf die eine oder andere Art wird das unser ganzes Leben von hier an
verändern. Es wird prägen, wie wir miteinander umgehen, und was wir
mit unserer Gesellschaft erreichen wollen. Deshalb muss jeder etwas
dazu sagen. Heidrun?“
Die Waldläuferin schwieg lange –
hinter Ihrem grimmigen Gesicht verbargen sich tiefgehende
Gedankengänge. „Er soll sterben. Aber ich will nicht, das wir –
und vor allem Unschuldige – deswegen bestraft werden. Das ist er
nicht wert. Aber Politik? Das geht schief. Vor allem, wenn Eberhart
uns wieder in sowas rein reitet.“
Ich lehnte mich an einen Balken und
hörte noch einige Zeit den wiederkehrenden Argumenten zu. Es tat
weh, das Heidrun mir misstraute, aber sie hatte auch nicht ganz
unrecht. Ich wühlte in meinem Bündel, bis ich ein Pergament fand,
und riss es in kleine Stücke. Dann wandte ich mich wieder an meine
Gefährten.
„Heidrun hat recht.“ Die anderen
wurden still. „Zu oft habe ich Euch solange belabert, bis Ihr
meiner Meinung wart. Das liegt mir leider im Blut. Aber diese
Entscheidung ist zu wichtig, um sie mit Rethorik zu erzwingen. Wir
machen eine blinde Abstimmung. Jeder geht in sich und hört in sein
Herz. Es geht im Grunde nur um eins. Sollen wir den Richter töten
oder nicht. Wie oder mit welchen Konsequenzen ist hier erst einmal
zweitrangig. Jeder macht ein Zeichen auf diesen Zettel, und der
stille Wind wird sie auszählen. Ein Kreuz soll für seinen Tod
stehen, ein Kreis für sein Leben.“ Ich schaute in die Runde. Die
Heiterkeit war geschwunden – ein jeder war sich der Wichtigkeit
dieser Entscheidung bewusst.
Es dauerte knapp
10 Minuten, bis der schlanke Xaan die Zettel eingesammelt hatte.
Ruhig ging er sie zweimal durch. Alle Augen lagen auf Ihm. Sein
Gesicht zeigte keinerlei Emotion, als er das Urteil über den Richter
sprach.
„Ihr habt entschieden. Der eiserne
Richter wird leben.“

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