Lieber Eberhart,
dies wird vorerst mein letztes Schreiben an euch sein. Tatsächlich habe ich, wenn ihr meinen Brief in Händen haltet Haeven bereits verlassen. Ihr dürft mir glauben, dass ich es durchaus bedaure unsere Korrespondenz zu diesem Zeitpunkt zu unterbrechen.
Aber wie auch ihr, bin auch ich höherem Wohl verpflichtet. Dazu später noch mehr. Ich hege allerdings keinen Zweifel daran, dass wir in nicht allzu ferner Zeit die Chance erhalten unsere Standpunkte zu vertiefen. Bis es soweit ist, denke ich das wir überein kommen können, dass wir zwei sehr konträren Idealen folgen.
Durch das lesen eurer Schriften kam ich zu der Erkenntnis, dass es für uns beide schwer werden dürfte, den jeweils anderen von der eigenen Weltanschaung zu überzeugen. Unsere Gemeinsamkeiten sind letztlich nur zu erkennen, wenn wir nicht den Weg selbst, sonder das angestrebte Ziel betrachten.
Ein Leben in Freiheit und beständigem Frieden. Wobei ihr euren Fokus auf die Freiheit des Einzelnen richtet und ich die Freiheit ganzer Völker, die durch die Göttlichen in diese Ebene gepflanzt wurden, im Sinn habe. Diese Freiheit benötigt eine beständigen Ordnung, damit der Frieden gewährt werden kann.
Ihr erkennt durchaus richtig, dass ich das Gesamtwohl aller über die Freiheit des Einzelnen stelle. Die von Karzoug über Jahrhunderte entworfene goldenen Ordnung ist wesentlich mehr als das tyrannische Mittel zur Unterdrückung von Völkern, das ihr, basierend auf eurer Unkenntnis beschwört. Die goldene Ordnung ist eine hierarchische Einordnung und Abgrenzung gesellschaftlicher Gruppen zueinander. Das festgelegte Kastensystem gilt für die Angehörigen aller Völker gleichermaßen und es erlaubt einen Aufstieg und Abstieg. Die goldene Ordnung folgt klaren aber sehr Komplexen Regeln, die ich euch gerne zu einem späteren Zeitpunkt darlegen kann. Und ja, auch die von euch vielfach dämonisierte Sklaverei als unterste aller Kasten, ist Teil der goldenen Ordnung.
Ich denke allerdings, dass ihr mein guter Eberhard, eine durch die euren pervertierte Form der Sklaverei anprangert. Unwissend, das dies nur wenig mit dem zu tun hat, was Karzoug einst etablierte. Die goldene Ordung sieht vor, das zu Sklaverei verurteilt wird, wer sich an der Gemeinheit vergeht und somit aktive die goldene Ordnung angreift und gefährdet. Und ja, jene die Verurteilt sind und das Sklavenmal erhalten, verlieren all ihre Rechte und sind fort an als Werkzeug und Ware für ein höheres Wohl zu betrachten. Sie werden nach der schwere ihrer Verbrechen verurteilt und so tragen manche unter Ihnen das Sklavenmal für die gesammte Zeit ihres Lebens. Sie werden aber nicht in dunkle Kerker gestoßen, in Folterkammern zu falschen Geständnissen gezwungen oder auf Scheiterhaufen verbrannt, so wie es in dem von euch als fortschrittlich beschriebenem Imperium der Fall ist.
Die goldene Ordnung sieht nicht vor, das man das Sklavenmal erhält, weil man zu einem spezifischen Volk gehört oder in bestimmten Region unserer Ebene beheimatet ist oder in Sklaverei geboren wurde. Das ist eine Ordnung, die von eben jenen Gilden und Händler erdacht wurde, die ihr so lobt. Es entspricht der Wahrheit, dass Karzoug ganze Völker versklavt hat - Riesen, Orks, Goblins und andere die nicht bereit waren sich zivilisiert zu verhalten und die ewige Ordnung unablässig attackierten.
Euer Imperium hingegen zieht mit seinen Armeen gegen diese Völker, um sie vom Antlitz dieser Welt zu brennen. Ist dies wirklich die bessere Ordnung? Die, die das Sklavenmal tragen werden dazu gezwungen ihren Beitrag zur goldenen Ordnung zu leisten. Im Kriegsfall können sie gar von Werkzeugen und Ware zu Waffen verwandelt werden. Die Sklavenmale bilden den äußersten Schutzwall der goldene Ordnung und erst wenn sie gefallen sind trifft der Krieg die restliche Bevölkerung. Die oberste Kaste der goldenen Ordnung, gleicht den Adelsgeschlechtern eurer Heimat. Ihre Aufgabe ist es die Bewohner der Städte und Ländereien zu führen. Sie verkörpern die jeweilige Kultur und Tradition einer Region und haben die Aufgabe die Ordnung zu erhalten.
Die Dogma der Kirche Ildarins und auch Sigmars besagen, das der Adel die Ordnung nach seinen Träumen und dem Willen der Götter zu gestalten hat. Und weiter, dass dies das Recht und die Pflicht des Adels ist. Die Ildar verweisen in ihren heiligen Schriften darauf, dass eine Zivilisation nur siegreich sein kann, wenn sie durch einen starken Adel geführt wird.
Mein guter Eberhard, ich bin mir recht sicher, dass ihr mit den Basislehren der Ildarin und Sigmars vertraut seid. Ihr könnt euch also sicherlich denken, das ich entsprechend überrascht war, als ich euer letztes Schreiben lass. Mit vielem hätte ich gerechnet, aber nicht das ihr euch als Ketzer der göttlichen Ordnung entpuppt. Nicht nur stellt ihr die durch Ildarin etablierte Herrschaft des Adels infrage, ihr entpuppt euch in meinen Augen auch als Frevler an den Lehren Sigmars und klingt in euren Ausführungen eher wie ein besmarischer Rebel.
Versteht mich nicht falsch, ich verurteile euch nicht. Ich bin lediglich überrascht. Eure Argumentation für eine freiere und selbstbestimmte Welt halte ich jedoch für Augenwischerei. Schöngerede oder Scharlatanerie würden es wohl ebenso treffen. Ihr führt euren gewählten König als Argument gegen die Regentschaft des ewigen Herrschers an. Meines Wissens jedoch wird euer Imperator gleicher König, aus den Reihen privilegierter Adliger, den sogenannten Kurfürsten, gewählt. Der Titel eines Kurfürsten wiederum wird ausschließlich per Thronfolge bestimmt. Kein gewöhnlicher Bürger des Imperiums wird je in diesen Stand aufsteigen. Dies bleibt einzig und allein den Großprinzen vorbehalten. Nur sie können die alleinige Erbfolge antreten. Die Großprinzen erheben sich über die niederen Adelshäuser allein durch ihre größeren Besitztümer und ihren höheren Reichtum. Euer gewählter König entstammt also immer der Mitte, eines äußerst kleinen Kreises von Adelshäusern, die seit Generationen ihren Besitz an die ihren weiter geben. Seit Jahrhunderten haben es diese Familien verstanden, sich das karzougische Vermächtnis der Gier zu nutze zu machen, um sich ihren Stand zu sichern.
Meiner persönlichen Einschätzung nach, dürfte es eben diesen Adelshäusern nur wenig ausmachen, welcher Krone sie letztlich dienen. Sofern sie ihre Länder, ihr Vermögen und ihre Privilegien behalten dürfen. Vermutlich wäre es sogar in gewisserweise befreiend, dem ewigen Herrscher die treue zu schwören. Der gegenseitige Drang um die Krone zu intrigieren würden Augenblicklich zum erliegen kommen. Was allein der Beständigkeit des ewigen Herrschers geschuldet wäre, da die absolute Herrschaft fortan außerhalb des erreichbaren läge.
Auch Kriege und der Tod von tausenden könnten durch Karzougs alleinige Herrschaft vermieden werden. In einer geeinten Welt wäre es der herrschenden Kaste nicht erlaubt sich gegenseitig zu Überfallen, um sich Ressourcen oder Land zu rauben. Wenn ich euch richtig verstehe, plädiert ihr in beinah blasphemischer Weise dafür Herrscher zu berufen, wohl möglich noch aus dem gemeinen Volk.
Mein Guter Eberhard, es gibt wirklich kein Haar in meinem Nacken, dass sich bei diesem Gedanken nicht aufstellt. Allein die Vorstellung darüber, dass ihr ein solches Vorgehen in Betracht ziehen könntet, lässt mich erschauern. Ihr verkennt meines Erachtens völlig, dass ein gemeiner Delegierter, der von euch berufen würde, dem Amt in keinster Weise gewachsen sein würde. Ein Herrscher wird sein ganzes Leben auf seine Regentschaft vorbereitet. Zuwendung, Distinktion, Gnade, das klingt gut und sagt sich leicht, bedeutet aber für einen Herrscher einen lebenslangen Einsatz für seine Untertanen. Wer vom Bürgen zum Edelmann aufsteigt, dem steht ein brutaler Rollenwechsel bevor. Der gemeine Bürger sondert sich, je reicher er wird, immer weiter von den seinen ab. Nicht ohne Grund stehen die Häuser der herrschenden von Port Grim abseits jener Stadt, die zu regieren, sie sich verpflichtet haben. Sie verkriechen sich unter den ihren und bauen Mauern, um sich von Armut und Elend abzugrenzen. Sie lassen sich von Rechtsgelehrten und Ratsmitgliedern vertreten. So müssen sie nicht selbst in Erscheinung treten. Auf manipulative Weise lenken sie die Geschicke aus dem Hintergrund, so dass ihnen niemals etwas vorgeworfen werden kann.
Der Herrscher dagegen bewegt sich mitten in die Gesellschaft hinein. Ein Leben lang wurde er gelehrt und auf diesen Moment der Machtausübung vorbereitet. Mit all seinem Wissen und können wird der Herrscher stets sein bestes geben, um seiner Rolle gerecht zu werden. Denn tut er es nicht, besteht die Gefahr das er alles verliert. Karzoug selbst blickt auf eine tausendjährige Regentschaft zurück, die nicht von seinen Untertanen beendet wurde, sondern von einem über weltlichen Ereignis. Einer Katastrophe auf die Jahrhunderte der Dunkelheit folgten. Karzoug der Ewige, Schöpfer von Dynastien repräsentiert die Beständigkeit eines immerwährenden Reiches und garantiert eine Unabhängigkeit, die es so seit Jahrtausenden nicht mehr gegeben hat. Ein solches Reich bringt nicht nur den ersehnten Wohlstand und Frieden, sonder bildet zu gleich auch das einzige Bollwerk, welches gegen die Mächte des Chaos, die immer weiter in unsere Länder vordringen, bestehen kann.
Anders als das von euch angeführte Bündnis von Handelshäusern und deren sogenannte gewählte Repräsentanten, ist ein Runenherrscher weder bestechlich noch durch weltliche Güter korrumpierbar. Der Dynast stellt die Verkörperung von Tradition und Kultur eines ganzen Zeitalters dar und hat wie euer imperialer König eine Vorbildfunktion. Im Unterschied zu eurem König ist der ewige Herrscher nicht nur das Idol seines Volkes sondern eine Ikone aller Völker. Zeigt mir einen Rat, dem die Bevölkerung genauso enthusiastisch folgt, wie einem König.
Wäre eure Annahme auch nur im Ansatz richtig und würden die Menschen sich lieber von Bauern, Handwerkern und Händler führen lassen, frag ich mich, warum das nicht schon längst geschehen ist. Keines der Länder die ich bereisen durfte, hat sich gegen die göttlich Ordnung der Ildarin gestellt. Die Stärke des Adels ist ausschlaggebend für das überleben des Volkes. Karzoug wird mit Abstand, der stärkste Herrscher in unserer Welt sein und gegen diese goldene Ordnung werden sich weder Könige noch korrumpierte Imperatoren stellen können. Und wie leicht auch Imperatoren zu korrumpieren sind solltet ihr aus der Geschichte eurer Heimat wissen.
In dem von euch angestrebten Weltbild stellt ihr Augenscheinlich das Recht des Stärkeren infrage und überseht zugleich, dass sich auf dem Recht des Schwächeren keine zukunftsfähige Ordnung begründen lässt. Ich könnte noch Seiten damit füllen, eure zweifelhaften Ansichten zu widerlegen und euch beschwören von dem narrativ eures Weges abzulassen. Ich schätze nur, das meine Chancen nicht als allzu gut stehen. In einer ersten Analyse eures Schreibens stellte ich die These auf, das eure Gedanken durch die Ideale denen ihr folgt verblendet sind.
Eine tiefere Einsicht in euer Schreiben offenbart jedoch das ihr schlicht keine Kenntnisse darüber habt, wie sich Nationen führen lassen. Ich fürchte fast ihr geht davon aus, dass sich Länder und VVölker nach einem ähnlichen Prinzip führen lassen wie eure Gesellschaft. Eine naive Vorstellung der ihr aufgesessen seid, mein Lieber Eberhard. An dieser Stelle habt ihr meines Erachtens einiges Nachzuholen. Dennoch schätze ich euren Versuch der Auseinandersetzung. Aber wie ich Eingangs erwähnt hatte, läuft mir die Zeit davon um ein guter Lehrmeister zu sein.
Mich ruft nun die Pflicht. Währen wir uns nicht hier in Haeven begegnet, dann hätten sich unsere Wege sicherlich in Port Grim gekreuzt. Eben dort führt mich mein Weg nun hin. Mein Gesuch vor dem Rat von Port Grim zu sprechen wurde statt gegeben. Zum einen hatte ich ohnehin seit längerem die Absicht in Port Grim vorstellig zu werden. Die jüngsten Ereignisse und eure Briefe zeigen nun, das Eile geboten ist. Port Grim und seine Bürger benötigen in vielerlei Hinsicht Unterstützung.
Ausserdem bin ich neugierig und will mit eigenen Augen das Bild welches ihr in euren Briefen betrachten. Port Grim, eine Gesellschaft, die nach Freiheit und Wohl strebt. Ich will nicht leugnen das der Gedanke des Wettbewerbs in mir aufkeimt. Stellt euch eine Wage vor die darüber entscheidet, welchem Weg die Bewohner von Port Grim folgen. Auf der einen Waagschale steht ihr als Vertreter der Gesellschaft mit euren Worten und Idealen auf der anderen Schale stehen ich und die meinen, mit der Prophezeiung einer neuen Ordnung und meinen Münzen. Welchem Ideal denkt ihr werden die Bewohner von Port Grim folgen? Ich spüre förmlich wie eure Gedankenketten angetrieben werden. Ich neige dazu mit den Worten zu Enden, dass der bessere Gewinnen möge.
Weil eure Stimme im Rat, dank eures Rufes, ein nicht unerhebliches Gewicht in die besagte Waagschale bringen würde, habe ich mir der Fairness halber erlaubt mir einen kleinen Vorsprung zu verschaffen. Euer Gefährte benötigt meinen Kentnissen zur Folge, für die Fertigstellung seines Thaumgrals noch weitere zwei Wochen. Ein mehr als ungünstiger Moment für eure Abreise, würde ich meinen. Müsste man doch die ganze Prozedur des Schaffungsritus wiederholen.
Mir und meiner Familie verschafft dieser Umstand vielleicht ein bisschen mehr Zeit, in der der Rat von Port Grim unbeeinflusst meine Ideen aufnehmen kann. Mit etwas Glück schafft ihr es jedoch zur angestrebten Abstimmung.
Hochachtungsvoll
