TAVERNENGEFLÜSTER
Im dunstigen Halbdunkel des „Rostigen Drachen“ schallte Kori Zweischneids Lachen so laut, dass sich einige Gäste umdrehten. Der lange Joon spuckte sein Ale vor Lachen über den Tisch, während Bree mit einem ungläubigen »Neeiiin« reagierte. Rugelson Kielschlag dagegen starrte die schwarzhaarige Frau mit weit aufgerissenen Augen an und verdaute das eben gehörte, bevor er wie ein alter Papagei zu krächzen begann: »Das hat er nicht getan, das hat er nicht getan!«
Die schwarzhaarige Frau deren Körper von zahlreichen
Tätowierungen gezeichnet war, wie man sie von die Piraten des
Gezietenarchipels kennt, fuhr sich über ihren zerschlissenen Seemantel
und lehnte sich zurück, ihre glasigen, leicht geröteten Augen
wanderten durch die Schankstube.
»Ohhhh doch, hat er«, seufzte sie, ihre Stimme war schwer von zu viel Rum. Das sie in letzter
Zeit zu viel trank war ihr durchaus bewusst. Sie sprach mit niemanden
darüber, mit wem auch? Die einzige die es verstanden hätte, hatte
sich abgewandt und folgte ihrem eigenen Pfad. Der Alptraum da draußen,
machte ihr mehr zu schaffen als sie sich oder gar anderen eingestehen
wollte und der Rum, ja der Rum ließ sie zumindest gut schlafen.
»Das ist doch reine Pferdepisse!« krakelte der lange
Joon und funkelte die Frau an.
»Das ist Seehexengarn, das du dir
da zusammen spinnst!«
Einige Gäste warfen neugierige Blicke in
ihre Richtung.
»Niemand der nicht total verbrannt ist,
würde in den Futtersack marschieren und laut
herum posaunen, dass er für den Sheriff arbeitet!
« Joons erhobene Stimme war Ausdruck, seines Unglaubens. »Der
Futtersack! Weißt du, wer sich da rumtreibt?
Glaub mir, wenn du auch nur den Hauch einer Ahnung hättest, würdest
du nicht so einen Garn von dir geben!« Mit einem letzten,
gedehnten „Pfffeeerdepisseee!«, beendete er seinen
Einspruch gegen das soeben gehörte.
»Und wie - er das hat“, konterte die Tätowierte, nahm noch einen guten Schluck, » im berüchtigten Futtersack mitten im Mob aus Piraten, Dieben, Halsabschneidern und anderen ehrbaren Leuten - und direkt und ohne Umwege ins Gesicht von Jazzra Knochenherz.“
Kori, die noch immer Lachtränen in den Augen hatte, hielt inne. »Knochenherz? Jazzra Knochenherz? Der
Nachthändlerin und Stimme des Fetten Mannes?«
»Eben
diese« stimmte die
Schwarzhaarige mit einem Seufzen zu, schloß die Auge und zog hörbar die Luft durch
die Nase ein.
»Ins Gesicht? Er hat es ihr ins Gesicht
gesagt? Das das euch der Sheriff schickt, meine Ich?«
»Jau«, nickte die Tätowierte resigniert.
Zweischneids Stimme klang fassungslos. »Ist der Zwerg?«, ... bevor Kori weiter sprechen konnte, hob die Tätowierte mahnend ihren Zeigefinger, »Vorsicht, Kori. Keine Beleidigungen.«
Kori zögerte, »Was äh ... ich meinte ist der ..., hat er sowas wie Todessehnsucht? Gehört dieser Zwerg -wie hieß der noch? - etwa zu diesem wahnsinnigen Slayer-Kult von dem man mal gehört hat?«
Rugelson klopfte sich auf die Schenkel, er lachte so sehr über das Gehörte, dass er nicht fassen konnte, dass er fast keine Luft mehr bekam. Bree hingegen war verwirrt und blickte fragend zu Kori. »Slayer-Kult? Was soll das sein?«
Die Schwarzhaarige schenkte Rugelsons Lachen und Brees Verwirrung keine Beachtung »Wurzel«, antwortete sie trocken auf Koris frage »Hartmut Wurzel«, sagte sie, zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Schluck Rum. » Und nein, ich glaube nicht das er ein Slayer ist, er ist einfach das Musterbeispiel eines Zwergs, mit einem ausgeprägten Mangel für menschliche Gepflogenheiten.“
»Aber du hast gesagt ihr wart zu dritt unterwegs?« warf Bree ungläubig ein und schüttelte den Kopf. »Wie hat denn Klingentänzerin darauf reagiert?«
Jetzt war es die Schwarzhaarige, die ihre Augenbrauen hob und einen vorsichtigen Blick in die Runde warf, als ob sie befürchtete, die Klingentänzerin könnte
ebenfalls im Schankraum sein. »Korva?«, fragte sie
rhetorisch und lehnte sich vor.
»Die hatte an diesem Abend einen
Anfall von Rechtschaffenheit und versuchte tatsächlich, an das
Gewissen der Nachthändlerin zu appellieren.«
Ein betretenes Schweigen legte sich über den Tisch. Selbst
Rugelsons Gelächter verstummte, und der lange Joon nutzte die
Stille, um wieder einzusetzen: »Pferdepisse!“ rief er,
seine Stimme hallte durch den Raum. »Selbst wenn ich dir glauben
würde, dass jemand im Futtersack behauptet,
für den Sheriff zu arbeiten – und das tue ich nicht –, dann wäre
Knochenherz die mit Abstand letzte Person,
der man sowas ins Gesicht sagt! In gewisser Hinsicht ist
sie noch gefährlicher als der Fette Mann!«
Er senkte die Stimme, lehnte sich verschwörerisch über den Tisch und flüsterte: »Es sei denn, du hast einen ehrlichen Wunsch zu sterben. Dann bist du natürlich an der richtigen Adresse und findest dich schneller am Grund des Hafenbeckens, als du 'Pferdepisse' sagen kannst.«
Die Tätowierte nickte langsam, und Kori blickte sie ernst an. »Und du?« fragte sie schließlich. »Was hast du gemacht?«
Die Schwarzhaarige nahm einen weiteren guten Schluck, bevor sie antwortete: »Was denkst du, was ich gemacht habe?« Ein Schatten zog über ihr Gesicht. »Ich habe mich an die Theke gesetzt und getrunken und Knochenherz einen Rum nach dem anderen gebracht, damit die Situation nicht völlig eskaliert.«
Sie lehnte sich zurück und seufzte tief. »Korva und ich haben an diesem Abend vermutlich einiges von unserem Ruf bei Port Grims Unterwelt eingebüßt, darauf verwette ich meinen letzten Sold. Wir können nur hoffen, dass Knochenherz am Ende des Abends so betrunken war, dass sie sich am nächsten Morgen nicht mehr an unseren Auftritt erinnert.«
Rugelson, der inzwischen wieder genug Luft hatte, keuchte: »Unwahrscheinlich, aber klar, Hoffen kann man kann - ist nichts schlechtes.« Rugelsons irgnorierte das tödlich blitzen in den Augen der Tätowierten und fragte »Habt ihr schon nachgesehen, ob der alte Hemlock im Hafenbecken treibt?«
»Hä?« die Schwarzhaarige runzelte die Stirn. »Warum sollte der nutzlose alte Ordnungshüter bei den Fischen liegen?« lallte sie, etwas begriffsstutzig. Sie spürte, dass ihre Worte, dem Rum sei dank, nicht ganz klar klangen, aber die anderen würden schon verstehen, war ja nicht der erste Abend den sie hier zusammen saßen.
Rugelson lehnte sich geheimnisvoll vor, die anderen Gäste des Rostigen Drachen hingen nun auch gespannt an seinen Lippen. »Wegen des Mare Internum, dem Pakt mit dem Gezeitenarchipel«, flüsterte er. »Regel 1 Die Häuser und der Sheriff von Port Grim betreten den Futtersack nicht, Regel 2 niemand mischt sich in die Geschäfte des Futtersacks, Regel 3 ...«
»Als ob´s
den Fetten Mann kümmern würde«, unterbrach der lange Joon seinen Tischgefährten Rugelson spöttisch.
»Ahhhrggg«, fuhr die
Schwarzhaarige dazwischen »jetzt glaubst du mir auf einmal doch
- du alte Pissflitsche!«
»Einen Dreck
glaub ich« erwiderte Joon und Ruegelson fuhr, die Streitigkeit ignorierend fort,
»Nein, ich glaub auch nicht, das es
den Fetten kümmert«, dann senkte er die
Stimme, »aber die Nachthändlerin kümmert
sich um die getroffenen Abkommen und
wenn sie es ist, die sich kümmert, dann
kümmert sie sich.« Während Rugelson das gesagtemit einem Zwinkern in Richtung Joon unterstrich, fuhr er sich dramatisch mit dem Finger über den Hals. »Sie hat ihren Namen ja
nicht wegen ihrer Herzensgüte bekommen.«
»Und ihr habt das überlebt?« fragte eine neugierige Stimme aus der Menge, die sich inzwischen um den Tisch gebildet hatte. »Bei den Göttern, Jazzra Knochenherz! Es ist, wie er da sagt« – der Fremde deutete auf Rugelson – »die Nachthändlerin ist nicht gerade für ihre Nachsicht bekannt, das weiß doch jeder, der sich in Port Grim rumtreibt.«
Die roten Augen der Tätowierten verdrehten sich genervt, bevor
sie trocken erwiderte: »Ja, wir haben überlebt –
offensichtlich. Mit mehr Glück als Verstand, das ist klar.« Sie nahm einen erneuten Schluck und fuhr fort: »Ein paar zusätzliche
Gläser Rum für Knochenherz, eine letzte Gunst des Fetten Mannes –
die jetzt wohl endgültig aufgebraucht sein dürfte – und...« Sie
hielt kurz inne, runzelte die Stirn und fluchte leise, als ihr der
Name entfiel. »Verdammt, wie hieß der Gnom noch? Zappie?
Zuppie?« Sie seufzte. »Egal. Jedenfalls hat der kleine
Drecksack mit seinem Ablenkungsmanöver das Blatt für uns zum
Guten gewendet.«
Bree, ebenfalls gut angetrunken, hob ihre schwankende Hand. »Was bei
Besmaras heiligem Fässchen hat dich überhaupt in den Futtersack
getrieben?«
Die Schwarzhaarige lehnte sich leicht vor und ließ ihren Blick
verschwörerisch durch die Taverne schweifen, während sie ihre
Stimme so weit senkte, dass die nahestehenden Zuhörer die Ohren
spitzen mussten. »Wir waren auf den Spuren eines Mordes,“
flüsterte sie, »und am Ende dieser Spur wartete der finale
Kampf mit dem Brecher und seiner liebeskranken Managerin
auf uns.«
»Wie, was Brecher?“ Rugelson runzelte die Stirn und probierte eins und eins zusammen zu zählen. Sichtlich verwirrt dreinblickend fragte er. »Der Brecher? Dieser riesige Schlägertyp? Der von der Südmeer-Handelskompanie? Der ist doch tot!«
Die Schwarzhaarige nickte, ein düsteres Lächeln umspielte ihre Lippen. »Genau«, flüsterte sie. Das Schweigen das folgte unterstrich die sich aufbauende Spannung.
Der lange Joon schien, mit einem weiteren lauten Kommentar die Stille durchbrechen zu wollen. Er hob die Hand, doch die Schwarzhaarige war schneller. Mit einer fast schon beiläufigen Handbewegung, als hätte sie nur darauf gewartet, formte sie ihre Finger zu einer seltsamen Geste. Bevor Joon auch nur den Mund öffnen konnte, formte sich um seinen Kopf eine schimmernde Kugel aus Wasser. Er riss die Augen auf und schnappte wie ein krondorischer Karpfen nach Luft, als das Wasser ihn erstickte.
»Du hörst jetzt verdammt noch mal zu«, knurrte die Schwarzhaarige gefährlich, ihre Stimme senkte sich für einen Bruchteil zu einem tiefen Grollen, »oder du verpisst dich.« Mit einem weiteren Fingerwisch ließ sie den Zauber so schnell fallen wie er entstanden war. Der Schreckmoment, dauert keine drei Herzschläge, trotzdem spuckte der lange Joon Wasser und röchelte nach Atem, während er fluchend nach seiner Stimme suchte. Die Umstehenden starrten mit großen Augen auf die Szene, von dem plötzlichen, magischen Schauspiel wie gebannt.
Einige der Zuhörer tuschelten, doch die Schwarzhaarige widmete ihnen keine weitere Aufmerksamkeit. Sie nahm einen Schluck Rum, dann fuhr sie fort, ihre Stimme wieder ruhig und kontrolliert, während der lange Joon keuchend an seinem Krug nippte.
»Ja, der Brecher ist tot«, wiederholte die Schwarzhaarige düster, »aber die Liebe einer Wahnsinnigen hat ihn zurückgeholt – oder zumindest schien es uns zu diesem Zeitpunkt so.«
Sie ließ die Worte einen Moment in der stickigen Luft des „Rostigen Drachen“ hängen. »Der Kerzenmacher und seine Tochter...« Sie schauderte kurz und zupfte an ihrer zerschlissenen Kleidung. »Sie wurden auf eine Weise ermordet, die man niemandem wünschen würde. Und diese Spur führte uns direkt zu Anabel, der netten Fleisch Fachverkäuferin, aus unserem Viertel.«
Ein unbehagliches Murmeln ging durch die Runde, als die Zuhörenden das gehörte verdauten. Die Schwarzhaarige erzählte knapp von den Ereignissen der letzten Nacht – den Schatten, denen sie gefolgt waren, und den schaurigen Hinweisen, die sie zusammengeführt hatten. Ihre Finger spielten nervös mit einer eingerissenen Naht an ihrem Ärmel, als sie weitersprach.
»Es führte uns schließlich in den Gürtel«, erklärte sie, »wage Quellen behaupteten das Anabel eben dort zu finden sei.«
Die Zuhörenden verstummten. Einige der Anwesenden schluckten schwer, als der Name des berüchtigten Viertels fiel. Der Gürtel – Port Grims heruntergekommenstes und gefährlichstes Bezirk – war ein Ort, den man selbst im Hellen mied. Die Schwarzhaarige sah in die Gesichter der Umstehenden und bemerkte, wie ihnen schon allein der Gedanke an diesen Ort Unbehagen bereitete.
»Ja, das dachte ich mir,“ sagte sie mit einem bitteren Lächeln. »Und um ehrlich zu sein, der Gürtel ist schlimm, wesentlich schlimmer, als ich erwartet hatte.« Sie hielt kurz inne, ließ ihren Blick durch die Menge wandern und fuhr dann mit leiser, mit rauchiger Stimme fort, »Mir war nicht klar, wie sehr sich der Gürtel verändert hat, seit dem der Himmel die Farbe der Träume angenommen hat. Die Verstoßenen – die körperlich entstellt und seelisch verwahrlosten – haben sich dort zusammengerottet. Ich habe Dinge gesehen... Auswüchse und fleischliche Veränderungen, die mir immer noch das Würgen in die Kehle treiben, wenn ich daran denke.«
Die Schwarzhaarige spuckte scharf auf den Boden, als wollte sie den bitteren Geschmack der Erinnerung loswerden. »Und der widerwärtigste Ort in diesem Sumpf des Elends?« Ihre Stimme wurde düster.
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| Der Turm |
»Um überhaupt hineinzukommen, mussten wir mit einem Oger namens Guido kuscheln.« Ein kollektives Keuchen ging durch die Zuhörer, als sie sich vorstellten, dass ein Oger inmitten der Stadtmauern von Port Grim hausen könnte. Der lange Joon schnaubte und brachte ein leises »Pferdepisse!« heraus – verstummte jedoch sofort, als die Tätowierte ihn mit einem finsteren Blick maß.
»Wir suchten nach Srulem und Srulec«, fuhr sie fort, »zwei verruchte Gesellen, die sogar unter den verkommenen Bewohnern des Turms als besonders verabscheuungswürdig galten. Aus verlässlicher Quelle wussten wir, das diese beiden eine Verbindung zu Anabell hatten. Es dauerte eine widerwärtige Ewigkeit, bis wir die beiden im Labyrinth des Turms aufgespürt hatten und eine weitere, bis wir eine zufriedenstellende Übereinkunft mit ihnen ausgehandelt hatten. Aber am Ende hatten wir die Informationen, die wir brauchten.« Die Schwarzhaarige lehnte sich vor und sprach mit verschwörerischer Stimme weiter. »Wir kannten den Aufenthaltsort der wahnsinnigen Fleischerin und ihres nicht mehr ganz so lebendigen Liebhabers.«
Die Tätowierte Erzählerin ließ ihren Blick langsam durch die Runde schweifen, als wolle sie sicherstellen, dass jeder ihrer Zuhörer die Bedeutung ihrer Worte begriff. »Es sollte niemanden hier überraschen«, fuhr sie leise fort, »dass wir auch Anabel in dem verdammten Turm, der Kloake des Abgrunds, fanden. Andere Etage, anderer Flur, anderes Zimmer aber die gleichen ausgemergelten Gesichter und resignierten Augen die unseren Weg dorthin beobachteten.« Sie seufzte, ihre Hand glitt über den abgewetzten Seemantel, der mit Talismane und Fetischen behangen war.
| Anabel die Schöne Fleischerin |
»Ich hatte bereits erwähnt, dass wir ins Herz des Aborts vorgedrungen waren. Doch wie fehl am Platz wir hier wirklich waren, sollten wir erst in den kommenden Minuten begreifen.« Sie hielt inne und strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht, bevor sie weitersprach: »Ich hätte es merken müssen, als meine Hexenkunst wiederholt versagte und ich mir wie Motte vorkam oder spätestens als der Brecher, der in Anabels Räumlichkeiten auf uns lauerte, in bedenklich kurzer Zeit mehre schwere Treffer gegen Hartmut landete, dass dieser kaum noch in der Lage war, seinen Heiltrank selbst zu sich zu nehmen.«
»Korva, die versuchte, Anabel davon zu überzeugen, dass es nicht die Gesellschaft war, die ihren Geliebten umgebracht hatte, eilte schließlich Hartmut zur Hilfe, wohlwissend das sich Anabel von uns nicht überzeugen ließ. Ich verwandelte mich Währenddessen in eine mit Besamars Wut gefüllte Woge aus Wasser und stürzte mich auf Anabel.« Sie machte eine kurze Pause, ihre Augen verengten sich. »Wir hatten diese Anschuldigungen schon gehört – dass die Gesellschaft angeblich für den Tod des Brechers verantwortlich sei.“
»Wart ihr das nicht?« fragte plötzlich eine unbekannte Stimme aus der Menge. Eine andere folgte: »Ja, ich habe das auch gehört.« Selbst der lange Joon nickte zustimmend. »Euer Echsenmensch soll seine Augen gefressen habe«, murmelte er.
Die Schwarzhaarige stockte und sah die Menge scharf an. »Woher kommen diese Gerüchte?« fuhr sie auf. »Wer bei Besmaras Zorn und Lysianassas Atem streut solche Lügen?« Ihre Augen blitzten, doch die Anwesenden wichen ihrem Blick aus, keiner wagte es, ihr direkt ins Gesicht zu sehen. Sie kniff die Augen zusammen. »Interessant« , murmelte sie, »die Gesellschaft wird dem nachgehen müssen. Das klingt sehr nach inszeniertem Gassengerede.« In Gedanken versunken, nickte sie leicht. »Ich werde dem Feenkätzchen einen Besuch abstatten. Ein kleines Gespräch mit Kaye Tessarani hilft mir hier vielleicht Zusammenhänge zu verstehen.«
Sichtlich verärgert über die Unterbrechung ihrer Erzählung, setzte die Tätowierte wieder an: »Wie gesagt, ich verwandelte mich in eine tobende Woge aus Wasser und stürzte mich auf die wahnsinnige Metze. Der untote Brecher, der seine Geliebte vor mir schützen wollte hatte Mühe, meiner Wassergestalt Habhaft zu werden. Doch Anabel, die Fleischerin, ging mit ihrem Beil auf mich los, getrieben vom Wahnsinn einer Liebenden die ihr Nest verteidigen wollte.« Sie machte eine kurze Pause, als ob die Erinnerung sie noch immer beschäftigte. »Ich habe in meinem Leben schon viele Kämpfe gefochten, doch nie habe ich eine Gegnerin so sehr unterschätzt wie Anabel.«
»Wie bereits erwähnt, versagten meine magischen Künste im
Turm auf erschreckende Weise«, fuhr sie leise
fort, »und ich dachte kurz an meine junge Freundin Motte.
Vielleicht war es auch für mich an der Zeit, einen anderen Weg
einzuschlagen.« Ihre Stimme stockte, und die Spannung im Raum
war greifbar. Die Zuhörer hingen förmlich an ihren Lippen. »Vielleicht ist das Gewebe der Magie in dieser
Zeit zu instabil, wie die Gezeitenhexen es sagen, zu
unberechenbar, um es zu formen.«
Sie hielt inne, ihre Augen
verengten sich, als sie sich an die Situation erinnerte. »Dann
schollt ich mich närrisch. Ich hatte nicht aufgepasst und Anabel völlig unterschätzt. Die Fleischerin führte
einen Angriff, so unheilig und voller Inbrunst,
dass sie meine Wassergestalt mit einem einzigen Schlag zerschlug und die Schwärze der Tiefsee mich verschlang.«
Mit einem hörbaren Atemzug setzte die Tätowierte erneut an und
erzählte, was folgte: »Inmitten all dessen zeigte
Hartmut, der Zwerg, sein wahres Potenzial. Man mag über seine
Menschenkenntnis spotten, aber wenn jene bedroht werden, denen er
sich verbunden fühlt, erwacht etwas in ihm, vor
der sich auch Alpträume fürchten sollten. Geheilt und von
zwergischer Wut erfasst, griff Hartmut Wurzel den
untoten Hünen mit einer Hingabe an, die ihresgleichen sucht.«
Die mandelförmigen Augen der Schwarzhaarigen leuchteten in einem
dunklen Glanz, als sie von Hartmuts Zorn erzählte. »Und Korva,
die Klingentänzerin - Wer jemals ihre Gefährlichkeit angezweifelt
hat, hätte den Reigen ihrer Klingen
sehen müssen, welcher auf den wandelnden Toten
niedergingen.«
Die Hände der Erzählerin wirbelten durch die Luft, als würden sie das Geschehen selbst wieder aufleben lassen. »Dann fuhr eine Klinge direkt in die grün leuchtenden Augen des Ungeheuers, und mit einem Zischen entwich die unheilige Energie aus dem Untoten und er sackte da nieder. Noch während der Brecher seinen Weg zum Ewigen Gleichmacher antrat, wurde Anabel vom Wahnsinn ihres erneuten Verlustes überwältigt. Sie schrie, fluchte und stürzte sich in ihrem Wahn und zu unserer Überraschung selbst aus dem Fenster.«
Die Stimme der Schwarzhaarigen wurde leiser, als sie Anabels letzten Worte wiederholte: »'Sie haben gesagt, er würde ewig leben. Niemand könne ihm etwas anhaben.'« Ein Schauder lief durch die Menge, während ihre Worte den Raum erfüllten. »Dann hörten wir dieses widerliche Klatschen... und später, als wir aus dem zerbrochenen Fenster blickten, sahen wir Anabels zertrümmerten Körper seltsam verdreht am Fuß des Turmes liegen.«
Eine bedrückte Stille breitete sich aus. »Der Brecher Ruht nun in Frieden, und Anabel, die Mörderin der Kerzenmacher, ebenso. Dennoch stellt sich hier eine dringliche Frage.« Sie ließ ihren Blick durch die Runde wandern, hielt in jedem Gesicht kurz inne, als suchte sie nach einem Zeichen. »Wer sind Sie?« Die Frage hing wie ein Messer in der Luft und die Schwarzhaarige faste das für sie offensichtliche zusammen »Sie, die Anabel ihren Geliebten zurückgegeben haben. Sie, die ihr aufgetragen haben, die grünen Augen der Kerzenmacherin zu stehlen. Und Sie, die den Namen der Gesellschaft in den Gassen von Port Grim mit Lügen beschmutzen. Ein Schelm, der glaubt, hier wäre nur der Zufall am Werk.«
Juri lag in ihrer Dachkammer unter dem First des Rostigen Drachens und starrte auf die dunklen Balken über ihr. Es war knapp gewesen, knapper als jemals zuvor. Anabels Fleischerbeil hätte beinahe ihren Lebensfaden durchtrennt. Sie hatte sich selbst überschätzt, ihrer Wasserform mehr zugetraut und die Fleischerin sträflich unterschätzt – ein beinahe tödliche Lektion. Und das alles für gerademal 200 Goldstücke, die sie mit Hartmut ausgehandelt hatte. Niemand hatte von ihr verlangt, ihr Leben zu riskieren, aber sie hatte es trotzdem getan. Beim nächsten Mal würde sie vorsichtiger sein – und besser verhandeln.
Immerhin, das Geld für ihren Unterschlupf war verdient. Juri hatte mit der Wirtin des Rostigen Drachens eine gute Übereinkunft getroffen: Sie hatte die alten Dachkammern gegen einen fairen Preis gepachtet und war dabei, sie nach ihren Bedürfnissen herzurichten. Das Angebot der Gesellschaft, im Haus der Abenteurer zu wohnen, hatte sie dankend abgelehnt. Sie wollte unabhängig bleiben. Die Gesellschaft konnte ihre Dienste gegen Gold kaufen, so wie andere auch - mehr aber nicht. Juris Herz und Loyalität gehörten einem anderen „Zirkel“, weit draußen im Gezeitenarchipel.
Sie warf einen Blick aus dem kleinen Fenster in den violetten Nachthimmel und nahm einen letzten tiefen Schluck Rum. Es war Zeit, sich den Alpträumen zu stellen.

