Die unendliche Bibliothek

Author: Nils /

 Die ewige Bibliothek

Keuchend standen wir über den Überresten Mokmurians. Wieder einmal war es deutlich zu knapp gewesen - auf Dauer musste das aufhören mit dieser Monsterschlachterei. 

„Hoffentlich hat der nicht wieder einen Brief seines Chefs dabei ...“ Murmelte Akbash. 

Bei diesen Worten zuckte Mokmurians Körper noch einmal und seine Augen öffneten sich. Sein Gesicht verzog sich zu einem sardonischen Grinsen, und irgendwie wußte ich, das wir nicht mehr mit dem Steinriesen sprachen.

„Das sind also die Helden dieses Zeitalters. Ihr seid nichts als Würmer für mich. Würmer, die die Armeen von Xin-Shalast zurück in die Erde treten werden, wenn ich sie erweckt habe. Wenn der Name Karzoug wieder mit Grauen und Ehrfurcht geflüstert wird. Wisset, das der Tod all jender, die das Sihedron tragen, meine Rückkehr beschleunigt hat! All die Oger, all die Riesen, sogar die Drachen - all das nährt meine unvermeidliche Rückkehr.

Narren, ist das alles, was ihr in zehntausend Jahren zustande gebracht habt? HAHAHAHAHAHA“ und mit diesem Lachen begann Mokmurians Körper zu zerfallen, als hätte diese Besessenheit ihm mehr als nur seine Seele entzogen. 

„Das du auch nie deine große Klappe halten kannst“, grummelte Heidrun und schubste Akbash unwirsch. 

Erschöpft rieb ich mir über die Wangen. „Immerhin hat er recht, diesmal kein Brief. Ist doch schön, dass dieser Karzoug uns mal persönlich kontaktiert.“ Ich blickte zu Joachim und Mel. „Xin-Shalast? Sagt das jemand was?“ 

Mel rieb sich den Bart. „Gehört habe ich das schon mal. Quink erwähnte den Namen bei einem unserer Gespräche. Eine verlorene Stadt? Auf jeden Fall theranisch, kein Zweifel.“ 

Wir vertagten die Besprechung und Joachim und Aurelia versorgten die Verwundeten. Danach machten wir uns auf die Suche nach einem Ausgang, der nicht wieder durch irgendwelche irrsinnigen Dimensionsverzerrungen führen würde und stießen auf - 

„Eine Bibliothek ...“ Joachims Stimme war noch nie von solcher Ehrfurcht erfüllt gewesen wie in diesem Moment. Bibliothek war wahrlich ein Wort, das die Größe diese Bauwerkes nicht umfasste. Es war ein beinahe 30 Meter durchmessender Schacht, der ringsum angefüllt war mit Büchern, Folianten, Schriftrollen und anderen - und sich nach oben wie unten bis weit außerhalb unserer Sicht ausbreitete. 

Ein Rattern und Klimpern schreckte uns auf, und eine merkwürdige, dreibeinige Gestalt aus Metall, Draht und Glas torkelte auf uns zu. Rauch stieg von ihrem Rücken auf und eine schwarze Flüssigkeit tropfte von einem spitz zulaufenden Arm, der über einem Buch zitterte.

„Welches Buch wünscht ihr zu studieren? Zur Zeit sind  24,491Bände,

Schriftrollen, Pamphlete und ungebundene Manuskripte verfügbar. Geben sie bitte ihren Wunsch nach Autor, Titel, Thema oder Datum der Beschaffung in der ewigen Bibliothek an!“

Ich will den aufmerksamem Lesern nicht mit den Details unserer Recherchen hier aufhalten. Es sei genug damit gesagt, das wir einige Informationen über das theranische Imperium, die Runenherrscher, das Reich Shalast und die Stadt Xin-Shalast sammelten. Zu unserer Frustration erwies es sich als völlig unmöglich, etwas aus der Bibliothek zu entfernen. Welche Magie auch immer die Werke hier absicherte, erstreckte sich nicht über die Schwelle, und alles, was wir entfernen wollten, wurde zu Staub. Ich glaube, Mel vergoss eine seltene Träne, als ihm das klar wurde, und wir mussten ihn gewaltsam von dort entfernen.

Aber wir hatten immer noch diverse Probleme zu lösen - in Form einer Armee aus Ogern und Steinriesen! Zwar war der Kopf dieser unheiligen Allianz abgeschlagen, aber jetzt galt es mit Conna und Teraktinus das weitere Vorgehen zu besprechen. 

Die weise Frau der Steinriesen zeigte sich beeindruckt, dass wir es tatsächlich geschafft hatten, Mokmurian zu besiegen. Und wie es sich für eine weise Frau gehört, hatte sie tatsächlich einen Plan. 

Um die Oger loszuwerden reichte es, die Drann’Gur auszurufen. Eine zweitägige Fastenzeit zu Ehren des Herrschers. Während dieser Zeit würden dann geschickt Gerüchte über einen Fleischhort unter der Kontrolle des Gottschlächters gestreut werden. Das sollte reichen, um die Oger in eine Raserei zu versetzen und sie in einen Konflikt mit dem Gottschlächter selbst zu bringen. Es war zweifelhaft, das sie dem Monster etwas anhaben konnten, aber keine der Seiten würde kampffähig oder willig aus so einer Konfrontation heraus kommen. 

Die Steinriesen würden sich ob dieser Nachrichten mehr als zufrieden geben, dem Alabasterlied zu lauschen, das sie zurück ihn ihren äonenlangen Schlaf versetzen würde. 

Mit welchen Ziel, bleibt mir weiterhin unklar, aber Steinriesen denken in anderen Zeiten als wir Menschen. 

„Auf jeden Fall werdet ihr, als unsere Retter, eine Strophe im Alabasterlied erhalten. Eure Tat wird von keinem Kind der Steine vergessen werden.“ 

Zudem konnte sie uns noch erklären, das der Grund für Mokmurians Angriff auf Port Grim wohl damit zu erklären war, das unter der Stadt, unter den Ruinen des Höllenfeuerturms, wohl der Schlüssel zu etwas verborgen liegt, das sich Runenschmiede nennt. Nach dem, was wir über die Kriegsmaschinen des theranischen Imperiums gelernt hatten, jagte uns das einen üblen Schreck ein. 

Jeka, die wahnsinnige T’skrang Leibwächterin, erfüllte ihren Teil der Abmachung und fühte uns durch das monsterverseuchte Labyrinth in den Tiefen von Jorgenfaust zum Wyvernfluss. 

Dann bin ich mir immer noch nicht sicher, ob wir alle gemeinsam einen verrückten Traum hatten oder ob wir wahrhaftig all unsere Erlebnisse nach dem Tod von Mokmurian noch einmal durchlebten - nur, ohne diesmal Bücher aus der ewigen Bibliothek zu entwenden. Sicher ist nur, das nach diesem Erlebnis keiner von uns Interesse daran zeigte, jemals wieder dorthin zurückzukehren.