bis nach Drachenfall 2v3

Author: Sventasie /

 Teil 2: DAS HEER AM HERBSTWALD

Eberhard Brettschneider legte seine Notizen beiseite und trat vor die Tür des Gutshauses. Seine Gefährten waren zurückgekehrt – und die Kunde, die sie brachten, war beunruhigend, bedrückend. Es war nicht das erste Mal, dass ihnen derlei Unheil entgegenschlug, seit sie das Tal von Drachenfall betreten hatten.

Schon bei ihrer Ankunft spürten sie, dass hier etwas nicht stimmte. Die Felder, die sie von den Hängen über dem Tal aus gesehen hatten, schienen im ersten Augenblick in gutem Zustand. Doch bei näherem Hinsehen entdeckten sie beunruhigende Details: Die Maiskolben waren überreif, von schwarzen Flecken bedeckt, ihre Körner teilweise herausgefallen und von Nagern zerfressen. Wildkräuter überwucherten das Ackerland, und der süßlich-säuerliche Duft faulender Erntefrüchte mischte sich mit dem modrigen Geruch von Verfall. 

Über die Felder zog sich eine Schicht verrottender Früchte und Körner, als haben die Bewohner kurz vor der Ernte entschieden, diesen Ort aufzugeben. Gleiches galt für das alte Gehöft, welches sie zu ihrer Unterkunft gemacht hatten. Es war leer und verschlossen gewesen, nichts deutete auf einen Überfall oder panische Flucht hin.

Auf den Feldern hatten Tiere  sich das Überangebot zunutze gemacht: Wildschweine wühlten sich gierig durch die Überreste, während gewaltige Rattenschwärme sich an dem bedienten, was die Felder hergaben. Diese Massen an Ratten veranlassten Akbash, zu der Annahme, dass womöglich die Skaven – jene niederträchtigen Rattenmenschen die im Imperium verleugnet wurden – das Tal heimgesucht hatten.

Und nun das. Ihr Spähtrupp – Heidrun und Aurelia an der Spitze – war vorsichtig durch den lichten Bergwald im Südwesten des Tals geschlichen, über die sanften Hügel, die in den dichten Bäumen verborgen lagen. Vom Eingang des Tals aus hatte Heidrun Rauchschwaden aufsteigen sehen, und Erasmus, Eberhards alter Freund und Gefährte, hatte sie gedrängte , die Quelle des Rauchs zu erkunden. Die Freude über den goldenen Herbstwald, dessen Blätter in Rot- und Gelbtönen glühten und an die Heimatwälder des Imperiums erinnerten, verflog schnell, als Aurelia mit besorgtem Gesicht die Entdeckung schilderte.

Hinter dem prächtigen Laubwerk des Waldes erstreckte sich eine Zeltstadt – ein gewaltiges Lager, das sich vom südlichen Rand des Tals bis an das Ufer des Sees erstreckte. Auf der Ebene jenseits der Bäume war ein regelrechtes Chaos aus Behausungen unterschiedlichster Art und Herkunft entstanden: bunte Stoffzelte neben robusten Lederkuppeln und Hütten aus Holz und Knochen. Rauchschwaden von zahllosen Feuerstellen zogen träge in den Himmel, während Aurelia in der Ferne die Silhouetten unzähliger Gestalten erblickte. Dort scharten sich Menschen, Zwerge, Gnome, Orks, Hobgoblins – ja, sogar gewaltige Riesen, schemenhaft gegen den Horizont sichtbar.

Ein lautstarker Teppich aus Stimmen, Gelächter, geschrienen Befehlen und wildem Gesang hing über dem Lager. Es wirkte wie ein Treffpunkt für Abenteurer, Händler, Gelehrte, Glücksritter und Mystiker, vermischt mit Stammeskriegern, Kultisten, Ordensleuten und Söldnern aus den entlegensten Winkeln der bekannten Welt.

Doch das, was die Gefährten wirklich erschütterte, war das Banner, unter dem dieses Heer vereint war. Es zeigte einen goldenen Pfad, der sich über blutroten Grund wand und in ein Symbol mündete, das ihnen in den letzten Jahren wiederholt begegnet war: die Rune der Gier. Ein Zeichen, das neben dem  Sihedron der Runenherrscher der Gier für sich und sein Reich beansprucht hatte.

Diese Entdeckung war mehr als ein dunkles Omen; sie bargen eine drohende Gefahr. Bisher hatten sie nur einen flüchtigen Blick auf das Heer geworfen und sich dann zurück gezogen. Zwar gab es die Einschätzung das eine Infiltration nicht sonderlich schwierig sein sollte, trotzdem stellte sich die Frage in wie weit etwaige Erkenntnis einen Vorteil brachten und ob es nicht klüger wäre Drachenfall und jene die irgendwie ihren Weg hierhin gefunden hatten schnell hinter sich zu lassen. Das war etwas was sie nochmal diskutieren mussten.


Auch die Stadt Drachenfall selbst gab den Gefährten mehr als nur ein Rätsel auf. Eberhard grübelte bereits, wie er all das zu Papier bringen könnte, doch eine klare Idee wollte sich noch nicht formen. Für den morgigen Tag hatten sie geplant, die Archive der Schwarzfels-Minengesellschaft „zu besuchen“. Camnia hoffte, dort Dokumente ausfindig zu machen, die fast achtzig Jahre zurückreichten und Hinweise auf den alten Claim ihrer Familie enthielten. Eberhard wollte diesen Besuch noch abwarten und sich dann mit Erasmus zusammensetzen, der ihm vielleicht helfen konnte, die Geschehnisse und Besonderheiten der Stadt besser zu verstehen.