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Kalte Bergwinde schlugen uns ins Gesicht, als wir aus dem Nebel traten, den die Vistani heraufbeschworen hatten. Die milden Temperaturen und die lieblichen Strände mit ihren kristallklaren Buchten lagen nun weit hinter uns. Stattdessen fanden wir uns auf einem schroffen Felsplateau wieder, mit Blick auf ein atemberaubendes Bergtal. Dessen nördliche Hälfte wurde fast vollständig von einem tiefblauen See eingenommen.
An den Ufern des Sees erhob sich eine wilde, ungezähmte Bergwelt, unnahbar und majestätisch. Im Nordosten war das Land von scharfkantigem Vulkangestein, grauschwarzen Aschefeldern und glühenden Magmaadern durchzogen – ein schroffer, karger Anblick. Im Südwesten hingegen leuchtete ein lichter Wald in den warmen Farben des Herbstes. Die Baumkronen wiegten sich sanft im Wind, der von den Berghängen herabströmte. Diese Landschaft weckte in uns nostalgische Erinnerungen an unsere Zeit im Imperium. Wie lange schon hatten wir im immergrünen Marascasar keine Jahreszeiten mehr erlebt?
So beeindruckend das Panorama auch war, es verblasste neben dem Anblick, der sich uns im Zentrum des Tals bot. Dort lag Drachenfall der letzte Außenposten der Zivilisation wie Camina ihn nannte. Eine Stadt, erbaut in den monumentalen Überresten eines gefallenen Drachen von, und ich kann es nicht anders beschreiben, göttlichen Ausmaßen. Camina, die diesen Ort bereits einmal besucht hatte, erklärte mir, dass die Legenden hier behaupteten, es handele sich um das Skelett des ersten Drachen, der in einer Zeit auf diese Welt kam, als die Götter noch jung waren.
Die groteske Architektur der Stadt schmiegte sich in die Schatten dieses gewaltigen Gebeins, dessen riesige Wirbel und Rippen wie gigantische Säulen und Torbögen über die Gebäude emporragten. Die Knochen erstreckten sich wie Brücken über die Straßen; der Schädel des Drachen ruhte nahe am Wasser, während seine Wirbel einen gewaltigen Torbogen über dem Hafen formten. Die Gebäude wuchsen förmlich um die knochigen Überreste, und einige der imposantesten Knochen dienten als Stützpfeiler für verschiedene Bauwerke.
Trotz der wilden Erscheinung zeugten das wohlgepflegte Stadtbild und die fruchtbare Landschaft, die sich vom Fuß des Plateaus bis hin zu den Seeufern erstreckte, von einem blühenden und wohlhabenden Land.
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Eberhard hob den Blick von seinem Eintrag. Das war der einfache Teil gewesen – die Beschreibung des Ortes, die Landschaft. Doch wie sollte er festhalten, was nun folgte? Wie konnte er die zahlreichen Ungereimtheiten erklären, die mit den unbestellten Feldern und den verlassenen Gehöften begonnen und sich in der seltsam verlassenen Stadt fortgesetzt hatten?
Die Stadt war leer und still, ein bedrückender Kontrast zu den lebendigen Erzählungen, die Camina über diesen Ort gemacht hatte. Es gab keine Anzeichen einer Flucht in Panik und keine Spuren von Gewalt – selbst das Heer, das nur zwei Kilometer entfernt lagerte, hatte es vermieden, in die Stadt einzuziehen. Stattdessen bevorzugte das Sammelsurium aus Glücksrittern, Händlern und Soldaten, die dem Ruf Karzougs gefolgt waren, zumindest gingen sie derzeit davon aus, die unbequemen Lager in ihren Zelten. Auch Plünderungen schienen hier nicht stattgefunden zu haben. Je weiter sie in die Stadt vordrangen, desto stärker wurde das Gefühl, als wäre der Ort nur Augenblicke vor ihrer Ankunft verlassen worden.
Als Erasmus, (ehem. Joachim), begann, den Ort mit Hellsichtzaubern zu durchleuchten, schien es so als könne der Magier mit dem was er sah auch nicht viel mehr anfange. Eberhard erinnerte sich genau an Erasmus' Erklärung. Mystische Kraftlinien, die normalerweise ein gleichmäßiges Muster bildeten, waren hier verzerrt und schwankend – sie pulsierten unregelmäßig und ließen eine unnatürliche Energie erahnen. Am beunruhigendsten fand sein Freund jedoch die schattigen schlieren arkaner Energie, die dem ansonsten klaren Leuchten der Ley-Linien anhafteten. Eberhard begriff nicht wie, aber Erasmus meinte zu erkennen, das dieses unnatürliche Flimmern aus düsterem Violett floss wie ein Fluss aus den fernen Bergen in Richtung des Tals pulsierte. Die Gebeine des Drachens hingegen, schienen eigne Kraftlinien zu erzeugen, was nach Erasmus Verständnis ebenfalls unmöglich sein sollte. Von den Knochen ging ein kristallenes Funkeln aus, das die gesamte Stadt durchzog.
Erasmus' Erkenntnisse sollten in den kommenden Tagen durch zahlreiche seltsame Beobachtungen ergänzt werden: In den Häusern brannten Herdfeuer ohne Holz zu verbrauchen, erloschen und flammten plötzlich wieder auf. Wasser, das aus einem Brunnen fließen sollte, schwebte eigenartig in der Luft. Gegenstände hingen still und schwerelos, nur um dann plötzlich herunterzufallen, und verderbliche Lebensmittel verrotteten und regenerierten sich vor ihren Augen. Kerzen entzündeten sich wie von Geisterhand, erloschen und brannten wieder.
Auch Mels Interesse war durch die Vorkommnisse geweckt worden, er experimentierte mit Objekten, die er an sich nahm und willkürlich durch die Gegend warf – nach einer Weile, die niemals von gleicher Dauer war, kehrten alle Objekte an ihren Ursprungsort zurück. Zunächst schien es so als wären Gegenstände von außerhalb der Stadt nicht von dem Phänomen betroffen. Am nächsten Tag waren die Objekte jedoch alle Verschwunden.
Die Entscheidung, sich außerhalb der Stadt in einem verlassenen Gutshof ein Quartier zu suchen, erschien im Nachhinein wie eine Fügung des Schicksals. Die Stadt schien Besucher, die eine bestimmte Zeit in der Stadt verweilten, unweigerlich in das bizarre Netz dieser Anomalien, wie Erasmus es nannte, zu ziehen.
Auf die Gesellschafter machte Drachenfall den Eindruck, als sei die kleine Stadt, dessen Einwohnerzahl Eberhard auf achttausend schätzte, einem surrealen Traum entsprungen. Erasmus war schon nach den ersten Erkenntnissen davon überzeugt, eine Verbindung zu der gerade stattfindenden Sphärenkonjunktion, deren Natur und Auswirkungen niemand wirklich verstand, zu erkennen. Dass all dies mit dem Zusammenhing was ausgelöst worden war, damit Karzougs in diese Welt zurückkehren konnte erschien naheliegend – doch wie und warum, das blieb auch weiterhin ein Rätsel.
Aus Eberhards Perspektive lagen gleich mehrere Aufgaben vor der Gesellschaft. Zum einen mussten sie die Archive der Schwarzfels-Minenkompanie durchforsten, um die Informationen zu bergen die Camina benötigte und der ihenen genauere Anhaltspunkte lieferte wo der letzte Standort der Boohra Expedition lag. Zum anderen gab Eberhard Erasmus recht, das es vermutlich sinnvoll war, etwas ihrer Zeit zu nutzen, um herauszufinden was die verantwortliche Ursache für diese seltsamen Phänomene in der Stadt waren und was mit den Bewohnern geschehen war.
Zu ersterer Aufgabe schrieb Eberhard kurz etwas auf ein Pergament, das er später übertragen würde:
Der Tag startet mit guten Nachrichten - Erasmus ist es gelungen auch die zweite Zaubermatrix, die auf seinem Thaumagral lag, mit Bannen von Zauberwek zu zerstören. Von nun an sollte es für jene die sie ausspioniert hatten ungleich schwerer werden. Das Eindringen in die Archive der Schwarzfels Minengesellschaft, war leichter als ich und auch Camina erwartet hatten.
Bei Caminas letzten Besuch war sie an den starren Besitzern der Minengesellschaft gescheitert, was zu einer unglücklichen Verkettung von Vorfällen geführt hatte – was mit hitzigen Wortgefechten und einem gebrochenen Kiefer begann und endete mit der Inhaftierung der Zwergin und ihrer unfreiwilligen Deportation auf die Fleischmärkte von Okeno.
Ein direkte Auseinandersetzung mit der Minengesellschaft blieb uns aufgrund der vorherrschenden Phänomene in der Stadt erspart. Sieht man mal von der Tatsache ab, dass jedes Schloss und jede Tür die Aurelia für uns öffnet, sich nach einer bestimmten Zeit wieder in der ursprünglichen Position befand, was dazu führte, das gewisse Talente permanent benötigt wurden, verlief unser Besuch reibungslos..
Es gelang uns mit einem guten Maß an Beharrlichkeit, einen guten Überblick über die Geschäfte der Minengesellschaft zubekommen. Das chronologisch organisierte Katalogisierungssystem, welches die in der Minengesellschaft geführt wurden, konnte das Herz eines Händlers durchaus zum strahlen bringen. Man darf betonen das es ohne den Verstand eines geschäftstüchtigen Händlers, wohl kaum hätte durchschaut werden können. Zu meinem betrüben muss ich allerdings anmerken, dass es sich mit den Geschäftsbüchern und Karteien ähnlich verhielt, wie mit den Schlössern und Türen in dieser Stadt. Die einfachsten Aufgaben wurden schnell zu einer undankbaren Fleißaufgabe, ich selbst habe die Verweise und Chroniken der Minengesellschaft bestimmt hundertmal aufgeschlagen, nur um an Stellen zurück zukehren die ich bereits gelesen hatte. Schließlich aber fanden wir in den Kellern, neben beeindruckenden Reichtümern, die wir ebenfalls nicht mitnehmen konnten, die katographische Verzeichnung des letzten Claims der Boohra Brüder. Camina die ebenfalls ein Händchen für Kartographie zu haben schien, übertrug das Kartenmaterial und wichtige Landmarken in ihre Pergamente. Wir würden das gefundene zu einem späteren Zeitpunkt auswerten.
Eberhard konnte sich des Eindrucks nicht erwehren als würde Aurelia sich Notizen von dem Raummachen in denen sie die Barren von edlem Metall gefunden hatten. Für ihn hatte es so ausgesehen, als würde sich seine alte Freundin den Tresorraum, den sie so unangetastet zurücklassen mussten, sehr genau einprägen. Ob sie wohl plante, zu einem passenderen Zeitpunkt hierher zurückzukehren? Er beschloss dies aus Gründen der Diskretion nicht in seine Tagebücher zuschreiben. Eberhard wusste spätestens seid der Prüfung der Wassernaga, das sie in diesem Punkt nicht gleicher Meinung waren und erinnerte sich an die Kontroverse die nach der Aussage: "Die tiefsten Geheimnisse und Pläne sollten wie die Tiefen des Meeres unergründlich und verborgen bleiben." zwischen ihnen entbrannt war.
Was die Untersuchungen der rätselhaften Phänomene betraf, investierten sie zwei weitere Tage. Sie suchten in Drachenfall unter anderem nach einem Gebäude, das am ehesten einem Rathaus glich, in der Hoffnung, dort auf offizielle Berichte zu stoßen, die erklärten was hier geschehen war. Doch die einzige gesicherte Erkenntnis war, dass das Heer vor der Stadt zu keinem Zeitpunkt erwähnt wurde, was darauf schließen ließ, dass es erst nach der seltsamen Evakuierung der Stadt hier eingetroffen war und nicht in direktem Zusammenhang mit den rätselhaften Vorgängen stand.
Akbash äußerte mehrfach die Theorie, dass Drachenfall keine „echte“ Stadt sein konnte; für ihn war es unvorstellbar, dass eine Stadt so weitab von der Zivilisation existieren konnte. Dass es keine Handelswege zu den bekannten Regionen der Welt gab, erschien ihm als weiterer Beweis für seine Vermutung. Caminas Einwand, dass gelegentlich Karawane hier vorbeikam, um unter anderem die Vorräte an Gold und Silber der Stadt aufzukaufen und nach Kuryl-la-bat, in die Stadt der Paktmeister, zu bringen, ließ Akbash ebenso wenig gelten wie die Argumentation der Zwergin, das es Zwergen Bingen im Weltrandgebirge gab, die noch wesentlich isolierter lagen als dieses Tal. Über den Disput der beiden war Eberhard nicht entgangen, wie Aurelia sich auch bei der Erwähnung der Goldtransporten eilig Notizen machte. In Eberhard keimte der Gedanke das seine Freundin diese Information möglicherweise, zu einem späteren Zeitpunkt weiter zu verfolgen gedachte.
Akbashs Gedanke war faszinierend: Könnte Drachenfall ein „nicht existenter“ Ort sein, einer jener mystischen Orte, von denen in so manchen Mär fabuliert wurde? Orte die auftauchten und wieder verschwanden, so wie die sagenumwobenen Feenmärkte? Doch wenn das der Fall war, warum hatten die Boohra-Brüder ihre Schürfrechte hier festgeschrieben? Kurz war Eberhard abgelenkt und fragte sich wie die rechtssprechende Aristokratie die Schürfrechte eines "nicht existenten" oder nur zum Teil in dieser Welt verankerten Ortes bewerten würde. Er verwarf den Gedanken und widmet sich seinem alten Gefährten.
Erasmus war überzeugt, dass die Antworten in Drachenfall selbst zu finden seien, und seine neu entdeckte Beharrlichkeit führte sie am dritten Tag ihrer Expedition in die Stadt, zumindest zu so etwas wie einem Teilerfolg. Am Nachmittag stießen in einen Bereich der Stadt vor, der unterhalb des Brustgebein lag – dort, wo vielleicht einst das Herz des Drachen geschlagen hatte.
Tatsächlich war der Tempel der hier stand sehr alt. Von Camina wusste sie, das die Bewohner von Drachenfall den Tempel nutzten, um den Drachen zu verehren, zwischen dessen Gebeine ihre Vorfahren die Stadt errichtet hatten - Eberhard fand das zwar etwas befremdlich, aber die kaum greifbare Größe des Drachens ließ auch wenig andere Schlussfolgerungen, als das es sich um ein Wesen von göttlichen Ausmaßen gehandelt hatte. Es gab Kulte, die auf weit weniger fundierten.
Der erste Eindruck innerhalb der Tempelmauern unterschied sich nicht von dem in anderen Gebäuden der Stadt - es wirkte so, als hätten seine Bewohner ihn erst einen Moment zuvor verlassen und würden gleich zurück kehren. Trotzdem fanden sie hier gleich mehre Hinweise.
Zum einen gelang es Erasmus eine Formel aus magischen Zeichen, auf dem Drachengebein zu entschlüsseln, das als tragender Hauptpfeiler des Tempeldiente. Wenn Eberhard Erasmus richtig verstand, konnte das Gebein des Drachens als eine Art Heimstein betrachtet werden. Die Wirkungsmacht der hier eingewobenen Magie entfaltete einen Zauber der sich Zeitlose Einkehr nannte. Diese Magie, ihren Ursprung in dem alten Drachengebein hatte, wob einen machtvollen Schutzkreis wenn sie ausgelöst wurde. Was immer dann der Fall war, wenn dieser Ort von finsteren Welt bedroht wurde, die außerhalb der materiellen Ebene lag. Erasmus vermutete das es sich um einen mächtigen chronomantischer Schutzzauber handelte, kannte sich aber zu wenig mit dieser Form der Magie aus um mehr zusagen. Erasmus verwies auf arkanes Hörensagen, auch weil chronomantische Zauberei gemeinhin als verbotene Form der Magie galt, da sie Störungen in der Raumzeit bewirkte und in der Lage war Realitäten zu verändern.
Eberhard war wie so oft bei den Erklärungen seines Freundes gedanklich ausgestiegen und überlegte das er in seinem Tagebuch einen Vermerk macht, der das wesentliche sagte: Die Phänomene in Drachenfall, gingen aller Wahrscheinlichkeit auf einen ausgelösten Schutzzauber zurück, der die Stadt vor einer dunklen Bedrohung schützen sollte. Eberhard nickt Erasmus lächelnd und verstehend zu, während er innerlich bereits ein Kapitel nach vorne sprang.
Er würde sich nochmal mit Camina zusammensetzten, um die Optionen ihrer Expedition in die Finstertraum Gipfel genauer zu erörtern. Es erschien Eberhard in der derzeitigen Situation der logischste Schritt, um ihre Ausgangslage noch einmal zu analysieren, bevor sie die letzte zivilisierte Region hinter sich ließen.

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