bis nach Drachenfall 1v3

Author: Sventasie /

 Teil 1 - VIELE WEGE UND NUR EIN ZIEL

Eberhard Brettschneider war mit der zwergischen Abenteurerin Camina Boohra in dem alten Gehöft am Fuß der Klippen, die zu der Stadt Drachenfall führten, zurück geblieben. 

Der Rest ihrer Gesellschaft war ausgezogen, um auf Erasmus drängen das Umland des Tals zu erkunden. Das war durch aus löblich, aber Eberhard war es genug der Anstrengung.
Er wollte die Gelegenheit nutzen ein paar frische Seiten seines Tagebuchs mit den Ereignissen der letzten Tage zu vervollständigen. 
Aus dem kleinen Fenster des Hauses betrachtete Eberhard das üppige Ackerland, das von kleinen Bewässerungsgräben durchzogen wurde, und ließ seinen Blick zu den ungezähmten Bergen schweifen, die sich wild und unnahbar in den Himmel erhoben. Er hatte eine Ahnung, dass ihr Weg sie in den kommenden Tagen, in eben diese Wildnis führen würde.

Grübelnd blickte er auf die leeren Seiten die vor ihm lagen, während Camina ihren Blick in irgendwelche Karten warf. Es erschien ihm fast absurd. Noch gestern waren sie in der südlichen Kristallsee, keine 500 Seemeilen südöstlich von Maracasar, gewesen. Sie hatten an den weißen Stränden des Irawaru-Archipels gesessen, in warme Seeluft gehüllt und unter den Palmen liegend den Sternenhimmel bewundert. Sie hatten den Brandungsreitern zugesehen, wie sie auf hölzernen Planken durch die Wellen ritten, was und Aurelias Entschluß gefestigt hatte, so bald wie möglich und auf unbestimmte Zeit hierher zurückzukehren.

Der Besuch des Archipels hatte die Stimmung der Gefährten angehoben. Es war ihnen gelungen, die alltäglichen Schrecken zumindest zum Teil zu verdrängen, trotzdem überschlugen sich auch hier die Ereignisse. Sie hatten den hohen Aeromant und Arkaner Magistrat Narijan Kalishavar getroffen, der ihnen von den Geheimnissen des Runenbrunnens erzählt und eine Möglichkeit offenbart hatte, ihre Reise drastisch zu verkürzen. Eine Option, für die sie sich nach reiflicher Überlegung entschlossen hatten. Was allerdings auch bedeutete, die außergewöhnliche Reise, auf der Eskaya Maru, so unmittelbar nach ihrem Aufbruch schon wieder zu beenden. Eberhard seufzte bei dem Gedanken - waren die Reise auf dem Luftschiff und mit der ungewöhnlichen Crew doch auf ganz besondere Art belebend gewesen – zumal Eberhards Händlerseele förmlich spürte, dass die Errungenschaft solcher Luftschiffe das Potential besaßen die Welt auf außergewöhnliche Weise zu verändern. Efragte sich ob er in naher Zukunft einer der Pioniere der Luftschiffart werden wolltebeendete den Gedankengang aber nicht. Die Logik gebot den Vorsprung zu ihren Verfolgern unbedingt zu vergrößern und dem Schicksal, das sie suchten, so bald als möglich entgegen zutreten. Vielleicht konnte er später, wenn alles vorbei war, zu dem Gedanken zurückkehren.

In sein Tagebuch begann er die Ereignisse ihres des Besuchs, bei dem leicht verwirrten Orakelkönig zu schreiben und von den Prüfungen, die die Wassernaga ihnen stellte, die den Runenbrunnen bewachte.

Diese Prüfungen waren weniger körperlicher Natur – was Eberhard durchaus willkommen hieß – und forderten die Gruppe stattdessen dazu auf, ihre tiefsten Überzeugungen preiszugeben. Die Wassernaga, eine Anhängerin von Lysianassa, der Elementarfürstin des Wassers, stellte sie vor ethische Grundsätze, die sie hinterfragen und bewerten mussten. Eberhard erinnerte sich dunkel, dass Juri ihm einst von Lysianassa erzählt hatte, doch die Details waren ihm entfallen. Nun jedoch war die Begegnung mit der Wächterin des Runenbrunnens von unmittelbarer Bedeutung, denn sie konfrontierte die Gruppe mit den Prinzipien der Elementarfürstin.

Es war eine Interessante Beobachtung, das über folgende Thesen Uneinigkeit innerhalb der Gruppe herrschte:

  • Wie das Wasser, das ständig seine Form ändert, sollte man bereit sein, sich anzupassen, auch wenn es bedeutet, alte Überzeugungen aufzugeben.

  • Wie der Ozean, der Klippen schleift und Städte verschlingt, kann man Stärke und Ordnung auch durch Zerstörung schaffen.

  • Die tiefsten Geheimnisse und Pläne sollten wie die Tiefen des Meeres unergründlich und verborgen bleiben.

Bei anderen Prinzipien hingegen herrschte Einigkeit in ihrer Ablehnung oder Zustimmung:

  • Wahre Stärke liegt in der Stille, wie ein ruhiges Meer, das Kraft in sich sammelt. Konflikte sollten möglichst vermieden werden.

  • Wie ein Fluss, der sein Ziel unaufhaltsam erreicht, ist es gerechtfertigt, Hindernisse zu beseitigen, auch wenn unbeteiligte dadurch Schaden erleiden.

  • Das Meer gibt Leben in Hülle und Fülle, aber nur denen, die mutig genug sind, es zu nehmen. Überlebende nehmen sich, was sie brauchen, ohne Rücksicht auf andere.

  • Wahre Macht liegt in Gemeinschaft und Zusammenarbeit, auch wenn es bedeutet, die eigenen Wünsche zugunsten des Gemeinwohls zurückzustellen.

Während er schrieb dachte Eberhard darüber nach, dass die Prüfungen der Wassernagaga vor allem darauf abzielten, dass sich die Gefährten gegenseitig ihre Ideale und Prinzipien offenbarten – unabhängig davon, ob sie übereinstimmten. Ein interessantes Vorgehen, dachte er, das sich vielleicht in die Aufnahmezeremonien ihrer Gesellschaft integrieren ließe.

Schließlich hatten sie die Wächterin überzeugt und durften den Runenbrunnen für ihre Reise nutzen. Doch bevor es dazu kam hielt das Schicksal eine weitere Überraschung für sie bereit. Am selben Abend trafen sie auf drei Vistani: die Geschwister Grygory und Cassandra sowie das ehrwürdige Mütterchen Andra Romanova. Die Vistani hatten das Archipel in den Grenzgewässern zwischen der Krsitallsee und dem Südmeer aufgesucht, weil sei der Vision der alten Vistani folgten, die vorausgeahnt hatte, dass sie hier auf den Träger des Silberauges treffen würden.

Die Vistani luden die Gruppe zu einem geselligen Beisammensein ein, um – wie sie sagten – „Geschichten zu tauschen, alte Geschichten, vergessene Geschichten und vielleicht sogar verbotene Geschichten.“ Im Geist dieser Tradition begannen die Gäste mit ihren Erzählungen. Zu aller Überraschung offenbarte Akbash ein verborgenes Talent für das Geschichtenerzählen und schilderte eindrucksvoll die Begegnung der Gruppe mit der Lamia Xanesha auf der Spitze der Schattenuhr in Unterbrück.

Als Akbash seine Erzählung beendet hatte, erfuhren die Gefährten, dass auch die Vistani auf der Spur einer alten, finsteren Macht waren. Die Weise Andra beschrieb dieses Wesen in eindringlichen Worten:

Was wir suchen, ist von altem Blut, stark, mächtig und unglaublich durstig. Eine Macht, die nicht mehr in diese Welt gehört. Ein Schatten unter den Sternen, ein Tanz in der Nacht - die Stimme, die schweigt, aber niemals verstummt. Wir nennen seinen Namen nicht laut, denn solange die Dunkelheit schläft, sind wir sicher. Doch wenn sie erwacht ... dann ergeht es uns wie euch, und unsere Schicksale verflechten sich mit den Schatten der Vergangenheit.“

Die Vistani vermuteten ihren Feind auf den nebelverhangenen, zurückgekehrten Inseln des Mahlstroms und baten Akbash um das Auge des alten Wanderers, das ihnen den Weg dorthin eröffnen sollte. Zu Eberhards Überraschung – und der der anderen Gefährten – zögerte Akbash keinen Moment. Noch bevor die alte Andra ihre Bitte zu Ende gebracht hatte, entfernte er das magische Auge vorsichtig aus seiner Augenhöhle und reichte es ihr. Später erklärte er sein Handeln damit, dass er die berüchtigten Flüche der Vistani fürchtete. Aurelia jedoch mutmaßte schmunzelnd, dass Akbash wohl eher ein Auge auf die junge, attraktive Cassandra geworfen hatte. Eine eigenwillige Wortwahl, wie Eberhard fand, und er musste lachen.

Doch Eberhard spürte, dass mehr hinter Akbashs Handeln steckte. Die Vistani hattenes geschafft das sich das Feuer des Edelmuts, das tief in seinem Freund glühte zu entfachen. Wie sonst ließe sich erklären, dass der Glücksritter den Vistani selbstlos anbot, sie auf ihr gefährliches Unterfangen zu begleiten, sobald ihre bevorstehende Konfrontation mit Karzoug überstanden war?

Die Vistani, waren von Akbashs Reaktion sichtlich bewegt und dankbar für das Versprechen. Sie boten ihm ihrerseits an, die Gesellschaft auf ihre mystischen Pfad durch die Nebel bis an ihr Ziel zu führen. Zwar war es keine Option, so bis an die Tore von Xin-Shalast zu gelangen, aber immerhin bis nach Drachenfall, dem letzten bekannten Aufenthaltsort der Boohra Brüder. Jenen Abenteurern, die laut Camina durch Zufall auf Xin Shallast gestoßen sein sollten und von ihrer Expedition in die Golden Stadt nie zurück gekehrt waren. In Drachenfall erhoffte Caminah die fehlenden Fragmente ihrer Suche zu finden.

Die Menge an Möglichkeiten, die sich der Gesellschaft auf Irawaru boten, ihr Ziel zu erreichen sorgte zugleich auch für Unsicherheit – hatte man die Prüfungen der Wassernaga jetzt gänzlich Umsonst absolviert? Hätten die Vistani sie nicht direkt bei ihrer Ankunft aufsuchen können? Eberhard hingegen fragte sich, ob das Schicksal sie an diesem Ort vielleicht auf besondere Weise begünstigte. War es möglich, dass unsichtbare Kräfte sie leiteten, dass sogar höhere Mächte hinter ihrer Mission standen und sich ihnen nun auf diese Weise offenbarten? Vielleicht war es das göttliche Artefakt des alten Wanderers, das Akbash als Auge trug und das sie nun auf diese ungewöhnlichen Pfade führte. Eberhard war nicht entgangen, dass Cassandra viel Zeit mit Akbash im Nebel verbracht hatte – angeblich, um den Glücksritter in die Geheimnisse des Auges einzuweihen.

Eberhard beendete den Eintrag damit, das er Irawaru rückblickend ein Ort voller Möglichkeiten darstellte. Die Finaleentscheidung, das Angebot der Vistani zu nutzen und mit ihnen die mystischen Nebel zu durchqueren, von denen er bisher nur aus Legenden gehört hatte, basierte auf der gleichen Logik wie die Entscheidung, den Runenbrunnen zu nutzen: die Suche nach dem kürzesten und sichersten Weg. Jetzt hier in dem verlassen Gehöft unterhalb von Drachenfall sitzen ließ ihn erkennen das die mystischen Nebel hatten ihnen gute acht Wochen und eine erschöpfende Reise durch das unbarmherzige Savanne des Grasmeers erspart hatte – Eberhard befand dies als einen Segen der mindestens göttlicher Natur war – wie hieß noch dieser untergegangene Gott, dessen Artefakt Akbash als Auge trug? Insgesamt war Irawaru für sie ein Wendepunkt und einer der selten friedlichen Moment auf ihrer Reise.

Dann widmete er seinen Gedanken etwas von dem er nicht sicher war ob er es aufschreiben sollte. Sein guter vom Schicksal gebeutelter Freund Erasmus (ehm. Joachim) war auf diesem Archipel erneut in den Besitz eines Amuletts des finsteren Wandlers der Wege gelangt. Eberhard fragte sich ernsthaft wie sein Freund das immer schaffte. Erasmus hatte ursprünglich bei dem norbadischen Händler, der hier einen kleinen Handelsposten betrieb und Waren des Südmeers anbot, nach einem Amulett gefragt, das die Vielfalt der Magie symbolisierte bzw. alle Winde der Magie zeigte – Joachim wollte dem Oraklekönig etwas Schenken, das er als Teil seines Weges sah. Der Händler mochte das Anliegen missverstanden haben, aber der gute Draht den sein Freund zu dem Händler aufgebaut hatte, sorgte nach kurzem Zögern dafür, das dieser aus einer verborgenen Kammer unter der hintersten Theke ein Amulett hervorzog, dass das Zeichen des dunklen Gottes Tzeentch trug. Angeblich lag das Stück schon ewig hier und war mit einem Händler und vielen anderen Kuriositäten aus dem Süden gekommen.

Erasmus zögerte nicht lange und erwarb das Stück, nicht weil er wie er behauptete es wollte, sondern aus dem Entschluss, ein solches Artefakt nicht auf Irawaru zu lassen und sicherzustellen, dass es nicht in falsche Hände geriet. Mehrfach versicherte Erasmus allen, das Amulett bei der nächsten Gelegenheit abzugeben bzw. zu vernichten. Da es sich als Opfergabe nicht eignete und der Arkane Magistrat es nicht mal betrachten wollte, geschweige den es als Aufgabe sah, einen solchen Gegenstand an sich zunehmen befindet sich das Amulett nun immer noch im Besitz seines Freundes und somit in ihrer Nähe.

Eberhard verspürte eine wachsende Unruhe und beschloss dies nicht in seine Tagebücher zuschreiben, wer konnte schon sagen wer diese eines Tages lesen würde. Er vertraute Erasmus, zweifelte weder an seiner Integrität noch an seiner Freundschaft – und doch glomm in seiner Brust ein nagendes Unbehagen, das ihn nicht losließ.