Der Geruch des brennenden Riesen lag schwer in der Luft Eberhart und seine Freunde standen um den schmorenden Leichnam herum. Bis zum Ende hatte der wahnsinnige Frostriese keine Anstalten gemacht, die Flammen zu löschen. „Was sind das nur für Wesen?“, murmelte Eberhart. Akbash stocherte in den Habseligkeiten des Riesen herum, in der Hoffnung, irgendetwas nützliches zu finden. Joachim sah von den Wunden Heidruns auf und sagte das. Was keiner zu Sprache bringen wollte.
„Tatsache ist, das wir damit leider weder den Hauptmann haben noch die Hexen. Und diese Aufzeichnungen hier sind auch wenig hilfreich.“ Er wedelte mit den Schriftstücken herum, die Aurelia zwischen den Schätzen gefunden hatte. „Ein gewissen 'M' zieht sich nach Jorgenfaust zurück, und ein Teraktinus will mit Drachen Port Grim angreifen!“ Er seufzte. „Aber das ist, so schrecklich es auch wirkt, zweitrangig. Denn falls wir den Hauptmann nicht zu seiner Fee zurückbringen…“
Bei der Erinnerung an die Schreckensfee lief es Eberhart kalt den Rücken herunter. „Mal wieder zwischen Hammer und Amboss. Es hilft also nichts.“ Müde begann er, seine Donnerbüchse neu zu laden. Mel wühlte in seinem Rucksack. „Die Vorräte an Zauberöl gehen zur Neige. Wir kriegen vielleicht noch eine Hexe verbrannt, zwei, wenn sie nahe beieinander stehen.“ Aurelia warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ich will gar nicht wissen, wieviele Leute du noch anzünden kannst, aber sei bloß vorsichtig mit dem Zeug! Du hättest mich eben wieder beinahe angezündet!“
„Wende dich an den Herrn der Flammenpeitsche da. Ich habe nur Befehle befolgt.“ Aurelia stemmte die Hände in die Hüften und ließ keinen Zweifel daran, das sie diese Ausrede nicht würde gelten lassen. Mel kam mit einem tellergroßen Sihedronamulett zurück, das er dem Riesen abgenommen hatte. „Zumindest wissen wir jetzt, dass dieser Bursche hier ebenfalls bei der Verschwörung dabei ist.“
Joachim nickte zustimmend. „Ich hatte mich schon gefragt, was diese ganzen Riesen hier machen. Sie sind nicht dafür bekannt, sich mit Ogern abzugeben. Es war also geplant, die Oger gegen die Feste zu hetzen, ganz, wie wir befürchtet hatten.“
Eberhart hatte fertig geladen und legte die Büchse über seine schwammigen Schultern. „Dann lasst uns ein paar Hexen jagen!“
Ranalds Glück war weiter bei Ihnen – nachdem die beiden Oger in der Vorhalle genug von dem neuen Spiel hatten und ihnen endlich klar wurde, das der Riese unter ihnen blind war, hatten sie ihn zu neuen grausamen Scherzen in den Kessel getrieben. So war der Weg frei in den düsteren Gang, der hinab in das Versteck der Vetteln führte. Einstechender, schwefliger Geruch drang ihnen entgegen. Für Eberhart war es eine Erleichterung von all dem Fleisch, Blut und Gedärmen, vor allem, da ihm bei dem Geruch keine verstörenden Bilder durch den Kopf gingen. Trotz allem war es keineswegs beruhigend. Der Gang führte in einem weiten Bogen nach unten, und nach etwa zwanzig Metern konnte man leise die kratzigen Stimmen der Vetteln hören.
„Sie kommen, sie kommen, die Helden, sie kommen“.
„Was sie wohl wollen, die tapferen Recken?“
„Wollen sie uns gar nieder strecken?“
„Oder wollen sie uns die Hand zum Frieden reichen?“
„Unsere steinernen Herzen erweichen?“
„Sie sind doch so wichtig, so reich, und so gut!“
„Doch Ihre Hände sind nass vom BLUUUUUUT“.
„HAHAHAHAHAHAHAHAHAHA“
Beim Gackern de Vetteln betraten Eberhart und seine Freunde das Hexennest. Es war eine düstere, glosende Höhle, behangen mit Kräutern und mumifizierten Körperteilen. Lavaströme blubberten entlang schwarzem Gestein, das sich spiralförmig in den Raum hinein wand. Die Hitze war nahezu unerträglich, und der Rauch biss in die Augen. Ein blubbernder Kessel stand auf einem Felsvorsprung, und darum hatten sich die widerlichen Vetteln versammelt. Ihre knotigen, krallenbewehrten Hände vollführten unheimlich Gesten über dem Kessel, und ihre pechschwarzen Augen stierten unter buschigen, grauen Brauen hervor. Sie waren kaum voneinander zu unterscheiden, nur ihre zerlumpten Kleider liessen verschiedene Farben erkennen.
„Ahem. Im Namen der Gesellschaft für Abenteuer und Erforschung Maracasars und dem Hohen Rat von Haven fordere ich euch auf, zu kapitulieren!“ Wieder einmal war sich Eberhart bewusst, dass ihn seine Gefährten deutlich verwirrter anschauten als seine Gegner. Er ließ sich nicht beirren, warf sich in die Brust und gestikulierte mit der Büchse.
„Das hier muss nicht in Gewalt enden. Wir wollen den Hauptmann und ein Ende der Regenfälle.“
Die Vettel im roten Kleid sprach als erste.„Und warum sollten wir Euch vertrauen? Ihr habt Lucrecia niedergemacht und Xanesha von ihrem Turm gestürzt. Keiner von ihnen habt ihr auch nur die Gelegenheit gelassen, zu sprechen.“
„Vielleicht sind wir eher sein Typ?“, krächzte die Grüne.
„Ja, oder er braucht jemanden, der für ihn kocht. Jetzt, wo er nochmal so viel Appetit hat!“, gackerte die Gelbe.
„Redet keinen Unsinn!“, unterbrach Joachim sie. „Xanesha und Lucretia waren Dämonen im Dienste einer grausamen Verschwörung. Ihr seid nur – Opfer.“
Das schien den Schwestern noch weniger zu gefallen.
„Was fällt dir ein, Sturmgeborener. Was verspottest du uns!“
„Hast du keine Priester mehr zu beschimpfen oder Götter zu verhöhnen?“
„Immerhin hast du mit unserer Hilfe schon Schildkrötenfähre überschwemmt und die schwarze Magda befreit. Was willst du mehr?“
Blitze begannen Joachims Stab zu umzucken, und ein leichter Wind kam auf. Eberhart legte ihm die Hand auf die Brust. „Lass es uns noch einmal versuchen.“
„Wir schlagen Euch einen Handel vor!“
„Oh, einen Handel!“
„Er bleibt doch eine Krämerseele.“
„Was will denn der mächtige Kämmerer von uns armen Weibern?“
„Übergebt uns den Hauptmann! Dann lassen wir euch ziehen!“
„Den Hauptmann, den Hauptmann.“
„Seid ihr sicher, dass ihr ihn wollt?“
„Er ist ein wenig beschädigt. Er ist etwas… anderes.“
Die Stimmen der Hexen wurden leiser, beinahe, als wollten sie den Namen nicht laut aussprechen.
„Der Meister hat etwas mit ihm getan.“
„Wollte ihn brechen.“
„Wollte ihn wieder zusammen setzen.“
Die Vetteln steckten die Köpfe über dem Kessel zusammen.
„Wir haben entschieden.“
„Wir können ihn rufen!“
„Aber wir wollen etwas dafür.“
„Noch mehr als Eure Leben? Ihr spielt ein riskantes Spiel, Vetteln. Strapaziert nicht unsere Geduld.“
„Nichts Großes soll es sein.“
„Ein winziges Geschenk, ihr braucht es doch gar nicht.“
„Nur die paar Haare, die Eure Waldläuferin am Herzen trägt. Sie hat doch selbst so Schöne, was soll sie damit.“
Eberhart drehte sich zu Heidrun um. „Haare?“ Die Waldläuferin griff sich an die Brust und umfasste einen hölzernen Anhänger. Sie flüsterte. „Die Haare der Fee, wisst ihr nicht mehr? Die der Hauptmann in seinem Lager versteckt hatte.
„Ah“, krächzte Akbash. „Ist das so eine gute Idee? Wer weiß, was sie damit anstellen können. Joachim tippte nachdenklich auf seinen Stab. „Sie werden bestimmt einige furchtbare Hexereien damit begehen können. Andererseits ist die Fee nun ja auch nicht grade nett.“
Heidrun schüttelte den Kopf. „Sie ist rasend vor Trauer. Ihr jetzt noch die Vetteln auf den Hals hetzen? Das könnt ihr nicht ernst meinen.“
Eberhart warf einen suchenden Blick über die Schulter. Die Vetteln starrten sie neugierig an, während sie weiter in ihrem Kessel herum rührten.
„Doch, ich denke, wir sollten das tun.“, sagte er halblaut. „Wir sollten eine faire Übergabe machen.“ Er zwinkerte Heidrun zu. „Und wer wäre dafür besser geeignet, als unser heldenhafter Akbash, der Dämonentöter.“
„Was, wie ich? Aber Heidrun hat doch…“
„Dir gerade die Haare gegeben, nicht wahr?“, fragte Eberhart, während er mit dem Kopf nickte. Akbash legte den Kopf schief, dann griff er in seine Tasche. „Ja richtig. Also dann.“ Er zwinkerte Eberhart zu und wandte sich dann an die Hexen.
„Also, die Damen. Dann komme ich mal auf Eure wunderschöne Insel.“ Er hielt die Hand hoch, in der ein kleines Kästchen lag. „Hier sind die Haare, die ihr wollt. Dann ruft mal den Hauptmann.“
Die Vetteln steckten noch einmal die Köpfe zusammen und sahen Akbash durchdringend an. „Na gut, wir werden ihn rufen.“
„Das werden wir.“
„Und der Schöne kommt zu uns, und bringt uns das Geschenk!“
Mit einem schiefen Grinsen murmelte Akbash. „Ich hoffe, du weißt, was du da tust.“
Eberhart murmelte ebenso verstohlen zurück. „Na klar. Was soll schon passieren?“
Die Vetteln rührten jetzt in ihrem Kessel und begannen, den Namen des Hauptmanns zu skandieren.
„Lamatar , Hauptmann, Herr der Schwarzen Pfeile!“
„Lamatar, Hauptmann, Geliebter der Feenkönigin“
„Lamatar, Hauptmann, seelenloser Schlächter!“
Selbst durch den beißenden Rauch und die drückende Hitze hindurch spürte Eberhart einen kalten Schauer, der ihm über den Rücken lief. Der Ruf der Hexen fuhr durch die Hakenfeste, und irgendwo tief unten, jenseits der Ogerunterkünfte, hörte etwas den Ruf. Und machte sich auf den Weg.
„Wir haben ihn gerufen, nun gebt uns unser Geschenk!“, klang es aus drei Kehlen gleichzeitig!
„Aber sicher, aber sicher. Ihr werdet aber verstehen, dass wir ein wenig misstrauisch sind. Deshalb werden wir zu dritt zu euch herüber kommen. Schließlich seid ihr auch zu dritt, das ist nur fair.“
„Mit Fairness haben wir nichts zu tun, und ihr auch nicht, wenn wir uns an eure letzten großen Heldentaten erinnern.“
„Aber wenn ihr euch besser fühlt, kommt herüber.“
„Herüber, herüber, herüber“, und die Vetteln stimmten ein verstörendes Gackern an.
Eberhart klopfte Akbash auf die Schulter und nickte ihm aufmunternd zu. Heidrun schüttelte heftig den Kopf.
„Ich gebe denen doch nicht die Feenhaare! Bist du bescheuert?“
Eberhart verdrehte die Augen und sah Heidrun eindringlich an.
„Wir gehen jetzt alle drei darüber und geben ihnen das Geschenk, das sie sich verdient haben.“ Er klopfte zur Betonung auf Heidruns Schwert. Er warf einen Blick über die Schulter, aber es war nicht einfach, die Vetteln durch den Rauch auszumachen.
Mit einer entschlossenen Geste zog er seine Hose nach oben und schüttelte die Arme aus. „Lasst es uns tun.“
Mit einem eleganten Satz sprang Akbash über den glühenden Lavastrom. Er winkte Eberhart herüber. Der Händler wischte sich die die verschwitzten Hände ab, nahm Anlauf und trabte los. Mit einem lauten Ächzen wuchtete er sich in die Luft und überwand den großen Schritt über die Lava. „Gütiger Sigmar, als müsste ich nicht genug leiden.“ Er schaute nach Heidrun, die misstrauisch von der anderen Seite herüber stierte. Hinter ihr, Joachim und Mel erblickte er eine weitere Gestalt, die gerade in die Vettelnhöhle kam. Der Rauch schien sich vor ihr zurückzuziehen, als hätte er Angst. Die Gestalt war menschlich, aber überragte selbst Joachim. Sie war in eine schwarze Rüstung gehüllt, und das Gesicht darüber war totenbleich. Seine Augen waren tiefschwarz.
Joachim bemerkte seinen Blick und drehte sich um. „Seid Ihr Lamatar? Der Hauptmann der Rannickfeste?“
Die Gestalt blieb stehen. Der schwarze Blick glitt einmal über die versammelten Personen, dann riss er sein Schwert heraus und hieb auf den Heiler ein. Joachim ging zu Boden. Eberhart schrie auf. „Was? Nein!“
„Wir haben ihn gewarnt.“
„Wir können ihn nicht halten.“
„Aber wir können dich halten!“
Die mittlere Hexe warf etwas in den Kessel, und violette Energieschalen schossen hervor und wanden sich um Akbash. Der Glücksritter riss sein Rapier hervor, aber er konnte die Energiebänder nicht durchdringen. Mel und Aurelia zogen ihre Waffen und beschützten Joachim, aber Lamatar trieb sie mit weiten Hieben seines Schwertes zurück. Eberharts Kopf ruckte hin und her, aber er wusste nicht, welcher Bedrohung er sich zuwenden sollte.
Die Vetteln gackerten und lachten, während sie weitere Zutaten in den Kessel warfen. Lamatar drängte Mel mit wilden Hieben an den Rand der Lava. Aurelia hackte ihr Schwert in die Seite des ehemaligen Hauptmanns, aber erzielte nicht die geringste Wirkung. Ein Pfeil flog an Eberhart vorbei und traf eine der Vetteln. Die Hexe taumelte kurz, dann griff sie in den Kessel, und der Pfeil fiel aus Ihrer Brust, während sich die Wunde wieder schloss. Eberhart griff nach den Energiesträngen, die Akbash gefangen hielten, aber sie waren so hart wie Stahl. Akbash fluchte und hackte mit seinem Dolch auf die Energiestränge ein. Eberhart seufzte und hob die Donnerbüchse. „Das hört jetzt auf!“ Er schritt auf die drei Hexen zu. Ein schwarzer Blitz schoss aus dem Kessel und traf ihn in die Brust. Grausame Schmerzen durchzuckten ihn, und er ging zu Boden. Seine Waffe rutschte aus seinen Händen. Er zuckte auf den Steinen hin und her wie ein Lachs auf dem Trockenen. Seine Hände krümmten sich unkontrollierbar, seine Kiefer pressten sich so fest zusammen, dass seine Zähne knirschten.
„Oh, was für ein Festmahl wir haben werden.“
„Erst den Fetten, dann den Netten, und dann die dreisten Weiber.“
„Und dann werden wir die Macht haben, Lamatar zu binden.“
Und das Gackern der Hexen erscholl wieder, aber nicht laut genug, um die Schmerzensschreie seiner Freunde zu übertönen. Voller Verzweiflung presste er die Augen zusammen, und Tränen liefen ihm die Wangen herunter.
„Eberhart! Eberhart! Hör auf, dich auszuruhen, verdammt.“ Akbash Stimme drang durch einen Nebel der Schmerzen zu ihm durch. „Komm schon, Moppelchen. Schnapp dir den Kessel!“
Eberhart blinzelte ein paarmal. Die Schmerzen schossen unvermindert durch seinen Körper, aber in letzter Zeit hatte er so viel durchgemacht, das er sich schon fast daran gewöhnt hatte. Außerdem konnte er den Kessel jetzt riechen – und tief in seinem Inneren erklang ein Grollen. Ein beißender, zehrender Hunger erfüllt ihn und wusch die Schmerzen hinweg. Er grunzte und schob seine gewaltigen Arme unter sich und richtete sich auf.
Die Vetteln beachteten ihn nicht, stattdessen zeigten sie auf de Kampf zwischen Mel, Aurelia und Heidrun. Heidrun hatte aufgegeben, auf die Hexen zu schießen und sich dem Kampf angeschlossen. Aber selbst die mächtigen Hiebe der Goblinschlächterin konnten die Rüstung des bleichen Kämpfers nicht durchdringen.
Schwerfällig kam Eberhart auf die Beine. Er taumelte einen Moment, dann machte er den ersten Schritt. Dann noch einen. Nach drei Schritten begann er zu laufen. Oder zumindest so schnell zu gehen, wie seine massige Gestalt es ihm erlaubte. Er war noch drei Schritte von den Vetteln entfernt, als die linke sich ihm zuwandte. Aus der Nähe konnte er ihre grotesken Züge erkennen. Ihre Haut war grün, überseht mit schwarzen Warzen. Ihre lange, krumme Nase reichte bis an ihre Unterlippe, und zwischen ihren dünnen Lippen ragten krumme, aber scharfe Zähne hervor.
Zwei Schritte. Die Hexe kreischte auf und zeigte auf ihn.
Ein Schritt. Die Hände der Vettel hatten lange, scharfe Krallen, und sie hob sie, um sie Eberhart durchs Gesicht zu ziehen.
Der Händler versuchte nicht einmal, zu bremsen, sondern rannte ungebremst in die Mitte der Hexen und warf sich mit seiner gesamten Masse gegen den Kessel. Er spürte einen scharfen Schmerz, als sein Wanst sich gegen den kochenden Kessel presste, dann mehr Schmerz, als die Krallen der Vettel sich über seine Seite und das Gesicht zogen. Aber dann kippte der Kessel, und sein gesamter, widerlicher Inhalt ergoss sich in die Lava. Das wütende Kreischen der Hexen wurde übertönt von dem Zischen des Zaubertrankes, der sich in grünen Dampf verwandelte. Dann wurde es schwarz um Eberhart.
Heidrun hörte das laute Zischen hinter sich und nahm die plötzliche, neue Qualität des Gestanks war. Entnervt schlug sie das Schwert Lamatars zur Seite und wagte einen kurzen Blick über die Schulter. Eberhart lag auf dem Boden wie ein gestrandeter Wal, und die Vetteln standen über ihm wie ein Schwarm Geier mit gespreizten Krallen. Die Energiebänder um Akbash begannen sich aufzulösen, und der Glücksritter warf sich mit einem Lachen auf die Vetteln.
Warum muss immer alles schief gehen, wenn der Dicke einen Plan macht?, fragte sie sich. Und warum hörten sie immer wieder auf ihn? Sie duckte sich unter einem Hieb des bleichen Hauptmanns, während Aurelia wirkungslos auf seinen Rücken einhackte. Das brachte sie alles nicht weiter. Sie dachte an ihre Gürteltasche, in der die Haare der Feenkönigin ruhten. Lamatar hatte keinerlei Reaktion darauf gezeigt. Es wurde Zeit für eine Planänderung.
„Mel? Aurelia? Ihr haltet ihn auf.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, rollte sie sich rückwärts aus der Reichweite des Hauptmanns und kam mit einer fließenden Bewegung wieder auf die Beine. Ohne zu zögern, setzte sie über auf die Felseninsel. Als sie die Lava überwand, hatte sie kurz das Gefühl, das sie einen Vorhang durchschritt. Irgendetwas strich an ihr entlang, dann war sie hindurch. Als sie auf der anderen Seite war, fühlte sie sich merkwürdig … leicht. Sie wollte zu den Vetteln stürmen, die Akbash inzwischen gepackt hatten, aber sie kam aus dem Gleichgewicht. Ihre Arme bewegten sich nicht so, wie sie sollten. Und eine schreckliche Kälte breitete sich an ihrer Seite aus. Taumelnd kam sie zum Stehen und griff in die Gürteltasche. Ihre Hand wurde kalt wie Eis, als sie das Kästchen mit den Haaren ergriff. Sie zog sie hervor, und ein kaltes, weißes Licht drang unter dem Deckel hervor. Wo es ihre Hand berührte, wurde sie weiß, dann beinahe durchscheinend. Sie wollte das Kästchen fallen lassen, aber ihre Hand gehorchte ihr nicht. Stattdessen sah sie zu, wie ihre Rechte das Schwert fallen ließ und langsam, ganz langsam, den Deckel hob.
Die drei Haare darin strahlten wie eine kalte Sonne. Kälte durchfuhr sie wie beim Durchschreiten eines Wasserfalls, und etwas drang in ihren Kopf ein.
Als das Kästchen zu fiel, gab es keine Heidrun mehr. An ihrer Stelle schwebte die bleiche, gequälte Gestalt von Myriana der Feenkönigin. Ihre Arme, ausgerissen von den Ogern, schwebten neben ihr, und ihr weißen, durchscheinenden Füße schienen den Boden kaum zu berühren. Der Rauch wurde zu Boden gedrückt, und sogar die Lava schien sich mit einem Knirschen zu verhärten, als eine plötzliche, eisige Kälte den gesamten Raum erfüllte.
Die Vetteln ließen Akbash fallen und wichen zurück.
„Das kann nicht sein.“
„Er hat es versprochen.“
„Wir sollten sicher sein vor Ihr“.
Myriana brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. „Das wart ihr auch, bis mich diese Sterbliche in Euer Sanktum getragen hat. Sie hob ihre Linke, auf deren Handfläche drei goldenen Haare ruhten, die sie Lamatar Biden als Liebesbeweis überlassen hatte. „Jetzt bin ich hier, und ihr werdet für euren Verrat zahlen.“
„Hab Mitleid, Myriana, wir wurden gezwungen!“
„Zeig Güte, Feenkönigin, lass uns am Leben!“
„Sei gnädig, Schwester, und wir wollen dir dienen!“
Die Vetteln hatten sich, soweit sie konnten, von der schwebenden Gestalt zurück gezogen. In Myrianas Augen loderte kalter Hass.
„Ihr habt mich an die Oger verraten.“ Ein weißes Leuchten erfasste die Vetteln.
„Ihr habt mein Reich entweiht.“ Das Leuchten wurde greller, und die Hexen begannen zu kreischen.
„Und ihr habt mir meinen Geliebten genommen!“ Das Licht blitzte auf, und die Vetteln erstarrten in ihrer flehenden Pose. Eis überzog ihre Haut, und mit einem Knacken und Knirschen versteiften sich ihre Glieder. Als das Licht sich zurückzog, war von den drei Schwestern nur noch ein gewaltiger Klumpen Eis mit vage hexenhaften Zügen übrig geblieben.
Ohne Ihre Beine zu bewegen, schwebte die durchscheinende Gestalt herüber zu Lamatar und dem Rest der Gruppe. Als Myriana erschienen war, hatte der bleiche Kämpfer aufgehört, um sich zu schlagen, und starrte sie nur an. Aurelia half Mel, Joachim aus dem Weg zu ziehen.
Myriana schwebte jetzt direkt vor dem Schwarzgerüsteten. Obwohl Ihre Füße den Boden nicht berührten, war sie doch gerade so hoch, dass sie ihm in die schwarzen Augen sehen konnte.
Sie hob die linke, in der noch zwei ihrer Haare lagen, und strich mit dem Handrücken über seine Wange. „Oh mein Geliebter, was haben sie nur mit dir getan?“ Der Bleiche starrte nur. „Sie haben die Finsternis in deiner Seele gefunden, und nun hat sie dich gefangen.“ Die Stimme der Feenkönigin zitterte. „Jetzt bist du genauso gebrochen, wie ich es bin.“ Geisterhafte Tränen liefen aus den leeren Augenhöhlen Myrianas. „So lass mich dir einen letzten Dienst erweisen, mein Geliebter. Lass mich dich von deinen Qualen erlösen. So wie du mich für kurze Zeit von meiner Einsamkeit befreit hast.“ Sie legte die Haare in die Hand des stillen Kämpfers, und für einen Moment erschien wieder Farbe in seinem Gesicht. Das schwarz seiner Augen wich zurück und machte Platz für ein helles Braun.
„Myriana“, hauchte er.
„Lamatar“, antwortete sie, bevor sie seine Lippen mit einem Kuss bedeckte. Lamatar versank in dem Kuss, und ein Ausdruck wahren Friedens überzog sein Gesicht. Dann zuckte er zusammen. Aus seinem Rücken ragte eine Handbreit der Klinge von Goblinbeisser. Langsam, zärtlich, ließ Myriana den Körper ihres Geliebten zu Boden sinken. Sie faltete seine Hände über der Brust, nachdem sie das Schwert daraus hervorgezogen hatte. Mit ihrer linken nahm sie das letzte verbliebene Haar und richtete sich auf. Das grellweiße Licht war weicher geworden, beinahe golden. Myrianas Gestalt hatte sich ebenso verändert. Ihre Arme waren wieder mit ihrem Körper verbunden, und statt der leeren Augenhöhlen in der weißen Grimasse blickten große, grüne Augen auf die verbliebenen Streiter. Ihre Züge vermischten sich auf verstörende Art und Weise mit denen Heidruns. Es war nicht klar, ob ihre Züge über denen der Waldläuferin lagen, oder aus ihr heraus schienen. Akbash hatte inzwischen Eberhart aufgeholfen und war mit ihm an den Rand der erkalteten Lavaströme gehumpelt. Mel und Aurelia hielten Joachim aufrecht. Seine Wunden hatten bereits aufgehört zu bluten, aber er war in keiner Verfassung, jemand anders zu helfen.
„Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen. Dank Euch konnte ich meine verfluchten Schwestern bändigen, meinen Geliebten erlösen und meinen Todesfluch erfüllen.“ Sie hob Heidruns linke Hand, in der noch ein goldenes Haar lag. „Ich habe noch genug Kraft für einen Dienst, bevor ich in mein Reich zurückkehren muss und dort auf meine Wiedergeburt warte. Was ist Euer Wunsch?“
Die Gefährten wechselten ein paar müde Blicke. Am Ende war es Eberhart, der das Wort ergriff. „Nun, ähm, könnten wir, unsere Heidrun zurückhaben? Sie ist nicht immer einfach, aber... wir hängen an ihr?“
Myriana lächelte. „Ich brauchte nur einen Anker in dieser Welt, und Eure Freundin ist dem Feenreich am nächsten. Sie wird unbeschadet zu euch zurückkehren. Vielleicht ein wenig ... glücklicher. Aber das soll nicht euer Wunsch sein. Man sagt uns Feen nach, das wir die Sterblichen hintergehen wollen – vielleicht kann ich euren Glauben an uns ein wenig erneuern.“
Joachim hustete, dann biss er die Zähne zusammen, bevor er as Wort an die Fee richtete. „Unser neues Heim ist in Gefahr. Port Grim soll von einem Wesen namens Teraktinus angegriffen werden. Wir müssen dorthin und unsere Heimat verteidigen.“
Akbash wedelte aufgeregt mit der Hand. „Sollten wir nicht lieber nach Haven, oder in die Rannikfeste, wegen Verstärkung, oder ...“
Das goldene Licht der Feenkönigin umfing sie alle, und mit einem sanften Windhauch und einem warmen Gefühl im Herzen verschwand die düstere Höhle, der grausame Hakenberg, und der alles durchdringende Geruch nach Fleisch und Tod. Als sie wieder zu sich fanden, standen sie alle an einer Wegkreuzung auf den Klippen von Port Grim. Unter ihnen erhob sich die kleine Hafenstadt, und man konnte sogar schon den Rohbau des Gildenhauses im Westen der Stadt erkennen. Eberhart sog scharf die Luft ein.
„Sagt mir, dass jemand das Gold eingesammelt hat!“
Der Vettelnzirkel
Author: Nils /
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1 Kommentare:
Wieder mal eine sehr schöne Zusammenfassung, allerdings gefällt mir die Dritte Person nicht, der Charme der Geschichte war führ mich oft Eberharts Blickwinkel auf die Geschichte oder auch mal die Einschübe von Aurelia oder mir, die du sehr stimmig umgesetzt hast. Es sind halt Eberhards Tagebücher und auch wen er pompös ist in der Dritten Person redet er noch nicht über sich.
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